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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Es ist alles in bester Ordnung!

© Mia Camara


Der hagere Mann mit der Brille sieht mich an:
"Sie sind sich sicher, dass Sie sich als Testperson zur Verfügung stellen wollen? Ich darf Ihnen nicht verraten, was mit Ihnen geschehen wird. Dies bleibt das zu Grunde liegende Geheimnis und ist Teil des Experiments."
Ich bin schon immer der abenteuerliche Typ Frau gewesen. Und das hier - nun, es reizt mich.
So unterschreibe ich die Unterlagen - in zwei Wochen soll ich mich wieder bei diesem Mann melden und Bericht erstatten - und nehme die geheimnisvolle Pille in Empfang.
Ich schlucke die Pille, bevor ich mich abends ins Bett lege.
Am anderen Morgen erwache ich zur gewohnten Zeit.
Ich fühle mich wie immer. Nichts Außergewöhnliches.
Teddy, mein Bernhardiner, steht erwartungsvoll neben meinem Bett.
Dummer Hund, noch immer hat er nicht gelernt, mir meinen Morgenmantel ans Bett zu bringen, um mir den Weg zum Schrank zu ersparen.
Plötzlich dreht er sich um und kommt schwanzwedelnd mit meinem Morgenmantel zwischen seinen Zähnen zurück.
Ich bin überrascht. Hat er es etwa doch endlich kapiert?
Ich denke nicht weiter darüber nach, bin noch viel zu schläfrig.
Klettere aus dem Bett, schlüpfe in meinen Morgenmantel und brühe mir einen Tee auf.
Ich warte, horche in mich hinein. Was hatte ich da für eine Pille geschluckt? Was sollte die denn bloß bewirken?
Ich fühle mich nicht anders als sonst.
Müde. Normal.
Etwas enttäuscht dusche ich, kleide mich an und mache mich fertig fürs Büro.
Auf meinem Tisch wartet bereits ein großer Stapel Papiere auf mich, welche kopiert werden wollen.
Ich hasse diese Form stupider Tätigkeit. Bist du die Letzte, die eingestellt wurde, sind dies die Arbeiten, welche dir von den anderen als erstes übertragen werden. Und du wagst deinen Mund nicht aufzumachen. Nicht vor Ende der Probezeit auf jeden Fall. Mein Blick wandert zu Petra, die ich insgeheim beneide, da sie es geschafft hat, sich einen ansehnlichen Posten auf der Karriereleiter zu erklimmen. Plötzlich kommt sie auf mich zu. Sie schnappt sich den Stapel Blätter von meinem Tisch und geht rasch zum Kopiergerät, um jedes einzelne zu vervielfältigen.
Ich kapiere nichts mehr. Aber ich lasse es mir gern gefallen.
Ich räkele mich auf meinem Bürostuhl.
Noch immer bin ich nicht ganz wach. Eine Tasse Kaffee, das wäre jetzt genau das richtige. Und etwas Süßes dazu. Ein Vanillekrapfen vielleicht.
Tina, meine Vorgesetzte, die mir gegenüber sitzt, lächelt mich an und erhebt sich. Wenige Augenblicke später kommt sie zurück und serviert mir einen Becher dampfenden Kaffee.
"Darf ich dir ein süßes Teilchen spendieren?" Tina lächelt immer noch, und wenige Sekunden später verlässt sie das Büro und kommt zurück mit einem verführerisch duftenden Vanillekrapfen für mich.
Nein, ich kapiere nicht, was da vor sich geht.
Aber ich bin klug genug, es zu genießen!
Ich gehe sogar einen Schritt weiter und lege meine Füße hoch und greife in meine Tasche, hole ein Buch heraus und beginne mich darin zu vertiefen, während ich mir Krapfen und Kaffee schmecken lasse. Es scheint niemanden zu stören.
Plötzlich tritt unser Chef ins Büro und ich schlucke und wünsche mich weit, weit weg - denn dieser Mann hier, er wird darüber entscheiden, wie es mit mir weitergeht, und ob es für mich überhaupt ein Leben nach meiner Probezeit in dieser Firma gibt.
"Frau Michels!"
Ich erhebe mich rasch und zupfe nervös an meinem Haar herum, während mir das Blut ins Gesicht schießt. Wenn er doch sagen würde....
"Sie sehen müde aus. Gehen Sie heim und schlafen sich ordentlich aus! Und wegen Ihrer Probezeit - die haben Sie selbstverständlich bestanden! Kommen Sie in den nächsten Tagen einfach zu mir, damit wir uns über Ihre neuen Gehaltsvorstellungen unterhalten können!"
Er nickt mir freundlich zu und verschwindet durch die große Glastür.
Und mir dämmert es langsam.
Ich habe die Fähigkeit bekommen, den Willen anderer Menschen nach meinem Gutdünken zu manipulieren. Herrliche Pille - ich bin hinter ihr Geheimnis gekommen und dieses Geheimnis führt mich direkt in die Freiheit!
Von nun an beginnt eine herrliche Zeit für mich. Was immer für eine Situation vor meinen Augen liegt - ich habe die Macht, den Willen der Beteiligten nach meinen Wünschen zu lenken, allein durch meine Gedanken.
Es ist wunderbar. Ich kann mir dienstbar machen, wen immer ich will. Unglaubliche Perspektiven öffnen sich mir..... Darf es eine Gehaltserhöhung sein? Aber sicher, Frau Michels! Darf ich Sie zum Essen einladen? Gern! Ich werde Ihre Wohnung renovieren, die hat es doch schon lange nötig - nein, Frau Michels, ich mach das ganz umsonst, Sie brauchen nichts dafür zu bezahlen!
Und meine neue Fähigkeit macht mich so interessant in den Augen meiner Kollegen und Freunde. Gabi, du hast doch neuerdings einen so guten Draht zum Chef, könntest du bitte ein gutes Wort für mich einlegen, damit ich meinen Urlaub genehmigt bekomme?
Es ist nicht so, dass sie verstehen, was mit mir los ist - aber sie sind auch nicht blind. Ich komme mir sehr wichtig vor. Endlich - ich bin jemand! Ich habe den Kick an Macht, der mich zu einer hochinteressanten Persönlichkeit macht.
Es ist Mittwochabend, und mein Freund Peter kommt zum Essen. Die ganze Woche habe ich ihn nicht gesehen, weil er - wie sehr oft - auf Montage war. Während ich die Spaghetti-Sauce rühre, grüble ich darüber nach, weshalb er sich wohl so gegen eine Heirat sträubt. Ich bin immerhin schon 30, und ich will doch auch einmal Kinder haben! Aber auf dem Ohr ist Peter nach wie vor taub - er will sich zunächst selbst verwirklichen, er ist noch nicht soweit.
Es klingelt an der Tür.
Schnell geh ich und öffne meinem Schatz.
Ich blicke in ein Meer roter Rosen.
"Gabi, willst du mich heiraten?"
Ich traue meinen Ohren nicht.
"Lass uns endlich heiraten! Lass uns endlich eine Familie gründen!"
Schlagartig fällt sie mir wieder ein, meine neue Fähigkeit...... Ich schnappe nach Luft. Wow! Sollen jetzt alle meine Träume in Erfüllung gehen?
Wir setzen uns zum Essen und planen die Hochzeit, die so bald wie möglich stattfinden soll.
Ich schwebe im siebenten Himmel und vergesse alles um mich herum. Nicht mal die mangelnde Begeisterung in Peters Gesicht fällt mir auf.
Am Morgen fährt er zur Arbeit und ich gehe Gassi mit Teddy, bevor ich mich fürs Shoppen fertig mache. Ich juble. In wenigen Wochen würde ich heiraten, was für ein Leben!
Ich kann mein Glück nicht fassen - wie gut, dass ich mich auf die Zeitungsannonce gemeldet hatte!
"Hallo Natascha!" In der Stadt treffe ich meine beste Freundin. - "Hallo Gabi, hast du auch frei?" - "Ja, hab mir einen Urlaubstag genommen heute. Hast du Lust, mit shoppen zu gehen?"
Ich liebe es, mit Natascha zusammen Stadtbummel zu machen.
Merkwürdig. Sie sagt zwar zu, aber irgendwie wirkt sie reservierter als sonst.
"Ist irgend etwas?" frage ich vorsichtig.
"Nein, es ist alles in bester Ordnung!"
Ich werde das Gefühl nicht los, dass Natascha sich zunehmend unwohl in meiner Gesellschaft fühlt. Als wir eine halbe Stunde unterwegs sind, verabschiedet sie sich höflich.
So kenne ich meine beste Freundin gar nicht!
Ein wenig enttäuscht gehe ich weiter.
Natascha wirkte so - so seltsam. So, als hätte sie Respekt vor mir, nein, eher, als hätte sie Angst vor mir bekommen.
Meine Kolleginnen im Büro verändern sich auch zunehmend.
Wo ist das gemütliche Schäkern geblieben?
"Gabi, ich hab Scheiße gebaut. Frank will Schluss mit mir machen, kannst du nicht mal mit ihm reden, dass er mir verzeiht?"
"Gabi, ich schaffe mein Arbeitspensum nicht mehr. Sprich doch mal mit Frau Berchtold, dass sie mich nicht so zumüllt!"
Ich tue, was man von mir will. Ich bin ja etwas. Ich habe die Macht, andere Menschen zu manipulieren. Wie kommt es nur, dass ich mir zunehmend wie ein Automat vorkomme, in den man oben eine Bitte hinein wirft und unten soll meine Hilfe heraus kommen?
"Wollen wir heute Abend miteinander ausgehen?" frage ich Sonja und Ellen eines Tages. Die beiden schauen sich an.
"Also, ich hab keine Zeit, muss noch einen Korb Wäsche bügeln!" entgegnet Sonja.
"Ich bekomme bereits Besuch!" sagt Ellen.
Ich fühle mich ausgeschlossen und abgestellt.
Ich fühle mich ausgenutzt.
"Es ist alles in bester Ordnung!" entgegnen Ellen und Sonja.
Am meisten zu schaffen macht mir jedoch meine Beziehung zu Peter. Er ist so anders geworden.
Ich freue mich auf unsere Hochzeit. Aber wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass Peter nicht mit ganzem Herzen dahinter steht? Wo ist die Leidenschaft geblieben, die er bisher immer für mich hatte?
Wenn ich ihn frage, dann antwortet er mir: "Schatz, es ist alles in bester Ordnung! Ich freu mich auf die Hochzeit!" - "Aber...." - "Es wird toll sein dich zu heiraten!" - "Meinst du das wirklich?" - "Schatz, es ist alles in bester Ordnung!" Monotone Stimme.
Plötzlich ergreift mich nackte Panik. Wie hätte Peter anders antworten können - es waren doch genau die Worte, die ich hören wollte! Ich bin ja diejenige, die seine Gedanken manipuliert! Er kann ja gar nicht anders antworten. Er ist ein Roboter geworden mir gegenüber, keine Leidenschaft, keine LIEBE. Und ist es nicht ebenso mit Natascha, Sonja, Ellen - sie sagen, was ich erwarte, sie reagieren, wie ich es will - aber ohne Liebe, ohne warmherzige Zuneigung.
Mit einmal kommt mir alles wertlos vor...... ohne Liebe.
Mir wird klar: Ich erreiche fast alles, aber Liebe lässt sich nicht mittels Manipulation erzwingen. All meine Beziehungen sind im tiefsten Grunde wertlos geworden.
Meine Angst wird immer größer.
In meiner Verzweiflung laufe ich zurück zu dem Mann, dessen Annonce ich gelesen hatte. Ich will, dass er die Wirkung dieser Pille weg nimmt. Ich komme an seinem Haus an - und finde einen anderen Namen an der Klingel. Der Mann ist nicht mehr da. Er ist unauffindbar.
Ich gehe nach Hause, rufe im Büro an, melde mich krank. Rufe Peter an und erzähle ihm, ich fahre zu Mama. Schließe mich in meiner Wohnung ein. Scheue mich davor, noch eine einzige weitere Beziehung zu pflegen und ihre Krampfartigkeit zu spüren. Ich habe Angst. Ich kann es nicht mehr ertragen. Tagelang liege ich im Bett. In aller Frühe und spät abends gehe ich mit Teddy Gassi. Will niemanden sehen. Eines Morgens steht Teddy steht erwartungsvoll neben meinem Bett. Er trägt keinen Morgenmantel zwischen seinen Zähnen. Ich bleibe im Bett sitzen und warte. Eine viertel Stunde. Eine halbe. Noch immer keine Spur von Morgenmantel. Ich rufe Peter an. In wenigen Tagen soll doch unsere Hochzeit sein. Ich will mich wieder darauf freuen können. Ich liebe Peter doch.
"Du, Gabi, hör mal, wir müssen miteinander reden! Wegen der Hochzeit. Bitte, lass sie uns noch ein paar Monate verschieben. Lass unserer Beziehung noch ein wenig Zeit zum Wachsen. Ich liebe dich über alles - aber das hier geht mir zu schnell!"
"Aber, nein, doch, ja, Peter, lass sie uns verschieben!"
Mein Herz macht den größten Luftsprung seines Lebens.



Eingereicht am 05. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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