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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Und Dann

© Milena Zlabinger


Der Klang der großen Kirchenglocke. Marie und Lars gehen nebeneinander mit gesenkten Köpfen hinter dem fein geschnitzten schwarzen Holzkasten, getragen von vier jungen Männern, die nachher noch zusammen in die Kneipe zwei Straßen weiter gehen werden. Um ein Helles zu trinken, wegen dem vielen Schwarz heute. Aber so viel Schwarz ist es diesmal gar nicht; sie liefen schon vor größeren Schwarz-Menschen-Massen. Ein Tropfen fällt auf den hellgrauen Kiesweg. Besorgt schaut Lars, dein Vater, seiner Frau ins Gesicht, aber bald schon ist der Kies dunkel. Vom Regen. Alle laufen ein paar Schritte schneller. Niemand hat an Schirme gedacht. Es ist zwar Februar, aber der Himmel war heute Morgen klar, und auch im Wetterbericht war keine Rede von Niederschlag.
Dann stehen sie vor dem dunklen Loch. Die vier Männer beeilen sich, die Seile gleichmäßig und sanft durch die vor Kälte roten Hände gleiten zu lassen. Einer ist zu schnell. Das dumpfe Geräusch beim Aufprall lässt Marie aufschauen. Ihr Gesicht ist bleich, die Augen verschwollen, und die Wimperntusche hat eine kaum sichtbare Spur auf ihrer Wange hinterlassen.
Leon, dein Freund, schaut sie aufmerksam an. In seinem Kopf verbinden sich Erinnerung und Gegenwart, Traum und Realität. Er sieht das vertraute Gesicht vor sich und will Marie die Tränen wegwischen, sie stören sein Bild der Erinnerung. Lieber noch würde er sie in den Arm nehmen und über ihre Schulter schauen, um nicht mehr die grünen Augen, die feine Haut am Hals zu sehen. Auch die blassen Sommersprossen zeigen die Ähnlichkeit zwischen Mutter und Tochter, zwischen Marie und dir. Zögerlich senken sich seine Lider, um gleich darauf den Blick in das dunkle Loch freizugeben. Er steht schon direkt davor. Mario, sein bester Freund, der ihn so gut kennt, der in schwierigen Situationen immer der erste ist, der beruhigt und das Problem löst, stößt ihn an und verstreut etwas Erde auf das schwarze Holz. Schaut man genau hin, sieht man ihn schlucken, damit er nicht weinen muss. Er will, wie schon so oft, seinem Freund eine Stütze sein. In Gedanken ist er schon in der gemeinsamen Wohnung, bereitet sich auf ein langes Gespräch vor. Was bitteschön kann man einem Kerl sagen, dessen Freundin sich vor drei Tagen das Leben genommen hat? Er versteht ja selbst die Welt nicht mehr. Immer schon war er neidisch auf die Beziehung seines Freundes. Ohne offensichtlichen Grund und ohne jedes Vorzeichen hast du es gemacht. Im Nachhinein wärest du doch eine Erklärung, einen Brief schuldig gewesen, aber ein Gefühl, das du selbst nicht verstehst, kannst du doch unmöglich in Worte fassen.
Genau beobachtet Mario die Gesichter der anderen, versucht ihre Gedanken zu lesen. Sie bleiben verschlossen, die Blicke auf den Boden verbannt oder in das Grab gerichtet. Seltsam, du kannst es. Du weißt was sie denken.
Du weißt, dass Lars, als er deiner Mutter den Arm um die Taille legt, hofft, dass sie gleich im Lokal etwas isst. Sogar durch den Mantel spürt er ihre Rippen. Marie ist nicht fähig sich zu wehren, obwohl sie lieber noch länger hier stünde. Besonders schlimm findet sie es, ihrer eigenen Tochter den Rücken zu kehren.
Du siehst noch viel an diesem Tag, siehst deine Mutter Kartoffeln essen und sich der Höflichkeit halber mit den restlichen Trauergästen unterhalten.
Siehst, wie sich Leon und Mario gemeinsam betrinken und reden, viel reden.
Du hörst weg, fühlst dich ein wenig schuldig, so etwas angerichtet zu haben.
Aber schon eine Woche später ist es nicht mehr so schlimm, du siehst nicht mehr so viele Gedanken, denn du kannst nur die an dich gerichteten sehen.
Oder Worte oder Gefühle? Na ja, es gibt keinen Ausdruck dafür.
Trotz allem beobachtest du das Geschehen. Schon nach einer Woche siehst du Marie im Supermarkt Salat abwiegen, wobei ein Lächeln über ihre Lippen huscht, weil eine alte Bekannte ihr überraschend die Hand auf die Schulter legt. Sie mag solche beiläufigen Berührungen. Es sind aber alles in allem nicht viele Emotionen, die sie zeigen, deine Eltern, dein Freund, deine Freunde. Waren sie schon immer so kühl? Schlimmer wirkt es noch, eher kalt, eiskalt.
Ja, Marie war früher nicht so, da hat sie öfter geredet, gelächelt, gelacht.
Und mager geworden ist sie auch. Der Gedanke, jetzt kinderlos zu leben, nagt an ihr, es ist eben auch schon zu spät, noch mal schwanger zu werden. Sie ist einfach schon zu alt, denn immerhin bist du schon 20 Jahre alt. Bist?
Warst?
Du würdest sie gerne trösten, sie in den Arm nehmen und ihr Mut machen, aber es ist unmöglich, zurück in die Welt zu kommen. Ein unsichtbarer Zaun trennt euch voneinander. Es bleibt dir nur übrig zu beobachten und zu staunen.
Ende März leisten sich deine Eltern ein neues Auto, einen Smart, der alte VW Passat hat ausgedient, ist zu groß für die beiden und verbraucht zu viel Sprit. Sie verkaufen ihn zum Schleuderpreis von 500 Euro. Das neue Auto scheint ihnen ein neues Lebensgefühl zu geben. Sie machen Ausflüge in deutsche Städte, nach München fahren sie und nach Berlin, ihr Wohnort, ein kleines Kaff in der Nähe von Dresden ist ihnen zu langweilig geworden. Seit dem Mauerfall sind sie noch nicht viel herausgekommen. Davor ja sowieso nicht.
Die Bank hat ihnen zum Glück einen Kredit gegeben, für den Smart. Marie will wieder anfangen zu arbeiten, doch mit ihrem gelernten Beruf, sie ist Schneiderin, kann sie nur wenig Geld verdienen. Daher nimmt sie einen Job in einem Süßwarenladen an und ist recht zufrieden damit.
Ende Juni macht Leon seine Fachhochschulreife. Er besteht sie gut, hat einen Schnitt von 1,9. Er geht immer noch regelmäßig zum Footballtraining, sein Trainer hat gesagt, er hat gute Chancen, in die Regionalmannschaft aufgenommen zu werden. Nach der Schule wird er ein halbjähriges Praktikum bei HP anfangen. Ansonsten gibt es bei ihm nicht viel Neues, ab und an hat er eine Freundin, manchmal für eine Nacht, manchmal für zwei Wochen. Er will sich nicht festlegen. Mario, der mittlerweile schon vier Semester Jurastudium hinter sich hat, ist immer noch solo, weil er etwas zu viel Speck auf den Rippen hat. Denkt er zumindest.
Eines Abends im August sitzen die Freunde beim Italiener und sprechen über die vergangene Zeit, auch über dich.
"Was meinst du, wie es ihren Eltern geht? Hab sie, glaub ich, das letzte Mal damals im Februar gesehen", überlegt Mario. "Die haben sich ein neues Auto zugelegt, einen Smart. So ein hässliches Ding würd ich mir nicht zulegen", meint Leon dazu. Wieder lenkt er vom Thema ab, "aber jetzt nagel ich ihn da fest", denkt sich sein Freund und schlägt vor, am nächsten Tag mal vorbeizuschauen, bei deinen Eltern. Mario lässt sich breitschlagen, insgeheim interessiert es ihn ja auch, was so passiert ist und wie die beiden jetzt über alles denken. Am nächsten Tag, es ist ein Freitagnachmittag, stehen sie vor der Mozartstr. 5. Die Klingel hallt durchs ganze Haus, und kurz darauf öffnet sich die Tür. Marie steht da mit großen Augen und sagt nichts. Als sie sich wieder gefasst hat, sagt sie: "Ihr zwei, Mensch das ist ja lang her, seit ihr das letzte Mal da wart. Kommt doch rein." Ja, früher saßen sie oft in der Küche und haben sich mit deiner Mutter unterhalten, sie ist eben jung geblieben, und du bist oft wegen ihrer toleranten Art beneidet worden.
Während die Kaffeemaschine rattert und blubbert, fragt Marie sich das letzte halbe Jahr zurück. Im Februar angekommen, hört sie auf zu fragen. Sie möchte scheinbar nicht über dein Begräbnis reden und auch nicht über ihre Trauer.
Schweigen legt sich wie eine dunstige Rauchwolke auf die kleine Runde. Marie zündet sich eine Zigarette an, wie als hätte sie genau dieses Bild vor sich gehabt. Mario tut es ihr nach, und so versuchen sie, die Atmosphäre zu lockern. Deine Mutter kümmert sich hektisch um Tassen, Löffel, Zucker und Milch. "Was ist bei euch so passiert?", fragt Mario und das Geschehene wird heruntergespult wie ein Reisebericht. Sie erzählt über die Städte, die sie sich angeschaut haben, über das neue Auto, den neuen Job. Irgendwie traut sich niemand, über dich zu sprechen. Es kommt dir vor, als hättest du nie existiert, obgleich du irgendwo im Raum in der Luft hängst. Mario startet noch einen Versuch, mit dem Thema irgendwie anzufangen. "Wie geht es dir, seit das passiert ist, im Februar, Marie?" Erschrocken über die direkte Frage sinkt sie ernüchtert auf einen Stuhl, hebt nach einigen Sekunden den Blick von der Tischplatte aufs Fenster, auf die Scheibe, in der sie sich spiegelt. "Ich weiß immer noch nicht, warum, habe immer noch nicht ihr Zimmer betreten. Aber am Grab war ich schon einige Male, ihr auch? Habt ihr die kleinen Rosenbüsche gesehen, die ich gepflanzt habe? Eigentlich sollten sie rosa blühen, aber irgendwie sind sie doch weiß geworden." Dann weiß sie nicht mehr weiter, schaut verloren abwechselnd in die Luft und auf die Zigarette in ihrer Hand. Eilig drückt sie sie aus und reißt sich zusammen, ihre aufsteigende Unruhe nicht zu zeigen. "Ich war auch schon am Grab, aber ist schon länger her. Ich weiß nicht, ich kann nicht viel damit anfangen", meint Leon, und deutlich merkt man ihm an, wie sehr er sich bemüht, die Unterhaltung in Gang zu halten. Da klickt das Türschloss, und gleich darauf steht Lars im Raum. Nach der Begrüßung und ein wenig Smalltalk gehen die beiden Freunde wieder. Hinter ihnen fällt die Tür ins Schloss, und Marie ruft ihnen noch aus dem Fenster nach, dass sie gerne wieder mal vorbeischauen können. "Ja, bis bald", erwidern die zwei beinahe synchron, bevor sie um die Ecke gehen. Insgeheim wissen beide, dass sie nicht mehr hierher kommen werden. Mario hatte gehofft, es wäre ein längeres, offeneres Gespräch zustande gekommen, Leon fand die gesamte Situation einfach nur bedrückend.
"Was vorbei ist, ist vorbei", sagt Leon mit bedeutsamem Unterton und lacht sarkastisch.
Ihr Leben geht weiter, Tage, Wochen, Jahre aber du denkst dir heimlich und leise, als ob es jemand hören könnte: "Es hat sich nichts geändert, es wird sich nichts mehr ändern und wenn, dann geht es mich nichts mehr an." Endlich, viel zu spät realisierst du, dass du tot bist. Endlich verlässt du den grünen Grenzstreifen und gehst in den Wald. "Hoppla", denkst du noch, als du über eine Wurzel stolperst, und dann hörst du auf zu denken.



Eingereicht am 06. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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