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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Mutti im Stress - mal wieder versagt!

© Elke Link - geschrieben 1987


Es war Montag, so gegen 7.10 Uhr, in der größten Hektik, als unser Marco, unser Zweitältester, 15 Jahre alt, wie so oft, allmorgendlich, in penetranter Art und Weise darauf drängte, pünktlich zum Bahnhof abzufahren, wo gegen 7.30 Uhr sein Zug zur Schule nach Lahnstein abfuhr. Da ich mich wohl am besten dazu eignete, diesen "notwendigen Fahrdienst", zu "erledigen", war ich also dazu verurteilt dies zu tun.
Allzu oft hatte Marco schon erlebt, dass der Zug ihm vor der Nase abgefahren ist. Dann sahen wir, obwohl wir uns noch auf der Bundesstraße befanden, den Zug auf dem Bahnsteig stehen, die 3 hellen Lichter, die in der morgendlichen Dunkelheit erleuchteten Weihnachtsbäumen gleichen, und mich, vor allem in der Vorweihnachtszeit weihnachtlich stimmen, triumphierend leuchten, als wollten sie sagen: "Mutter, Du bist zu spät!"
Und gleichzeitig bedeutend: "Du hattest Deine Chance - jetzt kannst Du mit dem Auto nach Lahnstein fahren. Ab in die Autoschlange!"
In diesem Moment war mir eigentlich schon der Tagesbeginn vermasselt, weil ich wusste, dass ich jetzt ca. 45 Minuten "Stop-and-Go" vor mir hatte.
Also, an diesem Montag, morgens um 7.10 Uhr, eigentlich war ich ziemlich zufrieden, denn alles hatte bis zu diesem Moment gut geklappt, Kinder angezogen, die Brote geschmiert, Schulranzen gepackt, der Kakao, den ich zuvor auf der Herdplatte erhitzt hatte, war getrunken, musste ich mich rechtfertigen und andere entschuldigen, denn Mathias, unser Jüngster, Erstklässler, genannt Tissi, unterstellte mir, seinem Bruder und insgeheim auch Vati, sich an seinem Geld, welches er neuerdings in einem Küchenmessbecher, der im oberen Teil des Besenschrankes, direkt neben dem Herd, deponiert war, vergriffen zu haben.
"Das sei im Moment kein Thema", war mein Kommentar, doch Mathias, vom Diebstahl überzeugt, den Dieben auf der Spur, erklomm in Windeseile den Herd, fasste dabei unglücklicherweise auf die noch heiße Herdplatte - ein Schrei - und dann ein Veitstanz durch die Küche. Dazwischen mein weinerliches gleichzeitiges Geschimpfe und Geheule. Ich muss, wenn ich mich erschrecke, oft schimpfen, um meine Erregtheit unter Kontrolle zu bringen. Dann begriff ich erst, dass der Kleine sich verbrannt hatte, stürzte zum Wasserkranen und wir kühlten - schimpften - weinten - kühlten.
Marcos unpassender Kommentar: "Arschloch - das kann nur einem Baby, wie Dir passieren, " war noch das "i-Tüpfelchen".
BABY - das hätte er nicht sagen dürfen, denn schon wieder ging das Wahnsinnsgeheul los.
Mein nächster Gedanke - Siegfried!
"Wird er es hören, wird er mitkriegen, was hier vorgeht?
Wird er mal sehen, was ich da allmorgendlich mitmachen muss?"
Und schon hörte ich seine Schritte die Treppe runterkommen.
Er, das Familienoberhaupt entscheidet, dass Mathias nicht zur Schule kann, verständnisvoll deswegen, weil er als Kind sich selbst einmal schrecklich verbrannt hatte.
Mittlerweile konnte man bereits vor dem Spülbecken schwimmen, durch das ständige Kühlen und Umherlaufen war der ganze Boden eine einzige Pfütze.
Aber immer noch war ich zuhause, und der Zug?
"Um Gottes Willen - der Zug!"
Also, ab - die Treppe hinunter. "Wo ist der Schlüssel? Sonst liegt er doch immer auf der Flurgarderobe! Wo ist der Schlüüüssssel?"
Mittlerweile wurde jeder verdächtigt, den Schlüssel verschleppt zu haben, bis Marco ihn fand. "Mutti, das ist er!" Er hing am Kellerabgang, von außen, wunderbar, wir hätten alle gestohlen oder ermordet werden können in der Nacht. "Hauptsache, der Schlüssel ist wieder da."
Ab - in Richtung Bahnhof.
Schon von weitem sah ich sie.
So gemein und schadenfroh blitzten sie mir entgegen, abwartend, wie schnell ich es schaffen würde, den Bahnhofsvorplatz zu erreichen, Marco raus zu lassen. Marco müsste nun eine Bestzeit laufen, aber Zehntelsekunden zu früh, setzte sich dieses Monstrum wieder in Bewegung.
Aus - vorbei - ab in die Autoschlange!
So und nun ging der Wettlauf mit der Zeit erst richtig los.
Daheim Siegfried und der jammernde Tissi, hier im Auto der meckernde Marco, daneben ich - die sich eigentlich darauf gefreut hatte, wenn die Kinder aus dem Haus…..und das wäre heute so günstig gewesen…..Vati daheim und noch eine ¾ Stunde Zeit - ei - aber, wenn man sich schon mal freut!!
Nun saß ich hier im Auto, zur Ruhe gezwungen, in der Autoschlange, es geht kaum weiter, montags sowieso nicht, so ein Wahnsinn.
"Wer ist eigentlich daran schuld?" schoss es mir durch den Kopf. "Tissi, Marco, Siegfried oder ich?
Marco - eigentlich ja, er hat Tissi erst mal so richtig "angeheizt" mit seinem "Baby". Aber ich kann ihn auch verstehen, Druck nach unten fundiert das Ego.
Siegfried - mein Gott, nun ist er mal wieder dran!
Nun ja, er hat es ja auch ganz schön bequem. Er liegt im Bett in der Überzeugung, dass unten alles glatt geht. Gemeinheit - Ausnützung - Sklaverei! Aber ich entschuldige ihn, er hat sich den Tagesbeginn ja auch etwas anders vorgestellt - also Freispruch!
Aber ich! Ganz bestimmt bin ich es, die an allem schuld ist.
WARUM NUR - habe ich sie alle so verwöhnt?
Mal wieder versagt!



Eingereicht am 12. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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