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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tod im Barrio

© Onivido Kurt


Kein Radio plärrte aus den unverputzten, rostroten, an den steilen Abhang geklebten Ranchos - Ziegelbarracken - mit ihren löchrigen Wellblechdächern, kein Kindergeschrei, kein Gezank. Der Barrio - der Slum - wartete mit angehaltenem Atem auf den Bandenkrieg.
Chago hatte Pulpo erschossen, vor allen Nachbarn, als dieser, bis über die Ohren gedopt, ihm vor dem Rancho seiner Mutter mit einer Schrotflinte auf den Leib gerückt war. Am Vormittag danach wurde Pulpo beerdigt. Seine Kumpane und Tarzan, sein berüchtigter Bruder, hatten im Barrio einige Jeepseros mit Drohungen und Waffengewalt dazu gezwungen sie zum Friedhof zu fahren. Dort ballerten sie am Grab herum und schworen Rache. Hernach kehrten sie in den Slum zurück, koksten und machten sich daran Chago aufzuspüren. Aber auch die Polizei hatte einen lauen Versuch gemacht ihn zu finden und er war längst verschwunden. Zurückgelassen hatte er seine Mutter, seine Schwestern und einen fünzehnjährigen Bruder. Pulpos Bande wollte Vergeltung. Sie wollten töten um zu zeigen wer Herr im Barrio war, sie wollten töten um ihren Gefühlen Luft zu machen. Es war egal wen, wenn sie Chago nicht finden konnten, würden sie seine Mutter, seinen Bruder oder eine seiner Schwestern ermorden und wenn diese auch untergetaucht waren, so war im fortgeschrittenen Stadium des Kokainrausches jeder andere Bewohner des Barrios ein geeigneter Sündenbock.
Chagos Hotdogwagen, wo er außer Hotdogs auch Crack, Kokain und gestohlene Waffen verkaufte, stand verlassen an einen Betonpfeiler des Ranchos seiner Mutter gekettet. Bis auf seine Mutter und eine Schwester hatte die Familie schon das Weite gesucht. Die engen betonierten Gassen, von denen sonst herumlungernde Jugendliche und arbeitslose Alte hinuntersahen auf das Hochhausviertel der Mittelklasse auf der anderen Seite der Straße am Fuß des Abhangs, waren leer bis auf einige zerrissene Plastiktüten und Glasscherben. Abwasser, das aus einer gebrochenen Betonröhre hervorsprudelte, floss in einem übel riechenden Rinnsal auf der Gasse an den Mauern entlang den Hang hinab.
Goyo hatte heute Training. Er wollte nicht fehlen, denn heute ging es um seinen Einsatz als Pitcher beim Spiel am Wochenende. Er durfte, er konnte nicht fehlen. Baseball war seine einzige Chance aus diesem Treibhaus des Elends zu entkommen. Er war zwölf, der jüngste von fünf Geschwistern. Sein Vater lebte mit einer Obsthändlerin eigentlich ganz in der Nähe, aber er kümmert sich nicht um ihn. Goyo saß alleine vor dem Fernseher, seine drei Schwestern waren nachmittags in der Schule. Seine Mutter arbeitete als Putzfrau. Sie hatte ihm eingeschärft sofort nach dem Unterricht nach Hause zu gehen und sich dort einzusperren. Das hatte er auch getan. Aber das Training begann um sechs. Er durfte nicht fehlen. Er musste Baseball spielen, er wollte heraus hier, weg von dem täglichen Morden, er träumte davon von einem Scout der Big Leagues in die USA eingeladen zu werden. Er träumte davon ein Star zu werden, er träumte von Luxusautos, er würde seiner Familie ein Haus kaufen in einer anständigen Wohngegend. Nie mehr würde seine Mutter die schmutzige Wäsche anderer waschen. Im Barrio würde er als Vorbild geachtet werden, er würde ein Baseballfeld für die Kinder des Slums anlegen lassen und Sportkleidung stiften. Sogar die Choros - die Ganoven - würden ihn respektieren. Er musste zum Training. Er blickte durch die vergitterte Fensterlucke auf die Straße. Niemand. Es war 5 Uhr nachmittags, Zeit zum Gehen. Er warf seine Sportsachen in eine abgewetzte, kleine Reisetasche. Lange blickte er auf seinen Baseballhandschuh, Geschenk seines Vaters, bevor er ihn in die Tasche legte. Warum war sein Vater nicht bei seiner Mutter geblieben? Die Obsthändlerin sah nicht besser aus als seine Mutter, im Gegenteil. Wieder spähte er hinaus auf die Gasse, keine Menschenseele, nicht einmal ein streunender Hund. Er trat auf die Gasse hinaus, sah sich nach allen Seiten um und verschloss die Tür sorgfälltig, dann eilte er den Abhang hinab zur Straße. Als er um die Ecke bog, traf ihn eine Kugel in die Schläfe.
Tage darauf war der Slum wieder einigermassen zur Ruhe gekommen. Eine verirrte Kugel bei den Schießereien zwischen der Bande Pulpos und den fremden Typen, die Chago zum Schutz seiner Mutter geschickt hatte, hatte Goyos Träumen ein Ende bereitet. Am frühen Morgen des vierten Tages nach Goyos Beerdigung ging Chucho, sein älterer Bruder, zu Chagos Mutter. Er verließ sie mit einer Pistole, Marke Glock, unter dem Hemd und zwei vollen Magazinen in den Taschen. Er atmete tief und ging bergauf zum Rancho in dem Pulpos Bruder hauste. Die letzten Meter huschte er an den Hausmauern entlang. Dann entleerte er blindlings ein Magazin der geliehenen Pistole durch das einzige Fenster der Behausung Tarzans. Er steckte das leere Magazin in die Tasche, schob ein Ersatzmagazin in die Pistole, stieß die Tür auf und erschoss - aus Angst - eine kreischende Frau, die sich schützend vor einen Mann gestellt hatte und als sie zusammenbrach erlegte er den Mann hinter ihr, er wollte keine Zeugen. Tarzan selbst lag auf dem Boden zwischen Tisch und Fenster. Ein roter Klecks breitete sich eine handbreit über seinem Nabel aus. Chucho stellte seinen rechten Fuß auf den Oberschenkel Tarzans, richtete den Lauf der Pistole auf dessen Kopf und schoss dreimal. Er steckte die Waffe über seinem Gesäß in den Hosenbund und ging bergabwärts. Bei Chagos Mutter hielt er kurz an und gab die Pistole und die Magazine zurück. Dann ging er weiter zum Rancho seiner Familie, öffnete die Tür einen Spalt und sagte ohne einzutreten zu seinen Schwestern: "Ihr verschwindet hier besser."
Ohne Hast stieg er die Treppen hinab auf die Straße, die sein kleiner Bruder auf seinem letzten Weg nicht mehr ereicht hatte, hielt einen Microbus an und fuhr in ein Villenviertel wo er eine Hauswand zu streichen hatte.



Eingereicht am 24. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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