www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Arbeitslos oder Der Sandsack

© Ivar Bahn


Es trug sich zu, obschon ich einige Jahre lang ordentlich bemüht und oftmals über das Maß hinaus engagiert war, wie ich meinte, mitringend um gutes Klima und Wirtschaftlichkeit im kleinen Handwerksbetrieb, dass ich eben gerade aus den Gründen der Wirtschaftlichkeit das Handtuch werfen musste und mich hinterdrein. Das heißt, ich wurde geworfen. Da half kein Jammern, ja, es blieb mir nichts weiter übrig, als diesen Abschnitt meines Arbeitslebens hinter mir zurück zu lassen, indes die schmaler gehaltenen, sprich, geringer entlohnten Kollegen, im Brotverhältnis blieben. Ich war niedergeschlagen und wütend zugleich, ging nach Hause und schlug erst einmal entschlossen auf meinen Sandsack ein, der dort, wo im normalen Falle eine Stubenlampe die Decke schmückt, zur Energieaufnahme bereit hing. Wo ich mich von nun an auch sehen ließ und Dank meiner neu erworbenen Last klagen konnte, erntete ich, mein Leid teilend, tröstende Worte von noch oder wieder im Arbeitsprozess stehenden Mitmenschen. Einige boten mir an, in dieser oder jener Firma vorübergehend einzusteigen, zur Überbrückung der misslichen Lage vorerst, für länger vielleicht. Andere wieder hauchten mir unter vier Augen Möglichkeiten finsterer Beschäftigungen zu. Ich sah und hörte mich weiter um und fand für eine warme Mahlzeit am Tag, ein Taschengeld und Naturalien wie Äpfel, Birnen, ein Glas Honig oder Pflaumenmus, Arbeit auf einem Hof mit Tieren und allerhand Weideland drum herum. An Dingen, die es zu tun galt, mangelte es nie, die frische Luft bewirkte Tag um Tag besseres für Leib und Seele, das Miteinander stand anfangs unter einem guten Stern - leider eben nur anfangs, so dass ich den Verbliebenen schon bald den Rücken zukehren musste und von dannen zog. Den Landgeruch noch ein schönes Weilchen in der Nase und mit mehr Respekt gegenüber solch elementaren Arbeiten als vordem im Gepäck, wanderte ich ins Tal hinab, um mich beim Flusse auf den Feldern, da, wo die erdigen Beeren wucherten, zu verdingen. Doch nicht ohne vorher meinen Sandsack bei Laune gehalten zu haben. Am Maschendrahtzaun hielt ich erst einmal inne und schaute mir die aus überwiegend polnischen Frauen und Männern bestehende Arbeiterschaft an. Aus der Reihe tanzten lediglich diejenigen, welche ihren randvoll gepflückten Korb zum Hauptweg brachten, um ihn dort gegen einen leeren einzutauschen. Zurück ins Glied ordnete man sich nicht zu eilig ein, wegen des geplagten Körpers, den es ein wenig zu strecken und zu begradigen galt, doch auch nicht zu zögerlich, damit der Herr Aufseher (heute sagt man wohl Vorarbeiter dazu) keinen Stein des Anstoßes ins Rollen bringen konnte. Trotzdem erschallte regelmäßig das Aufpasserorgan, unterstützt durch ebenbürtige Armarbeit. Kurz zuckte dann die gebeugte Menge an, ging über in ein der Phonzahl des Brüllenden angemessenes Tempo. Ungeachtet der tätigen Wesen holperte in nächster Nähe dieser ein Schädlinge bekämpfendes Traktorengespann tüchtig sprühend vorüber. Ein nebenstehender Lastkraftwagen wurde mit den vollen Körben beladen. Sein immerfort tuckernder Motor sorgte für ordentliche Kühlung der kostbaren Frucht im verschließbaren Container, während die Erntehelfer unter der Glut der im Zenit stehenden Sonne stöhnten. Wild entschlossen trat ich an den Platzhirsch heran. Einfacher in der Wahl meiner Worte als mir sonst eigen, trug ich mein Begehren vor. Doch der Grobian fiel mir gleich ins Wort, unterstrich dabei seine Ausführungen mit in der Nase bohren, portionieren, formatieren, aufessen, an den Nägeln knabbern, dabei meinen auf ihn gerichteten Blick sorgfältig meidend. Dem folgten zusammengemurmelte Ausführungen Verdienst und Gegenleistung betreffend, jedenfalls soweit ich ihn verstanden habe. Argumente meinerseits prallten an den zugekleisterten Gehörgängen dieses Zweibeiners ab und gingen im Gezische des abermals vorbeischeppernden Sprühgespannes unter. Grußlos floh ich von dieser umzäunten Stätte moderner Sklaverei. Gut, dass in der Mitte meines Zimmers immer der Sandsack auf mich wartete und zu dem ich bei Fälligkeit erbarmungslos sein durfte. Nicht lange darauf sprach ich in einem Gerüstbauunternehmen vor. Empfohlen hatte es mir jemand aus meinem Bekanntenkreis und dessen Expansion in den letzten Jahren gepriesen. Schnell einigten sich Gebender und Nehmender auf eine Probewoche zum gegenseitigen "Beschnuppern", wie es der Volksmund zu nennen pflegt. Obwohl die Infrastruktur der Firma etwas zu wünschen übrig ließ, der Sanitärtrakt nach den einfachsten Ausbesserungen förmlich schrie und es eigentlich keine Arbeitszeiten gab, eher eine "Rollende Woche" ohne Schichtzulage bzw. Überstundenvergütung, wollte ich nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Dass die arbeitslose Schar schon Gewehr bei Fuße stand, appellierte doch heftig an meine Leistungsbereitschaft und forderte zusätzlich meine Leidensfähigkeit heraus. Zur Truppe zählten neun tschechische Arbeiter mit spärlichen Deutschkenntnissen und zwei Hiesige mit noch spärlicheren Deutschkenntnissen, die unterwürfig dem "Kolonnenführer" Folge leisteten, und dann, plötzlich wie verwandelt, laut und aggressiv die empfangenen Anordnungen an die Ausländer weiterleiteten. Diese Art von "Unternehmensphilosophie" gestattete dem Chef der Firma eine relative Unbekümmertheit dem Baustellenbetrieb gegenüber. So von ein paar Sorgen befreit, konnte er sich vormittags in einer der wie Pilze aus dem Boden geschossenen Körperertüchtigungseinrichtungen stählen, sich anschließend von Händen seiner Wahl mit öligen Massagen - inklusive Entspannungsmoment - verwöhnen lassen und den üblichen Saunagewohneiten nachhängen. Die meiste Zeit des Tages jedoch verlangten Geldspekulationen, das Studium von Wertpapier- und Zinsentwicklungen, Anwaltskonsultationen, Steuer- und Anlageberatungen, Grundstücksan- und -verkäufe, Einstellungsgespräche und das Formulieren von Kündigungen sein Stehvermögen. Aber auch das Zählen, Ausgeben, Verteilen, Umlegen, Anlegen, Verlegen und Stapeln des Geldes sowie das Prahlen mit selbigem erforderte den Einsatz des ganzen Mannes. Dass sein Gesundheitszustand Stabilität ausstrahlte, die Knie einen durchgedrückten Eindruck machten und die Probleme beim Wasser lassen vorübergehend der Vergangenheit angehörten, überzeugte ihn vollends von der Richtigkeit seiner Unternehmungen. Sein gepflegtes und elegantes Äußeres trug nicht unwesentlich dazu bei, einst ihm verschlossen gebliebene Türen öffnen zu helfen und, besonders zur Faschingszeit im kleinen Städtchen, manch schöngeistiges Frauenherz zu erobern und natürlich zu brechen. Na ja, eine Woche war genug dort. Meine Nase hatte an Substanz verloren - so viel hineingeschnuppert und so wenig herausgerochen. Nur, der übelste Gestank hatte sich ordentlich festgesetzt. Ungehalten bearbeitete ich den Sandsack. Ich schrieb weiter Bewerbungen, hielt Nase und Ohren in die ständig wechselnden Winde, verschoss einiges Pulver im Ehrenamt eines Sportvereines sowie in gelegentlichen Hausmeisterjobs und durfte mich dann glücklich schätzen, eine befristete, von Vater Staat geförderte Arbeitsaufgabe, welche sogar meinen Neigungen entsprach, zu begleiten. Derweil wurde im Amtshaus für Arbeitssuchende und Arbeitsscheue mein Weg durch die Mühen der Ebene sorgsam geprüft und verwaltet. Hier galt es, beständig zu beweisen, dass man in nicht unbegründeter Sorge lebte und trotzdem zuversichtlich blieb. Die Aura des Hauses vermittelte lautlos den Eindruck, dass seine Besucher gut daran täten, die Tagesform ihrer "Berater" mit dem nötigen Fingerspitzengefühl zu ertasten und niemals in die vom Gesetzgeber zugesicherte Pausenzeit hineinzuplatzen und mit dem eigenen Wort Zurückhaltung zu üben. Außerdem empfahl es sich, die Beamten nicht unnötig mit einer unbeherrschten Heftigkeit oder gar einem Gefühlsausbruch in Verlegenheit zu bringen und sich so, zweifellos selbstverschuldet, deren Gunst zu entziehen. Klug handelte derjenige, der kleinere Demütigungen zu überhören vermochte, jedoch bei offensichtlicher Machtüberschreitung des staatstreuen Dieners - selbstverständlich immer unter Einschätzung der eigenen defensiven Situation - höflich Protest anmeldete, diesen bei Bedarf aber auch zu korrigieren verstand. So war es möglich, eine Basis der Verständigung aufzubauen und über Jahre hinweg, mehr oder weniger fruchtbar, aufrecht zu erhalten, ja, zu pflegen. Selbstverständlich den Mut nicht verlierend, bot ich meine Haut noch manchem eingeborenen Starkstromkapitalisten an, welcher sie mir, mit seinem eher klein- als mittelständischen Verständnis, auch dankbar abgezogen hätte. Wo ich mich von nun an noch sehen lassen und Dank meiner Last ein wenig stöhnen konnte, erntete ich zunehmend Unverständnis von denjenigen, die noch oder wieder im Arbeitnehmerverhältnis standen oder wurde ich auf eine Pilslänge zum Wegspülen selbst zerfleischenden Gedankengutes an den Biertisch gebeten - eine Initiative mein Schicksal teilender Mitbürger - was mich aber auch nicht gerade über den Berg brachte. Gut, dass da in meiner Wohnung noch der Sandsack hing.



Eingereicht am 09. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««