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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Samariter, die Dirne Loretta, ein Priester und ein Levit

© Ulrich Rakoún


Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und fiel Räubern in die Hände; die plünderten ihn aus, schlugen ihn blutig, ließen ihn halbtot liegen und gingen davon. Zufällig kam ein Priester jene Straße hinab gezogen und sah ihn liegen, ging aber vorüber. Ebenso kam auch ein Levit an die Stelle und sah ihn, ging aber vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam in seine Nähe, und als er ihn sah, fühlte er Mitleid mit ihm; er trat an ihn heran und verband ihm die Wunden, wobei er Öl und Wein darauf goss; dann setzte er ihn auf sein Maultier, brachte ihn in eine Herberge und verpflegte ihn. Am folgenden Morgen holte er zwei Denare heraus, gab sie dem Wirt und sagte: "Verpflege ihn, und was er dich etwa mehr kostet, will ich dir bei meiner Rückkehr ersetzen." (Lukas 10, 25-35)
An einem schönen, langsam anbrechenden Spätsommermorgen zogen ein Priester, ein Levit und ein Samariter ihres Weges. So kamen sie jeder nacheinander durch einen dunklen Wald, der beinahe gar kein Ende mehr nehmen wollte und in dem sich, zu beiden Seiten der Straße, wilde Tiere oder Räuber befinden konnten, die nur darauf lauern mochten, dass jemand vorbeikommen und ihnen zum Opfer fallen würde. So dachten der Priester und der Levit an nichts anderes, als möglichst schnell durch die Dunkelheit, die durch die hohen, dicht aneinander gereihten Bäume zustande kam, hindurch und wieder ans Tageslicht zu gelangen. Am fernen Horizont konnten sie schon einen kleinen, hellen Punkt erkennen, der den Beginn der Wiesen und Felder ankündigte und damit auch das Ende der Gefahr, in die sie sich unweigerlich hatten begeben müssen, um ihr Ziel zu erreichen. Dort irgendwo hinter den Wiesen würde es liegen, das Dorf oder die Stadt, in der sie heute noch würden ankommen wollen. Auch die Kirche und Gemeinde, die auf sie wartete und der sie seit vielen Jahren dienten. Ja, es war das Leben, das sie liebten und zu dem sie gehörten, das Leben auch, das sie nicht verlieren und mutwillig aufs Spiel setzen wollten, das sie antrieb, sich zu beeilen. Sich nicht aufzuhalten, was auch immer kommen sollte. Nicht nach links oder rechts des Weges zu schauen, sondern nur geradeaus und voran zu gehen. So wie es sich für gottesfürchtige und bibeltreue Männer gehörte. Weil man sein Leben nicht freiwillig der Gefahr aussetzen durfte. Denn das Leben war es auch, das ihnen für zu wichtig erschien, als das sie es jemals hätten mutwillig aufs Spiel setzen wollen und dürfen. Ihr wertvolles Leben. Wie dem auch sei. Sie waren Diener Gottes, des Herrn. Wichtige Persönlichkeiten in Kirche und Staat. Wer durfte so wichtige Personen aufhalten, als Gott allein! So dachten ein Priester und ein Levit, als sie schon fast die Hälfte ihres Weges durch den Wald hinter sich gelassen hatten und der Punkt am Horizont von Minute zu Minute zu einem immer größeren hellen Fleck geworden war.
Ein Samariter kam auch des Weges, sehr viel später, als die anderen beiden, die es so eilig gehabt hatten und schon lange fort und vorbei waren. In seinem mit einem schwarzen Tuch bedeckten Kopf gingen so mancherlei Gedanken herum, die vielleicht durch Bäume und Stoff vorerst noch verhüllt und im Dunkeln blieben. Nicht ans Tageslicht gelangen konnten, das in der Dunkelheit des ruhigen Waldes noch weitestgehend verborgen blieb. Langsam begannen sie jedoch Konturen und Form anzunehmen, spätestens dann, als der Samariter seine Kopfbedeckung abnahm, um den Morgengesang der Vögel besser zu hören, die schon seit einiger Zeit mit einem wunderschönen, gar nicht lauten, sanften Vogelkonzert begonnen hatten. Er hatte sich auch die Zeit gelassen, um die ausgeschlafenen Blumen am Wegesrand, die gerade erst damit begannen, ihre Blüten den vorbei fliegenden Insekten entgegenzustrecken, genau zu beobachten. Der Priester und Levit hatten von all dem in ihre Eile nichts bemerkt.
Auch ein in der Nähe des ungepflasterten Weges liegendes verletztes Rehkitz hatten die beiden Kirchenmänner anscheinend übersehen. Das Tier hatte sich beim Sprung über einen Ast vor ein paar Stunden verletzt und konnte seiner Mutter deshalb nicht mehr folgen, die es schweren Herzens zurücklassen musste. Aber das kleine Kitz hatte großes Glück an diesem Morgen, denn nach den beiden wichtigen hohen Persönlichkeiten kam schließlich noch ein Samariter seines Weges daher, der ein Herz für Tiere hatte. Eigentlich für alles Lebendige. Denn er benutzte seine Augen, um alles um sich herum genau wahrzunehmen und zu betrachten. Die Menschen, die Natur und die Tiere. Den Wald, der so geheimnisvoll dunkel war, dass er einem andern Furcht einflößen konnte. Aber nach dem Wald würden wieder bunte Felder und Wiesen, die vielleicht voll mit gelben Butterblumen waren, kommen, über die sich ein blauer Sommerhimmel spannen würde. So dachte der Samariter, denn er erfreute sich an den schönen Dingen, die Gott geschaffen hatte. Er nahm sie alle so, wie sie waren. Die Dinge, sich selbst und sein Leben. Sein Leben war ja nur ein Teil des gesamten Lebens im Universum, nicht mehr und nicht weniger, als die anderen Teile darin. Nicht wichtiger, als die Blumen und die Insekten oder die Vögel. Als die kleineren und größeren Tiere. Nicht wichtiger auch, als das kleine Rehkitz, das so dringend seine Hilfe benötigte. Das Tier schien gar keine Angst vor ihm zu haben, weil es spürte, dass da ein guter Mensch kam, der sich seiner annehmen würde. Dem es egal war, in welche Gefahr er sich in dem dunklen Wald begeben konnte und dessen Zeit nicht so kostbar war, dass er nicht einen Augenblick davon übrig gehabt hätte, dem kranken und scheuen Tier zu helfen. Der Samariter verband dem verletzten Tier den Knöchel mit seinem schwarzen Kopftuch und nahm es auf den Arm, um es mit sich in sein Dorf zu nehmen und dort gesund zu pflegen, denn die Rehricke hatte das Kitz ja in ihrer Not allein zurück lassen müssen. Füchse und Wölfe oder andere große Tiere würden dem Kitz nun nichts mehr antun können. Und Menschen kamen nur selten hier vorbei. Aber auch vor ihnen bestand keine Gefahr mehr für das kleine Rehkitz, das seinen Kopf nun zur Hälfte unter die geöffnete Jacke des Samariters steckte und sich geborgen und gut aufgehoben an der Brust eines sich langsam wieder auf den Weg machenden Mannes fühlte.
Gott würde ihm das Versäumnis an Zeit schon vergeben, dachte der Samariter. Er hatte schließlich versucht, seiner Kreatur zu helfen und sein Vergehen würde nicht so groß sein, wenn er auch eine Stunde später, als die beiden frommen Männer in dem Dorf oder der Stadt ankommen würde. Ja, die heiligen Männer konnte er nicht mehr einholen, weder in der Zeit, noch in ihrem Ansehen, das wusste der Samariter. Und in ihrem Ansehen vor den Menschen waren ihm seine zwei Vorgänger meilenweit voraus, weil es für sie ja stets das wichtigste im Leben gewesen war. Aber der Samariter fühlte sich ganz klein und bescheiden, wenn er an die beiden Frommen dachte und schaute demütig zu Boden, denn so gut wie sie würde er wohl nie werden können.
Als der Samariter den Wald schon fast, um wenige Meter, die noch fehlten, hinter sich gelassen hatte, kamen von den Seiten her zwei Räuber mit Stöcken auf ihn zu gelaufen und bedrohten ihn und das scheue Kitz, das seinen Kopf nun ganz unter die Jacke seines Beschützers drückte. Plötzlich durchbrachen Sonnenstrahlen die wenigen von den Wiesen und Feldern noch trennenden Baumkronen des Waldes und blendeten die bösen Räuber so sehr, dass sie augenblicklich, für wenige Minuten, fast blind waren, so dass der Samariter den beiden schrecklichen Gesellen in einem Feld, in dem das Korn schon zur Ernte bereit und hoch stand, gerade noch entkommen konnte.
Als der Samariter, nachdem er sich in dem großen Feld auch noch verirrt hatte, erst am späten Nachmittag mit seinem Kitz in seinem Dorf oder in seiner Stadt ankam, saßen ein Priester und ein Levit schon beim Abendessen an einem reichlich gedeckten Tisch im Pfarrhaus. Den Kaffee hatten sie auch schon vor zwei Stunden eingenommen und sie freuten sich jetzt auf ein üppiges und nahrhaftes Mahl. Der Samariter musste, bevor er selber etwas zu essen bekommen würde, jedoch ganz schnell nach Hause, damit das Kitz etwas Milch zu trinken bekam, denn es war schon sehr schwach und hungrig nach der langen Wanderung. Als er am Pfarrhaus vorbeikam, schaute er noch einmal demütig zu Boden, denn so heilig, wie die beiden frommen Männer würde er wohl nie werden können, weil er von Beruf nur Zöllner war. Und seine Frau Loretta war früher sogar eine Dirne gewesen, die sich jetzt in ihrem Hause um die Waisenkinder der Stadt kümmerte, deren Eltern an einer neuen und geheimnisvollen Krankheit, vor der sich alle, außer sie und ihr Mann, fürchteten, gestorben waren. Nein, so gut und fromm wie diese beiden wohlgenährten und angesehenen Männer von Kirche und Staat konnten seine Frau und er wohl niemals werden. Das konnte und würde ein Herrgott im Himmel sicher nicht zulassen. Und hiermit war es am heutigen Tag schon das dritte und vorläufig letzte Mal, dass ein gottesfürchtiger Samariter demütig und ehrfurchtsvoll seinen Blick zu Boden senkte.



Eingereicht am 29. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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