www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der geheimnisvolle Fremde

© Mia Camara


Es war ein klarer warmer Sommertag, als er in unseren Ort kam. Er stieg aus einem Raumschiff, das einer glänzenden Perle glich.
Den Hut keck ins Gesicht gezogen, den Anzug tadellos, machte er auf uns einen für einen Außerirdischen höchst ungewöhnlichen Eindruck.
Er ging geradewegs auf den Marktplatz zu, stapelte dort mehrere Orangenkisten übereinander und stellte sich mit gewichtiger Miene auf sein so gefertigtes Podium - und schwieg. Die Kunde von dem gelandeten Raumschiff machte Lauffeuer und mehr und mehr Leute kamen aus ihren Häusern und von ihren Feldern und strömten Richtung Marktplatz, um ihre Neugier zu befriedigen und zu sehen, was denn da überhaupt los war.
Erst als das ganze Dorf versammelt war, hob der Fremde an und verkündete mit lauter Stimme: "Ihr kennt mich nicht, aber das tut nichts zur Sache. Ich möchte etwas tun für Euer Dorf, das Eure Arbeit und Euer Leben erleichtern soll - und zwar ganz nach Eurem Begehr. Also beratet Euch gründlich. Binnen 48 Stunden werde ich wieder an diesem Platze sein und die Kunde von dem Schluss Eures Rates anhören. So, wie Ihr es wünschen werdet, wird es alsbald geschehen!"
Der Fremde verließ das Podium, bestieg seine Raumschiff-Perle und war in Windeseile aller Augen entschwunden.
Das Volk blieb erst staunend wie festgewurzelt stehen.
"Uns wird geschehen, was immer wir wollen! Habt Ihr gehört?", der Älteste des Ortes war als erster aus der Starre erwacht, welche die Überraschung über die Menge ausgebreitet hatte.
So zogen sie sich zur Beratung zurück.
Keine 48 Stunden später tummelte sich das ganze Dorf in gespannter Erwartung auf dem Marktplatz.
Da - das Raumschiff erschien wieder am Himmel, der fremde Mann stieg aus und stellte sich auf sein Podium.
"Und, sagt an, was möchtet Ihr?"
Die Dorfbewohner traten zunächst etwas zaghaft vor, einer nach dem anderen, und jeder gab seine Vorstellung preis.
"Wir wollen automatische Pferde, mit denen wir uns schneller und unabhängiger von deren Launen fortbewegen können", sagte der Dorfälteste, ein stämmiger Bauer.
"Am besten fliegende Pferde, die schnell wie der Blitz durch die Luft flitzen und uns in den nächsten Ort tragen", setzte sein halbwüchsiger Sohn hinzu.
"Ja, und es wäre nicht übel, wenn man die ganze Familie gleichzeitig auf so ein fliegendes Pferd packen könnte, einschließlich Oma und Opa!"
"Und andere Wege, die ebener in ihrer Beschaffenheit sind und auf denen sich bei Regenwetter der Dreck nicht so staut."
"Wir wollen Gemischtwarenläden, wo es immer alles zu kaufen gibt, was wir brauchen. Nicht so wie beim Krämer, der jetzt wochenlang keine neue Schmierseife nachgekriegt hat!"
"Ich hätte gerne eine Scheuerseife, die besser riecht", ertönte eine helle Frauenstimme.
"Ja, am liebsten wollen wir wählen dürfen zwischen Scheuerseifen, wo die eine nach Blumen riecht und die andere nach Äpfeln und eine dritte vielleicht wie die Luft an einem lauen Sommerabend!"
"Und wir wollen einen ganzen Schrank voll Sachen anzuziehen haben!", mischte sich eine junge Bäuerin ins Wort. "Und solche Arbeit machen, bei der wir uns nicht schmutzig machen müssen!"
"Ja", fiel einem Mütterlein ein, "und ich wünsche mir eine Treppe, wo man einfach drauf stehen bleiben kann, und dann geht sie von selber nach oben!" Neben ihr kicherte ein Knabe ob dieser unvorstellbaren Sache und der Naivität dieses Mütterleins.
"Und ein Toilettenhäuschen, das im Haus drin ist, so dass man nicht mehr bei Nacht und Kälte raus muss." - "Hm, wobei stinken darf es natürlich nicht!"
"Vor allem wünschen wir uns mehr Freizeit!", rief ein junger Bauersbursche. "Und die Arbeit soll uns nicht mehr so viel Schweiß kosten!"
Der Fremde antwortete auf all diese Begehren kein einziges Wort, ging zurück zu seinem Raumschiff und verschwand. Die Leute blieben stutzend und mit wachsender Empörung auf dem Marktplatz zurück. "Alles Schwindel!", rief der Dorfälteste wutentbrannt. Die Menge zerstreute sich und alle waren sichtlich enttäuscht.
Am nächsten Morgen erwachte der Bauer von einem ohrenbetäubenden Lärm. "Ein Gewitter?", fragte er sein neben ihm liegendes Weib, das angstvoll in ihren Kissen kauerte, denn die Morgensonne strahlte von einem blauen Himmel durchs Fenster und spottete jeder Vorstellung von einem Gewitter. Das Grollen verstummte langsam, doch es dauerte nicht lange, und ein zweites Donnern erschreckte das Ehepaar. Der Bauer ging ans Fenster und blickte gen Himmel, wo soeben ein Airbus hoch über den Häusern vorbei flog. "Potzblitz, was ist das denn, Weib, komm her, schau, komm schon!" Die Bäuerin stand neben ihm und beide blickten sprachlos hinaus. Düsseldorf-Unterrath, der 4.11.2003.
Ein Jahr später.
Ein Raumschiff in der Form einer Perle landet auf der Kö. Ein Mann, den Hut keck ins Gesicht gezogen, den Anzug tadellos, entsteigt dem Raumschiff und begibt sich auf ein Podium, das sich auf einem nahen Platz befindet. Doch niemand scheint es zu sehen - ausgenommen die Bewohner unseres Dorfes, die dessen Bekanntschaft bereits gemacht hatten. Diese alle versammeln sich in reger Aufruhr um den Fremden.
"Und, habe ich nicht alles nach Eurem Begehr getan?", fragt dieser.
"Oder bin ich Euch irgend etwas schuldig geblieben?"
"Nein!", geben die Leute ein wenig kleinlaut zu. "Aber wir konnten nicht ahnen, welche Folgen unser Begehr haben würde!" - "Die Luft ist so dick, wir können kaum richtig atmen!" - "Im Arbeitsleben herrscht Korruption und jeder denkt nur an seine eigene Haut und würde für ein bisschen Gewinn über Leichen gehen!" - "Die Familien sind kaputt und der eine spricht mit dem anderen kein Wort mehr!" - "Raub, Mord und Totschlag an jeder Ecke!" - "Arbeitslosigkeit überall, und obwohl die Läden mit Waren vollgestopft sind fehlt uns das Geld, etwas zu kaufen!" - "Lieblosigkeit, die Menschen rennen aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig zu grüßen und ohne sich zu fragen, wie es dem anderen geht!"
Der Fremde hört sich alle Klagen geduldig an, dann fragt er: "Wollt Ihr denn wieder zurück?" Uneinigkeit macht sich unter dem Volk breit. "Andererseits - die Kneipen, die ham was, und die übrigen Vergnügungsstätten sind auch nicht zu verachten!" - "Und der Komfort unserer Häuser, den möchten wir auch nicht mehr missen, noch weniger die Hygiene unserer Bäder!" - "Und die Rolltreppen auch nicht!" - "Ach, früher war trotzdem alles besser!" - "Wir hatten aber lang nicht so viel Freizeit wie hier und heute!" - "Und, ist uns nicht trotzdem oft sterbenslangweilig?"
"Leute!", lässt sich die Stimme des Fremden noch einmal vernehmen. "Ihr dürft Euch noch einmal in aller Ruhe beraten - in 48 Stunden komme ich wieder und nehme Kunde von Eurem neuerlichen Begehr. Aber denkt daran - Ihr müsst Euch einig sein, und es wird das letzte Mal sein, dass Ihr mich erschauen werdet!"
Nach Ablauf der Frist kommt das Volk am selben Platze wieder zusammen.
Nach Erscheinen des Fremden tritt der ehemals Dorfälteste vor und spricht: "Höre, wir sind uns einig geworden!"
"Und?" fragt der fremde Mann gespannt.
"Wir wollen dir folgen in dein Raumschiff - bring uns damit, wohin du willst. Bring uns in eine neue Welt!"
Und wir alle bestiegen die glänzende Perle voller Erwartung.



Eingereicht am 02. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««