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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Heiners Mission

© Anja Posner


Heiner war ein toller Mann. Nein, wirklich. Heiner war mit allem ausgestattet, was man sich von einem wie ihn hätte wünschen können. Obendrein war er äußerst attraktiv, sein erotisch geschwungener Mund konnte fantastisch küssen und seine wohl geformten Hände ließen jede erschüttern, die mit etwas Fantasie ausgestattet war. Heiner war humorvoll, einfühlsam, konnte prima kochen, und Heiner war auf eine Weise gebildet, wie man es mag. Heiner liebte Kinder, und wenn Heiners ausgefüllter Tag als erfolgreicher Anwalt es zuließ, schwang er sich abends noch in die Laufklamotten und joggte in ansehnlichem Tempo durch die Straßen seiner sympathischen Wohngegend. Heiner war ein Beau, hatte Charisma, und wenn er eine Frau liebte, dann legte er ihr die ganze Welt zu Füßen, weitaus länger als die meisten es tun, wenn sie es tun.
Heiner war nicht echt. Er war ein Fantasiemann. War erfunden worden von einer Hobbyschreiberin, die eine Weihnachtsgeschichte hatte schreiben wollen, und er sollte die Hauptfigur sein. Eine Mischung aus tränentreibender Selbstfindungsschnulze und süßlichem Märchen sollte es werden. Das war jedoch schief gegangen, trotzdem sich der fantastische Heiner dank seiner geistigen Mutter durchaus bemüht hatte, so etwas wie Besinnlichkeit aufkommen zu lassen. Eines Nachmittags dann, nachdem die Autorin Heiner mit besagtem Sexappeal ausgestattet hatte, konnte sie nicht widerstehen und ging mit ihm ins Bett. Großartige Stunden waren das … auf dem Papier. Um die Geschichte, die inzwischen eher eine erotische war, wenigstens etwas weihnachtlich zu machen, dichtete sie Heiner eine Wohngemeinschaft mit dem Weihnachtsmann höchstselbst an. Da konnte selbst Heiner nichts mehr verrichten. Die Geschichte scheiterte und landete in einer dunklen Schublade, lange bevor es für Heiner anders hätte ausgehen können. Gleich nach seinem Einzug ins Loft des Weihnachtsmannes war der arme Heiner im unfreiwilligen Aktendeckel-Exil gelandet. Das war Ende November. Die Autorin schrieb dann noch etwas wirklich Weihnachtliches und lernte im wirklichen Leben einen wirklichen Mann kennen. Bei so viel Wirklichkeit vergaß sie Heiner und die Geschichte ganz und gar, die treulose Person. Doch niemand, der das Machwerk kannte, und das waren aus guten Gründen nur wenige, hätte es ihr verdenken wollen.
Inzwischen hatte es viele gegeben, die an Heiner gedacht hatten. Doch nie war es lang genug gewesen, und oft fantasierte man ihn mit falscher Augenfarbe und einem anderen Gang. Ende Februar hatte Heiner fast einmal den Weg aus der Schublade geschafft. Ganz stark hatte er gefühlt, wie groß die Sehnsucht nach einem wie ihm war. Doch im letzten Augenblick hatte sich diese eine, sie hieß Marianne Wirtenberg, aber das wusste Heiner nicht, gewünscht, er würde ein Greenpeaceaktivist sein. Doch Heiner gehörte eher zur Fraktion der M-Klasse-Fahrer. Auf Umweltschutzschutz stand er nicht so. Er plumpste zurück auf die Seiten, die ihn erschaffen hatten. Was schade war. Für ihn und für Marianne Wirtenberg, die all seine anderen Eigenschaften geliebt hätte. Und Heiner wäre wirklich gern mal wieder raus gekommen. Als Heiner erdacht wurde, war er glücklicherweise mit einer ungeheuer großen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet worden. Zum einen war das nötig, damit Heiner eine Frau auf die richtige Art in den Arm nehmen und küssen konnte, zum anderen bescherte ihm sein ausgeprägtes Selbstwertgefühl eine ungebrochene Zuversicht, was das Entkommen aus der Autorenschublade betraf. Auch noch Anfang April.
Es goss in Strömen. Martina Möller war unter eine Eisenbahnbrücke gelaufen und fand dort Schutz vor den Tropfen, die nahezu bonbongroß vom Himmel klatschten. Dabei hatten sie doch Sonne angesagt. Den ganzen Tag sollte sie scheinen. Und nun? Nun war der Himmel grau, und es sah nicht so aus, als würde der Regen je wieder aufhören wollen. Verfluchter Mist, dachte Martina Möller und wischte sich eines ihrer Löckchen aus der regennassen Stirn. Sie hatte keinen Schirm eingesteckt und war meilenweit von der nächsten Straßenbahnhaltestelle entfernt. Ob angesagt oder nicht, der Regen passte zu diesem Tag. Er passte in das Leben der Frau, die sich in dieser Sekunde nur mit einem flinken Satz Richtung Hauswand vor der Wasserfontäne eines vorüber fahrenden LKWs retten konnte. Wäre doch nur nicht alles so traurig gewesen, dann hätte Martina Möller spätestens jetzt schallend gelacht, wo sie doch so gern lachte. Doch alles war traurig. Martina Möller war traurig. Aus so vielen guten Gründen.
Am Abend zuvor hatte ein Mann namens Manfred mit Martina Möller Schluss gemacht. Die Beziehung, die eine erwachsene gewesen war, endete mit einem halbwüchsigen Ich mach Schluss, und Martina Möller hatte tapfer jede einzelne Träne runtergeschluckt bis Manfred die Tür hinter sich ins Schloss hatte fallen lassen. Dann hatte sie geweint, viele Stunden lang, so lange, bis die Sonne wieder aufging und Martina Möller sich schon ganz ausgedörrt fühlte. Gegen Mittag war sie zu diesem Spaziergang aufgebrochen, der sie unter diese Brücke geführt hatte, unter der sie jetzt stand und auf besseres Wetter wartete, vielleicht in mehr als einer Hinsicht.
Martina Möller hatte die besten Jahre hinter sich. Nicht dass sie sich mit Mitte vierzig wirklich alt fühlte, doch sie spürte seit langem, dass die Leichtigkeit aus ihrem Leben entschwunden war, ebenso heimlich wie die Jugend, der Optimismus und die Unbedarftheit eines Tages zur Tür raus waren, so wie Manfred letzte Nacht. Doch immerhin gab es da noch ihren Humor. Der war zwar manchmal auch schon fast auf und davon gewesen, aber bisher hatte sie es immer vorher bemerkt und es verhindert. Der Humor war noch da. Manchmal fragte sich Martina Möller, wie lange wohl noch. Nun musste sie aber aufpassen, dass sie nicht gleich wieder anfing zu heulen. So ein Dreckskerl, dachte sie. Dabei hatte sie ihn damals eigentlich nur aus Mitleid in ihr Leben gelassen. Die Bude hatte er ihr eingerannt, so verliebt war er angeblich gewesen. Und nun? Martina Möller blies verächtlich Luft durch ihre Zähne. Die Chemie würde nicht mehr stimmen zwischen ihnen, hatte er gesagt. Dabei war Manfred auch nicht gerade das Gelbe vom Ei gewesen. Aber irgendwie hatte sie ihn lieb gewonnen. Außerdem standen die Männer bei ihr nicht mehr Schlange, so wie früher. Früher hätte Martina Möller jede Nacht einen anderen haben können. Und so einen wie Manfred schon lange. Aber diese Zeiten waren schon eine ganze Weile vorbei.
Der Regen wurde schwächer. Kurz nachdem er ganz aufhörte, kam die Sonne wieder zum Vorschein und tauchte die Straßen in das Licht, das Martina Möller am meisten mochte. Sie seufzte. Vielleicht war ja die Wendung des Wetters zum Guten ein Zeichen. Vielleicht sollte sich ihr Leben ja auch wieder zum Guten wenden. Sie wechselte die Straßenseite und ging Richtung Park. Vielleicht würde ihr bald wieder jemand begegnen. Vielleicht sogar ein richtig toller Mann. Attraktiv würde er sein, groß und schlank. Erfolg im Beruf würde er haben, wäre humorvoll und einfühlsam. Er könnte kochen und schöne Hände hätte er auch. Martina Möller hatte eine Schwäche für schöne Hände. Und für sinnliche Münder. Das hatte sie fast schon vergessen. Während sie sich den Mann ihrer Träume fantasierte, wurden ihre Schritte federnd leicht und ihr Mund begann zu lächeln. Möglicherweise würde ihr Traummann sie sogar beim Joggen begleiten, und vielleicht, nur vielleicht würde er sogar die Kinder mögen. Die waren inzwischen zwar längst erwachsen und hatten ihre eigenen Leben. Aber Martina Möller hatte sich von den Männern immer etwas mehr Interesse an ihnen gewünscht. Von Manfred und auch von Bernd und dem vorvorletzten Mann, er hieß Hans-Werner. Aber die hatten ja ihren eigenen Stress und ihre Probleme. Da war kein Platz für ihre Kinder, egal wie sehr Martina Möller es sich wünschte. Sie bemühte sich, es zu verstehen. Irgendwie. Aber anders wäre es schön gewesen. Dann wären sie so etwas wie eine richtige Familie gewesen. Wenigstens manchmal. Ach, wenn da nur ein Mann käme, der mich so liebt, wie ich bin, dachte Martina Möller.
An diesem Tag öffnete sich die Schublade, in der die Illusion eines perfekten Heiner monatelang brach gelegen hatte. Heiner sprang mit einem Satz hinaus, streckte sich in der Mitte des Zimmers, je einmal in jede Richtung, machte einen weiteren Satz und landete in tadellosem Joggingoutfit auf dem Fitnessparcours des Hans-Christian-Andersen-Parks. Er setzte sich in Bewegung und als er die Frau am Ende des Weges sah, wurde er noch etwas schneller. Auf ihrer Höhe drosselte er das Tempo, grüßte mit seinem strahlendsten Lächeln, und noch vor der nächsten Wegbiegung waren er und die Frau in ein scheinbar höchst amüsantes Gespräch vertieft.
Martina Möller verbrachte ein paar Wochen mit Heiner, dem wunderbaren Mann aus dem Park. Als sie ihn wieder gehen ließ, hatte sie das Gefühl der Einsamkeit verloren eine große Portion ihrer Zuversicht wieder gewonnen. Und Heiner? Der hat seit den Wochen mit der traurigen Spaziergängerin bestimmt schon wieder Einige beim Stolpern vorm Fallen bewahrt.



Eingereicht am 17. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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