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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Fast ein Verschwindenlassen der Kartoffeln

© Thomas Zumstein


Das geht nicht gut, jede Wette. Rebecca wäscht, als wäre die Kartoffel kein Lebewesen. Schnell rein in den blauen Eimer und noch schneller raus. Mich stört es ja eigentlich nicht, aber meine Kollegin neben Rebecca wird immer hungriger. Die Kartoffel-Wäscherei hält sie nicht mehr lange aus. Fünf Minuten gebe ich ihr noch, aber höchstens.
Rebeccas Hände flitzen im Gefäß umher und mit einem Schwung aus dem Becken heraus. Die braune Knolle in ihrer Hand rutscht in die silberne Schüssel. Immer wieder habe ich das Gefühl, es müsste die letzte sein. Ist sie aber nie, denn schon kommt wieder die nächste.
Wie sieht meine Kollegin aus? Sehr hungrig und sie sagt keinen Ton. Ihr Hungergefühl ist ihr aufs Gesicht gezeichnet. Blass und aufrecht sitzt sie da und starrt vor sich hin. Auch die Kartoffeln liegen hellhäutig und still in der Schüssel. Bisher machen sie sich nicht bemerkbar, obwohl sie die Schrubberei nicht leiden können. Sie machen sich auch nicht bemerkbar bis sie in den Mund des Menschen kommen. Wieso hat Rebecca es so eilig? Meinetwegen bestimmt nicht. Ich will nämlich gar nicht, dass die Erdäpfel gebraucht werden. Aber die Kartoffeln müssen. Und das ist fast ein Verschwindenlassen von ihnen.
Eigentlich ist das eine ziemlich traurige Angelegenheit. Ich vergesse das bloß immer wieder, weil Rebecca sie wäscht.
Ich schicke einen mitfühlenden Blick zu ihnen. Es ist bestimmt beruhigend für sie, wenn sie merken, ihr großer Bruder, also ich, leide mit ihnen.
Oh je … das geht nicht gut. Sie merken kaum noch, dass sie einen mitfühlenden Bruder haben. Sie horchen nur in sich rein, ob es gleich passiert. Mein Blick war eine glatte Energieverschwendung.
Es ist so weit, sie werden gerüstet. Klar, die Kinder haben einen leeren Magen und brauchen etwas zu essen, dringend sogar.
Die Kartoffeln reagieren überhaupt nicht unter dem Rüstmesser. Also springe ich ein und gebe an das Mädchen durch, dass die runden Dinger auch ein Herz haben. Rebecca lächelt nur und rüstet weiter.
Jetzt breche ich fast zusammen, denn sie fragt ganz unschuldig: "Willst du weiterrüsten?" Dabei klingt sie so sanft wie ein Engelchen. Obwohl sie aussieht wie ein himmlisches Wesen, in diesem Augenblick ist sie es nicht.
Es geht weiter und ich rücke möglichst weit von Rebecca weg. Im nächsten Augenblick plumpst eine Kartoffel ins Wasser. Gleich danach hält das blonde, kartoffelzerstörende Wesen wiederum eine Knolle in den Händen. Man kann ihr nicht böse sein, sie ist ein unschuldiges Mädchen.
Aus den Schüsseln höre ich Pluppern.
Jetzt kommt es wieder, dass sie keine Rührung für die Knollen besitzt. Wie soll sie auch, auch sie hat unermesslichen Hunger. Irgendwann gab es einen Totalausfall bei ihr. Sie sagt: "Die Farbe ist nicht schön."
Man muss liebe Mädchen loben. Das tue ich dann auch: "Du bist genauso hübsch wie die Kartoffel." Sie könnte den Satz wenigstens nett finden. Aber nein, oder doch? Sie ringt sich ein Lächeln durch. Doch sie meint etwas anderes als ihr Gesicht sagt: "Ich hasse so etwas!" Danach hantieren ihre flinken Hände wieder im Wasser herum und sie rüstet wieder die nassen Kartoffeln.
Stumm sitze ich in meiner Ecke und staune vor mich hin. Ich beschwere mich ja gar nicht, wie doof ich das finde, dass die Erdäpfel gerüstet und vor allem gegessen werden. Ich mache dem Mädchen die Arbeit wirklich nicht schwer. Schließlich weiß ich, dass auch sie es nicht gerne macht. Aber ich muss doch wenigstens dazwischen ‚mal ein bisschen lästern können, damit ich den Kloß im Hals nicht spüre. Wenn ich lästere, findet sie mich unausstehlich. Das bin ich nicht. Im Gegenteil. Ich gebe mir Mühe und sage zum Beispiel kein Wort darüber, was ich von dieser Todesvollstreckung halte. Das würde allerdings garantiert für Rebecca unausstehlich klingen. Ich rüste nämlich keine Kartoffeln. Ich bin Rüst-Beobachter. Und alle Kartoffeln, die mich kennen, kriechen meterweit in den Boden. Der Gedanke ist eine ziemliche Quälerei für mein Innenleben.
Rebecca stört meine Nachdenkerei! Ihre Hände flitzen hastiger über die Kartoffel.
Sie hat einen rosa Schimmer im Gesicht.
Die Kartoffeln gehen von einer Schüssel, in dem sie lange gelegen haben, in die andere und warten auf ihr endgültiges Todesurteil.
"Pressier bitte nicht so!", verlange ich. Endlich! Gegen meinen bittenden Ton kommt sie nicht an und gehorcht sofort.
Sanft lässt Rebecca das Rüstwerkzeug über die Kartoffel gleiten, wie bei einer Operation. "Damit machst du der Kartoffel viel weniger weh", kläre ich sie auf.
Sie sagt nichts und lächelt.



Eingereicht am 03. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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