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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Moment des Augenblickes (Momento Pars Momento)

© Markus Pötzelsberger


Niemand weiß, wo seine Geschichte beginnt. Niemand weiß, wo seine Geschichte endet. So kann auch ich nur über den Beginn dieser, meiner Geschichte rätseln. In vernebelten Gedanken glaube ich, dass sie an einem feuchten, kalten Novemberabend beginnt. Wind umspielte meine Gedanken und brachte sie weit fort von dem Ort, an dem ich gerade war. Gedankenverloren schlenderte ich am Ufer entlang. Es war bereits dunkel und die Lichter der Stadt leuchteten hell in die dunkle Nacht. Schnee kündigte sich an und ließ diesen Ort noch kälter wirken, als er ohnehin schon war. Nur zu kurzen Augenblicken konnte ich mein Gesicht heben, um zu sehen, ob ich noch weit hatte. Ansonsten war mein Kopf gesengt um dem Wind zu entgehen. Vermutlich deshalb konnte ich den Augenblick nicht wirklich wahrnehmen. Es waren nur Bruchteile eines Momentes, an dem die Gestalt an mir vorbei huschte und sofort wieder in der Nacht verschwand. Mein Ohr vernahm Schritte, von denen ich dachte, sie wären von dieser Person, doch ich hatte mich getäuscht. Noch wusste ich nicht, was mir gleich widerfahren sollte, welch' Überraschung ich erleben würde. Ich war erschrocken, deshalb schlug mein Herz so schnell.
Der Winter war lange, doch er währte nicht ewig. Nach Monaten des Frierens, der Dunkelheit und des geistigen Winterschlafes, ließ sich eines Tages plötzlich wieder die Sonne blicken. Mit warmen Strahlen erstieg sie, über den Winter siegend, wieder das Firmament. Innerhalb weniger Tage, weckte sie die Menschen wieder aus der Einsamkeit der Dunkelheit und brachte wieder die Freude des Sommers zurück. Auch mich hat sie berührt und mir wieder Leben gebracht. Die warmen Strahlen genießend, saß ich auf den Stufen und sog die neue Wärme in mich auf. Neue, vergessene Freude kehrte in meinen Körper zurück und durchströmte mich. Ich schloss die Augen und lehnte mich zurück. Ich verspürte die Wärme, die auf mich strahlte. Und da hörte ich diese Schritte. Zunächst beachtete ich sie nicht. Sie waren zu leise. Noch zu weit weg, um wirklich gehört zu werden. Doch sie kamen näher. Es war nicht ungewöhnlich Schritte zu hören. Viele Menschen kamen und gingen. Ich kümmerte mich auch nicht weiter darum. Ich ließ meine Augen geschlossen. Vielleicht ein Fehler, denn auch dies hätte der Beginn meiner Geschichte gewesen sein können. Die Schritte kamen näher, gleichmäßig und doch etwas hastig. Jemand hatte es wohl eilig. Das war mir aufgefallen, denn plötzlich hielten die Schritte inne. Zunächst dachte ich mir nicht viel dabei, doch nach einigen Minuten, als sie immer noch nicht weiter gingen, öffnete ich meine Augen, um zu sehen, wer vor mir stand. Zu meinem Verwundern konnte ich aber niemanden sehen. Es war, als ob derjenige verschwunden wäre. Wahrscheinlich stand er allerdings um die Ecke und saß dort auf einer Bank, die dort aufgestellt war. Ich verspürte die innere Unruhe, aufzustehen und nachzusehen, wer dort war. Aus irgendeinem Grund verspürte ich das Gefühl, mit diesem Menschen, egal wer es war, zu sprechen. Worüber wusste ich nicht, auch nicht, wie ich dieses Gespräch beginnen sollte. Ich wollte nur mit demjenigen sprechen. Gerade als ich mich erhob, kam allerdings aus der Tür hinter mir, eine gute Freundin heraus. Noch ehe ich mich versehen hatte, standen wir beide im Gespräch und diskutierten, wie schon so oft zu zuvor, heftig über Allerweltsthemen. Leider hatte ich mich so in das Gespräch vertieft, dass ich erst zu spät merkte, dass die Schritte wieder ertönten. Ich versuchte noch zu erblicken, wer es war. Doch ich erhaschte nur noch einen kurzen Blick. Doch dieser Blick, dieser Augenblick, dieser Moment war gerade noch lange genug, dass sich unsere Blicke trafen. Ich erwartete ein Gesicht zu sehen, dass man bereits im nächsten Moment wieder vergessen hatte, so wie es fast jeden Tag geschieht. Einen Menschen zu sehen, von dem man sich am Abend eine Zigarette leiht, ohne ihn wieder zu erkennen. Einen Menschen, zu dem man nicht sagt, ob man sich schon einmal getroffen hat, denn man erinnert sich nicht mehr daran. Doch dies hatte ich nicht erwartet. Dieses Gesicht, dieser Schlag, dieser Gedankenblitz. Es durchzuckte mich, wie bei einem Gewitter bei strahlendem Sonnenschein. Diese zarten Züge brannten sich in mein Gedächtnis, wie ein Brandmal. Vergessen war die Diskussion, meine Freundin. Verschwunden in dem Augenblick, da ich dieses Mädchen sah. Der Moment war so kurz, wie einer ihrer Schritte, aber auch ebenso so lange, wie ein Leben. Doch dieser Augenblick endete, wie so alles enden muss. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss und sie verschwand im Gebäude.
Leise erwacht der neue Tag zu neuem Leben. Die ersten Sonnenstrahlen dringen durch die Vorhänge und beginnen das Zimmer zu erhellen. Sanft hört man die Vögel voll Freude zwitschern. Langsam öffne ich meine noch müden Augen, blinzle, bevor ich mich an das Licht gewöhnt habe. Ich wage mich nicht zu bewegen, denn jede Bewegung könnte sie in ihrem Schlafe stören. Süß duftet ihr Haar, an dem ich rieche. Noch im Traum wandelnd, bewegt sie sich enger an mich. Ihr zarter Kopf liegt sanft geschmiegt auf meinem Arm und lässt ihn zur Bewegungslosigkeit erstarren. Mit jedem Atemzug kitzelt sie meine Haut, jeden ihrer Atemzüge spüre ich. Vorsichtig nehme ich sie enger in meine Arme, lege mich näher an sie. Nur eine Ewigkeit möchte ich noch so verbringen, bevor uns ein neuer Tag erwartet. Ich beobachte sie, jede ihrer Augenbewegungen, jede Hebung ihres Körpers, bei jedem Atemzug. Zärtlich streichle ich ihre Hand, nur sanft wie ein Windhauch berühre ich ihre zarte Haut. Leicht küsse ich ihr unscheinbares Ohr, möchte sie sanft aus dem Schlaf erwecken. Zierlich beginnt sie sich zu bewegen, erwachend aus einem Traum, die Nacht verlassend. Schwach öffnet sie ihre Augen, von der Helligkeit des Tages überrascht. Nach einigen gescheiterten Versuchen gelingt es ihr, sie gänzlich zu öffnen. Noch vor einem ersten Wort, der erste Blick in die Augen. Blicke die mehr sagen als Wörter. Zärtlich sich unsere Lippen nähern. Ein Versprechen zu erneuern, das aufs Neue eine Nacht überdauert hat. Einen neuen Tag gemeinsam zu erleben. Umarmend diesen neuen Tag beginnen, mit einem zärtlichen Kuss.
Suchend stand ich an jenem Abend im Hof vor dem Gebäude. Zigaretten rauchend suchte ich die Menschenmassen, die um mich herum versammelt standen nach einem Gesicht ab. Ruhelos ging ich von einem Ende an das andere. Immer wieder drängte ich mich durch die Leute. Schob sie hastig zur Seite. Hoffte, der Zufall würde mir helfen und sie direkt vor mir erscheinen lassen. Als ob es das Schicksal schon jemals gut gemeint hätte. Viel zu kurz erschien mir die Pause. Bald war sie zu Ende, so wie die Suche nach der Person, die in meinen Gedanken geisterte. Doch ich musste zurück in das Gebäude und ließ meine Suche erfolglos zurück.
Erfolglos blieben auch die nächsten Tage. Jede Pause schien zu kurz, jeder Gang war zu lange. Immer wieder eilte ich durch die Gänge, lief die Stiegen auf und ab. Doch es fehlte jede Spur von dieser einen Person. Sollte nur der Augenblick bleiben? Ich versuchte mich wieder zu fangen, mich auf die Dinge konzentrieren, derer ich dieses Gebäude Tag für Tag aufsuchte, und hoffte das Gesicht aus meiner Erinnerung streichen zu können. Sollte es im Nebel der Vergangenheit verloren gehen. Es war doch nur ein Blick und nur ein Moment. Ich kannte doch nicht einmal ihren Namen. Ich konnte niemanden fragen, ob er sie kannte, denn dieses Gesicht erschien zwar vor meinem geistigen Auge so klar und deutlich, doch ich war nicht fähig, es mit Worten zu beschreiben. Nicht so, dass es jemand hätte kennen können.
Leise plätscherte das Wasser vor sich hin. In unendlich scheinenden Strömen ergießt es sich in den kleinen See, der mir zu Füßen liegt. Still, der Zeit erhaben, wiederholt sich dieses Schauspiel immer und immer wieder. Ich saß auf einer Bank, vor mir der kleine See, den ich schon so oft bewundert habe. Oft verflogen hier meine Gedanken an ferne Orte und noch fernere Zeiten. Ich erinnerte mich hier an Augenblicke, wo ich nicht alleine hier gewesen bin. Es war eine wunderbare Zeit, geheimnisvoll und bedrückend zugleich. Es war eine verbotene Liebe, die wir genossen. Sekunde um Sekunde. Sie war noch gebunden, doch nicht gebunden genug, um dieser Liebe hätte entfliehen zu können. Die kurze Zeit, die uns blieb, verband uns in inniger Umschlungenheit. Der Sonnenuntergang hüllte uns in sein zartes Licht. Die Dämmerung verschlang unsere Küsse in ihrer Dunkelheit. Und die Nacht breitete ihre Flügel über unsere Zweisamkeit. So viele Male verbrannte hier mein Geist an dieser Vergangenheit. So oft ich hierher kam, flammte diese verlorene Liebe wieder auf. Ich versuchte mich an diesem geheimnisvollen Ort vor dieser Vergangenheit zu verstecken. Leise wogen sich die Blätter im Wind und zauberten dieses beeindruckende, fast schon Furcht erregende Rauschen. Der Abend war schon angebrochen und die Sonne versteckte sich schon hinter den nahen Bergen. Nur noch die letzten Sonnenstrahlen zauberten ein schummriges Licht an das Himmelszelt. Schwach leuchtete der Mond und nur wenige Sterne wagten es mir zu scheinen. Ich hatte jegliches Gefühl für die Zeit verloren. Ich verharrte nur in einer halbliegenden Position auf dieser einen Bank und betrachtete das Nichts vor meinen Augen. Am anderen Ende des Parks konnte man Stimmen hören. Vermutlich ein Paar, das jene fabelhaften Momente die dieser Ort für so manchen bereithält, erst erleben werden. Ich versuchte wieder zu mir zu kommen. Ich wollte mir gerade eine letzte Zigarette anzünden, als ich im schwachen Schein der Flamme eine zierliche Gestalt neben mir ausmachen konnte. Ich hatte sie nicht kommen bemerkt und wusste auch nicht, wie lange sie schon neben mir stand. Langsam zog ich die ersten Züge an meiner Zigarette und steckte das Päckchen wieder in meine Tasche. Ich fragte nichts, wollte keine Antwort haben, keine geben müssen. Ich erkannte die Gestalt, das Gesicht. Ich weiß nicht, wieso manche immer wissen, wo ich zu finden bin, auch wenn ich niemanden Bescheid gegeben habe, wo ich denn sein werde. Doch dieses Geheimnis haben Freunde meist so an sich. Sie sind immer für jemanden da. Auch wenn man es manchmal gar nicht wahr haben will. Und sie finden jemanden auch immer dann, wenn man nicht gefunden werden will.
Laut hämmerte die Musik auf uns ein. Fremde Menschen drängten sich an uns vorbei. Jene wenigen, die wir kannten, standen um uns beide. Keiner von ihnen wusste, was gerade begann, zwischen uns beiden zu entstehen. Verführerische Blicke wechselten sich mit kurzen, unbemerkten Berührungen ab. Niemand von unseren Begleitern durfte erfahren, wie es um uns beide stand, welche Empfindungen uns beide drängten. Ich kannte keinen von ihnen mit dem Namen und war auch ich ihnen gänzlich unbekannnt. Wir gaben uns lediglich als gute Freunde aus, doch dass unser beider Herzen nacheinander brannte, erzählten wir keinem. Wir spielten ein gefährliches Spiel mit einem sehr hohen Einsatz. Hatte sie ihren Partner zu verlieren, so würde ich einen meiner besten Freunde verlieren. Nur einiger weniger gemeinsamer Stunden wegen, und wegen des Reizes, den sie auf mich ausübte. Wir befanden uns in einem Zustand den man mit Trance vergleichen könnte. Hin und her gerissen zwischen dem Verlangen und der Furcht vor den Folgen. Wir wollten uns, wie wir sonst nichts mehr wollten. Zufällige Berührungen auf ihrer zarten Haut, leise geflüsterte Liebkosungen, mehrdeutige Aussagen steigerten unser Verlangen. Nach und nach verschwamm die Umgebung um uns beide herum. Die Menschen verkamen zu leeren Hüllen, denen keine Bedeutung mehr zukam, bis sie gänzlich aus unseren Sinnen verschwunden waren. Am Gipfel unseres Verlangens konnten wir nichts anderes mehr tun, als das Lokal für kurze Zeit zu verlassen. Wir versteckten uns vor den fragenden Blicken, den Vermutungen und den zutreffenden Andeutungen der anderen. Wir flohen vor ihnen um uns endlich hingeben zu können. Eng umschlungen standen wir zusammen. Jeder wollte es, doch keiner wagte es, denn ersten Schritt zu machen. Nur sehr langsam kamen sich unsere Lippen näher, bis wir gegenseitig den heißen, verlangenden Atem des anderen bereits spüren konnten. Die Erregung brachte unser Blut in einen Zustand nicht enden wollender Wallungen. Unsere Nasenspitzen berührten sich. Endlich hatten sich unsere Lippen gefunden. Ihre Küsse schmeckten so süß, süßer als die pure Versuchung. Immer heftiger begannen sich unsere Lippen gegenseitig zu liebkosen. Immer weiter öffnete sich ihr Mund um meiner Zunge Einlass zu gewähren, während sie mir mit ihrer suchenden Zunge entgegen kam.
Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich die Gestalt neben mich. Sie sah mich nicht an, sah nur gerade aus auf den See vor ihr. Ich zog mich etwas zurück, doch sagte auch ich nichts. Ich wollte nicht erzählen müssen, wollte nicht fragen müssen, wie sie mich fand. Ich hoffte, sie würde womöglich wieder gehen, mich gequält hier zurücklassen. Doch sie tat es nicht. Nach einiger Zeit, drehte sie ihr Gesicht zu mir, sah mir in die Augen, las aus ihnen, wie aus einem offenen Buch. Sie tat es wieder, wie schon so oft zuvor. Ich wollte meine Geschichte nicht mitteilen, doch ihre Art, ihr Blick brach meine Mauer. Ich erzählte ihr die Geschichte einer kurzen, brennenden Liebe, die hier begonnen hatte und der es nicht gestattet war, lange zu überdauern. Erzählte ihr von den Lügen, die begangen wurden, um sich treffen zu können, um nicht verletzen zu müssen. Es quoll aus mir hervor, wie eine nicht enden wollende Erzählung von längst vergangenen Tagen. Ich erzählte und erzählte ihr. Und sie saß da und hörte zu. Sie sagte kein Wort, stellte keine Frage. Bereits lange nachdem die Nacht über uns herein gebrochen war und lange nachdem das letzte Wort gesagt worden war, die letzte Zigarette geraucht war, löste ich mich aus meiner Versteinerung, die mich bis jetzt festgehalten hatte und stand auf. Der Wind war stärker geworden und es war kalt geworden. Nicht nur mich fror. Auch meine Freundin zitterte am Körper. Ich legte ihr meine Jacke um, in der Hoffnung sie einwenig wärmen zu können. Langsam gingen wir von der Bank weg und verließen den Park, um nach Hause zu gehen. Jeder ging in eine Richtung und keiner drehte sich nach dem anderen um, in der Gewissheit, dass dieses Gespräch diesen Park niemals verlassen würde. Dies war das Geheimnis, das uns beide verband. Unsere Freundschaft wäre selbst ohne Worte stärker, als Liebe mit all ihren Bezeugungen.
Die Sonne hatte sich versteckt. Dicke Wolken verdunkelten den Himmel und es regnete, als ob die Welt am verdursten gewesen wäre. Ich saß an einem kleinen Tisch in diesem kleinen Café, lass ein mehr oder weniger interessantes Buch und trank meine heiße Schokolade. Es war ein Tag, wie schon so viele zuvor. Ich versuchte mich hier an diesem Ort zu verstecken. Womöglich vor dem Regen, womöglich vor der Einsamkeit dieses Tages. Ich habe das oft getan, wenn ich nicht alleine sein wollte. Manchmal habe ich ganz nette Menschen hier kennen gelernt. Viel mit ihnen geredet, oft noch vielmehr zugehört. Doch diesmal wollte ich nur ungestört sein. Nur das Schicksal wollte diese Ungestörtheit nicht erkennen, denn nach einiger Zeit betrat ein Mensch das Lokal, den ich hier am wenigsten vermutet hätte. Ich kann mich nicht daran erinnern, was mich gerade bei diesem Menschen veranlasst hat, hochzusehen, doch ich tat es. Ich blickte hoch, als sich die Tür öffnete und eine zierliche, kleine Frau das Lokal betrat. Ihr Mantel war pitschnass und auch ihre langen braunen Haare waren vom Regen nicht verschont worden. Und gerade als sie sich umdrehte, um zu den Tischen zu gehen, sah ich in ihr Gesicht. Ein Gesicht, bei dem ein Blitz durch meine Gedanken raste. Mit einem Schlag holte mich meine Vergangenheit ein, begann von neuem aufzuleben. Es war jenes Gesicht, das ich solange verzweifelt im Hof gesucht und nicht mehr gefunden habe. Jenes Gesicht das ich nur kurz gesehen hatte, doch nur so schwer vergessen konnte. Es war der Zufall, der mir nun eine zweite Chanche gab, nach dem Namen zu fragen, Hallo zu sagen, ein Gespräch zu führen, dass ich bei strahlendem Sonnenschein führen wollte. Langsam blickte sie sich um, suchte nach einem freien Tisch, an den sie sich setzen konnte. Wie sehr hoffte ich, dass ich ihr einen Platz an meinem Tisch anbieten könnte. Wenn sie an mir vorbei geht, so dachte ich, werde ich sie einfach bitten, sich zu mir zu setzen. Der Zufall sollte mir erneut helfen, denn sie ging wirklich in meine Richtung. Auch blickte sie ein-, zweimal verstohlen zu mir. Meine Augen konnten nicht von dieser wunderschönen Frau ablassen. Fast war sie nun schon auf Höhe meines Tisches. Ich merkte, wie ich immer ungeduldiger wurde. Hoffte, meine Stimme nicht zu verlieren, wenn sie nun wirklich vor mir stand. Merkte aber auch, wie plötzlich mein Herz immer wilder vor Aufregung zu schlagen begann. Ich kannte diese Momente nur allzu gut. Im letzten Moment, würde ich mir nun doch wieder nicht vertrauen, sie anzusprechen. Würde es nicht wagen, sie bitten, sich zu mir zu setzten. Ich fasste all meinen Mut zusammen. Ich schloss noch einmal kurz die Augen und hoffte, sie würde vor mir stehen, wenn ich sie wieder öffnete.
Es versprach ein lauer Sommerabend zu werden. Die Sonne begann ihren Weg herab vom Himmel um dem Mond und der Nacht Platz zu machen. Knisternd verbrannte das Holz, Funken stiegen gen Himmel und verglühten im dunkler werdenden Abendrot. So manches Glas war schon geleert worden und zart legte sich eine schwache melancholische Stimmung über uns. Doch von Traurigkeit wurde niemand ergriffen. Freunde haben sich getroffen um freundschaftlich einen geheimnisvollen Abend zu verbringen. Die Gemeinsamkeit zu genießen. Schwach beleuchtete das Feuer die Konturen unserer Gesichter, ließ beim sprechen unheimliche Gestiken entstehen, die Wörter stärker wirken, als bei Tageslicht. Die Nacht schuf eine Atmosphäre, wo niemand einsam sein wollte, sein konnte. Man sprach zu Themen, lauschte einer sanften Melodie, die erklang, trank und alberte herum. Manche gingen, andere kamen. Und je später und kälter die Nacht wurde, umso enger wurden die Umarmungen. Vielleicht um sich nur Wärme zu spenden, wo das Feuer dies nicht konnte, vielleicht nur um der Einsamkeit der Dunkelheit zu trotzen. Zu Ende dieses Abends war es nicht mehr von Bedeutung, wogegen man sich beschützte. Man erkannte die plötzliche Vertrautheit, die vorher noch Fremde war. Man genoss die gegenseitigen Berührungen und spielte miteinander. Man streichelte sich über die Arme, verstohlen manchmal auch über das Gesicht. In der Hoffnung, die anderen würden nichts merken. Letztlich wollte niemand die Gemeinsamkeit beenden. Niemand wollte den letzten Kreis verlassen. Abbrechen, was womöglich nicht mehr wiederkommt. Nur vereinzelt ging so mancher seinen schweren Weg nach Hause, begleitet von der Erinnerung eines unvergesslichen Abends, der mehr schuf, als nur Freunde. So mancher wurde auf diesem Weg begleitet, von jemandem, der vorher ein Freund gewesen war. Verstohlen blickte man sich noch gegenseitig in die Augen, bevor man aufbrach in einen neuen Kreis. Ein Kreis, geschaffen in einer Nacht, die einzigartig es vermochte, einen Kreis aus Freunden zu trennen und daraus einen neuen, stärkeren Kreis zu schaffen. Eine Nacht, die einzig von einem kleinen Feuer überdauert wurde, welches noch am nächsten Morgen klein und schwach brannte.
Ich wollte meine Augen gerade wieder öffnen, als jemand an meinen Tisch stieß. Blitzart öffnete ich meine Augen. Ich sah sie vorbeigehen. Sie war an einen Stuhl gestoßen. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie weiter und setzte sich an einen Tisch der etwas weiter weg von meinem stand. Sie setzte sich in eine Ecke, in der sie von einer Säule verdeckt wurde, so dass ich sie nicht sehen konnte. Das Schicksal ließ meine Augen im richtigen Moment geschlossen, als ich vielleicht die beste Möglichkeit gehabt hätte, jemanden kennen zu lernen, von dem ich bisher nur seine Schritte kannte. Ich erinnerte mich an die Schritte im Hof, als auch damals die Schritte hörte und die Augen geschlossen ließ. Plötzlich fielen mir auch wieder die Schritte in dieser kalten Novembernacht wieder ein. Ich hatte zwar kein Gesicht gesehen, doch der Hall der Schritte kam mir sehr bekannt vor. Auch damals konnte ich mein Gesicht nicht heben.
Das Schicksal bringt viele Menschen in unser Leben. Viele Gesichter sind im nächsten Moment vergessen. Von vielen kennen wir es erst gar nicht. Und von manchen kennen wir es zwar, doch wir verschließen die Augen in jenem Moment, in dem sich die beste Möglichkeit bietet, jemanden zumindest nach dem Namen zu fragen. Manchmal kommen diese Menschen mit schnellen Schritten auf uns zu und gehen auch wieder so schnell wieder weg, doch oft genügt ein kurzer Augenblick, in dem man sich in die Augen sieht, um lange nach einer Person zu suchen. Nicht selten vergessen, verdrängen wir bei dieser Suche nach unseren geheimnisvollen Unbekannten, die Menschen um uns, die nicht mit schnellen Schritten auf uns zukommen und deren Gesicht wird sehr gut kennen. Ihr Gesicht versetzt uns nicht einen Gedankenblitz, obwohl wir ihnen näher stehen, als Momenten der Augenblicke, in denen wir unser Unbekannten treffen. Und sind nicht auch unsere nähesten Freunde oft geheimnisvolle Unbekannte, die oftmals genauso schnell wieder gehen, wie sie gekommen sind?
Man sagt, an manche Tage könnte man sich sein ganzes Leben erinnern. Viele sagen auch, der erste Tag an einer neuen Schule gehöre zu diesen Tagen. Nun, für mich dürfte das nicht zutreffen, denn ich kann mich an den ersten Tag in meiner neuen Schule nicht mehr errinnern. Das Einzige was ich von ihm noch weiß, ist wie ich das erste Mal die Eingangstüre öffne. Mehr ist mir von diesem besonderen Tag nicht in Erinnerung geblieben. Er dürfte wohl nicht so besonders gewesen sein. Auch kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich meine damalige beste Freundin Elenor das erste Mal bewusst wahrgenommen habe. Wahrscheinlich habe ich mir damals noch keine Gedanken darüber gemacht, wie eng manche Freundschaften werden können und wie weit sie uns durch das Leben begleiten können. Manche sagen auch, dass sie sich so manche erste Sätze sehr lange merken können. Der erste Satz, den ich zu ihr gesagt habe, hat sich leider nicht eingeprägt. Es dürfte wohl es sehr belangloses gewesen sein, wie ich sehr viel Belangloses mit ihr geredet habe, bevor etwas entstanden ist, was ich bis dahin noch nie erlebt habe. Man kann diese Bindung die zwischen uns herrschte nicht beschreiben. Es war etwas Wundervolles und Einzigartiges. Das erste Mal, dass ich mich ihrer bewusst erinnern kann, oder zumindest denke dass sie es gewesen ist, die mir begegnet ist, war ein sehr kalter, dunkler und nebliger Abend. Ich ging von wieder einmal von der Schule nach Hause, war wohl mit meinen Gedanken ganz wo anders. Ich habe nicht auf die Leute, die mir begegneten geachtet, habe sie mehr ignoriert. Der Wind umwehte meine kalten Wangen und so versuchte ich mich irgendwie gegen die Kälte zu schützen. Ich hielt meinen Kopf ganz gebeugt und sah immer nur wenige Meter vor mich hin. Kalter Nebel senkte sich auf die bereits schlafende Stadt herab und hüllte alles in eine schummrige Gestalt. Bäume wirkten wie Furcht einflößende Gespenster, ihre Äste knorrten im Wind, welke Blätter trieben am Boden umher. Das Licht der Laternen leuchtete nur wenige Meter, bevor es schon wieder verschluckt wurde und der Dunkelheit Platz machen musste. So versuchte ich nun schnell nach Hause zu gehen. Meine Augen waren bereits schwer und ein langer Tag neigte sich nun endlich dem Ende zu. Ich hatte nicht mehr die Aufmerksamkeit, Passanten zu bemerken und so dürfte ich auch sie nicht sofort beachtet haben. Sie kam mir entgegen. Langsam hörte ich ihre Absätze am Asphalt klopfend auf mich zukommen. Nahm ich sie zuerst nur ganz wage und fast unkenntlich wahr, wurden sie bereits nach kurzer Zeit lauter. Doch etwas störte mich an den Geräuschen. Der Nebel hat womöglich meinen Sinnen einen Streich gespielt, denn als ich hochblickte und neugierig sehen wollte, wer auf mich zukam, konnte ich niemanden vor mir erkennen. Für einen kurzen Augenblick dachte ich wirklich an eine Täuschung, doch dann hörte ich die Schritte wieder erhallen. Da erst merkte ich, dass sie nicht von vorne erklangen, sondern hinter mir jemand ging. Ich wollte mich gerade meinen Kopf drehen, damit ich sehen konnte, wer hinter mir ging, als mir plötzlich, wie aus dem Nichts kommend, mir jemand seine Hand auf die Schultern legte. Ich wäre fast zu Tode erschrocken. Doch ich sah nur die Hand auf meiner Schulter, den dazugehörenden Körper und ein Gesicht konnte ich nicht sehen. Ich drehte mich zur anderen Seite, als ich plötzlich, nur wenige Zentimeter vor meinem Gesicht das Gesicht von Elenor sah. Ich musste einem Schreckensschrei sehr nahe gewesen sein, doch sie lachte nur vergnügt und fragte mich, wie es mir denn gehe. Nach diesem Streich konnte ich keine Antwort mehr geben. Schlagartig war meine Stimme verschwunden und so konnte ich nur noch benommen mit meinen Schultern zucken. Es dürfte zumindest die Reaktion eingetreten sein, die sie erwartet hat, denn ihr gefiel offensichtlich mein erstarrter Gesichtsausdruck. Überraschenderweise ging sie in anschließend in dieselbe Richtung, in die ich gehen musste. So gingen wir ein kurzes Stück gemeinsam, bis wir an einem kleinen Bistrot, aus dem sanfte Musik erklang, vorbeikamen. Kurzerhand beschloss sie für uns, dass wir noch auf ein Glas Wein hineingingen. Da ich nicht schnell genug nein sagen konnte, zog sie mich einfach an der Hand hinein. Wir setzten uns an einen kleinen Tisch, der in einer dämmrigen Ecke stand, tranken Wein und begannen uns vorsichtig kennen zu lernen. Einem Boxkampf gleich, tasteten wir uns vorerst nur vorsichtig ab, bevor wir auf interessantere Themen, wie unsere Einstellungen zu gewissen Dingen oder Personen kamen. Ehe ich mich versehen konnte, führte ich mit dieser charmanten jungen Dame, die ich zuvor nicht einmal richtig beachtet hatte eine hitzige Diskussion über oft sehr private Dinge. So wie es mir später öfter erging, habe ich bereits an diesem ersten Abend die Zeit vollends vergessen und so verwunderte ich mich, wie uns die Kellnerin fragte, ob wir nicht doch bald einmal gehen wollten. Ich konnte es unmöglich glauben, dass es bereits halb drei Uhr früh war, denn ich musste an nächsten Morgen bereits früh aufstehen und mich wieder meiner elends langweiligen Arbeit zuwenden. So verabschiedeten wir uns von einander und ging jeder seinen Weg nach Hause. Aufgewühlt von unserer Unterhaltung, fand ich nur sehr schwer in den Schlaf.



Eingereicht am 22. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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