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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

In Gedanken an Gestern

© Meiko Gutmann


wünscht er sich Heute die Uhr noch einmal zurück drehen zu dürfen. Vor seinem Auge schwirren manchmal Erinnerungen an sein altes Leben.
Ein Leben, das er viel zu selten angemessen würdigte, ein Leben über dessen Genuss er sich nie im Klaren war. Sein komplettes soziales Umfeld, zerstört für "gute" acht Monate Irrglaube. Er unterschätzte von Anfang an die Situation, der er im Nachhinein ausgeliefert war. Sein bester Freund und "Widersacher" hatte versucht es ihm verständlich zu machen. Doch jeglicher Warnhinweis prallte an ihm ab. Er war festen Glaubens, dass diese Frau anders war als alle anderen. Sie würde ihn glücklich machen, was braucht ein Mann mehr? Er riskierte es und die Folgen begleiten ihn noch Heute. Sollte man(n) sich für Gefühle entschuldigen? Immerhin hatte er sich, bis zur Beendigung der Beziehung seines Freundes, nichts zu Schulden kommen lassen. Kein Ausrutscher, kein "Bettgeflüster" waren dem Bruch der Freundschaft voraus gegangen. Dennoch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, wollte das Glück mit aller Macht erzwingen und nahm in Kauf, dadurch seinen Freund zu verlieren. In einem zivilisierten Gespräch unter zwei erwachsenen Menschen wurden die Modalitäten abgeklärt. Man verständigte sich darauf die Freundschaft zu beenden. Unter den neuen Voraussetzungen war es seinem Freund verständlicherweise nicht mehr möglich, ein Freund zu sein. Ebenso verlor er fast jeden Kontakt zu allen gemeinsamen Freunden. Einen guten Vorwand hatte er um nicht mehr zum Fußball zu gehen. Das gemeinsame Hobby der beiden konnte er aufgrund mehrerer, schwerwiegender Verletzungen nicht mehr ausüben. Der Zeitpunkt des Aufhörens hätte also besser nicht sein können. Da beide im gleichen Verein spielten, wäre alles andere einem Spießrutenlauf gleich gekommen. So stand er nun alleine da. Zwei Freunde waren ihm erhalten geblieben. Dennoch konnte er zu dem Zeitpunkt noch immer nicht realisieren, was ihm eigentlich abhanden gekommen war. Jahrelang stand ihm sein bester Freund bei, stärkte ihm sein Umfeld den Rücken, überwand er aufgrund der Freunde manch körperliches oder auch seelisches Tief. Das alles war mit seiner Entscheidung ad acta gelegt, nicht widerr
Er wollte nicht ahnen, dass ein Jahr vergehen würde, bis es das nächste Aufeinandertreffen gab. In diesem Jahr wurde ihm einiges klar. Die Beziehung zwischen ihm und der Frau entpuppte sich als wahrer Alptraum. Schon nach wenigen Wochen gab es die ersten Misstöne. Fortan fand er sich in seiner neuen Rolle als Fußabtreter und für alles Verantwortlicher wieder. Beim gemeinsamen Fernsehabend kam es dann zum Eklat. Sie bat ihn um die optische Bewertung der Hauptdarstellerin von Sex and the City. Eine verhängnisvolle Frage. Reagierte sie auf die Antwort "so schlecht sieht se doch auch wieder nicht aus", doch arg empfindsam. Lauthals und von Eifersucht zerfressen, stampfte sie Richtung Schlafstätte. Als wieder mal er hinter ihr her ging um die Situation zu beschwichtigen, kam es zur Eskalation. Er hatte es lange nicht einsehen wollen, dachte die Beziehung auf jeden Fall retten zu müssen, um sie zu kämpfen. Zum ersten Mal jedoch wurde ihm bewusst, dass er von Anfang an auf verlorenem Posten stand. Wenn er jemals was in seinem Leben bereute, so war es die damalig zu treffende Entscheidung pro Lebensabschnittsgefährtin. Er bot ihr an, sie nach Hause zu fahren. Keine Sekunde länger wollte er noch mit ihr zusammen sein. Bei ihr vorgefahren, gab es noch mal ein paar Vorwürfe um die Ohren gehauen. Letzten Endes war er aber froh als er allein zu Hause angekommen, endlich mal wieder Zeit sich selbst widmen konnte.
Tage später schritt die Verarbeitung des Ganzen immens voran. Im abgelaufenen Jahr hatte er eigentlich auch nie Zeit gefunden darüber nachzudenken. Doch jetzt, in den Abendstunden, während der Wochenenden oder der arbeitsfreien Zeit, schoss ihm alles wieder in den Kopf. Er schwor sich nie wieder eine Freundschaft auf´s Spiel zu setzen. In der Zwischenzeit kam es auch zu einem Wiedersehen mit seinem ehemals besten Freund. In ganzen fünf Minuten sprachen sich beide aus. Sie sind nun vollständig im Reinen miteinander. Was man auch immer dazu sagen will, wenn man sich darauf einigt in Zukunft zumindest nicht grußlos aneinander vorbei zu gehen. Ein Kontakt besteht nach wie vor nicht. Sowohl den Einen als auch den Anderen hat Geschehene verändert. Endgültig in der Welt der Erwachsenen angekommen, weiß er nun, was es heißt für sein Handeln Verantwortung zu übernehmen und die Konsequenzen daraus zu tragen.
Auch Heute fährt er noch manchmal durch die Stadt, in der beide Freunde so viele Stunden zusammen verbrachten, in dessen Eisdiele man Pläne für das kommende Wochenende schmiedete, wo der Fußball die beiden Protagonisten zusammen führte. Ab und zu führt ihn sein Weg zur besagten Eisdiele, eigentlich viel zu selten wie er selbst findet. Meist sitzt er dort allein, eine Tasse Kakao schlürfend, wartet er auf geistreiche Unterhaltung, schließt die Augen und stellt sich vor wie es früher war. Alle Freunde am Tisch konnte sich ein Besuch bei Stefano über mehrere Stunden ausdehnen. Er merkt wie sehr ihm diese Zeit fehlt, nahezu jeden Tag denkt er an seinen Freund zurück, würde die Zeit gern zurück drehen, alles ungeschehen machen und weiterhin in der Eisdiele in Oer-Erkenschwick Pläne für das Wochenende schmieden.



Eingereicht am 31. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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