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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Irgendwann

© Katja Minaeva


"Dies ist die Praxis von Dr. Ludowich Hess. Im Augenblick bin ich nicht …" Enttäuscht legte ich auf. Dies war schon der fünfte Therapeut, der entweder nicht zu erreichen war oder keinen Platz hatte. Lag das an mir? Brauchte ich keine Hilfe? Ich schaltete den Fernseher an und ging in die Küche. Wollte mir niemand helfen? In Gedanken öffnete ich den Kühlschrank. Ich sah nichts Interessantes und schloss die Tür. Dann schaute ich in den Schrank. Auch nichts zu sehen. Dennoch griff ich nach dem Kuchen. Dann öffnete ich erneut den Kühlschrank und holte den Schokoladenpudding hervor. Dann setzte ich mich vor den Fernseher und fing an zu essen. Zuerst den Kuchen und danach den Pudding.
Wieder ging ich in die Küche und öffnete den Schrank. Ich musste mehr essen.
Ich nahm die Lebkuchen heraus und schaufelte alle in mich hinein. Ich trank ein Glas Wasser hinterher, damit es später beim Kotzen leichter heraus kam und nahm noch den Rest vom Pudding. Kaum noch fähig zu atmen, trank ich zwei Gläser Wasser setzte mich für einen Moment und lief dann zur Toilette um alles zu erbrechen.
Zehn Minuten später setzte ich mich erschöpft in den Sessel. Ich fühlte mich erleichtert, aber nach zehn Minuten bekam ich Schuldgefühle und ging raus um eine Zigarette zu rauchen. Gedanken plagten mich. Ich dachte an die Klinik, die ich vor fünf Tagen verlassen hatte. Natürlich war es dort nicht einfach gewesen.
Aber hätte ich dort nicht einfach bleiben sollen und mich mit meiner Krankheit auseinandersetzten? Wieso hatte ich abgebrochen? "Sie stehen gerade mal am Anfang!", hatte meine Therapeutin mir gesagt. "Sie machen einen Fehler, wenn Sie jetzt alles hinschmeißen …" Wahrscheinlich hatte sie Recht gehabt.
Vielleicht lag es auch an mir. "Nicht therapierbar!" Ich sprach es langsam aus und schnipste den Zigarettenstummel weg. "Nicht therapierbar und gefühlskrank!" Ich ging am Spiegel vorbei und blieb stehen. Ich konnte nicht fassen, wie dick ich geworden war. Ich war nicht mehr das Mädchen, das man zum Zunehmen aufforderte. Und das war auch einer der Gründe, wieso ich die Klinik verlassen hatte. Ich nahm dort zu und war unfähig gewesen etwas dagegen zu tun. Hier würde ich mir das wieder weghungern, wenn es nötig wäre und das war es. Immer hatte mich meine Therapeutin gefragt, was ich denn davon hatte so untergewichtig zu sein. Das machte mich so sauer! Selbstverständlich hatte ich etwas davon. Ich fühlte mich so unendlich klein und zierlich. So leicht. Andere hatten sich um mich einen Kopf gemacht. Und jetzt? Ich fühlte mich nicht mehr wohl. Es war als ob ich in einem Körper gefangen war, mit dem ich nichts zu tun hatte und nur darauf wartete endlich heraus zu kommen. Ich setzte mich erneut vor den Fernseher und kuschelte mich in eine Wolldecke. Hätte ich doch gar nicht erst mit dieser Kotzerei angefangen …
Das Telefon klingelte und riss mich aus dem Schlaf. Ich war wohl eingenickt.
Leicht verwirrt meldete ich mich. Es war meine Mutter. Sie wollte mit Horst essen gehen und fragen, ob ich mitkommen wollte. Bei dem Gedanken ans Essen drehte sich mir der Magen. Ich stimmte dennoch zu und machte mich auf den Weg ins Büro. Zum Glück war es nicht weit entfernt. Es lag genau gegenüber von unserer Wohnung. Ich rauchte noch eine Zigarette und klopfte an die Tür. Meine Mutter öffnete und stritt sich mal wieder mit ihrem Freund. Jeden Tag dasselbe, dachte ich mir. Ich konnte mich kaum noch an einen Tag erinnern, wo die sich nicht gestritten haben. "Müsst ihr den immer so rumschreien?" Meine Mutter sah mich an. "Da musst du dem Mann, mit der Glatze danken!" Mit dem Mann meinte sie ihren Freund, Horst. Ich schüttelte den Kopf, sagte, ich würde draußen warten und zündete mir noch eine Zigarette an. Eine Frau ging an mir vorbei und sah unzufrieden aus. Ich lächelte sie an, aber sie dachte nicht daran mir zurück zu lächeln. Komische Welt, wusste denn niemand mehr, was Freundlichkeit war? Ich hatte Verständnis dafür, dass man nicht mit einem Dauergrinsen durch die Gegend laufen konnte, aber wenigstens ab und zu mal eine Person anzulächeln, die einem entgegenkam … Von weitem sah ich einen Bekannten und lächelte ihn an. Dave lächelte zurück. Wir unterhielten uns kurz und verabredeten uns für acht Uhr.
Ich mochte ihn. Seitdem er auch einen Hund hatte trafen wir uns öfter um gemeinsam mit ihnen raus zu gehen. Ab und zu rief er mich nachts an. Wieso, weiß ich immer noch nicht. Er ist Fische vom Sternzeichen und ich hatte gelesen, dass Fische sehr sonderbar sein können. Ob es wohl daran lag? Oder lag es an mir, dass er sich so seltsam verhielt? Er wollte zwar schon zweimal mit mir in die Disko, aber das hatte sowieso nichts zu sagen. Oder? Irgendwie hatte mich der Gedanke an ihn in eine trübe Stimmung versetzt, also ging ich wieder hinein und bat meine Mutter sich zu beeilen. Ich dachte wieder ans Essen und wie ich dem umgehen konnte. Essen und kotzen oder nicht essen? Schließlich bestellte ich mir doch etwas und erbrach es dann. Der Gedanke daran ein warmes ganzes Abendessen zu behalten, war noch weit von mir entfernt, sehr weit.
Alles, was ich in der Klinik gelernt hatte, auch wenn es nicht viel war, hatte ich, seitdem ich wieder zu Hause war, verlernt. Ich hockte mich in mein Zimmer sah auf die Uhr und hätte mich auf den Mond schießen können. Verdammt! Es war schon längst nach acht. Schon fast neun Uhr. Ich dankte mir und meiner Krankheit und hockte mich deprimiert auf die Couch. Nicht mal seine Nummer hatte ich…
Am nächsten Morgen musste ich etwas im Büro arbeiten. Ich war noch ziemlich fertig vom Vortag. Bevor ich mich schlafen gelegt hatte, hatte ich noch einen Fressanfall gehabt. Die Arbeit im Büro würde mich etwas ablenken. Ich dachte an Dave und fragte mich, ob er es mir übel nahm, dass ich nicht gekommen war. Aber gleichzeitig war es mir egal. Ich wendete mich der Arbeit zu und verschwendete keinen Gedanken mehr an ihn. Meine Mutter kam im Büro an. Sie studierte noch nebenbei und war gerade aus der Uni gekommen. "Machst du mir bitte einen Kaffee?" Ich gehorchte brav und machte mir ebenfalls eine Tasse. "Hast du schon etwas gegessen?" Ich schüttelte den Kopf. Wieso musste sie mich immer wieder damit konfrontieren? Als ob ich nicht schon genug Zeit damit verbrachte, ans Essen zu denken. "Ich möchte, dass du was ist. So kann das nicht weiter gehen." Gedanken an den gestrigen Tagesablauf stiegen in mir hoch. Sie konnte mich einfach nicht verstehen. Sie war nicht in meinem Körper drin und konnte das Gefühl in ihm nicht nachvollziehen. Sie konnte nichts nachvollziehen, was mich betraf. Manchmal fiel es mir selber schwer mich zu verstehen, wieso ich so geworden war. Wiederum wusste ich nicht mehr, wie ich ohne Essstörung war. Ob es wohl Menschen gab, die damit auf die Welt kamen? Ich sah nach draußen.
Hektisch liefen Menschen vorbei. Kein Anzeichen von Ruhe oder Gelassenheit.
Starre Mienen ohne Ausdruck. Eines Tages werde ich es vielleicht ebenfalls schaffen und genauso hektisch zur Arbeit laufen. Acht Stunden lang. Jeden Tag.
Irgendwann werde ich keine Zeit haben zu Essen und zu Kotzen. Irgendwann ...



Eingereicht am 04. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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