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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Noch nicht mal ein Blick ...

© Elke Link


Die Lautsprecherstimme des Busfahrers kündet den Namen der Haltestelle an, der sich mein morgendlicher Bus nähert. Der Bus fährt rechts in die Haltebucht, die Falttüren klappen mit lautem Geräusch auseinander. Es herrscht eine allgemeine Unruhe. Ein kalter Luftzug erschreckt meine Beine, die sich nach Wärme suchend an die Heizungslamellen, die sich unter meinem Sitz befinden, pressen. Ich bin froh, einen Sitzplatz zu haben. Einigen der anderen Fahrgäste sieht man es an, dass sie mir diesen Platz nicht gönnen. Die Türen schnappen wieder zu, was zur Folge hat, dass die Menschen in diesem Bus wieder zufriedener dreinschauen. Die Fahrt wird wieder angenehmer, man kann noch ein paar Minuten weiter träumen, bevor es an die Arbeit geht. Es sind nur vier, fünf Leute eingestiegen, einige putzen ihre Brillen, weil sie von der Kälte beschlagen sind. Ich war auf diesen Moment gespannt, ich schaue mir die Zugestiegenen alle genauestens an und überlege, WER es denn sein könne, auf den sich mein Interesse so - alles andere unbedeutend machend - stützt.
Es war vorgestern Morgen. Ich hatte keinen Sitzplatz, sondern stand am Fenster, beobachtete ziemlich gelangweilt die Fahrgäste, wie sie ein- und ausstiegen, ich hatte noch ca. ½ Stunde Fahrzeit vor mir. Plötzlich bemerkte ich, dass sich jemand hinter mich stellte, NICHT, dass er etwas sprach, nein, ich spürte nur seinen Atem, der leise um meinen Hals spielte. Und ich roch diesen Atem, der mir nicht unangenehm war, sondern der meine Sinne betäubte. Und ich spürte seinen Blick, der auf mir ruhte. In der Angst, die Situation zu zerstören, traute ich mich nicht, mich zu bewegen, geschweige denn, mich umzusehen. So lange es ging genoss ich den Moment.
Eine schlaflose Nacht war das Resultat dieses Erlebnisses, das mich auch heute auf eine Wiederholung hoffen lässt.
Aber heute steigt an der Haltestelle niemand zu. Der Bus ist total überfüllt, es herrscht ein Gedränge und Geschubse, ein Fahrgast muss sich übergeben und der Bus hält aus diesem Grunde erneut an. Die Leute gucken grimmig wegen der Kotze, die unangenehm riecht, manche meckern leise, andere wiederum schütteln den Kopf, wieso man denn da meckern könne. Wie auch immer - die Fahrt geht weiter, meine Blicke schweifen desinteressiert aus dem Fenster, die Sache von gestern scheint vergessen, bis mein Blick auf zwei Hände fällt, die sich krampfhaft an den Haltestangen, die in der Mitte des Busses angebracht sind, festhalten. Erst schenke ich diesen Händen keine Beachtung, doch dann empfinde ich für diese Hände irgendwie Sympathie. Sie kommen mir irgendwie vertraut vor, aber ich kann sie nicht einordnen. Es sind starke gepflegte Hände, nicht mehr ganz so jung. Doch dann bemerke ich plötzlich, dass ich sie nicht mehr sehe, diese Hände, und ich bin enttäuscht. Und schon wieder schaue ich aus dem Fenster und meine Blicke verirren sich in der frühmorgendlichen Hektik, die da draußen auf den Straßen herrscht.
Plötzlich bin ich hellwach, wie ein Blitz trifft mich die Erkenntnis, dass ER wieder da ist. Schon wieder rieche ich diesen Atem, der mich ruckartig aus meinen Träumen reißt. Ja - er ist wieder da und wie vertraut er mir schon ist!
Und wieder wage ich nicht, mich umzudrehen, und ihn anzuschauen.
Ich genieße diese Nähe und ich beuge mich ein wenig nach hinten, in der Hoffnung, ihn zu berühren. Aber da ist nichts, wo ich mich anlehnen kann.
Plötzlich bremst der Bus, weil eine Katze den Weg kreuzt, alle Fahrgäste schreien kurz auf, und alle Blicke sind aus dem Fenster in Richtung Straße gerichtet, als seine Hand sich kurz auf meinen Arm legt, und wenige Sekunden darauf liegen bleibt.
"Pardon", flüstert er leise hinter mir, dicht neben meinem Ohr.
Wie ein geduckter Hund, der sich nicht traut, sich zu mucksen, stehe ich wie angewurzelt da. Noch nicht mal ein "Bitte" oder "Macht nichts" bekomme ich raus. Ich bin wie in Trance, wage nicht, zu atmen, um den Zauber der Situation nicht zu verderben. Und wieder spüre ich seinen Blick, der lange auf mir ruht und mich erstarren lässt, doch es ist mir unmöglich, ihn anzuschauen.



Eingereicht am 18. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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