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Das schönste Konzert

© Grete Ruile


Als Teenager war ich unendlich verliebt in einen Beethoven-Bewunderer. Winfried war ein groß gewachsener junger Mann, mit feurigen Augen, dunklen Haaren und sehr sensiblen Händen. Neben ihm wirkte ich zierlich und klein. Mit seiner Liebe zu Beethoven konnte mein Freund alle mitreißen. Jede freie Minute widmeten wir zwei diesem großartigen Komponisten. Winfrieds Schrank quoll über von Beethovenplatten. Wir legten sie alle auf: Symphonien, Klavier- und Violin-Konzerte, Sonaten etc. etc. Stark und eindrücklich hörte ich damals in meinem Herzen das Rauschen der Bächlein, Blitz und Donner, Sturmgebrause und Vogelgezwitscher. Kurz: nie mehr hörte ich die ganze Palette der Naturgewalten.
Ein Höhepunkt ganz besonderer Art stand uns aber noch bevor: ein Konzert in der Liederhalle in Stuttgart. Auf dem Spielplan stand Beethovens 9. Sinfonie. Es sollte rundum ein unvergessliches Erlebnis werden, dem wir mit Würde entgegensahen. Das wollten wir auch mit einer festlichen Kleidung ausdrücken.
Winfrieds Vater war Notar und liebte das Geld. Die Bitte seines Sohnes nach einem neuen Anzug war zwecklos. Winfried war 16 Jahre alt und besaß nur seinen Konfirmandenanzug. Bei uns zu Hause wurde auch gespart, ich hatte mich mit meinem dreiviertellangen Konfirmandenkleid zu begnügen.
Aber für uns Beide war klar: Nichts Alltägliches für Beethoven, nur Angemessenes für dieses Konzert! Sogleich fiel mir meine Tante ein. Sie konnte prima nähen und besaß eine große Schachtel voller Stoffreste. Vielleicht konnte sie mir einen Tüllrock über das schwarze Kleid nähen, wie bei einer Ballerina? Oh, das würde schön sein! Ich hatte Glück. Tante fand steifen, hellblauen Fasnachtstüll.
Den nähte sie mir über den Rock. Das Oberteil wirkte wie ein schwarzes Mieder.
Zuletzt schnitt ich mir einen langen Streifen ab und band mir eine Masche um den Hals. Fabelhaft! Jetzt fehlten nur noch die flachen Ballerinaschuhe und die "Prinzessin" war fertig. Winfried würde sprachlos sein! Dann war es soweit. Wir hatten uns im Foyer des Konzerthauses verabredet. Ich war zuerst da und da kam auch schon Winfried auf mich zu. Sein Gesicht strahlte. Er sagte, er sei aus seinem Anzug schon etwas hinausgewachsen, die Hosen waren zu kurz, ebenso die Ärmel des Jacketts. "Aber habe ich mir nicht eine wundervolle, bunte Fliege gekauft?", schloss er.
"Oh ja, sagte ich, "sie ist fabelhaft, du gefällst mir sehr!"
"Du mir auch", meinte er.
Die Menschen im Foyer lächelten uns zu und wir lächelten glücklich zurück. Es waren lauter nette Menschen da. Gespannt suchten wir dann unsere Plätze auf.
Bald hob sich der Vorhang, das Konzert begann. Mit dem Chorfinale war ich der Welt endgültig ein Stück entrückt. "Alle Menschen werden Brüder" welch großartiges Anliegen! Tragen wir diesen Wunsch nicht alle in uns?
Winfried fragte mich wenig später, als der Vorhang fiel, was ich empfunden habe? Ich konnte nur sagen: "Es war ein Gebet für mich!"
Ja, sagte er, dann hätte ich es richtig verstanden.
Auf dem Heimweg legte Winfried seinen Arm um mich.
Für uns bedurfte es keiner weiteren Worte.



Eingereicht am 08. Februar 2005.
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