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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Glück

© Claus


Rudi Rührig lag im Krankenhaus.
Ein solides Einzelzimmer. Der Chefarzt persönlich sah täglich nach ihm und freundliche Krankenschwestern versorgten ihn.
Er nahm das alles aber nicht so richtig wahr.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er viel Zeit zum Nachdenken. Er dachte über sein Leben nach.
Immer hatte Rudi schwer gearbeitet. Jeden Tag, manchmal auch nachts. Er brauchte das. Er wurde gefordert, er konnte zeigen, was er kann. Das stärkte sein Selbstbewusstsein und machte ihn zufrieden und glücklich.
Nach der Lehre hatte er in einem großen Leipziger Krankenhaus als Heizer angefangen.
Jeder spürte seine Arbeit, wenn es draußen kalt wurde. Warmes Wasser wurde das ganze Jahr über gebraucht. Die Anlage musste gewartet werden. Oft fehlten die Ersatzteile für die ohnehin alte Heizanlage. Rudi suchte im Schrott, feilte, schraubte und drehte, bis alles wieder lief. Er kannte die Schwachstellen seiner Anlage und sorgte vor. Er freute sich, wenn es wieder funktionierte. Manchmal war er beinahe glücklich, wenn er wieder eine Lösung gefunden hatte.
Ohne ihn hätte es schlimm ausgesehen. Hin und wieder sagte man ihm das auch, verbunden mit einem kleinen Dankeschön.
Sicher war Rudis Arbeit wichtig; wenn auch mit der des Klinikchefs oder des Chefchirurgen nicht vergleichbar. Deshalb war Rudis Monatslohn nicht gerade üppig.
Zusammen mit seiner Frau, die in der Küche arbeitete, kamen sie zurecht. Sie waren sparsam, ihre Ansprüche waren bescheiden und sie konnten gut mit Geld umgehen.
Miete, Ferienplätze, Straßenbahn und Eisenbahn waren billig und auf den Trabbi konnte man 13 Jahre sparen. Der Sohn lernte einen soliden Handwerksberuf und die Tochter studierte. Sie waren ehrgeizig und bald würden sie ihr eigenes Geld verdienen.
Rudi war zufrieden, so wie es lief.
Dann aber - kurz nach der Wende - wurde die alte Krankenhaus- Heizung durch eine neue ersetzt. Erst flog die altersschwache Heizung raus, dann wurde Rudi entlassen. Eine raffinierte Automatik steuerte alle Prozesse. Gab es Probleme, war sofort der Firmenservice da. Die Heizung war neu und sie lief auch ohne Rudi einwandfrei.
Rudi sah das alles gelassen. Arbeiten konnte er und mit Heizungen kannte er sich aus.
Bald war er als Vertreter in Sachen Heizungen unterwegs. Eine große bayrische Firma hatte ihn eingestellt. Mit dem Verkaufen musste er ein ganz neues Aufgabengebiet meistern. Rudi zeigte wieder, was in ihm steckte. Er lernte, sich auf seine Kunden einzustellen. Er wies auf Vor- und Nachteile der neuen Anlage hin und verglich sie mit den Produkten der Konkurrenz.
Moderne Heizungen waren damals der große Renner in den neuen Bundesländern. Häusle - Bauer, Geschäftsleute, kleine Krankenhäuser, Schulen und Ämter - sie alle brauchten neue Heizanlagen. Rudi war fleißig, sachkundig und kompetent. Seine Verhandlungspartner spürten das sehr schnell. So war er weit über die Grenzen Leipzigs hinaus gefragt.
Das Geschäft lief gut und Rudi verdiente mehr, als er es sich jemals erträumt hätte.
Sein ganzes Leben veränderte sich, und er selbst veränderte sich auch.
Irgendwann bot sich ihm günstig eine Villa in Leipzigs bester Lage. An seinen Benz hatte er sich gewöhnt. Anzüge, Hemden und Schuhe vom Feinsten. Rudi war auch äußerlich nicht wiederzuerkennen.
Irgendwann lernte er Ricca kennen, die eigentlich Ricarda hieß; blond, hübsch und nur halb so alt wie seine Frau.
Rudi hatte kaum noch Zeit für seine Familie.
Schon fast drei Jahre hatte er seine Frau und die Familien der Kinder nicht mehr gesehen. Längst war sie zu den Kindern gezogen und kümmerte sich um die Enkelkinder.
Immer wieder wollte er einfach mal hinfahren. Er verschob es stets . Irgendwie fürchtete er die Fragen. Er hatte so etwas wie ein schlechtes Gewissen und drückte sich deshalb vor einem Familienbesuch.
Dann wurde es ruhiger mit dem Verkaufen.
Inzwischen waren alle mit neuen Heizungen versorgt oder es fehlten die Mittel für neue Investitionen. Rudi störte das wenig. Geld hatte er nun mehr, als er jemals ausgeben konnte.
Jetzt wollte er so richtig leben; Reisen machen, feiern, sich mit Frau und Kindern wieder versöhnen und seinen Hobbys nachgehen. Ein Herzinfarkt veränderte sein Leben schlagartig.
Von Ricca war nichts mehr zu hören. Von seinen neuen Freunden hatte keiner Zeit oder Lust, ihn im Krankenhaus anzurufen.
So hing Rudi seinen Gedanken nach; etwas traurig; deprimiert und schuldbewusst. In Gedanken war er wieder bei seiner Familie.
Er hatte nicht den Mut, seine Familie anzurufen. Er erwartete auch nicht, dass sie sich meldeten. Vielleicht wussten sie nicht einmal, dass er im Krankenhaus war...
Durch ein Klopfen an der Tür wurde er aus seinen Überlegungen gerissen.
Rudi traute seinen Augen nicht. Er musste mehrmals hinsehen. Ohne Zweifel - sie waren es. Seine Enkelkinder Nadin und Marcus standen in der Tür; etwas verlegen und ängstlich.
Sie waren groß geworden; beinahe schon erwachsen.
Er musste daran denken, wie er sie im Kinderwagen gefahren hatte, mit ihnen im Zirkus war, den Jahrmarkt besuchte oder ihnen bei den Schularbeiten half.
"Wir wollten dir nur mal Guten Tag sagen und sehen, wie es dir geht", sagte Nadin und Marcus nickte. Rudi lächelte und die Kinder strahlten zurück; warm und von innen heraus.
So hatten sie sich immer zugelächelt, wenn irgendetwas schief gelaufen war: Ärger in der Schule oder missglückte Streiche. Immer hatte Rudi ihnen geholfen, sie beschützt und verteidigt. Er hatte ihnen das erste Fahrrad zusammengeschraubt, über viele Umwege die ersten echten Jeans besorgt und heimlich das schmale Taschengeld aufgestockt.
Sie hatten es trotz der langen Pause nicht vergessen.
Sie unterhielten sich angeregt und es war wieder fast so wie früher. Nadin und Marcus fragten ohne Umschweife. Rudi antwortete offen und ehrlich. Es wurde ein langes Gespräch.
Er erfuhr, dass seine ganze Familie ihn besuchen will.
Seit langem war Rudi wieder einmal so richtig glücklich.



Eingereicht am 18. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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