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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Im Fahrstuhl

© Georg Fox


Die Tür schloss sich automatisch hinter ihnen und ein kleines akustisches Zeichen signalisierte, dass sich der Fahrstuhl sogleich in Bewegung setzen würde. Fahrgäste, zufällig zusammengewürfelt, warfen mit dem Blick zur Tür ihre Langeweile gegen die Aluminiumbleche. Eine Fahrt mit dem Fahrstuhl schien eher lästig, weil man die Zeit mit Warten verbringen musste, bis eine neue Etage erreicht war. Über der Tür leuchteten in roten Farben die Ziffern der Geschosse kurz auf, die der Fahrstuhl passierte. 17, 16, 15. Mit Sekundenverzögerung senkte sich die Zelle herab, 14, 13, 12. Jeder hatte schon sein Ziel vor Augen, wartete darauf, dass sich die Fahrt verlangsamte und der Fahrgastkorb zum Stillstand kam. Der siebte Stock war gerade vorbei, als der Fahrstuhl seine Fahrt mit einem ungewöhnlichen Ruck zum Stehen kam. Die Beleuchtung erlosch und nur noch ein kleines, fahles Notlämpchen in der Mitte der Kabine verbreitete ein trübes Licht über den Köpfen.
Für einige Sekunden blieb alles ruhig, man wartete mit einer gewissen Spannung, was sich jetzt tun würde, bevor sich die ersten Fahrgäste an den Druckknöpfen zu schaffen machten. "Auch das noch!", seufzte ein älterer Herr, während er ungeduldig mehrfach den Knopf für den fünften Stock drückte. "Das kann nicht wahr sein!", rief eine jüngere Frau und kramte in ihrer Tasche nach ihrem Handy. "Ich habe einen wichtigen Termin!", sagte sie entschuldigend zu ihrem Nachbarn, den sie dabei mit dem Ellenbogen anstieß. "Jeder hat doch wohl einen Termin!", meinte eine ältere Dame, "wir müssen die Ruhe bewahren! Hier gibt es doch sicher einen Notalarm!" Der junge Mann, welcher dem Bedienungstableau am nächsten stand, bückte sich und fand in der Tat den Knopf für die Information. Er drückte gleich mehrfach und wartete auf eine Reaktion, aber nichts regte sich. Die folgenden Minuten wurden im Fahrstuhl geschimpft, geseufzt und geflucht.
"Die müssen das doch merken, wenn ein Fahrstuhl ausfällt!" Aber scheinbar merkte niemand etwas, denn die Fahrgäste blieben allein in ihrer Zelle. Sie trippelten von einem auf den anderen Fuß. "Wir müssen die Ruhe bewahren!", sagte die ältere Dame. "Wir werden uns doch von einer kleinen Panne nicht aus der Ruhe bringen lassen!"
Aber es war erstaunlich, wie schnell das Gleichgewicht die Menschen verließ und in eine Situation zwischen Unmut, Ärger und Angst brachte. Niemand wollte wahrhaben, dass der Zeitplan für die nächsten Minuten aus den Fugen zu geraten schien. Oder war es für eine Stunde, womöglich noch länger?
"Da muss doch was passieren!", rief der junge Mann an den Bedienungsknöpfen und fingerte am Schalter für den Nothalt, was eigentlich unsinnig war, weil der Fahrstuhl ja schon stand.
Ungeduld und Ungewissheit machten sich breit. Langsam kroch die Angst zwischen den Menschen hoch, sie machte sich breit und entlud sich in Ausdrücken der Wut und des Ärgers. "Wie lange sollen wir hier denn noch warten?", rief eine junge Frau, die mit einer Einkaufstüte fuchtelte und dabei ziemlich nervös wirkte. "Wenn man wenigstens eine Zigarette rauchen könnte!", stöhnte der ältere Herr und blickte fragend in die Runde, als wollte er in den Gesichtern eine Zustimmung ablesen. Niemand aber schien von dieser Idee erfreut. "Die Luft ist schon schlecht genug, hier in diesem Gefängnis!" Mit einem Mal war der Aufzug nicht mehr die bequeme Fahrgelegenheit, die problemlos mehrere Etagen übersprang. Jetzt war er ein "vermaledeites Drecksding", das einen gegen seinen Willen fest hielt.
"Wir müssen auf uns aufmerksam machen, wir müssen schreien, am besten gemeinsam und alle zusammen!", schlug der junge Mann an der Knöpfen vor, aber die junge Mutter mit dem Baby auf dem Arm, das friedlich schlief, blickte entsetzt in die Runde: "Nicht schreien, nicht schreien, das arme Kind!" Es war eine richtige Zwickmühle, dieser Fahrstuhl.
Plötzlich ruckte es und die Kabine schien sich zentimeterweise abzusenken. An der Tür konnte man die Horizontale des Etagenbodens nach oben schweben sehen, während die Kabine langsam zum Stillstand kam. Die automatische Tür wurde mit einem Brecheisen geöffnet, die Fahrgäste konnten den Aufzug mit einem kleinen Sprung aus der Kabine den Fußboden verlassen.
Zwei Techniker, welche die Tür mit der Brechstange geöffnet hatten, empfingen böse Blicke. "Man müsste die Firma verklagen!", rief der jüngere Mann. Alle hasteten davon, keiner schaute auf den anderen, jeder ging seiner Wege. Niemand blickte nochmals zurück. Für die "Befreier" hatte keiner ein gutes Wort. "Wurde auch Zeit!", zischelte die Frau mit der Einkaufstüte. Die Zeit drängte, denn man musste ja Zeit aufholen, die man verloren hatte.



Eingereicht am 06. Februar 2005.
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