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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Welche unbeschwerte Zeit ...

© Meiko Gutmann


Es ist 08:19 Uhr in der Früh. Ein junger Mann sitzt nach vierzig Autominuten an seinem Arbeitsplatz und starrt auf seinen Bildschirm. Noch ist hier nichts los. Im Hintergrund läuft leise das Radio. Eine Tasse Kaffee auf dem Tisch, die Zigarette angezündet, lodernd im Aschenbecher. Zeit für einen Tagtraum, vielleicht eine Erinnerung ans Gestern? Er fühlt sich zurück in die Vergangenheit.
Die ersten warmen Sonnenstrahlen streicheln über das Gesicht des kleinen Jungen. Es sind Ferien, mit einem Satz aus dem Bett, eilt er zum Fenster und begrüßt die liebe Sonne. Mama hat ihm schon alle Sachen fein säuberlich über den Stuhl gehangen. Das geliebte Schalke-Trikot, eine weiße kurze Hose, heutzutage wohl "Hotpants" genannt und die blauen Sandalen. Ein paar Bissen Graubrot mit Marmelade, ein Schluck Milch und weg. Mit seinem Fußball unter dem Arm rennt er den Hausflur hinunter. In seiner Hast springt er drei, vier Treppen auf einmal hinunter. Die warnenden Worte der Mutter, er solle langsam und leise nach unten gehen, mit dem Zuknallen der Tür in Vergessenheit geraten. Ein Hindernis wartet noch auf ihn. Der dunkle, trotz sommerlicher Temperaturen immer noch bitterkalte Keller. Mit einer Gänsehaut über den ganzen Körper verteilt, unternimmt er die Schritte zu seinem Fahrrad hinunter. In Windeseile hievt er es die steilen Treppen hinauf zum Hof.
Oben angekommen, klemmt er seinen Fußball auf den Gepäckträger und rast zum Spielplatz. Dort wo seine Freunde schon auf ihn warten. Auf dem Platz, welcher schon so manche Schweißträne von ihm und seinen Weggefährten schlucken musste. Unterwegs weht ihm ein warmer Gegenwind um die Nase. Kurz hält der Junge am Kiosk. Mama hat ihm noch eine Mark in den Brustbeutel gesteckt. Er investiert das Geld in ein Stute Trinkpäckchen und für fünfzig Pfennig Gemischtes. Ganze zehn Pfennig bleiben ihm noch. Am Kaugummiautomaten vor dem Kiosk vollzieht er eine seiner ersten kriminellen Handlungen. Mit einem besonderen Kniff beim Drehen gelingt des dem kleinen Jungen nun schon seit mehreren Monaten zwei Kaugummis anstelle einem herauszuholen. Zu verdanken hat er dies dem defekten Automaten. Das wären dann zwei saure Zitronen zum Preis von einer. Mit verzerrtem Gesichtsausdruck radelt er weiter Richtung Fußballplatz.
Nach ganzen zwei Minuten Fahrradweg ist er angekommen. Der Geschmack der Kaugummis schon längst verflogen. Die Freunde, derweil schon ungeduldig geworden, haben bereit die Teams zusammengestellt. Vier gegen vier auf zwei Holztore. Der Rasen ist noch leicht vom frischen Tau bedeckt. Bei jeder Ballberührung bleibt das Gras an den Sandalen hängen. Mit jedem Schuss wird ihm bewusster, die falsche Schuhwahl getroffen zu haben. Barfuss in Sandalen Fußball zu spielen kann schmerzhaft enden. Nach kurzer Zeit brennen die Füße, werden die ersten kleineren Abschürfungen offensichtlich, wird die Wut auf sich selbst immer größer. Nun aber nach Hause zu fahren und dafür das Spiel unterbrechen, käme ihm nie in den Sinn. Und so spielte er unter Schmerzen bis in die Abendstunden weiter. Zwischendurch immer unter andere Spielernamen. Mal ist er der Schlipper, mal der Anderbrügge und ab und zu geht er als Peter Sendscheid auf Torejagd. Er könnte bis in die Nacht weiter spielen, wenn seine Mutter nicht als Limit 19:00 Uhr angesetzt hätte.
Mittlerweile tritt langsam die Dämmerung ein. Mit der nötigen Ruhe, geschlaucht vom harten Tag, schiebt er das Fahrrad auf dem Heimweg neben sich her. Den Rest seiner Schnuckertüte wird er nun genüsslich auf dem Heimweg verzehren. Ein Freund begleitet ihn noch zur Schule. Beide verabreden sich auf den morgigen Tag. Gleiche Welle, gleiche Stelle und auf jeden Fall ein anderes Schuhwerk. Für den kleinen Jungen folgt nun nur noch der kurze Weg die Straße hinunter. Immer noch ist es wohlig warm. Die letzten Sonnenstrahlen streicheln sein Gesicht. Es fühlt sich an als ob der Tag "Guten Abend" sagen wolle. An der Haustür angelangt, holt er unter seinem durchnässten, verschwitzten Trikot, den Brustbeutel hervor. Er schließt auf, wuchtet das Fahrrad mit größter Mühe in den Keller und macht sich auf den beschwerlichen Weg in oberster Etage.
An der Haustür erwartet ihn schon seine Mutter. Sie lächelt ihn an und schließt Ihren Sohn in die Arme. Stolz erzählt ihr dieser von den Unmengen an Toren, welche er Heute für sein Team geschossen hat.
Sie kniet sich zu ihm fragt: "Herr Kaiser ... Herr Kaiser, träumen Sie? Ich brauche bis zum Mittag die Verkaufszahlen für den Monat Januar."
Reichlich benommen vom Tagtraum, dennoch in Gedanken daran milde lächelnd, schaut der junge Mann von seinem Stuhl hinauf.
Endgültig im "Hier und Jetzt" angekommen, weicht das Lächeln einem fragenden Gesichtsausdruck. "Ähm, ja genau, die Zahlen! Kein Problem, Herr Kiel. Bin gerade noch bei der Bearbeitung der Provisionsabrechnungen. Anschließend haben Sie die Unterlagen auf Ihrem Tisch. Ich reiche sie bis 12:00 Uhr ein." Sagte es und wandte sein Gesicht wieder dem Bildschirm zu.
"Ok, bis zwölf Uhr aber bitte keine Minute später", erwiderte der Chef ungeduldig!
Da sitzt er nun, arbeitet die Zahlen aus und vergleicht das "Früher" mit dem "Heute". Von der Präsenz der Ungeduld, des Zeitraffers erschlagen. Ein Termin jagt den nächsten. Die Verbindlichkeit des Handelns im Hinterkopf. Als er noch nichts musste, ließ es sich irgendwie besser aufstehen. Nun begleiten in den Tag über Ängste, Sorgen und Pflichten. Unbeschwert war er das letzte Mal im Alter von acht Jahren, um 08:00 Uhr in der Früh, die Sonne strahlte um die Wette mit ihm. Als er sich um nichts Sorgen hätte machen müssen. Ohne Kaffee, Zigarette, Chef und Konsorten. Und schon gar nicht um 08:19 Uhr in einem Essener Autohaus.



Eingereicht am 09. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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