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Diagnose: Rot!

© Gaby Schumacher


Oh nein! Was war denn da passiert? Überall Rot. Von Hellrot und Mittelrot bis zu intensivem Dunkelrot. Rot auf dem Kopfkissen und auch auf der Bettdecke. Und alles war nass. Die damit verbundene Kälte machte mir arg zu schaffen. Eine Haarsträhne vor meinen Augen störte mich. Ich strich sie mit der Hand zurück. Sie klebte unangenehm. Verunsichert betastete ich mein Gesicht. Es fühlte sich schmierig an. Verstört versuchte ich mir einzureden, ich schliefe noch fest und träumte diesen Mist nur.
Mir klapperten die Zähne. Ich schnatterte vor mich hin, drehte mich angespannt von einer Seite auf die andere. Doch vergebens. Es blieb kalt und nass. Die Kälte kletterte unbarmherzig an mir hoch. Anstatt endlich Ruhe zu finden, hatte ich einzusehen: Ich war wach und das Ganze harte Wirklichkeit!
Abrupt setzte ich mich auf, knipste meine Nachttischlampe an, um dann mit weit aufgerissenen Augen diese mehr als makabre Bescherung zu überprüfen. Das Ergebnis fiel nieder schmetternd aus. Viel negativer, als ich es je vermutet hätte. Das Rot war nämlich nicht einfach nur Farbe. Entsetzt stellte ich fest: Das war Blut!!
Ich schrie auf.
Angst stieg in mir hoch. Nahm von mir Besitz.
Sollte ich etwa auf meiner eigenen Schlafstatt verbluten?
Meine Gedanken überschlugen sich, fuhren Karussell. Immer schneller und schneller. Und zunehmend unkontrollierter. Im Zeitraffertempo lief ein letztes Mal mein ganzes bisheriges Leben vor mir ab:
Meine unbeschwerte Kindheit ... fast unblutig. Höchstens mal eine Platzwunde, wenn ich hingefallen war.
In der komplizierteren Jugend ... regelmäßig alle vier Wochen ein bisschen Blut. Das nannte man dann "Periode".
Später bei den Geburten meiner Kinder ... floss etwas mehr Blut. Doch das bekam ich nicht mit. Ich verschlief ja diese wichtigen Ereignisse.
Und an diesem Tage?
Meine Angst steigerte sich zur absoluten Panik. Meine Phantasie schlug wahre Purzelbäume:
Ja, ich hätte mich damit abzufinden. Dies bedeutete meinen heran nahenden Tod.
Ich fragte mich: Sollte dieses Blutmeer so kurz vor meinem Ableben etwa die Strafe für meine Sünden sein? Gäbe es da vielleicht dunkle Punkte in meinem Leben, von denen noch nicht einmal ich(!) etwas ahnte? Sah so die himmlische Gerechtigkeit aus??
Mittlerweile zitterte ich wie Espenlaub. Vor unbändiger Furcht und auch so.
Nichts, aber auch nichts könnte mich jetzt noch retten.
Im selben Moment musste ich laut niesen. So sehr, dass ich heftig zusammen zuckte. Erkältet hatte ich mich also auch noch, so ein Mist! Ich fischte mein sauberes Taschentuch unterm Kopfkissen hervor, schnäuzte mich kräftig und erstarrte: Auf meinem ehemals blütenweißen Schnupftuch zeigten sich mehrere Blutstropfen. Verunsichert betupfte ich nochmals meine Nase. Ein weiterer Tropfen. Ich tupfte und tupfte. Nach weiteren fünf Minuten entdeckte ich kein neues Rot mehr. Es war vorbei.
Ein Stein fiel mir vom Herzen. Ich jubilierte. Fühlte mich wie neugeboren. Nicht mein eigenes jüngstes Gericht war mir begegnet. Stattdessen hatte ich nur schlimmes Nasenbluten gehabt. Deshalb die rote Nässe, deshalb die Kälte im Bett.
Meine Diagnose stand fest: Rot!
Eine extrem stark ausgeprägte Gesichtserkerperiode!!



Eingereicht am 01. Februar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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