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Abendrot

Gaby Schumacher


An Sommerabenden ist es nichts Ungewöhnliches, den Himmel brennen zu sehen. Ja, wir wären enttäuscht, wenn es nicht so käme. Nicht nur des wunderbaren Anblicks dieser zartrosa bis flammendrot gefärbten Wolken wegen oder auch des unbewölkten Himmels, gekleidet in ein feuriges Kleid. Nein, wir verbinden mit diesem Naturschauspiel sofort die Erwartung eines nachfolgenden, mindestens ebenso schönen Sommertages. Freuen uns auf ein weiteres Sonnenbad.
Ganz anders empfinden wir dieses Himmelswunder in der kalten Jahreszeit. Von der Sonne wohlmöglich dann ausgesprochen stiefschwesterlich behandelt, lechzen wir nach jedem ihrer Strahlen, sehnen uns nach ihren Streicheleinheiten. An ach so vielen Herbst- und Wintertagen beobachten wir verlangend nach Veränderung den wolkenverhangenen Himmel und seufzen. Grau in Grau präsentiert er sich, das Blau von einem schwarzen, Unwetter verkündenden Mantel verborgen.
Aber dann, für uns fast nicht mehr erwartet und daher völlig überraschend, kommen Tage, an denen die Sonne Mitleid mit uns zeigt. Die bedrohliche Schwärze zerteilt und sie für wenige Stunden besiegt. Sie schiebt die Wolkendecke beiseite und der Himmel zeigt ein fast sommerlich klares Bild. Wir Menschen atmen auf und genießen doppelt die Heiterkeit dieser Stunden. Wir fragen uns, ob uns des Abends sogar die Freude eines purpurroten Himmelsvorhanges beschert sein wird.
Kaum können wir es erwarten, bis sich die erste zarte Rötung in der Höhe ankündigt. Unser Blick saugt sich an ihr fest. Unsere Herzen rufen nach jenen feurigen Flammen der Natur. Es liegt ein einziges Sehnen in der Luft. Es gipfelt in dem mehr und mehr intensiven Wunsch, eins werden zu können mit jener Wärme, mit jenem Wunder, am dem wir teilhaben dürfen. Ein Wunder, nicht von uns Erdenwesen dirigierbar. Angesichts dieser Zauberhaftigkeit dringt es immer wieder in unser Bewusstsein, wie klein wir doch sind. Nur ein Stäubchen in all dem Sein. Fähig, vieles zu manipulieren. Wir fühlen uns so oft als Herren der Welt. Doch sind auch uns Grenzen gesetzt, die wir niemals werden aufheben können. Auch wir sind auf ewig den Naturgewalten unterstellt. Ja, es sind also nicht ausschließlich freudige Gedanken, die uns in solchen Minuten bewegen. Nein, auch Wehmut nimmt von uns Besitz. Jedes Leuchten des Himmels führt uns vor Augen: Wieder einmal ist ein Tag unseres Daseins vorüber. Wir gedenken im Stillen unserer Vergänglichkeit, verdrängen diesen beängstigenden Gedanken möglichst rasch wieder und lassen die Vorfreude auf den nachfolgenden Tag die Oberhand gewinnen.
Das Naturgemälde ist einfach zu berauschend in seiner Schönheit, als dass uns solch deprimierende Überlegungen letztendlich ins tiefe Tal der Traurigkeit und Schwermut hinab ziehen könnten. Nein, stattdessen öffnet es uns die Herzen und vermittelt uns Optimismus für das Erwachen am nächsten Morgen.



Eingereicht am 17. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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