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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Aus dem Fenster

© Heidi Dempe


Ich saß wie jeden Tag einsam am Fenster und schaute hinaus. Seit den letzten drei Jahren ist das meine einzige Beschäftigung den Tag über. Was sollte ich auch anderes tun? Genau heute vor drei Jahren hat mich Thomas hierher gebracht. Hierher, in diese Auffangstation für nicht mehr am Berufsleben teilnehmende, senile Menschen. Die anderen Bewohner sind sicher ein Fall für das Altersheim, aber ich doch nicht! Ich bin jetzt 85 und habe das Möbelimperium meines verstorbenen Mannes ein reichliches halbes Jahrhundert selbst geleitet. Und nun soll ich plötzlich zu alt sein, um mir meine Butterschnitten selbst zu schmieren? Dieser Meinung sind zumindest mein Sohn Thomas und seine Frau Eleonore. Sie konnte mich vom ersten Tag an nicht leiden, da ich kein Verlangen danach gespürt habe, mir mein schwer verdientes Geld von ihr aus der Tasche ziehen zu lassen. Jeden Tag hat sie Thomas bearbeitet, mich endlich für unmündig erklären zu lassen und dann meine gesamten Ersparnisse an sich zu reißen. Da ihre Zimmer direkt den meinigen gegenüber lagen, habe ich sie ständig gehört. Nach 5 Jahren hat sie es dann nun doch noch geschafft, ihren Willen durch zusetzten. Nun sitze ich hier und beobachte die Vögel vor meinem Fenster. Ein Elsterpaar baut im Baum neben dem kleinen Bach ihr Nest. Sie kommen jeden Tag ein beträchtliches Stückchen weiter. Es ist einfach wunderschön, ihnen bei ihrem Treiben zuzusehen. Wenn ich schon nicht in meinem eigenen Haus sein darf, könnte ich mir keinen schöneren Platz vorstellen, an dem ich leben möchte. Ich besitze zwar nur ein kleines Zwei-Zimmer-Apartment, aber die Aussicht aus meinem Fenster ist jeden Tag atemberaubend.
Ich hänge meinen Gedanken nach, als ein großer Leinensack von dem Bächlein an Land gespült wird. Ich kann meine Neugier kaum bezwingen, also schleiche ich mich aus meiner Wohnung. Trotz meines Alters bin ich noch sehr flink. Schnell husche ich zu dem Sack, um nachzusehen, was drin ist. Ich greife hinein und fühle etwas durch und durch nasses. Langsam ziehe ich es heraus. Es ist eine kleine Katze. Doch das kleine Fellknäuel liegt leblos in meinen Händen. Leise fange ich an zu weinen. Wie kann ein Mensch nur so etwas tun? Wir müssen doch unsere Tiere und Pflanzen schützen, denn sie sind nun einmal unsere Lebensgrundlage. Warum begreift das die Menschheit nicht endlich? Langsam stehe ich auf. Von dem langen Sitzen sind mir die Füße schon eingeschlafen. Ich habe beschlossen, die Katze zu beerdigen. Schließlich ist sie auch ein Lebewesen, wie ich; und auch ich wollte, wenn der Zeitpunkt da war, würdevoll beerdigt werden. Gleich unter den Rosenbüschen soll sie ihre letzte Ruhe finden. Den Sack habe ich bereits angepackt, als ich merke, dass noch etwas drin ist. Noch eine Katze kommt zum Vorschein. Und sie lebt! Schnell wickle ich sie in meine Stola, um sie warm zu halten. Beide Katzen nehme ich mit in meine Wohnung. Für die tote Mieze habe ich einen meiner alten Schuhkartons geholt und sie hineingelegt. Nun mache ich mich daran, mich um die andere zu kümmern und ihren kleinen Körper trocken zu reiben. Lange muss ich nicht warten, da blinzeln mich zwei grüne Augen an, die wie Smaragde funkeln. Ihr Fell hat die Farbe von frisch gefallenem Schnee, bis auf einen kleinen, kreuzförmigen braunen Fleck auf der Stirn.
Es ist inzwischen Abend und ich habe die andere Katze beigesetzt. Lange schau ich dem in meinen Zimmern herum springenden Fellball nach. Ich hätte nicht gedacht, dass sich Gloria, wie ich sie genannt habe, so schnell erholt. Nach kurzem Überlegen beschließe ich sie zu behalten. Man wird es im Heim nicht gern sehen, dass ich ein Haustier habe. Die Pflegekräfte haben Angst, sie müssten sich um die Tiere kümmern, obwohl sie dazu keine Zeit haben. Aber ich bin trotz allem noch eine einflussreiche Frau und gedenke dies auch zu nutzen, um meinen Willen durchzusetzen und so meine Einsamkeit zu beenden.
Es ist beschlossene Sache, Gloria bleibt bei mir. Nun muss ich wenigstens nicht mehr nur aus dem Fenster sehen, denn Gloria stellt jeden Tag aufs Neue mein Leben und ihre Umgebung auf den Kopf. Aber auch die anderen Bewohner in diesem Etablissement freuen sich über meine kleine Gloria. Sie lässt sich von allen streicheln. Auch tröstet sie oder heitert die Leute auf, je nachdem was gerade nötig ist. Sie hat ein feines Gespür für die Empfindungen der Menschen.
Inzwischen durften sich auch Andere ein Haustier anschaffen. Jetzt haben wir noch ein braun-weißes Häschen und zwei Wellensittiche. Trotzdem darf sich nur mein Kätzchen im Heim frei bewegen und alles genau inspizieren. Seit Gloria bei mir wohnt, ärgere ich mich nur noch halb soviel über die Undankbarkeit meines Sohnes, denn sie kommt sofort auf meinen Schoß gesprungen, wenn sie merkt, dass ich traurig bin und vertreibt mir mit ihren Flausen die trüben Gedanken.



Eingereicht am 30. März 2005.
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