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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Bastard

Marcel Dziura


Schweißgebadet wachte Mason in seinem Bett auf. Was genau ihn geweckt hatte, vermochte er nicht mehr zu sagen. Als er sich aufrichtete, bemerkte er, dass seine Kleidung an seinem Körper klebte. Was war nur passiert? An seine Träume konnte er sich nur selten erinnern und auch dieses Mal war seine Erinnerung wie ausgelöscht. Manchmal konnte er sich einzelne Bilder wieder ins Gedächtnis rufen, doch zuordnen konnte er sie nie.
Benommen wuchtete sich Mason aus seinem Bett und musste kurz inne halten als ihm Schwindel überkam. Für einen flüchtigen Moment ließ er seinen Blick durch das heruntergekommene Apartment schweifen, das er bewohnte. Die Tapete hatte wohl irgendwann einmal ein ganz nettes und ebenso kitschiges Blumenmuster gehabt, doch inzwischen konnte man dies nur noch erahnen. Die Vergilbung war an manchen Stellen so weit fortgeschritten das man nicht einmal mehr die Blumen erkennen konnte. Und auch die Möbel, die sich bei seinem Einzug bereits in der Wohnung befanden, hatten bestimmt auch schon bessere Zeiten gesehen.
Mit schleppenden Schritten begab er sich in Richtung Kühlschrank, da ihn plötzlich ein brennender Durst überkam und er nichts mehr hasste als auf irgendetwas, das er haben wollte, warten zu müssen.
Mit einem kühlen Bier in der Hand, das er am Kühlschrankgriff aufgeschlagen hatte, lehnte er sich gegen die Arbeitsplatte und versuchte seine innere Unruhe niederzukämpfen.
Sein Leben war bisher nicht gerade nach Plan verlaufen, was nicht heißen soll, dass er jemals einen Plan gehabt hätte. Doch irgendetwas ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. So hatte er sich das alles nicht vorgestellt.
Er spürte wie seine innere Unruhe wieder zunahm und zwang sich, nicht mehr weiter darüber nachzugrübeln. Wenn er ehrlich zu sich war ist es genau dieses immer wiederkehrende Gefühl der Wut, das ihn bisher davon abgehalten hatte sein Leben in den Griff zu bekommen. Schon oft hatte er darüber nachgedacht ob mit ihm vielleicht irgendwas nicht stimmte, dass ein paar Synapsen bei ihm einfach durchgebrannt waren.
Er schüttelte seinen Kopf wie um diesen Gedanken zu verjagen und gleichzeitig seine vorherige Frage zu verneinen.
Draußen war schon vor einigen Stunden die Nacht eingetroffen und warf ihr verschönendes Licht auf die Welt. Er mochte die Nacht, sie war einfach sensibler als der Tag. Alles was geschieht nimmt an Bedeutung zu. Der Schrei einer Frau, das Licht einer Taschenlampe oder das langsame Dahingleiten eines Autos. All diese Dinge würden am Tage nicht einmal zur Kenntnis genommen werden.
Es hatte geregnet und der Ozongeruch lag noch deutlich in der Luft. Es roch eigentlich ganz typisch für eine Sommernacht, aber heute hatte es den Anschein als läge noch irgendetwas anderes in der Luft. Unter den bunten Lichtern der Stadt, die sich auf dem nassen Asphalt spiegelten, ging er die Straße entlang, ohne ein richtiges Ziel wie jede verdammte Nacht.
Jackie hatte kein gutes Gefühl nach dem gemeinsamen Abend mit einer Kollegin aus dem Büro der Versicherungsgesellschaft, bei der sie arbeitete, sich alleine auf den Heimweg zu machen. Doch Marie hatte sich bereits eine andere, männliche, Begleitung gesucht und sie fühlte sich ein wenig fehl am Platz und beschloss daraufhin sich alleine auf den Weg zu machen. Jetzt im Nachhinein könnte sie sich dafür ohrfeigen. Nicht dass sie wirklich Angst gehabt hätte, doch unwohl fühlte sie sich schon.
Immerhin war sie alles andere als eine unattraktive Frau mit ihrer zierlichen Figur und den langen blonden Haaren, lediglich ihre abweisende, kalte Art hatten sie bisher vor näheren Bekanntschaften geschützt.
Damals vor vielen Jahren, ihr kam es langsam wie Jahrzehnte vor, als ES passierte hatte sie genau gemerkt wie sich in ihr etwas für immer verändert hatte. Etwas Kaltes hatte sich um ihre Innereien gelegt und verharrte bis heute mit eisernem Griff. Doch ihre Angst war unbegründet, sie selbst hatte den Tod diesem Stück Dreck mit angesehen. Um genau zu sein hatte sie selbst für diesen Tod gesorgt.
Sie kam gerade an einem Schnellimbiss vorbei, in dem sich zwei Männer um irgendetwas Unwichtiges stritten, als sie plötzlich das Quietschen von Autoreifen hörte. Fast direkt vor ihrer Nase konnte sie beobachten wie das Auto einen unvorsichtigen Fußgänger nahezu ungebremst erfasste. Der Autofahrer tat genau das, was in diesen Zeiten vollkommen normal war, und fuhr einfach weiter.
Benommen öffnete er seine Augen. Was zum Teufel war gerade passiert? Er lag auf dem nassen Asphalt und spürte wie ihm jeder einzelne Knochen im Leib schmerzte. Als sich sein Blick langsam wieder klärte, erkannte er die Umrisse eines Gesichts über ihm das ihn besorgt ansah. "Alles in Ordnung mit Ihnen?", fragte das Gesicht. "Ich denke schon" sagte er während er begann sich wieder hoch zu arbeiten. Wieder auf den Beinen stand er orientierungslos und etwas wackelig mitten auf der Kreuzung, als ihn wieder dieses sonderbare Gefühl überkam. Irgendwer beobachtete ihn! "Sind sie sicher, dass Sie schon wieder stehen können, sah ziemlich übel aus gerade!", sagte das Gesicht, das inzwischen zu einer hübschen jungen Frau gehörte. Doch er war im Moment viel zu sehr abgelenkt als dass er antworten hätte können. Was war da? Er spürte den brennenden Blick auf seinem Körper, konnte jedoch niemanden entdecken. Völlig verstört begann er ohne Ziel die Straße entlang zu laufen.
Armer Kerl, dachte Jackie während sie in die U-Bahn stieg, schien völlig runtergekommen und doch sehr sympathisch. Das Abteil der U-Bahn war fast vollkommen leer, nur ein junges Punkerpärchen saß ein paar Sitze weiter und knutschte miteinander. Erstaunlich, dass das Gesundheitsamt den Betrieb der Bahnen noch nicht eingestellt hatte. Alleine beim Gedanken was für Krankheitserreger sich hier wohl tummeln mussten bekam sie eine Gänsehaut. Seit ihrem seltsamen Aufeinandertreffen vor wenigen Minuten bekam sie dieses mulmige Gefühl nicht mehr los. Als hätte sich irgendetwas in ihr verändert, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung was. Eine Stimme in ihr sagte ihr, dass sie dies bald erfahren sollte, sie war sich nur nicht sicher, ob sie das überhaupt möchte.
Irgendwer war da! Mason begann immer schneller zu laufen, von Panik gepackt merkte er nicht einmal, dass sich tatsächlich jemand an seine Fersen gehängt hatte. Eine seltsame Gestalt verfolgte ihn mit langsamen, fast gemütlich anmutenden Bewegungen und schien trotzdem immer mehr aufzuholen.
Langsam kämpfte er seine Angst nieder und verlangsamte allmählich seine Schritte. Schwer atmend stütze er sich auf seine Knie. Wie aus dem Nichts würde er in die Luft gerissen und blickte in große schwarze Augen. Das, was ihn da in der Luft hielt, hatte ihn so fest im Griff, dass er nicht einmal ein Gurgeln hervorbrachte. Wieder wie aus dem Nichts wurde er herumgerissen und zu Boden geschleudert. Der Aufprall war so heftig, dass er sekundenlang mit der Bewusstlosigkeit kämpfte. Als sich sein Blick wieder klärte, sah er die verschwommenen Umrisse eines Menschen über sich thronen. Auch jetzt war er nicht fähig zu sprechen.
Ein Flüstern begann sich den Weg durch seine Gedanken zu suchen. Kein Zweck sich zu wehren … zu stark … dieser Schmerz!
"Höre mir genau zu!", brummte es in seinem Schädel wie tausend Hornissen, "ich kann dir geben wonach du dich sehnst, oder einen anderen Weg zeigen!" unerträgliche Schmerzen "Denk darüber nach!!!"
Schwärze…
Fröstelnd erwachte Mason von dem Lärm des neuen Tages inmitten einer Pfütze von schmutzigem Wasser. Qualvoll stemmte er sich auf seine Beine und begann sich selber zu mustern. Was für ein erbärmlicher Anblick er wohl sein musste. Mit gesenktem Haupt machte er sich auf den Weg in sein Apartment, zum letzten Mal, das war ihm bereits klar.
In seiner Wohnung angekommen war im auf einmal ganz klar, was er zu tun hatte. Hastig befreite er sich von seiner durchnässten Kleidung und warf sie achtlos in die nächste Ecke. Völlig nackt stellte er sich unter die heiße Dusche und wusch sich denn Dreck der Straße vom Leib. Noch nass durchsuchte er seinen Kleiderschrank nach seiner alten Motorradlederhose und seiner schwarzen Motorradjacke. Gefunden schlupfte er sofort in die Hose und warf die Jacke Richtung Haustür. Nachdem er sich noch schnell in ein T-Shirt gezwängt hatte, begab er sich in die Küche und suchte nach seiner Flasche Rum, die er immer versteckt hatte. Im Gedanken versunken setzte er sich noch einmal auf sein Bett und schlief für ein paar Stunden ein. Nachdem er aus einem seltsamen Traum hoch geschreckt war verteilte er sorgfältig den Inhalt der Flasche auf dem Boden seiner Wohnung.
Mit einem Grinsen ließ er das alte Zippo Feuerzeug klicken und verschwand in der hell erleuchteten Nacht.



Eingereicht am 28. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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