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Er ist wieder da ...

Elke Link


Plötzlich stockt mein Atem, während dessen ich mich im Badezimmerspiegel beobachte.
Ich habe mit mir selbst Blickkontakt und erkenne Sprachlosigkeit und eine aufkommende Angst in meinen Augen. Die Unheimlichkeit dieser Situation lässt - für einen Moment - alle meine weiteren Bewegungen einfrieren.
Ich weiß, dass ich alleine im Hause bin. Wie jeden Abend habe ich die Fensterläden geschlossen und die Haustüre mit dem Sicherheitsschloss verriegelt.
Vorsorglich habe ich, bevor es dunkel wurde, noch mal von innen am Garagentor gerüttelt, um mich zu vergewissern, dass es zu ist.
Seitdem ich alleine bin, habe ich Angst vor der Nacht, Angst alleine zu sein.
Und nun höre ich Geräusche, nicht irgendwelche undefinierbaren Geräusche, sondern ganz spezielle aus dem oberen Stockwerk meines Hauses.
"Das Badewasser rauscht", stelle ich mit Erschrecken fest.
"Und mit welcher Macht schießt es im oberen Badezimmer in die Wanne hinein!"
"Es ist außer mir niemand im Hause - oder?" ist mein nächster Gedanke.
Mittlerweile stehe ich am Fuße der Treppe, die in die obere Etage führt und bin auf alles gefasst. Jetzt bemerke ich, dass jemand mittlerweile das Badewasser abgedreht haben muss, ich höre ein Plätschern und, was mich noch mehr erzittern lässt, eine vertraute Männerstimme, die leise vor sich hin singt.
"Jo - er ist wieder da", ist mein nächster Gedanke.
Es ist kaum zu fassen, dass ER da sein soll. Wir haben ihn doch letzten Monat zu Grabe getragen. Er kann nicht oben in der Badewanne sitzen und singen.
Vorsichtig und kaum zu hören, steige ich auf Zehenspitzen Treppenstufe für Treppenstufe nach oben. Mein Blick fällt auf die, nur ein ganz klein wenig geöffnete Badezimmertür, durch die ein Lichtstrahl, ein ganz schwacher dünner, nach draußen zu mir dringt.
Wieder diese furchtbare Angst, die mir den Hals rauf steigt und mir den Boden unter den Füßen wegzuziehen droht.
Und nun höre ich Musik, leise Musik, und ein "Komm doch herein, Kleines", veranlasst mich, ganz langsam die Türe zu öffnen.
Die Badewanne ist leer. Ich starre auf das Wasser, auf welchem ein rotes Rosenblatt schwimmt. Nur die Wellen, die Jo verursacht, plätschern an die Badewannenwand.
Ich entkleide mich langsam, hebe meinen Fuß über den Rand der Badewanne und steige in das Wasser, ganz vorsichtig, um IHM so wenig wie möglich Platz wegzunehmen.
Nun liege ich ganz ruhig in diesem Wasser, fühle seinen Blick, der auf mir ruht, beobachte die Wellen, die mir so viel erzählen, dazu seine Stimme, die singt ..



Eingereicht am 16. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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