www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Als ich mal eine Sau gewann …

© Elke Link


Man hatte uns, meinen Mann und mich, zum Feuerwehrball, der im festlich geschmückten Posthotel stattfand, mitgenommen.
Mehrere leere Weinflaschen standen schon auf dem Tisch, an dem wir mit unseren österreichischen Freunden saßen. Vor mir lagen meine beiden Loszettel. Ich wunderte mich, was das sollte, zwei Loszettel mit der gleichen Nummer?
Florian, unser Ferienhaus-Vermieter, Besitzer eines großen Bauernhofes am Mondsee, gleichzeitig Feuerwehrmitglied, brauchte uns nicht lange überreden, mitzukommen. Es war der Höhepunkt unseres Urlaubs, dieses Fest, und mir gefiel es, zwischen diesen sympathischen Menschen zu sitzen, mit ihnen zu tanzen und zu feiern. Alle waren in "Tracht" erschienen, die Männer trugen ihre Lederhosen, die bis zum Knie reichten, dann kam ein wenig braun gebranntes "Bein", welches dann von einem handgestrickten und bestickten "Wadenwärmer" für zwei paar Handbreit unterbrochen wurde und dann in einem geschnürten Trachtenschuh steckte. Diese Lederhosen wurden von besonders schönen Hosenträgern gehalten, die besonders aufwändig bestickt waren. Natürlich trugen alle ihre blütenweißen baumwollnen Stehkragenhemden, es war eine rechte Pracht, diese jungen frischen knackigen "Mannsbilder" in Hochform zu erleben. Ei - und wie die tanzen konnten!
Ich merkte, wie ein paar Frauen auf mein neues fesches Dirndl starrten, welches mir mein Liebster schnell noch kaufen "durfte". Sicher erkannten sie es wieder, denn es hing ja bis gestern noch im Schaufenster.
Ich fühlte mich wohl, besonders, weil ich bis jetzt noch keinen Tanz auslassen musste. Meine bessere Hälfte, die "Tanzen" mit "Prügelstrafe" gleichsetzt, bemühte sich redlich, wenigstens jeden 2. Tanz mit mir zu tanzen.
Irgendwann bemerkte ich, dass ich zum zentralen Mittelpunkt unseres Tisches wurde. Man rückte zur Seite und schien ein gezieltes Interesse daran zu finden, dass gerade ICH neben Florian, unserem Ferienhaus-Vermieter, zu sitzen kam.
Ich konnte mir zwar überhaupt nicht vorstellen, wieso denn das SO sein sollte, schalt mich aber eine "dumme Gans", die sich verrückte Gedanken über NICHTS machte.
Irgendwann stand eine große bauchige Glasflasche auf dem Tisch, die nicht leer war, sondern gefüllt, gefüllt mit vielen österreichischen Schillingen.
Währenddessen sich meine Augen an den vielen Geldstücken festsaugten, hörte ich Florians flüsternde Stimme neben mir: "Wie viel schätzt Du denn, wie viel Münzen da drin sind?"
"Na - ist denn das wichtig?" war mein nächster Gedanke.
"Du musst die richtige Anzahl schätzen. Und wenn du dann möglichst nah an die tatsächliche Stückzahl kommst, bist du der Gewinner."
"Der Gewinner - wovon?"
"Wart es ab, gleich wird es von der Bühne erklärt. Es geht um eine Sau."
"Eine Sau?"
Wenige Minuten verharrte ich in diesem gedanklichen Vakuum.
Irgendwie waren urplötzlich alle Augen der Beteiligten unseres Tisches auf mich gerichtet. Warum redete Florian so geheimnisvoll?
Und schon übertönte das Mikrophon das Publikum. Der ganze Saal verstummte mit einem Male, und alle hörten gebannt zu, als man die Spielregeln erklärte.
ICH - kannte ja schon die Spielregeln.
Dieses Raten machte mir Spaß und ich begann zu überlegen, wie viele Geldstücke es denn sein mochten. Ich diskutierte mit meinem Mann hin und her, sie war tatsächlich schwer - diese Aufgabe.
Bis meine Augen sie sahen - die Zahlen - die vorhin noch nicht auf meinem Bierdeckel standen. Etwas intensiver schaute ich darauf und bemerkte das besondere Interesse meines Tischnachbarn Florian, der mir etwas näher kommend, ins Ohr flüsterte: "Das ist sie, die Zahl."
"Welche Zahl?", raunte ich ihm zu.
"Die Sau - die Schilling - es ist die richtige Zahl!"
Plötzlich war ich etwas nüchterner, aber immer noch nicht in der Lage, den genauen Sachverhalt zu verstehen.
"Ja und - warum gibst du MIR die Zahl?"
"Du musst nur diese Zahl auf das EINE Los schreiben und es abgeben, nichts weiter."
Die Musik begann wieder zu spielen, ich war wieder ins nächste Gespräch verwickelt, kritzelte so nebenbei, "meine Zahl" auf den einen Loszettel und warf ihn in den leeren Sektkübel, der mir hingereicht wurde.
Es folgte wieder eine Tanzrunde und die blöde Sau interessierte mich überhaupt nicht mehr. Was hätte ich auch mit einer Sau anfangen sollen. Sie womöglich im Kofferraum nach Hause nach Deutschland transportieren?
Noch ein paar Gläschen Wein waren mittlerweile getrunken, es war schrecklich heiß auf der Tanzfläche, meine Füße schmerzten höllisch und ich hätte was drum gegeben, nach Hause gehen zu können.
Aber - irgendwie war der ganze Tisch daran interessiert, dass wir noch blieben.
"Nein, nach Hause wird noch nicht gegangen! Erst wird noch die Sau gewonnen", mit diesen Worten prosteten sich die "lustigen Lederhosen" zu.
Plötzlich wurde es ganz still im Saal, alle Blicke waren in Richtung Bühne gerichtet, das Licht wurde gelöscht, nur ein Scheinwerfer war auf den Feuerwehrobmann gerichtet, der etwas nervös das Mikrofon zur Hand nahm.
"Liebe Freunde der Feuerwehr, liebe Gäste,
es ist mir eine Ehre heute Abend die Siegerehrung vornehmen zu dürfen.
Wollen wir mal sehen, WER heute Abend der glückliche Gewinner dieser süßen kleinen Sau ist!"
Und er hielt einen kleinen Loszettel in der Hand, setzte sich seine Brille auf, was die Spannung wachsen ließ. Er blickte genauer hin, schaute dann ins Publikum, und verlas die Nummer "1448".
"Wer hat die Nummer 1448? Bitte kommen Sie nach vorne "1448", Sie haben die genaue Schillingstückzahl erraten! Kompliment - haargenau - 1448! Bitte 1448, bringen Sie Ihr zweites Los mit nach vorne, um sich zu identifizieren."
Der "ganze Kram" interessierte mich eigentlich überhaupt nicht, mir war viel zu heiß, und genug getrunken hatte ich auch schon. Ich träumte einfach von meinem Bett.
Mit Träumen war aber nichts, man rüttelte mich am Arm, deutete auf mein zweites Los mit der "1448" und schubste mich in Richtung Bühne.
Irgendwie begann mein "wein-geschwängerter Verstand" sich unwohl zu fühlen.
Und - irgendwie - stand ich plötzlich auf der Bühne und staunte nicht schlecht, als ICH diese Sau gewonnen hatte.
"Liebes Publikum, heute bleibt das Schwein nicht hier im Ort, heute hat ein Gast, nein besser gesagt, ein weiblicher Gast aus Deutschland, die richtige Zahl erraten. Herzlichen Glückwunsch, "1448" - Sie Glückspilz"!
Und schon hatte ich das kleine Schwein auf meinem Arm. Seine kleinen Äuglein blitzten mich freundschaftlich an. Noch nie im Leben hatte ich "solches Schwein" gehabt, ein Schwein zu gewinnen.
Da man befürchtete, dass dieses kleine süße rosa Wutzchen vor lauter Angst nässen würde, und mein neues erst gestern im Ort gekauftes Dirndl beschmutzen würde, nahm man es mir ab, und mir blieb nur ein letzter Blick …es zwinkerte mir nochmals ein letztes Mal zu …
Um mir über die Tragweite dieses Gewinns im Klaren zu werden, musste ich erst einmal ausschlafen.
Am nächsten Morgen wusste ich nicht gleich, ob ich geträumt hatte oder ob dies alles Wirklichkeit war. Ich fühlte mich "Sau-miserabel".
NEIN - es war kein Traum. Ich war gestern Abend offensichtlich Besitzerin einer Sau geworden. Dies konnte mir zumindest mein Mann bestätigen.
Aber wo war die Sau?
Florian kam uns, als wir ihm auf dem Hof begegneten, etwas verlegen entgegen, dennoch funkelten seine Augen vor Freude:
"Dankschön, liebe Elke. Des hoast gut g'macht - prima!"
Und er bedankte sich im Namen seiner Feuerwehrkameraden. Jetzt stand dem Kameradschaftsabend, an dem sie grillen wollten, nichts mehr im Wege. Jetzt hatten sie ja "meine Sau".



Eingereicht am 05. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««