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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der Kohl muss weg!

Torsten Houben


"Wieder Grünkohl?"
Oliver verzog das Gesicht und sah seine Mutter vorwurfsvoll an.
"Der ist gesund und du kannst dir ja selber nehmen. Wenn du das nicht magst, isst du eben nicht so viel davon. Aber Grünkohl wird gegessen. Verstanden?"
Oli's Mutter wusste, wie sie mit ihren Kindern - dem Neunjährigen und seiner kleinen Schwester - umzugehen hatte.
"Ich habe aber Hunger - ganz viel!", nörgelte Oliver weiter. Widerwillig schöpfte er sich mit der Kelle den giftgrünen Eintopf - "Durcheinander", wie man am Niederrhein sagt - auf den Teller.
"Etwas anderes gibt es nicht. Iss und wenn der Teller leer ist, darfst du spielen gehen."
Oliver sah seufzend auf seinen Teller. Der Berg Gemüse erschien unüberwindlich. Aber er hatte sich die Suppe, oder besser gesagt den Grünkohl, selbst eingebrockt und nun musste er ihn auslöffeln. Die Schöpfkelle war aber auch groß. Wie sollte man damit kleine Portionen herausbekommen? Unmöglich. Aber der Teller musste leer werden. Torsten wartete bestimmt schon. Olivers Spielkamerad und bester Freund wohnte am anderen Ende des Dorfes. Er wollte sich endlich auf den Weg machen. Aber da war dieser grüne Berg vor ihm.
"Darf ich schon aufstehen?", fragte Rebecca nun auch noch und sah ihren Bruder dabei schadenfroh an. Ihr Teller war bereits leer und wie sauber geleckt. "Wie macht die das nur?", dachte Oliver und wagte einen ersten Vorstoß mit der Gabel.
Auch die Eltern waren fertig mit dem Essen und gingen ins Wohnzimmer. Jetzt gab es nur noch Oli und den grünen Haufen. Aber nicht mehr lange ...
"Ich bin fertig Mama. Darf ich jetzt spielen gehen?"
"Einen Moment junger Mann." Mama kannte ihren Sohn und ließ ihn nicht ohne kritische Überprüfung gehen. Sie sah unter dem Teller nach, denn diesen Trick hatte Oliver schon einmal benutzt. Doch dort hatte er das ungeliebte Gemüse nicht versteckt. Auch der Futternapf von Mucki dem Kater war leer.
"Du hast wirklich alles aufgegessen. Das ist ja prima. Also dann viel Spaß und bestelle Torstens Oma einen Gruß von mir. Ich hole dich um 18 Uhr ab."
"Ist gut Mama. Tschüs"
Torsten, der seit der Scheidung seiner Eltern bei der Großmutter lebte, kannte die schönsten Spiele und erfand aus dem Stegreif die herrlichsten Geschichten. So vertieft verging die Zeit immer wie im Fluge, wenn die beiden Jungen zusammen waren. Doch an diesem Tage schien Oliver nicht so recht bei der Sache zu sein. Irgendetwas stimmte nicht.
"Oli, ist alles okay? Du rutscht so unruhig auf dem Stuhl herum", fragte Torsten ihn.
"Es ist nix", bekam er zur Antwort, wobei Oli aber nicht seinen Freund ansah, sondern das Muster des Teppichs anstarrte.
"Ich - ich hab nur Hunger", gab Oliver schließlich zu.
"Hat deine Mama nicht gekocht?", hakte Torstens Oma nach, die gerade ins Zimmer kam, um den Kindern Limonade zu bringen.
"Nein, keine Zeit", log Oliver und zählte dabei erneut die Karos im Teppich.
"Na so was. Dann musst du aber hungrig sein. Soll ich dir ein Brot machen?"
Oliver strahlte sein breitestes Lächeln: "Gerne! Danke!"
"Steck dir noch ein paar Bonbons ein", sagte Torsten kurz vor 18 Uhr. "Deine Mutter kommt sicher gleich."
Wieder sah sein Freund schüchtern zu Boden.
"Hey, Oli. Jetzt sag endlich was los ist." langsam wurde Torsten böse. Er merkte sehr genau, dass sein Freund anders war als sonst.
"Nix", erwiderte Oliver nur.
"Du greifst doch sonst auch immer zu. Jetzt mach schon."
Nun handelte Torsten. Er griff ins große Bonbonglas und steckte Oliver eine Handvoll in die Hosentasche. Vielmehr wollte er es, denn schnell zog er den Arm zurück.
"Igitt, was ist das denn?"
Grüner Schleim klebte an Torstens Handrücken.
"Grünkohl", sagte Oliver, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
"Iiih. Wie kommt der denn in deine Taschen?"
"Ich hab den da reingelöffelt. Mein Teller musste doch leer sein, sonst hätte ich nicht spielen dürfen."
Von Torstens Lachen angelockt steckte seine Oma den Kopf zur Tür herein.
"Was ist denn hier so lustig?"
Oli warf Torsten einen Blick zu, der soviel hieß wie "Verrate mich nicht."
Torsten zwinkerte seinem Freund zu.
"Wir freuen uns einfach nur."
Die Großmutter wollte gerade zurück in die Küche gehen, als sie die Nase rümpfte und schnupperte.
"Hier riecht es komisch. Wie Kohlsuppe oder etwas Ähnliches."
Oliver machte ein betretenes Gesicht. Er erzählte schließlich die Grünkohl-Geschichte und auch Torstens Oma musste lachen.
"Da wird deine Mutter aber schimpfen, wenn sie die Bescherung sieht."
"Bitte nix verraten!", bat Oliver.
"Sie wird es doch bemerken. Oder lässt du die Hose jetzt immer an?"
Wieder lachten alle drei. Nun klingelte es an der Haustür. Frau Rose kam, um Oliver abzuholen.
"Wartet hier Kinder. Ich rede zuerst mit Olivers Mutter."
Ein wenig nervös wurden die Jungen schon, als das Gespräch zu lange dauerte. Ob Oli Fernsehverbot bekam? Oder - noch schlimmer - Hausarrest?
Frau Rose kam lachend die Treppe herauf. Gefolgt von Torstens Oma.
"Na komm schon du Lausbub", rief sie ihren Sohn. "Wenn du zu Torsten willst, lässt du dir aber auch immer was einfallen. Da kann man ja nicht böse sein."
"Echt nicht? Keine Strafe?"
"Keine Strafe! Obwohl du es verdient hättest. Aber wenn ich dir Hausarrest gebe, würde ich Torsten gleich mitbestrafen und das kann ich nicht machen."
"Ja, Frau Rose. Das wäre nicht gut, wenn ich Oli morgen nicht sehen könnte."
"Ihr seid schon zwei", sagten Frau Rose und die Großmutter wie aus einem Mund.



Eingereicht am 16. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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