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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das störende Melonen-Männchen

© Claus


Neulich traf ich einen Menschen mit einer Melone.
Ein älteres, dünnes Männchen hatte sie auf dem Kopf. Der Hut wirkte wie ein Faschings-Überbleibsel. Oder wie das Erbstück eines längst verstorbenen Verwandten.
Die Begegnung mit diesem dünnen Männchen war zufällig.
Es war frühmorgens an einem sonnigen Frühlingstag. Der Enkel schlief im Kinderwagen; ich wollte auf den Spielplatz im Park. Es war eine alte Straße; eng und ohne Bäume, aber mit Autos rechts und links zugeparkt.
Auf dem Bürgersteig sah ich ein altes, dünnes Männchen mit einer Melone auf dem Kopf. Beim Vorbeigehen wäre er mir vielleicht nie aufgefallen. Ich bekam aber Zeit, ihn ungewollt zu betrachten.
Das dünne Männchen lehnte fast an der Hauswand. Schräg über ihm eine kräftige ältere Dame, die beide geöffnete Fensterflügel ausfüllte. In der Hand hielt der Dünne eine Hundeleine, die zu einem Hündchen an der Bordsteinkante führte. Die dicke Frau schimpfte auf die Müllern, die nur die Kerle im Kopf hatte und keine Hausordnung macht. Der Mann mit der Melone lauschte andächtig. Das Hündchen versuchte ein Häufchen auf die Bordsteinkante zu setzen. Die Hundeleine fungierte als eine Art Absperrung. Die Autos standen so dicht aneinander geparkt, dass ein Durchkommen mit Kinderwagen nicht möglich war.
Als höflicher Mensch wollte ich weder Hund noch Herrchen stören. Also wartete ich geduldig. Die kräftige Dame sprach ununterbrochen und beobachtete mich. Sie überlegte sicherlich bereits, wie sie reagieren würde, falls ich es wagte, die angeregte "Unterhaltung" zu stören.
Nach etwa 10 Minuten war das Hündchen fertig und setzte sich neben sein Herrchen. "Na endlich", dachte ich. Die Sperre war aufgehoben, der Klügere hatte nachgegeben. Ich konnte meinen Spaziergang fortsetzen.
Einige Tage später traf ich erneut das Melonen-Männchen.
Ich fuhr im Auto Richtung Heimatstadt. Viel Verkehr und eine kurvenreiche Strecke. Vor mir trödelte ein kleiner PKW, der konstant bei der Geschwindigkeit von 60 km/h blieb. "Sonntagsfahrer", dachte ich, "Trödler und Blindschleiche". An ein Überholen war nicht zu denken. Plötzlich sah ich die bereits bekannte Melone auf dem Kopf des vor mir herfahrenden Bummlers. Mein Adrenalinspiegel stieg.
Ich kam 14 Minuten später zu Hause an. Wieder hatte mich das Melonen-Männchen ausgebremst. Innerlich bedachte ich ihn mit einigen kräftigen Schimpfwörtern, die ich hier nicht wiedergeben will.
Nur mit Mühe konnte ich mich beherrschen, als ich Tage später im Sparkassenraum erneut auf den Störenfried mit der Melone traf.
Ich wollte noch schnell die Kontoauszüge ausdrucken lassen. An allen 3 Kontoauszugsdruckern warteten Leute. Ich stellte mich an. Rechts und links ging es schnell vorwärts; ich hatte eine Reihe erwischt, die sich nicht bewegte. Mein Vordermann schüttelte den Kopf; eine ältere Frau in der Reihe murmelte etwas vor sich hin; eine junge Frau mit Kleinkind versuchte vergeblich, das Kind vom lauten Schreien abzuhalten.
Ich blickte zum Automaten und - dort stand das Melonen-Männchen. Ein dickes Bündel Kontoauszüge in der Hand, prüfte er jede Position, blätterte vor und zurück, tief versunken in Zahlen. Er hatte die Welt um sich vergessen und auch die Leute, die hinter ihm warteten. Endlich trat er zur Seite und ließ den nächsten Wartenden seine Chip-Karte einführen.
"Das geht nicht gut, wenn ich den wieder einmal treffe", dachte ich so vor mich hin. "Ich schüttele ihn trotz hohen Alters aus seinen Sachen oder ziehe ihm zumindest die Melone übers Gesicht", schwor ich mir.
Gestern sah ich ihn wieder.
In der Kaufhalle bewegte sich im Mittelgang nichts mehr. Kunden mit Einkaufswagen wollten in Richtung Gemüsestand und Käsetheke; kamen aber nicht vorwärts. Nichts ging mehr. Ich versuchte den Anfang des Staus zu überblicken und sah an der Spitze der Verstopfung eine Melone über den Köpfen der Kunden - das Melonen-Männchen. Sein Einkaufswagen stand quer, während er den Text auf den Müsli-Tüten studierte.
Wut stieg in mir auf.
Ich ließ meinen Einkaufswagen stehen und drängelte mich empört durch die Menge. Etwas unfreundlich sprach ich ihn an. Wir zogen uns an eine Stelle zwischen Gemüse und Käse zurück, wo wir niemanden störten. Nach fast 30 Minuten verabschiedeten wir uns. Ich erinnerte ihn daran, unsere Verabredung am Mittwochnachmittag nicht zu vergessen. Leider ging es bei ihm nicht eher; Vorträge, Zeitschriftenbeiträge, Stöbern im Stadtarchiv. Sein Terminkalender war dicht gefüllt. Die Termine kannte er ziemlich genau, sogar mit Zeit und Ort.
In dem kurzen Kaufhallengespräch hatte ich meine Meinung über ihn gründlich geändert. Ich begann, diesen alten Herren irgendwie zu mögen.
Eigentlich ein ganz sympathischer Mensch und ein fundierter Kenner der Stadtgeschichte.
Als ich ihn wegen seiner Versperrung des Kaufhallenganges ziemlich unfreundlich ansprach, erzählte er mir, dass er gestern Abend wieder einen interessanten Fund im Stadtarchiv gemacht hatte.
Damit traf er meine große Leidenschaft - die Geschichte meiner Heimatstadt. Noch nie hatte ich jemanden kennen gelernt, der sich so gut auskannte. 2 Fragen zu historischen Persönlichkeiten der Stadt, die mich seit langem interessierten und auf die ich bisher keine schlüssigen Antworten gefunden hatte, beantwortete er mir, als seien das Selbstverständlichkeiten.
Er war noch älter, als ich ihn geschätzt hatte. An die Melone hatte er sich gewöhnt. Er hatte sie früher immer mal wieder erneuert. Nun war sie schon etwas abgetragen. Er wusste keinen Laden, die eine solche Kopfbedeckung führte.
Sein Gehirn funktionierte vorzüglich. Ohne Zögern nannte er Geschichtszahlen und Fakten. Er war so etwas wie eine wandelnde Stadtgeschichts-Chronik.
Ich war fasziniert und freute mich auf eine angeregte Diskussion mit ihm. Ein wunderbarer Mensch. Warum hatte ich ihn nur so völlig falsch eingeschätzt und mich über Nebensächlichkeiten aufgeregt?
Heimlich schämte ich mich etwas über die schlechte Meinung, die ich vorher von ihm hatte ...



Eingereicht am 04. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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