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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Abortus ungewollt

© Greta Jencek


Fassungslos, in ein kurzes, nach Krankenhaus stinkendes Leibchen gekleidet, und in ein Betttuch gewickelt lag ich zitternd vor dem OP-Raum, gemeinsam mit noch fünf anderen Frauen. Sechs Frauen, sechs ungewisse Schicksale. Unsere Betten standen dicht beieinander, schön der Reihe nach an beiden Wänden des Gangs.
Die eine hatte Todesangst vor Nadeln und schrie erbärmlich, als ihr eine Ärztin eine Spritze verpasste. Alle anderen schienen ruhig zu sein und beantworteten gehorsam die intimen Fragen des Personals. Laut und deutlich erklärten sie wichtige Details aus ihrem Vorleben. Ich hörte angespannt zu und wunderte mich, ob es wohl nur mich störte, pikante Details aus dem Privatleben absoluten Unbekannten auf dem düsteren und kalten Flur der Klinik offenbaren zu müssen.
Die Tür des Operationssaals ging auf und eine noch immer tief Schlafende wurde mir gegenüber gelegt. Sie wachte nicht auf. Die inzwischen genervte Krankenschwester beohrfeigte sozusagen die hilflose Frau und wiederholte immer wieder laut: "Jetzt machen Sie schon. Wachen Sie doch endlich auf! Hören Sie denn nicht? Jetzt machen Sie doch!" Als Nächste war ich an der Reihe.
Mein Herz schlug wie wild und Tausende von Gedanken schossen mir durch den Kopf. Klar denken konnte ich nicht, denn drei Leute auf einmal machten sich ans Werk. Sie zerrten mich unter das blendende Licht, entblößten mich ohne weiteres, als ob ich schon bewusstlos wäre oder als ob es mich eh gar nicht anginge, was mit mir eigentlich geschah. Der eine, offensichtlich der Anästhesist, packte mich am Arm und ohne ein Wort zu verlieren, spritze er mir eine weiße dickflüssige Flüssigkeit in die Ader. Und weg war ich.
Als ich wieder erwachte, lag ich allein am Fenster eines Krankenzimmers, und ich nahm nur die mir in Strömen über die Wangen kullernden Tränen wahr. In den ganzen zehn Tagen, als ich den toten Fetus im Leibe trug und auf ein Wunder hoffte, erlaubte ich mir keine Trauer. Ich versuchte mich in meinem Bett aufrecht zu machen und spürte das Blut aus meinem Unterleib ausscheiden. Kraftlos fiel ich wieder zurück.
Das vergangene Halbjahr spielte sich in meinen Gedanken wieder ab, so wie bei Menschen, die über Erlebnisse vom Rande des Jenseits berichteten. Der Tag, an dem mein Mann den Wunsch, den ich schon einige Weile schweigend in mir verbarg, und auf dessen Erfüllung ich sehnlich hoffte, laut äußerte. Wie ich demonstrativ und beinahe feierlich die Pillen im Abfalleimer verschwinden ließ. Unsere liebe- und erwartungsvollen Begegnungen. Die vor Aufregung zitternden Hände, als ich die positiven Ergebnisse des Schwangerschaftstests voraussah. Die unbeschreibbare Freude und gleichzeitig die dazugehörenden unumgänglichen Sorgen. Wir meinten, wir wüssten, was da auf uns zukam.
Ich, die kaum ein Geheimnis für mich behalten konnte, schwieg. Ich genoss das Gefühl glückseligster Verbundenheit, die im Augenblick wichtigsten Gedanken nur mit meinem Liebsten teilen zu können. Kein einziges Mal dachte ich daran, dass etwas schief gehen könnte. Mir war nicht übel, ich empfand keine besondere Müdigkeit, ich war nicht depressiv. Und überhaupt, nach den Geburten von zwei kerngesunden fröhlichen Mädchen hatte ich alles im Griff. Das bildete ich mir zumindest ein. So vergingen zwei Monate.
Am Wochenende vor der Ultraschalluntersuchung hielt ich es letztendlich nicht mehr aus. Nach einer erneuten Provokation unserer ältesten Tochter im Sinne von: "Wann hat Papi endlich mehr Zeit für Mammi, damit wir endlich noch ein Baby bekommen?" gab ich ihr schmunzelnd das Geheimnis preis. Ab sofort gab es kein anderes Gesprächsthema mehr.
Dann kam die Ultraschalluntersuchung. Mein Frauenarzt, ein ruhiger und vertrauenswerter Mann, starrte lange schweigend auf den Bildschirm. Es wunderte mich nicht. So war er eben, nicht sehr gesprächig. Zwinkernd neckte ich ihn, ob er vielleicht sogar nachzählen müsste, denn auch mit der Geburt von Zwillingen wäre zu rechnen gewesen und auch dies brächte mich wohl nicht aus der Fassung. "Es gibt eine Schwangerschaft. Es gibt auch eine Frucht. Aber es gibt keinen Puls", sagte er schließlich benommen.
Da stürzte eine Welt zusammen. Eine Menge von Zweifeln ging in mir auf. Das Verständnis von Zeit war auf einmal ganz anders und von einem Boden unter meinen Füßen konnte nicht mehr die Rede gewesen sein. War es ein böser Witz, ein Missverständnis oder ein Alptraum? Habe ich mir etwa alles nur eingebildet? Wenn einem das noch ungeborene Kind im Körper stirbt, dann wird man das doch wohl als werdende Mutter irgendwie verspüren?
Dann ging die Tür des kahlen Krankenzimmers auf. Die Krankenschwester brachte Unterlagen, die ich unterschreiben sollte. Darunter war auch die Sterbeurkunde unseres Kindes. Draußen regnete es.



Eingereicht am 12. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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