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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kennst du das auch?

© Anokh Singh


Manchmal, wenn ich auf einer Feier bin, passiert es mir, dass sich aus dem nichts heraus, völlig ohne Grund, eine plötzliche Stille in mir legt. Obwohl noch eben erst leidenschaftlich getanzt und geküsst, hat mich plötzlich die gute Stimmung verlassen. Musik und Lachen verhallen in meinem Ohr und kommen nicht gegen die Gedanken in mir an. Ich nehme mir dann meistens ein wenig zu trinken und setze mich in eine dunkle Ecke, wo ich für den Rest des Abends alleine sein kann.
So war es in einer späten Samstagnacht, als ich mir aus der Hausbar eines Freundes ein Bier nahm. Mit meinem Feuerzeug öffnete ich den Verschluss, stütze dann die Ellbogen auf die Theke und schaute auf die vielen Tanzenden, die das Apartment voll ausfüllten. Ich wusste nicht einmal, was hier gefeiert wurde. Irgendwie fühlte ich mich müde, aber nicht erschöpft. Unweigerlich suchten meine Augen nach einem Platz, an dem ich mich niederlassen konnte. Zuerst dachte ich an die Schlafzimmer oben. Aber ich wusste, dass das Pärchen es sich dort bereits gemütlich gemacht hatte. Die Treppe war auch schon überladen, sie wäre ohnehin kein geeigneter Platz gewesen, um Ruhe zu finden. Ich könnte mich ja auf die Tanzfläche setzen. Fragte sich nur, wie lange ich das überleben würde, bis mich einer dieser Marketingfreaks tot getrampelt hätte. Ich schaute auf meine Uhr, die mir sagte, dass es viertel vor zwei war. Vielleicht sollte ich jetzt gehen. Auch wenn ich zu Hause nicht schlafen könnte, so hätte ich dort wenigstens ein wenig Ruhe. Doch plötzlich erkannte ich die Tür zu einem Nebenraum. Da ich mit dem Besitzer gut befreundet war, wusste ich, dass sich da drinnen ein gemütliches Sofa befand. Ich quälte mich also durch die Masse zur anderen Seite des Raums und trat dann durch die Tür in das Nebenzimmer. Hier war niemand. Das war gut. Der Mondschein fiel durch das Panoramafenster auf ein graues Ledersofa. Es wirkte schon fast wie ein Zeichen, gesendet von einer höheren Macht, die sagen will: "Setz dich"
Ich nahm also Platz. Der Ausblick war genial. Dieses zweigeschossige Apartment lag im vierzehnten Stockwerk. Von dem Sofa aus konnte ich durch das Fenster auf die ganze Stadt hinunter schauen. Auf der einen Seite sah ich Hochhäuser, in denen kleine Lichter brannten. Vielleicht wohnten Schlaflose in diesen Wohnungen, Menschen, denen das Leben hier in der Großstadt schwer zu schaffen machte.
Auf der anderen Seite weiter hinten im Land war es viel dunkler. Weniger Straßenbeleuchtung und keine Häuser mit mehr als zwei Stockwerken. Dort brannten keine Lichter mehr, was nicht unbedingt bedeuten sollte, dass die Menschen dort weniger Sorgen hatten, sie lebten nur nicht alleine und wollten vielleicht anderen nicht zeigen, dass es ihnen schlecht ging. Also grübelten sie im Dunkeln nach.
Ich trank einen Schluck vom Bier. Dann sah ich auf zum Mond. Wie groß und hell er doch war. Warum sah ich nur so selten hin, war er doch irgendwie schön. Blasser als die Sonne, doch in der Nacht selbst eine traurige Sonne, wurde der Mond an jenem Abend von etwas Magischem umgeben. Obgleich es sich nicht fassen ließ, war es deutlich zu spüren. Ein wenig so, als hätte seine Anziehungskraft nicht bloß Wirkung auf das Wasser, sondern auch auf mich. Was für eine seltsame Nacht.
Plötzlich fiel mir eine Frau in den Schoss. Sie war über die Lehne gekippt.
"Halt' misch", sagte sie mit französischem Akzent und drehte sich so, dass sie längs auf dem Sofa lag und ihren Kopf in meinen Schoß legte. Dann schaute sie zu mir auf. Zwei dunkle Augen, die neugierig glitzerten.
"Möschtest du ein Bier?", fragte sie und hielte mir eine leere Flasche Freixenette entgegen.
"Oh, pardon, nischts mehr drinnen". Sie ließ die Flasche zu Boden fallen und kicherte vergnügt, dabei war sie im Begriff vom Sofa zu rutschen. Ich hielt sie fest. Dann fragte sie mich, wie spät es war.
"Kurz nach zwei", gab ich zur Antwort
"Ist das spät?"
Ich musste lächeln und sagte:
"Kommt darauf an. Hast du morgen noch etwas vor?"
Sie biss sich auf die Lippe. "Oui!"
"Dann solltest du jetzt vielleicht losgehen"
"Oui. Aber ich habe keinen, der mich fährt"
"Keine Freundin oder einen Freund?"
"Meine Freundin ist in einem Zimmer da oben", sagte sie und fuchtelte mit ihrem Zeigefinger wild umher, bis sie ihn dann auf ihre Nasenspitze drückte und zwanghaft darauf schielte. Sie kicherte wieder.
"Soll ich dich vielleicht fahren?"
"Oui!", nickte sie eifrig. Dann nahm sie mir das Bier aus der Hand und grinste mich an. Sie wirkte ein wenig wie ein kleines Mädchen, das freudig auf eine riesige Tafel Schokolade schaut, die sie ganz alleine essen darf.
"Alles in Ordnung?", fragte ich.
"Oui", dann richtete sie sich auf. Vielmehr war ich es, der sie aufrichtete. Ich fragte sie dann, ob sie denn überhaupt noch gehen könnte.
"Natürlisch kann isch gehen. Wir Frauen aus Pari sind selbständig. Ein bisschen Bier ändert daran nichts"
Ich nickte und ließ sie einige Schritte gehen. Sie torkelte ein wenig zur Seite, bis sie dann schließlich das Gleichgewicht verlor und nach vorn über kippte. Ich fing sie auf und trug sie auf Händen aus dem Apartment. Am Fahrstuhl setzte ich sie kurz ab und betätigte die Ruftaste. Im hellen Licht der Flurbeleuchtung erkannte ich erst, wie hübsch sie doch war. Sie trug ein lockeres Abendkleid. Es zeigte nicht zuviel, doch ließ es eine bestechend gute Figur erahnen. Sie hatte mittellanges, hellbraunes Haar, das ihr in einigen Strähnen ins Gesicht viel, welches mit den tief schwarzen Augen, dem lieblich roten Mund und der süßen Stupsnase ebenso schön war.
Es machte Ping und die Fahrstuhltür öffnete sich. Ich schob sie hinein und stieg hinterher. Sie musste wieder kichern. Die Türen schlossen sich, und der Fahrstuhl fuhr hinab. Sie sah mir in die Augen, dann nahm sie ein Schluck aus der Bierflasche und umarmte mich. Sie roch einfach unglaublich.
Als der Fahrstuhl ankam, nahm ich sie wieder auf die Arme und trug sie hinaus aus dem Gebäude zum Parkplatz. Während wir uns meinem Wagen näherten, legte sie ihre Arme um meinen Nacken und fing an ihn zu liebkosen. Es fühlte sich angenehm an, ich hätte sie fast fallen gelassen.
"Gefällt es dir?", fragte sie.
Ich antwortete nicht darauf, sondern fragte sie nach ihrem Namen.
"Virginie", sagte sie stolz; "ich bin Virginie". Dann küsste sie wieder meinen Hals.
Ich trug sie zu meinem Wagen und setzte sie hinein. Als ich ihr den Gurt anlegen wollte protestierte sie: "Wir Frauenaus Pari' brauchen das nischt"
Ich ließ es dabei beruhen und schloss die Beifahrertür.
Bevor ich den Motor startete fragte ich:
"Wo wohnst du, Virginie?"
"In Paris!"
"Nein, wo in Hamburg?"
"Nischt 'amburg, Paris du Dümmerschen"
"Das meine ich nicht. Wo soll ich dich hinfahren"
"Nach Hause"
"Wo ist das?"
"Fahr hin und du wirst es sehen"
Ich lachte und startete den Motor.
"Hast du etwas dagegen, wenn ich dich zu mir nach Hause fahre?"
"Nein, das ist gut", antwortete sie und strahlte dabei wie ein Pfannkuchen. Ich wusste gar nicht, warum ich sie zu mir mitnahm.
Virginie schaltete am Radio herum. Sie ließ einige Sender durchlaufen, aber konnte keine Musik finden, die ihr gefiel. Dann schaute sie zur mir rüber. Sie war sichtlich erbost über die schlechte Musik. Ich schaltete das Radio wieder aus. Nach einiger Zeit fing sie an auf ihren Schenkeln herum zu klopfen und murmelte irgendein französisches Lied vor sich hin. Es klang wie ein Kinderlied. Als sie den Refrain erreichte, klopfte sie mir auf den Kopf. Dann sang sie wieder die Strophe und wieder den Refrain; klopfte sich wieder auf die Schenkel und klopfte mir wieder auf den Kopf. Währenddessen versuchte ich, mich auf das Fahren zu konzentrieren. Ich bog in die engen Straßen der Altstadt ein und fuhr nur noch Schritttempo. Gleich würden wir bei meiner Wohnung sein. Indessen hörte Virginie mit ihrem Spiel auf. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, dass sie mich jetzt anstarrte.
"Ist was?", fragte ich. Sie antwortete nicht, sondern löste sich aus ihrem Gurt und stieg mir auf den Schoß. Ich ging vom Gas.
"Hey, Virginie das…", sie knabberte an meinem Ohrläppchen, "ich kann nichts sehen"
Sie gab mir einen Kuss auf die Lippen. Unweigerlich erwiderte ich ihn, und wir küssten uns leidenschaftlich. Irgendwie schaffte ich es dann, den Wagen auf dem Gehweg vor meiner Wohnung abzustellen. Dann löste sie sich aus dem Kuss und stieg aus. Noch immer hatte sie Probleme damit, gerade zu stehen. Ich half ihr rauf in meine Wohnung.
Als wir oben waren, ging sie gleich in mein Schlafzimmer. Ich hatte ihr das Bier abgenommen und war in die Küche gegangen, um es dort abzulegen. Als ich wieder zurückgehen wollte, überkam mich dies kleine Stechen. Ein Stechen, wie ich es nur von meinem Gewissen her kenne. Etwas ließ plötzlich ein unwohliges Gefühl in mir erwachsen. So als wäre es nicht richtig. Als würde ich es ausnützen, dass Virginie betrunken war. Ich kratzte mich am Hinterkopf und ging zum Schlafzimmer. Dort war Virginie, bis auf die Unterwäsche ausgezogen, auf allen Vieren und fauchte mich an:
"Komm' her. Sei mein Tiger, kratz mich, beiß mich!"
Ich kaute auf meiner Lippe herum.
"Los, komm! Was ist?"
Gegen das Stechen in mir konnte ich nicht ankämpfen.
"Tut mir Leid, Süße. Es wäre nicht gut"
"Bin isch nischt gut genug?"
"Doch… aber du bist betrunken und willst nur deswegen mit mir schlafen"
"Oui! Warum nicht?"
Ich schüttelte nervös den Kopf. Dann flitze ich noch mal in die Küche. Unsicher schaute ich umher.
"Jetzt nicht mit ihr zu schlafen ist sicher das richtige", sagte ich mir. Dreißig Sekunden später fasste ich mir an den Kopf. "Bin ich bescheuert? Da liegt eine Halbnackte in meinem Bett. Ich bin ein Mann. Es wäre ein Verbrechen, wenn nicht zu ihr hinginge"
Schnell verließ ich wieder die Küche und öffnete noch im gehen meine Hose. Doch im Schlafzimmer war es bereits ruhig. Virginie lag ausgebreitet auf dem Bett und schlief.
Sie sah wunderschön aus.
Ich nahm die Bettdecke vom Boden, deckte das Mädchen zu, damit sie nicht frieren möge. Dann gab ich ihr einen Kuss auf die Stirn und verließ das Schlafzimmer.
Im Wohnzimmer schaltete ich dann den Fernseher ein und legte mich auf die Couch. Ich sah noch einige Minuten zu, wie George Forman mit seinem neuen Grill einen dicken Fisch briet, bis ich dann mit einem zufriedenen Lächeln auf dem Gesicht einschlief.



Eingereicht am 23. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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