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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Eine Kindheit

© Belinda Fuchs


Wenn man mich heute fragt, wie meine Kindheit war, so gebe ich gerne zu, dass sie - für mich - etwas Besonderes war. Auch wenn es sich so anhört, als würde ich nicht von den Jahren von 1962 bis 1972 sprechen, sondern aus der Nachkriegszeit berichten. Entgegen der Meinung meiner Geschwister, die unsere Kindheit als schrecklich empfanden, war meine Kindheit in meinen Augen großartig.
Ich wurde im Januar 1962 als das vorletzte von 8 Kindern geboren. Bis zu meinem dritten Lebensjahr wohnten wir in einer Ortschaft, in der überwiegend schlesische Flüchtlinge untergebracht waren. Meine Mutter kam aus Oberschlesien (Leobschütz, Kreis Zietenbusch - hat sie immer gesagt) und sprach mit uns Kindern hochdeutsch. Mein Vater sprach bayerisch, bemühte sich aber mit uns Kindern hochdeutsch zu sprechen, da wir ihn sonst nicht verstanden.
Als ich drei Jahre alt war, sind wir aufs Land gezogen. Ich bin also aufgewachsen in einem kleinen Ort in Bayern, in der tiefsten katholischen Provinz, und verstand nicht ein Wort Bayerisch. Erschwerend kam hinzu, dass wir nicht nur eine kinderreiche Familie, sondern auch noch evangelisch (Evangelisten!) waren, was in der tiefsten bayerischen Provinz ein schlimmes Vergehen ist.
Nichtsdestotrotz erkämpfte ich mir meinen Platz, da ich ein Wildfang war und vor nichts und niemandem Angst hatte.
Ich höre heute noch die Worte meiner Mutter: "Lieber habe ich noch mal 5 Buben (meine Brüder waren die Buben) als so ein Mädchen wie dich!" Ja, ich war wild und ungezähmt. Puppenspielen? Mir waren Legos und der Trix-Baukasten lieber. Die Puppen meiner Schwester habe ich demontiert, weil ich wissen wollte, wie sie innen aussahen.
Meine Kleidung war stets zerrissen, woraufhin Mutti sagte: "Dir schneide ich Löcher in einen Sack und binde dir eine Schnur darum, dann bist du angezogen."
Bei uns in der Familie ging es auch nicht so zu wie bei den "Waltons". Zum einen hatten wir nur 5 Räume für 10 Personen, zum anderen gab es so etwas wie Zusammenhalt und Einigkeit bei uns nicht. Jeder versuchte sich seinen Vorteil zu verschaffen - und gepetzt wurde, was das Zeug hielt.
Ja, das Haus war wirklich klein, aber das machte nichts, weil wir Kinder uns stets im Freien aufhielten und nur zum Essen und Schlafen nach Hause kamen.
Meine Schwester und ich schliefen in einem Durchgangszimmer. Ich erinnere mich an unsere Zudecken, es waren (ich glaube 5 mal vererbte) Federbetten. Die waren irgendwie immer feucht und klamm. Links und rechts hatte man einen Klumpen Federn, der sich nicht mehr verteilen ließ, in der Mitte der Zudecke war keine Füllung mehr, sodass der Körper nur noch mit dem Inlett bedeckt war. Im Sommer war das kein Problem, nur es wurde auch wieder Winter. Wir hatten oben in unseren Schlafräumen keine Heizung und ich erinnere mich, wie ich voll kindlichem Erstaunen das Wunder der Eisblumen innen an unserem Fenster und unserer Tapete betrachtete.
Geld gab es bei uns fast nie, weil Papa seine Kriegsrente immer in Alkohol umgesetzt hat. Nach Erhalt des Geldes war er stets für ein paar Tage unterwegs. Er kam aber immer wieder zurück. Papa, der im Krieg sein rechtes Bein verloren hat und ein Holzbein hatte.
Dieses Holzbein kam mir zugute, wenn ich beim Bauern Milch holen sollte. Denn dabei musste ich an einer Schar Gänse mit einem sehr bösen Gänserich vorbei, der nach mir schnappte und mir nachrannte. Diese Gänseschar machte nur Platz, wenn ich zusammen mit meinem hinkenden Vater vorbeigegangen bin. Aber Papa war nicht immer da, deshalb machte ich sein Hinken nach und hatte Erfolg damit, die Gänse wichen mir aus.
Erinnerungen - ich sehe mich sitzend auf meines Vaters Schoß, er hat eine Mundharmonika und spielt für mich "aber Heitschi bum Beitschi". Er lächelt und ich weiß, ich tue das auch.
Ich sehe meine Schwester und mich, wir singen einen Kanon. Papa freut sich immer, wenn wir singen. Er kann sehr viele Instrumente spielen. Ich freue mich auch, wenn ich singe - und wenn sich Papa freut.
Im Sommer hat mein Vater immer Holz gesägt. Unser Küchenherd ist so ein schöner großer alter Holzofenherd mit dem gekocht und geheizt wird. Im Winter stecke ich meine Füße zum Aufwärmen immer in die Backröhre.
Da wir an einem Fluss wohnten, habe ich auch schon früh schwimmen gelernt. Zum Trocknen legten wir uns auf das grasbewachsene Uferstück oder auf die Straße, die gleich daneben war. Es fuhren so gut wie keine Autos auf dieser Straße.
Im Sommer haben wir uns auch im Fluss gewaschen, so richtig mit Seife und Shampoo. Das war einfacher, weil wir dazu nicht erst den Kessel einheizen mussten, der im Waschhaus stand.
Der Kessel diente auch zum Wäsche waschen.
1968 bekamen wir einen Fernsehapparat - schwarz/weiß. Ich sehe heute noch die Folie, die wir davor geklebt haben, weil wir Farbe wollten: in der Mitte orangefarben, oben blau und unten grün. Das war immer besonders witzig, wenn ein Gesicht in Großaufnahme gezeigt wurde.
Fernsehtag war Samstag und Sonntag. Serien wie Bezaubernde Jeanie, Shilo-Ranch oder Bonanza.
Ab und zu hatten wir auch ein Auto. Diese wurden jedoch von meinem Vater in schöner Regelmäßigkeit zu Schrott gefahren.
Wir hatten immer genügend zu Essen, viel Gemüse, das wir selbst anbauten und Mehlspeisen. Fleisch gab es nur, wenn einer von uns Konfirmation hatte. Gefüllte Rindsrouladen. Ich habe diesen unvergesslichen Geschmack heute noch im Mund.
Eingekauft haben wir in dem kleinen EDEKA-Laden in unserem Dorf: "Bitte anschreiben, wir zahlen am Monatsende!" Alles was wir gekauft haben, wurde im Geschäft in ein kleines Buch eingetragen. Wir hatten zur Kontrolle ebenfalls ein kleines Buch mit den Beträgen. Ich habe mich immer geschämt, wenn andere Leute im Laden waren und gesehen haben, dass wir "anschreiben" lassen müssen.
Wir waren auch die einzige Familie, die bis 1972 noch Buttermarken erhielt.
Ich weiß noch, wie ich mir auf meinem Weg in den Laden die Dinge, die ich kaufen sollte aufgesagt habe. Doch auf diesem Weg gab es immer sehr viel zu sehen, eine Raupe, die meinen Weg kreuzte und die einer eingehenden Untersuchung bedurfte, eine Blume oder eine Wurzel, die sich durch den Teer der Straße bohrte, eine Wolke, die die Form eines Gesichts hatte ... Wie konnte ich da noch an Dinge denken, die ich kaufen sollte?
Wieder stehe ich in diesem kleinen EDEKA-Laden. Die Verkäuferin ist nicht da. Die Süßigkeiten sind genau in Höhe meiner Hand. Ich nehme eine Lakritzschnecke! Ich fühle heute noch den Schrecken, der mich befiel, als ich das tat. Ich ging aber trotzdem aus dem Laden - mit der Lakritzschnecke. Ich konnte sie aber nicht essen! Was hatte ich getan! Auf halbem Weg bin ich heulend umgekehrt und in den Laden gegangen. Ich habe der Verkäuferin die Lakritzschnecke wieder gegeben.
Sie hat mich geschimpft und gesagt: "Wenn du das noch mal tust, kommst du in die Hölle!"
"Der Liebe Gott sieht alles!"
Tut er das?
Ich klettere gerade über einen Zaun. Mutti hat gesagt, sie würde alles dafür geben, wenn sie jetzt eine Karotte hätte. Mutti, die immer im Bett lag. Wir hatten aber keine Karotten, es war auch noch nicht die Jahreszeit dafür. Dieser Garten aber hatte ein Frühbeet. Ich wusste, unter der Folie sind Karotten. Ich hob die Folie an und zog die winzigen Karotten aus der Erde. Der Besitzer hat mich erwischt!
Nein, diesmal gab ich die Karotten nicht wieder zurück! Ich bin weggelaufen und hab Mutti die Karotten gebracht. Ich lebe noch heute mit dieser "Sünde" und warte darauf, dass ich in die Hölle komme.
Ich sehe mich in meiner Rückschau immer nur lachen, lachen und mit dem Wind um die Wette rennen. Ich hatte - wie wohl alle Kinder - eine sehr lebhafte Phantasie. Ich sehe mich auf einer Wiese liegen und Wolkenbilder malen, ich spreche mit mir selbst, stelle mir Fragen und gebe mir die Antworten.
Ich bin glücklich.
Ich sehe mich mit meinem Hund "Teddy" über Wiesen laufen oder Baumhütten bauen und mit meinen Brüdern Höhlen erforschen - unendliche Freiheit!
Auch andere Bilder sehe ich. Ich pflücke einen riesigen Strauß gelber Schlüsselblumen und gehe als Vierjährige barfuß in unsere Dorfschule. Ich wollte die nette Lehrerin meiner Schwester besuchen, von der ich dann immer eine Tafel Schokolade bekam. Anschließend durfte ich auch eine Weile beim Unterricht mitmachen.
Meine Schwester hat sich dann immer geschämt.
Da meine Geschwister alle älter sind als ich, wurde ich natürlich gehänselt, ich war die Dumme, ging ja noch nicht zur Schule.
Einer der Vorteile ältere Geschwister zu haben lag darin, dass ich immer mitgelernt habe, wenn sie Hausaufgaben machten. Außerdem war (und bin) ich sehr wissbegierig.
Dumm? Nein, dumm wollte ich nie sein. Also lernte ich Lesen. Ich konnte mit 4 Jahren schon lesen! Das machte meine Mutter sehr stolz und ich musste jedem und überall etwas vorlesen. So kam es auch, dass ich 1967 mit 5 Jahren in die Schule kam.
Es war eine Dorfschule mit 3 Klassenzimmern. In jedem Klassenraum waren zwei Klassen untergebracht: die 1. und 2. Klasse, die 3. und 4. Klasse und die 5. und 6. Klasse belegten jeweils zusammen einen Raum. Während der Lehrer sich mit einer Klasse beschäftigte, machte die andere immer "Stillarbeit". Aber während dieser "Stillarbeit" konnte man immer etwas von der anderen Klasse mitlernen. Es war großartig.
Leider wurde diese Schule aufgelöst, als ich in die 5. Klasse kam. Wir wurden nun mit dem Schulbus in die nächste größere Ortschaft in eine - für mich riesige - Gesamtschule gebracht.
Im Sommer 1972 starb meine Mutter und wir jüngeren Geschwister wurden getrennt und in verschiedenen Heimen untergebracht.
Heute wohne ich ganz in der Nähe meines Heimatdorfes, das ich in all den Jahren erst drei- oder viermal besucht habe. Ich war sehr erstaunt als ich feststellte, dass alles was ich sah, kleiner ist, als ich es in Erinnerung hatte. Es scheint alles geschrumpft zu sein, auch unser Haus. Es hat sich einiges verändert, auch das Schulhaus wurde abgerissen.
Verändert, vergangen, verloren, wie das Gefühl der grenzenlosen Freiheit - es hat sich bei mir nie mehr wieder eingestellt.



Eingereicht am 07. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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