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Das Loch

Gaby Schumacher


Ungläubig betrachte ich den Strumpf in meiner rechten Hand. Einen relativ neuen Strumpf. Soviel ich mich erinnere, erst drei Tage alt. Schwarz und aus 100% Baumwolle. Ein edles Markenfabrikat.
Tja, und schon heute hatte ich seinetwegen mit deftigem Frust fertig zu werden. Tja, eigentlich hängen Strümpfe sehr an ihrer zweiten Hälfte. Doch es ist nur noch dieser Eine zu finden gewesen. Der Andere hat sich irgendwo verkrümelt. Dabei hätte er das doch garantiert nicht nötig. Er sähe genauso apart und schick aus wie das Exemplar zwischen meinen Fingern. Noch glaube ich das jedenfalls.
Wo, verflixt, ist Strumpf Nr.2 geblieben? Warum nur verschwinden diese Dinger immer wieder, oft auf Nimmerwiedersehen? Entweder verschluckt sie die Waschmaschine, oder die Fußwärmer landen in irgendwelchen Zimmerecken, in denen sie dann eventuell sogar längere Zeit unentdeckt liegen bleiben. Sozusagen Urlaub machen. Langweilig wird es denen mit Sicherheit nicht. Nach und nach gesellen sich noch weitere Exemplare ihrer Art zu ihnen, die augenscheinlich ebenfalls dringend, aus welchen Gründen auch immer, Ferien brauchen.
Strümpfe sind anscheinend sehr sozial veranlagt. Verweigert einer die Arbeit, verhilft er gleichzeitig seinem Zwilling zur Auszeit. Doch bringe ich es im Anblick dieses Einzelstrumpfes nun wirklich nicht, das obendrein noch lobend anzuerkennen. Nein, stattdessen ärgere ich mich ganz beträchtlich. Nicht schoon wieder ...!
Mir bleibt nur, sämtliche Wäschekörbe und auch die Jugendzimmer nach dem Ausreißer zu durchforsten. Eine geschlagene Stunde später verschwitzt und groggy, bin ich kurz davor, die Suche deprimiert aufzugeben. Das vermisste Ding ist wie vom Erdboden verschluckt.
Ein letzter Versuch: Ich linse in den schmalen Spalt zwischen Kleiderschrank und Wand. Gucke zweimal. Es scheint mir fast wie ein Wunder. Was erspähen da meine Augen?
Dort liegt er, harmlos und ungetrübten Gewissens (falls auch Strümpfe so etwas ihr Eigen nennen!) in seiner mercerisierten Baumwollhaut leicht schimmernd. Noch entdecke ich an ihm nichts Auffälliges. Ich hocke mich hin, strecke meinen Arm lang aus und angele das corpus delicti unter leichtem Stöhnen aus der Lücke hervor. Und da sehe ich es! Ich darf ein kreisrundes Nichts bewundern, noch schwärzer als der Strumpf selbst. Genau da, wo ich normalerweise die Stoffferse vermutete. Dieses Nichts gähnt mich so typisch leer geradezu provozierend an. Für eine Sekunde schlüpfe ich in die Rolle von Miss Marple und konstatiere: Das ist ein Loch. Ein Riesenloch in einem fast fabrikneuen Strumpf!!
Fieberhaft überlege ich:
Hat da eine meiner Töchter Mitleid mit ihrem Fuß gehabt und ihm Frischluft gönnen wollen? Oder ihm die Gelegenheit gewährt, per Hühnerauge auch mal begutachten zu können, wo eigentlich er herum spaziert? Beides scheint mir recht unwahrscheinlich zu sein.
Und da ich keine so ganz dumme Mama bin, komme ich denn auch sehr fix auf des Rätsels Lösung: Wie oft habe ich meinem Nachwuchs gepredigt, nicht immer auf Socken durchs Haus zu laufen. Die Strümpfe litten, was Sauberkeit und Konsistenz anginge. Doch echte Teenager ignorieren tunlichst solche mütterlichen Hinweise und pflegen stattdessen diese Unsitte möglichst oft, also am laufenden Band. Denn sie halten sich konsequent an den Pubertätsknigge. Nur in Ausnahmefällen entdecke ich Hausschuhe an ihren Füßen. Dann muss ich leider, darob sehr in Sorge, davon ausgehen, dass mindestens eine Grippe, wenn nicht noch etwas Schlimmeres im Anzug ist.
Extra vornehmen Socken gebührt auch ein extra feierliches Begräbnis. Zumal, wenn sie im zarten Alter von drei Tagen bereits verscheiden. So landet dieses bedauernswerte Strumpfpaar nicht etwa in einem ordinären Plastikbehältnis, sondern in einer in ihrer Farbe harmonisch zu den Verstorbenen passenden, ebenfalls schwarzen Tüte.
Von Bogner.



Eingereicht am 31. Januar 2005.
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