www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Reise in die Vergangenheit

© Conny Claussner


Der Lärm von Autos, die sich durch die Stadt quälten, schmerzte in meinen Ohren. Schlechter Geruch machte sich breit. Abgase konnten schon immer wegen der engen Straßenschluchten schlecht abziehen. Auch heute noch. Früher, als ich noch hier wohnte und lebte, störte es mich nicht. Ich war diese Mischung aus Kohle-Gasen und Auspuffausstößen gewohnt. Meine Schritte lenkten auf den alten Bürgersteigen zu einem großen Mietshaus. Das alte schmiedeeiserne Tor knarrte beim Öffnen immer noch so laut wie vor 30 Jahren. Mein Elternhaus war saniert und strahlte in einer hellen Cremfarbe. Früher war es grau und unansehnlich. Ich war dabei, eine Reise in die Vergangenheit zu machen und wollte meinen damaligen Hauswirt besuchen, der immer noch dort wohnte. Als ich in den Hof eintrat, überkam mich wieder dieses beklemmende Gefühl von Enge. Kein Grün, kein Rasen, nur Pflaster und dieser Gestank. Überall Schilder: "Betreten verboten". Stimmen der Vergangenheit wurden laut. "Sylvia kommst du endlich! Es ist schon spät", rief meine Mutter aus dem Badfenster in den Hof. Wehe ich kam zu spät zum Essen, da gab es Zunder von Vati. Er war ein Perfektionist und duldete keine Unpünktlichkeit und Unordnung. Ich befand mich nun im Treppenhaus. Es war hell und freundlich gestrichen. Die alten Steinstufen, in denen sich beim Wischen so gerne kleine Pfützchen gebildet hatten, waren durch glatte Marmorstufen ersetzt.
Ich klingelte bei meinem ehemaligen Hauswirt und Freund. Ernst öffnete, eine herzliche Umarmung folgte. Der Zahn der Zeit hatte auch an ihm genagt. Er war nun grau und Falten durchzogen seine Gesichtszüge. Aber sein lustiges Lächeln war noch unverkennbar. Auch seine Frau kam, um mich zu begrüßen. Ilona war noch immer eine attraktive Erscheinung mit ihren roten Haaren. Bei Kaffee und Kuchen wurden alte Erinnerungen ausgetauscht. Na sag mal: "Das Haus sieht ja jetzt richtig schmuck aus", begann ich das Gespräch. "Nur die alte Türe knarrt immer noch". Ernst lachte: "Jedes Mal wenn sie knarrt, muss ich an dich denken. Du konntest dadurch nie verheimlichen, wann du nach Hause kamst." "Ja, ja und einmal hat mich Vati erwischt wie ich mich mit meinem Freund knutschte. Welch ein Skandal!" Wir lachten über die spießigen Ansichten meiner Eltern. Später sahen wir ein Fotoalbum an. "Na dein Vater, Ernst, war ja auch einer. Ich frage mich heute noch, wie er es immer schaffte, aus dieser schmalen Toreinfahrt den Wagen zu lenken, ohne dabei anzuecken. Dabei war er ja auf einem Auge blind, nicht wahr?" Ilona lachte jetzt auch laut. Es gab viel zu erzählen. Von der Schulzeit, von den Streichen. Diese Zeitreise war etwas Besonderes für mich, kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag. Heute sieht man viele Sachen mit anderen Augen. Es war ja auch eine andere Zeit, damals in der DDR. "Weißt du noch", begann Ernst erneut das Gespräch, "Als sie von der FDJ kamen und unsere Westantennen vom Dach holen wollten?" "Oh ja, die haben wie verrückt an der Hautür getrommelt, kamen aber nicht rein." Vati wollte sie alle erschießen, mit dem Kindergewehr. Wieder lachten wir. "Und als ich mal den Schlüssel vergaß, bin ich hinten über die Mauer geklettert und habe mir dabei den Fuß verstaucht", gab ich nun zum Besten. "Wann musst du denn wieder zu Hause sein?", fragte Ernst wie beiläufig. "Ich werde um 17 Uhr losfahren", sagte ich darauf hin und sah an die große alte Wohnzimmeruhr, die schon auf 16Uhr hin zeigte. "Himmel, wie schnell die Zeit verging." Ernst setzte nun sein bekanntes Lächeln auf. "Du kannst doch da bleiben. Schlafe einfach in deiner Bodenkammer, wie früher." "Meinst du wirklich?", fragte ich ungläubig. "Ja", beharrte nun auch Ilona, "sie dient jetzt als unser Gästezimmer."
Es war schon spät, als ich die Holztreppe in mein altes Zimmer nahm. Sie knarrte im Gegensatz zu der alten Türe nicht mehr. Ich öffnete die Fensterluke und sah über die Dächer meiner Heimatstadt. Schlafend lag sie da. Nur ein Hund bellte von weitem. Das große Schulgebäude wirkte gespenstig in der Nacht. Unten im "Neuberinhaus", dem Theater, gingen gerade die großen Außenlichter aus. "Eine Reise in die Vergangenheit", dachte ich und legte mich müde ins Bett. Kurz vor dem Einschlafen hörte ich noch, wie die große alte Tür unten im Haus laut knarrte ---



Eingereicht am 04. März 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««