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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wenn der Tag sich dem Ende neigt ...

© Luana Mooshain


Schon sehnsüchtig warte ich, warte auf die tiefen und doch so lieblichen Klänge des unbekannten Spielers. Gleich ist es so weit. Ich gehe sachte über den knarrenden Holzboden meines kleinen Zimmers und öffne das quietschende Fenster, dessen Ölung der Scharniere ich mir jedes Mal vornehme, um es dann aufs Neue wieder zu vergessen. Ich lehne mich über den Sims hinaus und betrachte einen Augenblick lang den Himmel. Düstere Wolken ziehen heran, türmen sich zu gewaltigen Ungestümen auf und verdrängen mehr und mehr die letzten Sonnenstrahlen. Mit der noch verbleibenden Kraft erhellt sie den unheilvollen Abendhimmel; wie in Blut getaucht erscheinen die riesigen Wolkengebilde, welche von einem herannahenden Gewitter zeugen. Die Turmuhr schlägt sechs, laut hallen die Glockenklänge über die verwinkelten Dächer der Stadt und läuten den Abend ein. Geduldig warte ich bis zum letzten Schlag. Ein kühler Wind zieht auf und in der Ferne erhellen die ersten Blitze den verdunkelten Himmel und ich höre den Donner grollen. Da, ein Lufthauch trägt ein sanftes Streichen über die Saiten einer Geige herüber, erst zaghaft, doch dann schwellen die Töne an. Meine Augen werden glasig.
Ich lausche dieser wunderschönen Melodie, zart und kraftvoll, einem Flüstern gleich, welches dann übergeht in einen wilden Sturm der Klänge. Auf und ab.
Leise summe ich mit, jeder Ton hat sich jeden Abend mehr und mehr in mein Gedächtnis eingebrannt ...
Eine glamouröse Ballnacht: Vergnügte Menschen in prächtigen Kostümen und mit herrlichen Masken bestückt, wirbeln durch den weiten Ballsaal. Hunderte Kerzen tauchen die Halle in ein warmes, goldenes Licht; erhellen sie, als würden die freundlichen Strahlen der Herbstsonne durch die hohen, von schwerem Brokat gesäumten Fenster scheinen. Heiteres Gelächter und Geschwätz erfüllt nebst der orchestralen Begleitung den immensen Saal; brütende Hitze, die Gesichter der Tanzenden unter den Masken sind gerötet, von einem schweißigen Film überzogen. Die Musik kommt zu ihrem Höhepunkt, immer schneller, unheimlicher werdend; die Vergnügten gefangen in ihrem Tanz.
Erschöpft und hastig atmend lehne ich mich an eine Säule, streiche mir einige lose Haarsträhnen aus dem Gesicht. Mir ist unwohl, als würde mir eine unsichtbare Kraft die Luft abschnüren, alles scheint vor meinen Augen zu verschwimmen, mein Kopf hämmert unerträglich. Jede Faser meines Körpers schreit nach frischer Luft, sehnt sich nach draußen, doch meine Beine sind wie gelähmt. Das Blut pulsiert in den Adern, die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Wie an Fäden gezogen bewegt sich mein Kopf widerwillig in Richtung der wilden Musik, sehe nur eine wogende Masse aus verschiedensten Farben, durchsetzt hier und da von im Licht aufleuchtenden, unheimlich wirkenden Masken, als wären sie flüssiges Gold. Es scheint mir, als wären die Blicke der Besucher des Balles nur noch auf mich gerichtet, als würden sie mich an die Säule fesseln wollen. Da, im Dunkel eine halb hervorscheinende, sich langsam herauslösende Gestalt; ihr zweites Gesicht hämisch grinsend, und doch gleichzeitig trauernd. ~Weg, nur weg~ Mein Herz rast. Ich spüre der Gestalt' Atem, ihre Präsenz. Sie umgibt mich, wiegt mich, liebkost mich, verschlingt mich ... in weiter Ferne ein gemeines Lachen -
Ich schrecke auf, sehe mich um. Mein Atem geht schnell, der Kopf schmerzt.
Dunkelheit. Wo bin ich? Erst nachdem ich mich beruhigt habe, merke ich, dass ich mich in meinem Zimmer befinde, und dass es dunkel ist, ist der schon weit fortgeschrittenen Dämmerung zuzuschreiben. Stille. Die Kraft um aufzustehen bleibt mir entsagt, so lehne ich mich mit dem Rücken an die Wand, höre dumpfe Schritte, das Quietschen eines Fensters, das Zuschnappen von Verschlüssen eines Kastens. Wieder Stille. Umhertappen, dann das Ins-Schloss-Fallen einer Tür. Sehnsüchte nach dem morgigen Abend steigen in mir hoch … wieder will ich entführt werden in diese wunderbare Welt ... gar nicht mehr erwachen ...



Eingereicht am 01. April 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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