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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die letzte Kurve

Manfred Hoffleisch


Der Abend war noch sehr heiß gewesen. Auf dem Weg zum Flughafen hatten sich in der flirrenden Luft über dem Asphalt surrealistische Muster gespiegelt. Kleine Fata Morganas. Die Strasse hatte trotz der Abendstunden noch immer genug Kraft gehabt, um jene aufgeheizte Luftschicht zu erzeugen, die für jene wabernden Bilder verantwortlich ist. Im Gewirr des Flughafens hatte er sich zunächst verfahren, dann aber doch das richtige Parkareal gefunden. Nachdem Jakob sein Gepäck auf dem kleinen Gepäckwagen verstaut und den Wagenschlüssel in den dafür vorgesehenen Briefkasten der Verleihfirma geworfen hatte, schob er das Wägelchen in die Abflughalle. Jakob suchte den Check-in Schalter seines Fluges und stellte sich an das Ende der Schlange. Vor ihm war ein älteres Ehepaar, bepackt mit genau den Dingen, die Touristen so von Reisen heim schleppen. Jakob war Ende dreissig, schlank, machte aber trotzdem keinen sportlichen Eindruck. Das war verwunderlich, lies er doch keine Gelegenheit aus, etwas für seinen Kreislauf zu tun. Wenn er zu Hause war, was selten genug der Fall war, fuhr er jeden Abend gut dreissig Kilometer mit dem Fahrrad. Auf Geschäftsreisen joggte er wenn möglich oder benutzte die Fitnesräume der Hotels.
Es standen etwa hundert Leute vor ihm. Na ja. Eine gute Gelegenheit, die vergangenen Tage Revue passieren zu lassen. Jakob war Spezialist für elektronische Fingerabdrucksysteme. Spanien plante die Daktylogische Erfassung aller Einwohner. In Malaga hatten interessierten Firmen die Gelegenheit gehabt, auf einer Art Konferenz ihre jeweiligen Systeme zu präsentieren. So auch Jakob's Firma, die ein Neuling im Bereich Fingerabdruckerfassung war. Die Chancen standen trotzdem nicht schlecht, fand Jakob, den Auftrag zu bekommen.
Die Abflughalle war zwar etwas kühler, wenn auch nicht all zu gut klimatisiert. So hatte Jakob geschwitzt, als er nach endlosem warten seinen schweren Koffer auf die Waage am Check-in-Schalter gewuchtet hatte. Der Sicherheitscheck auf dem Weg zum Gate war das übliche Drama gewesen. Ein übel gelaunter Polizeibeamter, der übertriebene Arroganz als legale Kompensation für die Langeweile seines Jobs ansah, hatte Jakob immer wieder durch den elektronischen Detektor gejagt. Erst als Jakob sogar die Schuhe auszog und auf Strümpfen durch die Schleuse trat, gab das verdammte Ding endlich Ruhe. Die ganze Zeit hatte seine Brieftasche in einer kleinen Plastikschale neben der Schleuse gelegen. Nach dem ihm einmal die Brieftasche mit allen papieren, Geld, Kreditkarten und was nicht noch, gestohlen worden war, hatte er ein gestörtes Verhältnis zu Situationen, in denen er seine Brieftasche nicht unter Kontrolle hatte.
Das Boarding erfolgte erfreulicherweise pünktlich. Im Flugzeug dann umfing ihn die kühle aber immer nach den gleichen Duftmitteln riechende Luft aus der Bordklimaanlage. Zusätzlich roch es nach Kerosin und er nahm das vertraute leise Pfeifen der Hilfsstromversorgung war. Wenn ein Flugzeug am Boden steht und die Triebwerke abgestellt sind, wird das Flugzeug von einem Hilfsgenerator im Heck des Flugzeugs, der von einer kleinen Turbine angetrieben wird, mit Strom versorgt. Die Triebwerke werden erst kurz vor dem Anrollen angelassen. Jeder Fluggast kennt das kurze flackern der Bordbeleuchtung und das leise "ping", wenn die Stromversorgung vom Hilfsgenerator auf die laufenden Triebwerke umgeschaltet wird.
Beim Start hatte Jakob jenen Moment genossen, bei dem die Nase des Flugzeugs nach oben geht und die Luft widerwillig mit einem durchsackenden Ruck das ganze Gewicht des Metallkolosses übernimmt. Jakob freute sich immer auf genau diesem Moment. Er erlebte ihn jedes Mal als den Sieg des menschlichen Geistes über die Kräfte der Natur. Das war nicht immer so gewesen. Jakob hatte zu Anfang seiner Karriere als Flugpassagier ausgesprochene Flugangst gehabt. Diese hatte immer dann ihren Höhepunkt erreicht, wenn der Pilot zum Start die Triebwerke hochfuhr und damit den Vorgang einleitete, der über sein weiterleben und das seiner Mitreisenden entscheiden würde. Diesen Vorgang nannte er Impulsaufbau. Impuls ist ein Begriff aus der Physik und ist die Verknüpfung zwischen Masse und Geschwindigkeit. Wenn ein Flugzeug beschleunigt, nimmt alles, was sich daran und darin befindet, also auch die Körper der Passagiere, Impuls auf. Impuls hat die penetrante Eigenschaft, einen Körper so lange in Bewegung halten zu wollen, bis er kontrolliert mit einer Gegenbeschleunigung, sprich bremsen, abgebaut wird. Für die Passagiere eines Flugzeuges kommt es entscheidend darauf an, wie dieser Impulsabbau von statten geht: Hart und tödlich bei einem Crash oder ungefährlich durch weiches und sanftes bremsen nach dem Aufsetzen.
Von dem Moment an, in dem das Feuer beim hochfahren der Turbinen seine gewaltige Macht in den Brennkammern der Triebwerke zu entfalten begann, war es Jakob immer, als würde sein Körper verseucht, als flösse beständig etwas tödliches von den Triebwerken in seinen Körper. Und genau genommen war es auch so. Während des ganzen Fluges meinte er, den potenziell tödlichen Impuls in sich körperlich verspüren zu können. So empfand er auch das Bremsen nach dem Aufsetzen als ersehnten, wohltuenden reinigenden Prozess, der erst in dem Moment beendet war, in dem die Maschine am Gate zum Stillstand kam.
Und so hatte ihn die Angst immer erst am Gate verlassen. Bis zu einem Flug nach Dubai. Er war auf Einladung eines Scheichs geflogen und dieser hatte sich nicht lumpen lassen. Auf diesem äusserst angenehmen Flug in der first Class der Emirat Airlines hatte er seinen lap-top angeschlossen und die fünf Stunden waren buchstäblich wie im Flug vergangen. Er hatte nicht das Gefühl gehabt, sich von A nach B zu begeben, sondern es war ihm eher vorgekommen, als hätte sich das Flugzeug gar nicht bewegt und statt dessen hätte einfach nur die Umgebung gewechselt. Auf diesem Flug hatten sich die nüchternen Zahlen der Flugstatistiken in Sicherheit verwandelt. Jakob hatte von diesem Tag keine Angst mehr vor Flugzeugen. Er konnte nicht sagen warum, aber er spürte den Impuls nicht mehr, hatte keine Angst mehr vor ihm. Er vertraute einfach darauf, dass er nur in Form einer Landung kontrolliert abgebaut würde.
Die Angst vor verrückten Menschen aber war geblieben. Was nutze die beste Technik, wenn ein Verrückter die Maschine in Gefahr brachte? Und so betrachtete Jakob beim Warten auf das boarding jeden seiner Mitreisenden genau. Besonders ungepflegte Einzelpersonen machten ihn nervös.
Heute hatte Jakob nichts ungewöhnliches bemerkt. Und so saß er entspannt auf Sitz 12B am Gang. Er versuchte, immer am Gang zu sitzen. Das Überklettern anderer Passagiere um sich die Beine zu vertreten oder auf die Toilette zu gehen, war ihm einfach zu lästig. Das Flugzeug hatte die Reiseflughöhe erreicht und die Triebwerke summten jetzt nur noch leise, nach dem sie beim Start mächtig aufgeheult und ihr Donnern in die Kabine geschickt hatten. Der Impuls kam im in den Sinn, aber der Gedanke verging so schnell, wie er gekommen war. Jakob machte es sich bequem. Das gleiche Ritual, wie es sich auf ungezählten Flügen vorher wiederholt hatte. Er packte die Kopfhörer aus, stöpselte den Stecker, suchte den Kanal für klassische Musik und regulierte die Lautstärke. Dann packte er den lap-top aus, klappte das kleine Tischen herunter und stellte den Computer auf, so weit es die Lehne des Vordersitzes zu lies.
Die Stewardessen begannen gerade damit, die ersten Getränke zu servieren. Es war die vertraute Geschäftigkeit an Bord eines Verkehrsflugzeugs, die Jakob längst zur Routine geworden war. Wenngleich heute eine Premiere war. Jakob flog zum ersten mal in einer Boing 747, einem so genannten "Jumbo-Jet". Eine Laune des Schicksals hatte es gewollt, dass er, obwohl sehr viel mit dem Flugzeug unterwegs, nie mit einem Jumbo geflogen war. DC-10, Boing 767, in allen großen Maschinen war er schon geflogen, aber noch nie in einer "747". Deren Dimensionen überraschten selbst einen "Vielflieger" wie ihn. Der Innenraum des riesigen Jumbos machte auf ihn eher den Eindruck einer fliegenden Turnhalle. Er mußte unwillkürlich daran denken, daß ein im Vergleich dazu winziges Menschlein mit winzigen, schwächlichen Ärmchen dieses Metallmonster steuerte.
Den Mann, der plötzlich zügig Richtung Pilotenkanzel schritt, hatte er zwar gesehen aber nicht wahrgenommen. Jakob war bereits in seinen Computer vertieft.
"Ich mußte es tun, die Mutter Gottes wird es mir danken"
Die Worte wurden überlaut und sehr rauh in die Kabine geschrieen. Die Aufmerksamkeit einiger Passagiere, meist noch damit beschäftigt, sich auf den Zweistundenflug einzurichten, richtete sich nach vorne. Im Durchgang zwischen den vorderen Toiletten stand ein Mann. Er war etwa 50 Jahre alt. Gekleidet war er mit einer Jeans und einem grob karierten Hemd. Die schwarzen Haare hingen ihm wirr in die Stirn. In der rechten Hand hielt er ein blutiges Messer mit einer langen Klinge. Sein Blick war irre und irgendwie weit weg.
Er fuchtelte wie wild mit dem Messer, so dass Blutstropfen umhergeschleudert wurden und schrie weiter, erregt, abgehackt.
"Ihr seid alle Sünder. Niemand darf durch den Himmel fliegen, nur die Kinder unserer lieben Mutter Gottes, die Engel des Herrn. Die Flügel der Engel sind von Gott, eure eisernen Flügel sind vom Teufel".
Immer mehr Köpfe drehten sich zu dem Mann, immer mehr Gesichter, in denen Angst geschrieben stand, tauchten über den Sitzlehnen auf, aber wenige Passagiere begriffen.
Die Stimme überschlug sich nun fast:
"Ich habe sie getötet, die Diener des Satans, die dieses Werk des Gehörnten durch den Himmel lenken.. Durch einen Himmel. durch den nur unser Herr und die Engel fliegen dürfen"
Die Chefstewardess, sichtlich um Fassung bemüht und sich ihre Ausbildung für Notfälle in's Gedächtnis rufend, tauchte hinter dem Mann auf. Dieser stand im Durchgang zur vorderen Bordküche. Aber nur seine Hand mit dem Messer ragte in die Passagierkabine. Der Messermann konnte die erste Sitzreihe links und rechts nicht einsehen, Der Zufall spielt manchmal seltsame Spiele. Er wollte es, dass just in der ersten Reihe links am Fenster ein Polizist sass. Diesem gelang es, nach Ablauf der Schrecksekunde, leise aufzustehen und sich an der Wand der Toilette entlangschiebend mit der Hand auszuholen und mit voller Wucht dem Mann das Messer aus der Hand zu schlagen. Als dieses auf den Boden polterte, war das wie ein geheimes Signal. Zwei weitere Passagiere aus der ersten Reihe sprangen auf und packten den Mann blitzschnell an den Händen, zogen ihn vollends in die Passagierkabine und stürzten sich auf ihn. Wirre Worte stammelnd und schreiend wehrte sich der Mann, hatte aber keine Chance, als noch zwei weitere Männer mithalfen, in auf einen leeren Sitz in der vordersten Reihe zu drücken. Das Notfalltraining spulte sich offensichtlich wie automatisch im Kopf der Chef-Stewardeß ab und so hatte sie bereits ein Klebeband bereit und es gelang, die Arme des Mannes an die Lehnen des Sitzes zu fesseln. Der Mann war wie rasend. Er zerrte wie wild an den Klebebändern, spuckte um sich, sprang mit den Beinen in die Höhe, trommelte mit den Füßen an die Toilettenwand und trat nach allem, was er erreichen konnte. Die Sitze neben ihm leerten sich blitzartig.
"Ihr Diener des Satans, ihr Teufel, die Mutter Gottes wird euch strafen, gelobt sei ihr Rosenkranz. Sie wird mich befreien und ihr werdet in der Hölle schmoren. Mutter wo bist du. Hilf mir gegen die Schergen des Satans"
Einem Passagier, der sich von hinten unter den Sitz des Irren gekniet hatte, gelang es in einem günstigen Augenblick, ein Bein des Tobenden zu fassen. Eisern hielt er dieses an eine Strebe des Sitzes, so daß es von einem weiteren Passagier mit Klebeband daran gefesselt werden konnte. Bald darauf war auch das zweite Bein gefesselt. Die Chefstewardess verstärkte zur Sicherheit die Klebebänder der Armfesseln achtete aber gleichzeitig darauf, dass die Bänder den Blutkreislauf nicht abschnürten. Vorsorglich kontrollierte sie auch, soweit es die beengten Platzverhältnisse zuliessen, auch die Fussfesseln.
Inzwischen war eine weitere Stewardeß gekommen.
"Schau nach den Piloten" wurde sie von der Chefstewardess angewiesen. Als ihre Kollegin Richtung Cockpit gegangen war, ging sie zum Bordtelefon. Sie blickte den langen Gang entlang. Etliche Passagiere hatten sich erhoben, gafften nach vorne. Andere saßen still auf ihren Sitzen, die Angst stand ihnen ins Gesicht geschrieben.
"Meine Damen und Herren, wir hatten einen kleinen Zwischenfall. Ein offenbar geistesgestörter Passagier hat randaliert. Wir konnten ihn an einen Sitz fesseln. Ist vielleicht ein Arzt anwesend, der nach ihm sehen kann. Bitte kommen Sie nach vorne. Meine Damen und Herren, es besteht kein Grund zur Beunruhigung. Danke für ihre Aufmerksamkeit"
Jakob hatte das Geschehen aus relativer Nähe mitbekommen, wenn er auch zu weit weg saß und alles zu schnell ging, als dass er hätte einzugreifen können. Während die Männer vorne mit dem Rasenden gekämpft hatten, waren Jakob die seltsamsten Gedanken durch den Kopf gegangen. Als er den Mann mit dem Messer sah, war sein erster Gedanke: Wie zum Teufel hatte der Irre das Messer an Board geschmuggelt? In Erinnerung seines Erlebnisses bei der Sicherheitskontrolle war im das ein absolutes Rätsel. Beim zweiten Gedanken erst dachte er an eine Entführung. Sein Magen krampfte sich zusammen und das Adrenalin schoss durch seinen Körper. Jakob sah von seinem Platz aus nur von hinten den Kopf des Mannes, der alleine in der vorderen Reihe saß. Er konnte aber an den ruckartigen Bewegungen des Kopfes erkennen, dass der Mann immer noch mit aller Kraft gegen die Fesseln kämpfte. Die Worte der Stewardess hatten Jakob kaum beruhigt. Ein mulmiges Gefühl blieb. Ein Blick in die Runde zeigte Jakob, daß er nicht der einzige war, dem es so ging.
Auf den Aufruf der Chefstewardess hin hatten sich zwei Ärzte gemeldet. Nachdem sie nach vorne gegangen waren und kurz mit der Chefstewardess gesprochen hatten öffnete einer von beiden seinen Koffer um eine Spritze heraus zu holen.
Die Chefstewardess unterhielt sich gerade mit dem zweiten Arzt, als ihre Kollegin kreidebleich aus dem Cockpit zurück kam. Wie in Trance ging sie auf ihre Chefin zu und berührte sie leicht am Arm. Diese drehte sich zu ihr herum. Das Gesicht der Kollegin sprach Bände.
"Oh mein Gott, es ist schrecklich" konnte sie nur stammeln.
Die Chefstewardess ging, wortlos Richtung Cockpit. Als sie die Tür öffnete, bot sich ihr ein Bild des Grauens.
Der Pilot hing leblos vorgebeugt über der Steuersäule. Blut floß irgendwo aus seiner Brust und verteilte sich langsam über die empfindliche Elektronik. Auch an seinem Rücken waren blutige Flecken zu sehen, Das Blut am Rücken wurde von der Uniform aufgesaugt. Seine Arme hingen schlaff zu beiden Seiten herab. Sein Kopf war zwischen die Hörner der Steuersäule gefallen. Das Gesicht zeigte nach innen zum Gang zwischen den Sitzen. Ein Gesicht, auf dem der Tod den Todeskampf konserviert hatte, blickte seltsam anklagend die Chefstewardess an. Ein Schütteln, das auch das beste Notfalltraining nicht verhindern konnte, erfasste ihren Körper. Mit einem gewaltsamen Ruck drehte sie sich zum Kopiloten. Dieser wandte schwach den Kopf, sah zu ihr auf und versuchte etwas zu sagen. Doch nur ein Blutschwall verlies seinen Mund.. Er war zu schwer verletzt Sein Körper war von Einstichen übersäht. Offenbar hatte der Irre erst den Kapitän angegriffen, so dass der Kopilot sich noch etwas hatte wehren können.
Die Chefstewardess ging mit schlotternden Knien rasch zurück zu den beiden Ärzten, die sich um den Tobenden bemühten.
"Bitte kommen sie schnell in's Cockpit" sagte sie zu einem der beiden.
Der Arzt, mit Reaktionen und Gesichtern von Menschen in Notsituationen durch viele Einsätze vertraut, folgte ihr wortlos. Im Cockpit fühlte er zunächst den Puls des Kapitäns am Handgelenk, dann am Hals.
"Er ist tot"
Dann sprach er en Kopiloten an:
"Können sie aufstehen, hier kann ich ihnen nicht helfen?"
"Ich werd's versu.."
Ein Blutschwall aus seinem Mund stoppte seine Worte. Dann fiel sein Kopf kraftlos nach vorne.
Der Arzt fühlte seinen Puls.
"Er ist ohnmächtig, seine Lunge ist verletzt, helfen sie mir, ihn hier raus zu holen"
Er nahm den Oberkörper des Verletzten, zog ihn sanft herüber und deutete mit einem Blick der Stewardeß, dessen Arme zu nehmen.
"Ziehen sie vorsichtig"
Eine weitere Stewardess kam durch die Cockpitüre. Sie sah nur einen Teil der Szene, aber ihre schreck geweiteten Augen zeigten, daß sie genug gesehen hatte.
"Mach alle Vorhänge zu und sorge dafür, daß niemand die vorderen Toiletten benutzt"
Der Ton der Chefstewardeß war harscher als diese es wollte. Ihre Kollegin ging wortlos. Während die Chefstewardess vorsichtig an den Armen des Kopiloten zog, versuchte der Arzt, dessen Körper zu umfassen und sachte aus dem Sitz zu heben. Es gibt nichts schwereres als einen leblosen Menschen. Doch da kam der Kopilot wieder zu sich.
"Helfen sie uns, sie aus dem Sitz zu bekommen"
Die Worte des Arztes drangen wie durch Nebel von ferne an das Ohr des Schwerverletzten. Schwach versuchte er, aus dem Cockpit zu klettern. Doch diese kleine Hilfe genügte.
Sie legten den Verletzten in den Gang gleich vor dem Cockpit.
"Bringen sie bitte Decken" bat der Arzt die Chefstewardess.
Sie ging um diese zu besorgen. Der Arzt begann sofort mit der Untersuchung des Schwerverletzten. Als die Chefstewardess zurück kam, legten sie den Blutenden so sanft wie möglich auf eine der mitgebrachten Decken und schleiften ihn mehr als sie ihn trugen vorsichtig in den Raum zwischen Toilette und Küche.
Der Arzt holte seine Tasche, die er am Eingang zum Cockpit abgestellt hatte und begann mit der Behandlung.
Der Chefstewardess war die ganze Zeit etwas im Kopf umher gegangen: Wer steuerte eigentlich das Flugzeug. Der Autopilot mußte eingeschaltet sein. Plötzlich wurde sie völlig ruhig. Die vielen Notfall-Trainings trugen nun Früchte. Inzwischen hatten sich alle anderen Flugbegleiter eingefunden. Die Chefstewardess klärte sie nach und nach über die Situation auf. Ruhe bewahren. Nichts tun, was zur Panik unter den Passagieren führen könnte. Dennoch hatte sie ein Problem. Sie mußte einen Aufruf starten, ob einer der Passagiere ein Flugzeug fliegen könnte. Aber dann würden die Passagiere wissen, daß das Flugzeug führerlos war. Schließlich wagte sie die Durchsage.
"Meine Damen und Herren, ich bitte um ihre Aufmerksamkeit. Der Kopilot hatte einen kleinen Unfall. Der Kapitän bräuchte die Unterstützung eines Passagiers, der etwas vom Fliegen versteht. Bitte kommen sie nach vorne. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung, wir haben alles unter Kontrolle".
Jakob horchte auf. Was war hier los. Wenn der Kopilot dem Kapitän nicht mehr assistieren konnte, mußte er mehr als einen kleinen Unfall gehabt haben. Das mulmige Gefühl in der Magengegend wurde noch stärker. Die Köpfe der Passagiere drehten sich und hielten nach jemanden Ausschau, der sich auf die Durchsage melden würde. Auch Jakob blickte durch die Kabine. Niemand meldete sich. Sein Puls begann zu jagen. Sollte er? Jakob wartete noch eine Weile. Aber noch immer sah er niemand nach vorne gehen. Dann stand er kurz entschlossen auf und ging Richtung Cockpit. Die Blicke der anderen Passagiere richteten sich auf ihn. Vor dem Vorhang zu den Toiletten, der seit dem Zwischenfall geschlossen war, stand die Chefstewardess.
"Sie können ein Flugzeug fliegen?"
Die Angst in ihrer Stimme irritierte ihn.
"Wie man's nimmt" antwortete er, "aber ich verstehe was vom Fliegen und als Kopilot bin ich besser als gar keiner".
"Was soll das heißen, ?
Man merkte an ihrem Tonfall, dass eine Hoffnung, die sein Erscheinen offenbar in ihr ausgelöst hatte, wieder am schwinden war.
können sie mir das genauer erklären"?
Es war fast eine Spur von Aggressivität in ihrer Stimme.
"Äh.. ich verstehe nicht " sagte Jakob, "sie haben doch nach jemand gefragt, der was vom Fliegen versteht und das tue ich, aber wenn es Sie interessiert, ich habe zwar noch kein Flugzeug wie dieses geflogen, ich bin aber Flieger und habe jede Menge Flugstunden"
Jakob sah, dass sie mit sich kämpfte.
Sie beugte ihren Oberkörper zur Seite und blickte an ihm vorbei nach hinten. Er drehte sich leicht um.. Aber hinter ihm war niemand, er war noch immer der einzige, der sich gemeldet hatte
Dann gab sie sich einen Ruck.
"Kommen sie"
Hatte sie keine Lust mehr, mit ihm vor dem Vorhang zu diskutieren?
Jakob folgte ihr Richtung Cockpit. In der kleinen Küche rechts, kurz vor der Tür zum Cockpit lag ein Blut überströmter Mann am Boden auf Decken. Soviel kannte sich Jakob mit den Rangabzeichen der Flieger aus, dass er sah, dass es sich um den Kopiloten handelte. Ein Mann, vermutlich Arzt, kniete neben ihm, gab ihm und horchte ihn mit dem Stethoskop ab.
Jetzt ahnte Jakob, um was es beim Kampf in ihrem Inneren gegangen war. Er stoppte kurz, dann folgte er der Chefstewardess in's Cockpit.
Über dem linken Sitz, dem Pilotensitz und dem Steuerhorn, lag eine Decke, darunter konnte man die Umrisse eines Menschen erahnen. Die Instrumente waren voller Blut.
"Der Kapitän ist tot, erstochen von dem Irren. Der Kopilot ist schwer verletzt, er kann nicht fliegen"
"Aber sie haben doch gesagt, der Kapitän braucht Hilfe..
Die Chefstewardess sah ihn nur schweigend an und nach einer kurzen Weile begriff Jakob. Jetzt schaute er entgeistert die Frau in Uniform vor ihm an. Die Wahrheit war ein Schock.
"Ahh, ich verstehe. Keine Panik verursachen"
Jakobs Stimme verriet, daß jetzt hinter seiner Stirn ein Kampf um die Fassung stattfand.
"Können sie nun fliegen?"
Die Stimme der Chefstewardess klang ungeduldig, Befehlsgewohnt.
"Wie ich schon sagte" antwortete Jakob, "wie man's nimmt. Ich bin Segelfliegerpilot und gelegentlich Motorsegler". Hören Sie, Miss, ich habe mich gemeldet um zu assistieren, Funk, Navigation usw, das ist immer das selbe, egal wie groß ein Flieger ist"
"Sie haben also noch nie ein Passagierflugzeug geflogen"?
Plötzlich lag richtige Verzweiflung in der Stimme der Chefstewardess.
Jakob schüttelte leicht den Kopf
"Ich habe schon Passagiere geflogen aber noch nie so viele auf einmal.
"Aber andere Maschinen sind sie geflogen, sie verstehen was vom fliegen"?
"Das will ich meinen" sagte Jakob und versuchte seiner Stimme einen festen Klang zu geben.
Dann haben wir eine kleine Chance, ein erfahrener Pilot muss sie "herunterbeten". Glauben sie, sie schaffen das"?
Jakob wusste, was sie mit "herunterbeten" meinte. Er würde auf Anweisung einer Piloten über Funk versuchen, die Maschine zu landen.
"Ich muss wohl, denn eine andere Chance haben wir wohl nicht oder"?
Die Chefstewardess sah Jakob fest in die Augen:
"Eine andere Chance haben wir wohl tatsächlich nicht" sagte sie leise.
Jakob übernahm das Kommando.
"Wir müssen zuerst den toten Piloten nach hinten bringen. Ich brauche jemand auf dem Kopilotensitz der mir hilft. Fassen sie mit an"
Gemeinsam schafften sie es schließlich, den toten Piloten in die linke Bordküche zu legen und mit einer Decke zuzudecken. Jakob hatte zwar darauf geachtet, so wenig als möglich mit dem Blut des toten Kapitäns in Berührung zu kommen und der größte Teil des Blutes war bereits verkrustet aber dennoch war er nun über und über mit Blut verschmiert. Der Chefstewardess erging es nicht besser.
"Gott sei Dank habe ich eine Ersatzuniform dabei, ich bin gleich zurück" murmelte sie und verschwand um sich umzuziehen.
Er ging wieder ins Cockpit. Der Pilotensitz und ein Teil der Instrumente waren von Blut verkrustet. Es war ein schrecklicher Anblick und in einer anderen Situation wäre das Jakob sehr nahe gegangen. Aber er hatte gar keine Zeit, darüber nach zu denken. Auch hatte er wahrscheinlich noch gar nicht realisiert, in welcher Gefahr sie schwebten. Er hatte Tausende von Segelflug- und Motorseglerstarts hinter sich. Die Luft war sein Element. Ein Segelflugzeug bleibt nur in der Luft durch die Kräfte der Natur. Es gibt keinen Motor, der einem hilft. Daher blicken Segelflieger auch etwas auf ihre "Motorkollegen" herab. Denn um die Aufwinde zu spüren und um sie auszunutzen und sich von ihnen tragen zu lassen, muß man mit dem Flugzeug verwachsen und man muß ganz exakt fliegen, denn jeder Zentimeter verlorene Höhe zählt. Segelflieger sind exzellente und gefühlvolle Flieger. Auch bekommen sie eine fundierte Ausbildung in Wetterkunde und Navigation. Segelflieger müssen ohne viel Technik immer ihre Flughäfen finden, sonst gibt's eine Außenlandung, und die ist aus verschiedenen Gründen nicht erstrebenswert. Was einem Segelflieger aber fehlt, ist die Kenntnis über die ganze hypermoderne Flugtechnik und natürlich über das Flugverhalten eines Großflugzeuges. Flugzeuge werden durch Strömungskräfte in der Luft gehalten. Die Eckwerte dieser Strömung sind von Flugzeug zu Flugzeug unterschiedlich, aber um ein Flugzeug fliegen zu können, muß man diese wissen. Jakob hatte hier aber noch einen Trumpf im Ärmel.
Jakob wartete, bis die Chefstewardess zurück kam. Er deutete auf das Blut.
"Kann hier jemand ein bisschen sauber machen"? fragte er sie.
Sie ging wieder und kurze Zeit später kam eine andere Stewardess mit Reinigungstüchern und einem Spray. Sie begann vorsichtig und so gut es ging, die Bedientafeln zu reinigen. Peinlichst darauf bedacht, keinen Schalter zu verstellen, ließ sie sich nicht anmerken, daß sie hier das Blut des toten Kapitäns wegwischte. Jakob bewunderte langsam die Professionalität der Crew, dann nahm auch er ein paar Tücher und half ihr.
Als sie fast fertig waren, versuchte Jakob, sich zu orientieren. Zuallererst musste er Funkkontakt mit irgend einer Station auf dem Boden aufnehmen. Er suchte und fand das Funkgerät, genauer gesagt die Funkgeräte. Aber zunächst mußte er noch etwas anderes klären. Er würde immer mal die Hilfe einer Stewardeß benötigen. Er konnte nicht jedesmal aufstehen um jemanden zu holen. er wandte sich an die Stewardeß, die gerade mit dem Reinigen aufhören wollte.
"Sagen sie mal, gibt es hier so etwas wie einen Rufknopf für Personal oder so?"
"Das weis ich nicht, aber hole mal die Chefstewardess".
Sie packte die Blut verschmierten Tücher und das Spray in einen Plastiksack und verließ das Cockpit. Kurz darauf kam die Chefstewardess, Jakob erklärte ihr, worum es ging. Aber auch sie kannte so einen Knopf nicht.
"Könnte dann bitte immer jemand von der Crew hier im Cockpit sein? ich brauche später sowieso jemand mit guten Nerven, der mir hilft"
"Ich schicke ihnen Michèle, ich muss mich um die Passagiere kümmern"
Sie verließ das Cockpit. Kurz darauf kam wieder die Stewardeß, die schon die Schaltpulte gesäubert hatte. Die Chefstewardess traute ihr anscheinend die stärksten Nerven zu, darum hatte sie sie auch zum entfernen des Blutes geschickt.
Michèle war mittelgroß und hatte eine feine Figur. Sie hatte leicht mandelförmige Augen und einen dunklen Taint. Fast hätte sie asiatisch gewirkt, wären da nicht das gelockte, mittelblonde Haar gewesen. "Nicht unattraktiv" dachte Jakob und wunderte sich, dass man in einer Situation wie dieser solche Gedanken haben konnte. Doch sie strahlte die geschäftsmäßige und routinierte Distanz einer Stewardess gemischt mit einer Spur Nervosität aus.
"Bitte setzen sie sich in den Copilotensitz Michèle, ich darf sie doch so nennen"?.
Sie nickte und kletterte in den Sitz des Kopiloten.
Als sie Platz genommen hatte, erklärte ihr Jakob ihre Aufgabe.
"Hi, ich bin Jakob, so wie es aussieht, bin ich der einzige hier an Board, der diese Kiste irgendwie fliegen und landen kann. Ich brauche aber ihre Hilfe. Und ich brauche Kontakt nach hinten. Glauben sie, sie schaffen das?"
"Ich werd's versuchen, was muß ich tun?"
Ihre Stimme war fest aber dennoch zart und wohltuend und klang irgendwie gebildet.
"Jetzt, während des Fluges krieg ich das alleine hin" fuhr Jakob fort, "aber später bei der Landung werde ich alle Hände voll zu tun haben. Sie müßten dann Triebwerk und Klappen übernehmen. Ich werde ihnen später noch alles genau erklären"
So ganz überzeugt, daß es so einfach werden würde, war Michèle nicht, das konnte er an ihrem Blick erkennen.
"Das hier ist der Schubhebel. Nach dem abschalten des Autopiloten müssen wir selber den Schub kontrollieren. Im Moment macht das der Autopilot"
Jakob hatte den Autopiloten bereits kontrolliert. Die Einstellung stand auf Höhen-, Geschwindigkeits-, Richtungs- und automatischer Schubkontrolle. Der Autopilot hatte im Moment praktisch alle wichtigen Steuerungen.
"Das hier ist der Hebel für die Stör- oder Bremsklappen. Mit denen können wir quasi bremsen und Geschwindigkeit abbauen, das kann noch sehr wichtig werden. Dies hier ist der Hebel für die Vor- und Nachflügel. Was das ist brauche ich ihnen wohl nicht zu erklären".
Michèle schüttelte den Kopf. Nein das brauchte er nicht. Sie flog nun bereits 15 Jahre. Was die Klappen bedeuteten, wußte sie so einiger maßen.
"Für einen Segelflieger kennen sie sich aber gut aus"
Aha, dachte Jakob, die Chefstewardess hat die kleine Michele instruiert. Na was soll's.
Laut sagte er:
"Man tut was man kann"
Er griente sie an.
"Sie bekommen von mir dazu später noch genaue Anweisungen. Aber schauen sie sich die Hebel schon mal genau an, damit sie später gleich wissen, wo sie hinlangen müssen. Jetzt wollen wir mal Funkkontakt aufnehmen"
Jakob blickte wieder zu den Funkgeräten. Es waren gleich vier Stück. Er wußte, einige davon waren für den Sprechfunk, ein anderes für das ILS, das "Instrument-Landing System". Welches Funkgerät welches war, wußte er nicht. Er setzte sich den Kopfhörer auf und deutete Michèle, es ihm gleich zu tun.
"Hören sie mich?" fragte er ins Mikrofon
"Laut und deutlich"
An der Steuersäule suchte Jakob nach dem Knopf für den Sprechfunk und fand ihn auch. Da er keine Ahnung hatte, welches der vier Geräte gerade das aktuelle Funkgerät war, wusste er auch nicht, auf welcher Frequenz er sprechen würde, aber irgend eine musste es sein. Irgendwer musste ihn hören. Bevor Jakob den Knopf drückte, fragt er Michèle:
"Welcher Flug ist das hier gleich noch mal"?
"Flug SN 237"
"Danke" Dann drückt er den Knopf des Sprechfunks:
Maday, Maday, dies ist Flug SN 237, wir erklären den Notfall, Maday, Maday"
Sofort war da eine Stimme in seinem Kopfhörer.
"Flugkontrolle Lion an alle, wir haben einen Notfall, Frequenz bis auf widerruf freihalten, SN 237, welche Schwierigkeiten haben sie?
"Hier SN 237, unsere Piloten wurden von einem Verrückten angegriffen. Der Terrorist wurde von Passagieren überwältigt und an einen Sitz gefesselt. Ein Arzt kümmert sich um ihn. Der Pilot ist tot, der Copilot ist schwer verwundet und kann die Maschine nicht fliegen"
"SN 237 von Flugkontrolle, wie ist ihr Status"?
"Hier SN237, die Maschine fliegt auf Autopilot, Kurs 154, Höhe 31000 fuß, Treibstoff noch etwa 2 mal 80000 Gallonen"
Es entsteht eine kleine Pause, Die nutzt Jakob, um Michèle, die in ihren Kopfhörern alles mithören kann, zu sagen:
"Schauen sie mal nach dem Kopiloten, vielleicht hat er sich erholt und er kann mir Anweisungen geben"
Michèle nickte, nahm die Kopfhörer ab, klettert aus dem Sitz und ging nach hinten.
"SN 237 von Flugkontrolle, wer ist am Funkgerät"?
"Hier SN237, mein Name ist Jakob Lenden, ich bin ein Passagier und hier der einzige, der einigermaßen etwas vom fliegen versteht"
"SN 237 von Flugkontrolle, Herr Lenden, können sie mal die Chefstewardess ans Mikro holen"
"Hier SN237, ich bin alleine im Cockpit, einen Moment"
Jakob verflucht es bereits, Michèle rausgeschickt zu haben.
Da hört er die Cockpittüre gehen und wie durch ein Wunder kamen die Chefstewardess und hinter ihr Michèle herein.
Jakob deutet auf die Kopfhörer des Copiloten und klärt die Chefstewardess hastig auf.
"Die Bodenkontrolle traut der Sache nicht, bestätigen sie bitte meine Angaben"
Sie setzt die Kopfhörer auf
"Hier ist Chefstewardess Kathy Miller von der Fluggesellschaft Global Wings, Personalnummer 10445Km002 auf Flug SN 237 von Malaga nach Frankfurt. Wir hatten einen Angriff auf die Piloten. Der Kapitän ist tot, der Kopilot schwer verletzt und bewußtlos. Im Cockpit ist ein Passagier, der etwas vom fliegen versteht"
Zum einen wußte Jakob nun um den Zustand des Kopiloten bescheid, zum anderen bewunderte er einmal mehr die Professionalität der Crew
Sie hatte in Kurzen Worten die Situation erklärt, sie hatte Daten genannt, die nur sie kennen konnte und sie hatte darauf verzichtet, irgend eine geheime Botschaft in ihre Daten zu schmuggeln, Das zeigte der Bodenkontrolle, dass alles so war, wie sie es gesagt hatte. Es bestand ja auch die Möglichkeit, dass sie von Terroristen zu dieser Durchsage gezwungen wurde
"Wie sieht es hinten aus?" fragte er die Chefstewardess.
"Den Umstand nach recht ruhig aber.."
Die Stimme im Kopfhörer Jakobs sprach wieder und er mußte sich darauf konzentrieren.
"SN 237 von Flugkontrolle, Herr Lenden, sind sie ausgebildeter Pilot"?
Hier SN 237, ich habe die Fluglizenzen B und C, also für Kleinflugzeuge"
"SN 237 von Flugkontrolle, kennen sie sich mit Funkgeräten aus"?
"Hier SN 237, ich habe eine Flugfunksprechausbildung, wenn sie das meinen"
"SN 237 von Flugkontrolle, das ist gut, das ist gut, wechseln sie bitte auf 113,90"
Jakob schaute zu den Funkgeräten. Da waren vier übereinander. Welches war nun für den Sprechfunk? Seine Gedanken rasten.
Hier SN 237, auf welcher Frequenz sprechen wir gerade"?
"SN 237 von Flugkontrolle, Frequenz ist 127,30"
Aha, dachte Jakob. Diese Frequenz war auf dem zweiten Funkgerät von oben gerastert. Zu Michèle sagte er:
"Haben sie was zu schreiben"?
Sie schüttelte den Kopf. Bevor er noch was sagen konnte, stand sie schon auf. Hoffentlich konnte er sich die alte Frequenz bei all dem Streß merken. Denn wenn beim Frequenzwechsel was schief ging, mußte er die alte Frequenz wieder einstellen um wieder genau die Leute zu kriegen, mit denen er jetzt auch sprach. 127.30 127,30 er versucht sich die Zahlen einzuprägen
Dann rasterte er auf dem zweiten Funkgerät von oben 113,90
Sofort war eine Stimme im Kopfhörer:
"SN 237 von Flugkontrolle, hören sie mich?, SN 237 von Flugkontrolle, hören sie mich"?
Hier SN 237, ich höre sie laut und klar
Der Frequenzwechsel hatte geklappt. Michèle kam mit Papier und Kugelschreiber und setzte sich wieder in den Kopilotensitz. Aber sie brauchte nichts mehr aufzuschreiben. Zumindest im Moment nicht.
"SN 237 von Flugkontrolle, wir sind auf dieser Frequenz alleine, wir können uns also die Kennungen sparen."
"O.K:"
Es entstand eine Pause. Dann kam die Stimme wieder aus dem Kopfhörer.
"Rastern sie 9999 am Transponder"
Den Transponder hatte Jakob schon registriert. Dies ist ein Gerät, das immer dann, wenn ein Flugzeug von einem Radarstrahl getroffen wird, die Kennung des Flugzeugs, die Flughöhe und die eingestellte Transponderzahl zurückfunkt. 9999 war das internationale Signal für Flug in Gefahr. Neben ihrer Kennung SN237 würde ab jetzt auf den Schirmen aller Flugleitzentralen rot die 9999 stehen.
"Das machen Sie gut Herr Lenden. Jetzt müssen wir langsam an die Landung denken. Wir machen den Flughafen Alicante für sie frei"
Jakob krampfte sich der Magen zusammen. Das Wort Landung versprach viel Streß..
"Auf welchem Kurs liegt Alicante von uns aus" fragte er "und wie weit ist das weg"?
"Kurs 129 Grad, Entfernung etwa 120 Meilen"
"O.K. Ich drehe jetzt auf Kurs 129"
"Können sie denn mit dem Autopiloten umgehen."?
"Ich denke schon" sprach Jakob in's Mikrofon, während er am Autopilot den neuen Kurs rasterte, "aber sie sollten trotzdem jemand holen, der mir Anweisungen geben kann" Seine Stimme war rauh.
"Ist schon veranlaßt. Sie kennen sich gut mit dem Autopiloten aus, woher kommt das Herr Lenden? wollte der Mann am Boden wissen
"Nun, ehrlich gesagt habe ich geschätzt etwa 300 Flugstunden auf dem Typ Boing 747, aber ich habe in echt noch nie so einen Vogel geflogen"
Es entstand eine überraschte Pause.
"Simulator also", der Mann am Boden begriff schnell
"Ich habe mir zu Hause einen Simulator eingerichtet, mit großem Bildschirm, viel Sound und viel Technik. Alles ziemlich echt. Und einmal war ich eine halbe Stunde im richtigen Simulator bei einer Fluggesellschaft"
So, jetzt war es raus. Hoffentlich verlangten sie jetzt nicht zuviel von ihm. Aber eigentlich konnte ihm das egal sein. Er und die andern Passagiere saßen hier oben und waren in Gefahr. Er mußte und würde entscheiden, egal was die da unten sagen würden.
"Dann sind sie mit den Instrumenten einigermaßen vertraut"?
"Das will ich wohl meinen" antwortete Jakob. Langsam ärgerte er sich.
"Na das ist ja immer hin etwas"
War so da etwas wie Spott in der Stimme? Er vergaß den Gedanken gleich wieder, Jakob sah an der sich ändernden Kompassanzeige, dass die Maschine wie von Geisterhand inzwischen auf den neuen Kurs einschwenkte.
"Ich gehe jetzt mal nach hinten" teilte Jakob dem Boden mit.
"Aber nicht zu lange, kam die Antwort; sie müssen bald den Sinkflug einleiten"
"Ich weiß"
Jakob stand auf und ging in die Küche. Dort kniete der Arzt noch immer neben dem Kopiloten.
"Wie geht es ihm"?
"Noch immer sehr schlecht, er muß schnellstens in ein Krankenhaus, wenn er eine Chance haben soll"
"Wir werden in etwa 25 Minuten landen, schafft er das"?
Schwer zu sagen, bei den Möglichkeiten hier" antwortete der Arzt.
"Wir werden in 25 Minuten landen!!!!"
Jakobs hatte Stimme hatte so geklungen, als wäre dies das selbstverständlichste von der Welt. Der Arzt hatte es ihm glatt abgenommen. Der Krampf in Jakobs Magen wuchs.
Er ging weiter bis zum Passagierraum. Vorsichtigt lugte er durch den Spalt zwischen den Vorhängen. Mit seiner Blut verschmierten Kleidung war er sicher nicht der Anblick, der für Ruhe sorgen würde. Die Stewardessen waren mit den Getränkewagen unterwegs. Die Passagiere saßen ruhig auf ihren Sitzen, der Irre schlief, er war wohl voll mit Beruhigungsmitteln. Eienr der Ärzte fühlte gerade seinen Puls. Man hatte den Eindruck, als wäre der Zwischenfall längst vergessen. Die Stewardessen hatten ganze Arbeit geleistet.
Er konnte hier nichts mehr tun. In der Küche traf er Michèle.
"Hätten Sie einen Kaffee für mich?"
Was ging hier vor sich? Er tat hier so, als wäre die bevorstehende Landung das normalste der Welt. Und er hatte den Eindruck, daß ihm alle vom Arzt bis zu den Stewardessen das nur zu gerne abnahmen. Auch gut, so gab's weniger Streß. Der Kaffee war heiß, sehr heiß. Er trank das wohltuende, bittere Getränk in kleinen Schlucken. Michèle beobachtete ihn. Er grinste sie an. Nur keine Nerven zeigen. Er brauchte eine ruhige Michèle.
"Na dann wollen wir mal"
Er versuchte seine Stimme ganz cool klingen zu lassen und drückte ihr den leeren Becher in die Hand. Sie wollte aufbegehren, aber dies konnte er nur an einem kurzen Aufblitzen in ihren wunderschönen Augen erkennen. Sie hatte seine Autorität scheinbar nur äusserlich anerkannt. Sofort hatte sie sich wieder unter Kontrolle.
Sie gingen beide in's Cockpit, nahmen auf ihren Sitzen platz und setzten die Kopfhörer auf.
"SN237 hören sie mich? SN237, können sie mich hören?
"Hier SN237, Ich höre sie"
Die Stimme vom Boden war verärgert. Warum? Das war egal.
"SN 237. Ein 747-Pilot ist unterwegs, es wird aber noch etwa 20 Minuten dauern, bis er hier sein kann. Haben sie genug Sprit, um solange zu kreisen"?
Das war keine gute Frage.
"Sprit haben wir genug, Aber wir haben einen Schwerstverletzten an Board, der schnellst möglich in ein Krankenhaus muß. Es geht ihm sehr schlecht, Jede Minute zählt"
Pause im Kopfhörer.
Plötzlich wurde Jakob klar, in welcher Situation er war. Damit hatte er niemals gerechnet. Politiker, Militärs, Polizei. Ja, die mußten sich klar darüber sein, daß sie in eine Situation kommen konnten, in der sie Leid gegen Leid abwägen mußten. Egal wie man sich in so einer Situation auch entscheidet, es gibt Leid. Man kann nur versuchen, die Entscheidung zu treffen, bei der es am wenigsten Schaden, Verwundete oder gar Tote geben wird. Trotzdem wird man zum Herren über Leben und Tod. Eine solche Situation ist die Schlimmste, in die ein Mensch geraten kann, denn man muß entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss. Und nun war Jakob in einer solchen Situation. Würde er kreisen, konnte der Kopilot sterben. Versuchte er ohne Hilfe zu landen, konnten sie alle sterben. Sterben, sterben, sterben. Wie ein Echo kreiste das Wort in seinem Kopf. Plötzlich wurde ihm mit brutaler Macht bewusst, dass sie alle vielleicht nur noch ein paar Minuten zu leben hatten. Das hing alleine nur von ihm ab.
Er versuchte das plötzliche Zittern seiner Knie zu unterdrücken. Verdammt, warum ging das nicht?
"Hallo Bodenkontrolle, hören sie mich"
"Ja, wir haben inzwischen einen Vertreter von Global Wings hier , er möchte mit ihnen reden.
"Ich höre"
Hallo Herr äh ... Lenden, ist das richtig? Mein Name ist Wagner, John Wagner, ich bin der Repräsentant der Global-Wings hier in Spanien. Was ist geschehen"?
"Hallo Herr Wagner, das habe ich doch schon alles durchgegeben. Die beiden Piloten wurden von einem Verrückten mit einem Messer angegriffen. Der Pilot ist tot, der Kopilot ist schwerst verletzt. Der Irre wurde von Passagieren mit Klebeband an einen Sitz gefesselt und von einem Arzt ruhig gestellt, Ein zweiter Arzt versorgt den Kopiloten. Ich bin anscheinend derjenige an Board, der was vom Fliegen versteht. Darum spreche ich hier mit ihnen. Ich habe mich übrigens entschlossen, nicht zu kreisen. Ich glaube, daß ich die Kiste hier einigermaßen heil runterkriege. Wenn ich kreise, stirbt wahrscheinlich der Kopilot und so nebenbei auch mein Selbstvertrauen. ich habe auch nur Nerven.
"O.K. Herr Lenden, danke. Wir sind allerdings der Meinung, daß sie kreisen sollten, bis sie über Funk Hilfe bekommen können.
Jakob wurde langsam wütend:
"Hören sie, Sie sind nicht hier an Board und sie wissen nicht, was ich kann. Aber ich weiß es und ich habe keine Lust, ihnen das lange zu erklären. Ich muß mit dem Sinkflug beginnen, wenn's ihnen nicht passt kommen sie doch rauf"
Kurze Pause im Kopfhörer.
"Herr Lenden, geben sie mir bitte die Chefstewardess"
"Das kann ich gerne tun, sie wird meine Meinung aber unter keinen Umständen ändern. Akzeptieren sie meine Entscheidung, ich bin schon angespannt genug, komplizieren sie nicht noch alles"
Michèle hatte mitgehört und war schon aufgestanden, die Chefstewardess zu holen. Sie traute seinen Flugkünsten anscheinend auch nicht.
Jakob wandte sich den Instrumenten zu. Nur am Rande bemerkte er, daß Michèle und die Chefstewardess zurück kamen, daß Michèle sich in den Kopiloten-Sitz zwängte und der Chefstewardess die Kopfhörer reichte. Während er die Anzeige des GPS studierte, nahm er wahr, wie sie leise mit dem Boden sprach.
Alicante war auf dem GPS-Schirm noch nicht zu sehen. Der GPS-Schirm ist ein kleiner Ausschnitt einer Landkarte auf einem Bildschirm, der vom Computer immer so angepaßt wird, dass das Flugzeug in der Mitte des Schirms als Kreuz zu sehen ist und die Flugrichtung nach oben zeigte. Dadurch drehte sich die Landkarte immer bei Richtungsänderungen unter dem "Flugzeug" durch. Gerade so, als könnte man durch den Boden der Pilotenkanzel den Boden sehen. Zusätzlich zeigt die Karte noch Daten des Flugzeugs wie Kurs, Geschwindigkeit usw an. Gibt man die Kurzbezeichnung eines Flughafens ein, dann zeigt das Gerät genau die Entfernung des Flugzeugs zu diesem Flughafen an. Genau das brauchte Jakob. Aber es fehlte ihm die Kurzkennung des Flughafens von Alicante.
In dem Moment beendete die Chefstewardess das Gespräch mit der Bodenkontrolle. Jakob machte sich auf einen harten Disput gefaßt.
"Machen sie bitte weiter"
Sprach's und verließ die Pilotenkanzel. Die Frau erstaunte Jakob immer wieder. Global Wings hatte sie nicht umsonst zur Chefstewardess gemacht
"Hallo Boden, ich brauche die Kennung von Alicante und wo ist der Knopf für durchsagen in die Kabine?"
"Herr Lenden, die Kennung für Alicante ist Lima Echo Alpha Lima, der Knopf für Durchsagen ist über ihrem Kopf, etwas rechts. Die Aufschrift lautet Com Kabin"
Die Stimme klang plötzlich viel freundlicher.
"Danke, Ende"
Jakob gab die Kennung in das GPS ein. Sofort erschien am oberen Rand die Entfernung zum Flughafen von Alicante. 90 Meilen. Er hatte viel Zeit vertan. Jetzt wurde es höchste Zeit, mit dem Sinkflug zu beginnen. Als erstes stellte er am Autopiloten die Sinkrate ein: 1800 Fuß pro Minute, das sind zehn Meter pro Sekunde. Dann änderte er die Sollgeschwindigkeit am Autopiloten auf 240 Meilen die Stunde. Das ist die Geschwindigkeit, bei der man bereits anfangen kann, die Vorflügel auszufahren, ohne daß die einem um die Ohren krachen. Sie flogen im Moment mit etwa 510 Meilen pro Stunde. Die automatische Schubkontrolle reagierte sofort nach dem Jakob den letzten Schalter gestellt hatte und reduzierte den Schub, was man an den wie von Geisterhand nach hinten gleitenden Schubhebeln sehen und am leiser und tiefer werden Triebwerksgeräusch hören konnte. Der Zeiger des "Vario", des Instruments also, das anzeigt, ob ein Flugzeug steigt oder sinkt, ging nach unten und die Anzeige des linearen Höhenmessers wanderte ebenfalls stetig nach unten.
Sie sanken
Kopfrechen ist das A und O eines Segelfliegerpiloten während eines Fluges. Ständig muss er mit Höhe, Entfernung Geschwindigkeit und Windrichtung berechnen, ob und wie er zu sein Ziel oder einen Notflughafen erreichen kann. Wenn Jakobs Berechnungen, die er überschlag mäßig angestellt hatte stimmten, mußten sie in etwa 15 Minuten in einer Entfernung von 15 Meilen von Alicante in einer Höhe von 3000 Fuß ankommen Bis dahin konnte Jakob wenig tun. Die Leute am Boden mußten ihm aber den Luftraum um den Flughafen freihalten. Jakob war zwar in seinem Simulator Tausende male geflogen, aber ohne sich um die Regeln, die nun mal auch im Luftverkehr gibt, zu kümmern. Ihm war es nur um's Fliegen gegangen. Das Fliegen nach Regel hatte er sich als Steigerung des Schwierigkeitsgrades vorgenommen, aber irgendwie war es bis heute nie dazu gekommen.
Sein Anflug auf Alicante würde alles andere als nach den Regeln der ICAO, der internationalen Flugbehörde sein. Aber schließlich war das ein Notfall.
Er fragte Michèle, ob sie Knöpfe für die Anschnall- und Nichtraucherzeihen kenne? Sie kannte sie, denn sie hatte öfter schon gesehen, wenn sie den Piloten Kaffe brachte, wie diese sie betätigt hatten. Die aufleuchtenden Anzeigen über den Köpfen der Passagiere erzeugten einmal mehr den Eindruck. als wäre alles in Ordnung. Er bat Michèle, der Chefstewardess zu sagen, dass sie die Durchsage für die bevor stehende Landung machen sollte.
Arme Michèle. Wieder kletterte sie aus dem Sitz. Kurz darauf drang die Durchsage in`s Cockpit.
"Meine Damen und Herren, wir haben soeben die Reiseflughöhe verlassen und befinden uns im Anflug auf Alicante. Der Zustand des randalierenden Passagiers macht eine Zwischenlandung leider nötig. Wir bitten sie nun, sich anzuschnallen, das Rauchen einzustellen, ihre Sitze senkrecht zu stellen und die Tische vor ihnen hochzuklappen sowie die Toiletten nicht mehr zu benutzen"
Ein Blick auf den Fahrtmesser zeigte Jakob, was er erwartet hatte. Sie waren immer noch ziemlich schnell. Bei seinen unzähligen Flügen im Simulator hatte er bemerkt, daß ein Jumbo im Sinkflug immer noch ganz schön Tempo machen kann, obwohl die Triebwerke nahezu im Leerlauf sind.. Er hatte sich immer gefragt, wie originalgetreu sein Flugsimulator war und nun wußte er es, er war sehr genau. Das beruhigte Jakob etwas, so mußte er mit wenig Überraschungen, was Realität und Simulator anging, rechnen.
300 Tonnen Metall und Treibstoff wollten mit aller Macht nach unten. Zwischen dem Flugzeugs und dem harten Boden waren 10.000 Meter Nichts. Um den Metallkoloss hier oben im fast Nichts zu halten, musste ständig eine Reihe von Bedingungen erfüllt sein. Wurde auch nur eine davon verletzt, würde dieses Nichts sie nicht mehr tragen, würde ihnen den Dienst aufkündigen. Im Moment sorgte der Autopilot mit der nur Maschinen eigenen Präzision für Einhaltung aller Bedingungen. Aber irgendwann würde er ihn ausschalten müssen. Und dann war er, nur er ganz allein dafür verantwortlich, dass das Nichts sie nicht einfach fallen lies. Jakobs Beine begannen plötzlich wieder zu zittern an. Er zwang sich zur Ruhe. Er hatte ähnliches schon einmal erlebt. Ein wunderbarer Sonntag Vormittag am Segelflugplatz. Er war mit Einsetzen der Thermik gestartet und hatte einen leidlichen Aufwind direkt über der Startbahn erwischt. Mühsam hatte er sich durch endloses kreisen auf sechshundert Meter gekurbelt. Aus seiner Position hatte er ein paar Segler starten sehen. Es war immer wieder von hoch oben ein faszinierender Anblick, wenn ein Segler von der Kraft der Seilwinde getrieben und gelenkt vom Piloten steil an Höhe gewann. Es sah aus der Höhe so aus, als würde ein Modellflugzeug starten. So hatte er auch gesehen, wie ein "Spatz" ein leichtes, wendiges, aber schwer zu fliegendes Holzsegelflugzeug startfertig gemacht wurde. Der Pilot meldete sich über Funk, den auch Jakob hören konnte, bei der Startkontrolle fertig und Jakob runzelte erstaunt die Stirn, denn die Stimme des Piloten gehörte einem Flugschüler, der erst letzte Woche seinen ersten Alleinflug gemacht hatte. Hier wurden gleich zwei Bestimmungen verletzt: Zum einen galt Startrichtung Osten, und da im Osten des Flugplatzes eine Siedlung lag, durften Flugschüler nicht in diese Richtung alleine starten. Und der "Spatz", als anspruchsvoller Hochleistungssegler, war für Flugschüler ohne Erfahrung absolut tabu. Der Flugschüler, Besitzer eines gut gehenden Steinmetzbetriebs, musste wer weis was angestellt haben, um von seinem Fluglehrer diesen Flugauftrag zu bekommen. Jakobs Aufmerksam war geweckt. Seine Maschine kurvte nun genau um das Zentrum des stärker gewordenen Aufwindes und war fast wie von selbst schon auf 700 Meter gestiegen. So konnte er dem Start mehr Aufmerksam schenken. Die Schleppwinde beschleunigte den Segler und die Maschine war nach extrem kurzem Rollen steil nach oben gestiegen. Viel zu steil, wie Jakob von seinem Logenplatz aus sehen konnte. Er wusste, was kommen musste. In etwa 120 Meter Höhe begann das Flugzeug zu Pumpen, kurze Strömungsabrisse kämpften abwechselnd mit dem Auftrieb. Der Flugschüler bekam Angst und drückte nach. Aber zuviel. Das Flugzeug nahm die Schnauze nach unten, überholte das Seil und dieses klinkte sich aus. Anstatt eine Kurve zu fliegen und zu landen, drückte der Schüler das Flugzeug noch weiter an. Anscheinend wollte er direkt gerade aus landen. Eine Überlegung, die nur aus Panik geboren werden kann. Das Flugzeug nahm Fahrt auf und kam mit irrwitziger Geschwindigkeit in Bodennähe an. Mit etwa 160 Km/h und 5 Meter über dem Boden raste es auf das Ende der Bahn zu. Kurz bevor er die Strasse und die Zuschauer dort erreichte, zog der Pilot in Panik wieder hoch und schoss steil in den Himmel auf die Siedlung zu. Dort nahm er das Flugzeug nicht gerade um auf einer Wiese zu landen. Stattdessen blieb er im Steigflug, bis die Geschwindigkeit genau über der Siedlung aufgezehrt war. Nun kippte der Segler langsam mit der Schnauze nach unten und nahm im Sturzflug wieder Fahrt auf. Der Pilot versuchte noch, das Flugzeug wieder waagerecht zu nehmen aber es war zu spät. Das Leitwerk des Fliegers blieb in einer Stromleitung hängen und diese schleuderte den Segler zwischen die Häuser in eine kleine Pferdekoppel, keine 10 Meter von einer Terrasse entfernt, auf der Menschen arglos ihren Sonntagnachmittagskaffee genossen. Das alles konnte Jakob aus etwa 700 Meter bequem betrachten. Von dort oben sah es für ihn eher wie der Absturz eines Modellflugzeuges aus. Auch die Absturzstelle sah aus, als lägen dort die Teile eines Spielzeugs. Diese Distanz war es wahrscheinlich, die dafür sorgte, dass Jakob im Folgenden erstmal völlig Teilnahmslos handelte. Er kreiste weiter, sah wie der Rettungswagen losfuhr und leitete die Besatzung per Funk zur Absturzstelle. Die Thermik hatte sich weiter gut entwickelt und sein Flugzeug stieg nun ziemlich schnell. Normalerweise hätte er sich gefreute, aber es machte ihm absolut keinen Spass, hier in Ruhe zu kurbeln, während ein Fliegerkamerad dort unten lag. Er fuhr die Bremsklappen aus und konzentrierte sich auf die bevorstehende Landung. Als er über der letzten Wendemarke zum Landeanflug einschwenkte, trat urplötzlich die Realität fast schmerzlich in sein Bewusstsein. So wie das Trümmerfeld aussah, konnte der Pilot nicht überlebt haben. Aber das war doch sein Kollege. Der Mann hatte Frau und Kinder, das jüngste 3 Monate alt. Er hatte mit ihm noch vor einer Stunde Kaffee getrunken. Und nun war er tot. Jakob hatte obwohl von Flugangst geplagt, im Segler noch nie Angst gehabt. Solange er selbst am Knüppel sass und die Kontrolle hatte, war alles in Ordnung. Und zum ersten mal wurde ihm bewusst, dass zwischen ihm und dem Tod nicht viel mehr war als etwas Luft. Keine Balken, kein Reifen. Nichts. Nur erschreckend dünne Luft und sein fliegerisches Können. Je näher die Landung kam, umso mehr kam die Angst, etwas falsch zu machen. Jakob hatte hunderte von Landungen hinter sich, aber die waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Jetzt flog er bewusst und je mehr er dachte, umso weniger wusste er plötzlich wie man fliegt. Dass die Landung, die vollkommen normal aussah, fast in Panik und mit zitternden Knien erfolgte, davon hatte Jakob nie jemand erzählt. Der Unglückspilot war zwar schwer verletzt aber er lebte und es war auch Aussicht, dass er überleben würde. Und so jagten die Fluglehrer alle anwesenden Piloten, ob Schüler oder Profi wieder hinauf in die Luft. Denn wer heute aus Angst nicht mehr flog, lief Gefahr, nie mehr zu fliegen.
Und nun hatte Jakob die Verantwortung für einen Jumbo voll Menschen und seine Knie zitterten wie verrückt. Er wusste, er durfte jetzt nicht nachdenken. Er hatte inzwischen tausende von Landungen hinter sich, er musste einfach nur fliegen. Fliegen aber nicht ans Fliegen selbst denken. Dann würde das Zittern der Knie aufhören.
Der Autopilot hatte, um den Sinkflug einzuleiten, die Nase des Jumbos nach unten genommen. Dadurch nahm dieser aber Fahrt auf, so als rutsche er eine schräge Ebene hinab. Der Fahrtmesser stand immer noch auf 340 Meilen pro Stunde, obwohl der Autopilot die Triebwerke auf Leerlauf gestellt hatte. Mehr konnte der Autopilot nicht tun, wollte er die Sinkrate halten. Das war aber viel zu schnell. Jakob konnte die Landeklappen noch nicht ausfahren. Also musste er eingreifen. Er fuhr die Stör- bzw Bremsklappen langsam voll aus. Sofort hörte man das typische Rauschen. Die Geschwindigkeit ging langsam zurück. obwohl der Autopilot wieder Schub gab. Durch die Störklappen erhöht sich die Sinkrate, da die Strömung an den Tragflächen gestört wird. Jakob wartete, bis die Geschwindigkeit auf 240 Meilen pro Stunde gefallen war. Dann fuhr er die Störklappen wieder ein und fuhr gleichzeitig die Vorflügel auf 10 Grad. Er hätte auch bei 280 Meile pro Stunde mit dem Ausfahren der Vorflügel schon beginnen können, aber das hatte er sich auf seinen Übungsflügen aus Zeitgründen immer gespart. Die Landeklappen hatten auch Bremswirkung und die Geschwindigkeit sollte jetzt konstant bleiben. Der simulierte Jumbo hatte dieses Manöver immer geschluckt, hoffentlich war der echte hier auch so gutmütig.
SN237, gehen sie bitte die Frequenz 125,25 der Anflugkontrolle von Alicante. Dort ist ein Pilot, der ihnen helfen kann.
"eins zwo fünf zwo fünf, Roger, ende
Jakob stellte das Funkgerät um.
"Alicante Anfugkontrolle, hier ist SN237, hören sie mich?
"SN237, hier Alicante Anflugkontrolle, Grüß Gott. Hier spricht Kapitän Muller von der Global Wings, wie ist ihr Status?
"Anflugkontrolle, hier SN237, Entfernung zum Flughafen 54 Meilen, Höhe 18000 Fuß, sinken mit 1800 Fuß die Minute, Geschwindigkeit 240 Meilen pro Stunde, Vorflügel auf 10 Grad, Kurs 129 Grad. Alles stabil"
"SN237, das kling ja recht gut" Das Wetter in Alicante ist saumäßig. Geschlossene Wolkendeck auf 2500 Fuß. Starker regen, Wind aus 350 Grad. Am Boden böig. Trauen sie sich zu, hier zu landen oder wollen sie ausweichen"?
Jakob blickte auf die GPS-Anzeige. Noch 50 Meilen bis zum Flughafen. Der Autopilot hielt die Maschine genau auf Kurs.
"Negativ, Kontrolle, der Kopilot ist schwer verletzt. Der macht das nicht mehr lange. Ich habe etwa 300 Stunden im 747 Simulator verbracht. davon waren etwa 1200 Landungen, die letzten 800 davon erfolgreich und das bei beliebiger Tages oder Nachtzeit und beliebigem Wetter. Das einzige, das ich nie versucht habe, waren ILS-Landungen".
Das ILS, das Instrument Lande System ist eine Einrichtung, die einem Piloten im Landeanflug genau den Kurs und den Gleitwinkel zum Aufsetzpunkt anzeigt. Es erfordert sehr viel Übung, mit Hilfe dieses Systems zu landen, da zu den Instrumenten, die ein Pilot ständig im Auge haben muss, nochmals zwei dazu kommen.
"Hier Alicante Anflugkontrolle, wie gut ist ihr Simulator"?
Langsam wurde Jakob nervös. hatten die keine anderen Sorgen. Natürlich nicht, schalt er sich, der Kapitän tat nur seine Pflicht.
"Hier SN237, es ist die Profi-Version des Microsoft Flugsimulators, der ist absolut real. Auch bei der Landung. Der berechnet sogar die Kräfte beim Aufsetzen. Wenn man da Fehler macht, bricht das Fahrgestell oder es passiert halt das, was auch in der Wirklichkeit passieren würde"
"Hier Alicante Boden, und sie wollen wirklich ohne die Unterstützung des Instrumenten Lande Systems die Kiste landen? Das ist sogar für einen Profi sehr schwer".
Jakob wurde langsam ungeduldig und nervös.
"Hier SN237. Nur für einen Profi, der es nicht gewohnt ist, ohne ILS zu landen, ist das schwer. Bei mir ist es genau umgekehrt. Hören Sie, wir haben 2 Möglichkeiten, entweder versuche ich heute etwas, was ich nie gemacht habe, nämlich mit ILS landen, wobei sie mir nicht helfen können, denn steuern muß ich alleine. Oder ich mache so wie über tausend mal zuvor und wo ich genau weiß, was ich tun muß. Ich bin Segelflieger und habe im Simulator mit dem virtuellen Jumbo Hunderte von erfolgreichen "Segelfliegeranflügen", also Anflüge ohne viel Instrumente, geübt. Ich kann Gleitwinkel und Anflugrichtung eines Jumbos auch ohne viel Technik sehr gut einschätzen"
"Herr Lenden, das schaffen sie nicht. Das ist unmöglich. Ich werde ihnen jetzt sagen, wie sie das ILS einstellen müssen und sie dann herunterbeten"
Jakobs Stimme war jetzt ruhig und eisig
"Ich habe keine Zeit mehr zum quatschen, ich muß landen. Mein Entschluss steht fest. Ich lande auf meine Weise, auch wenn das gegen alles ist, das sie gewohnt sind Mister Muller. Ich muss nur noch drei Dinge wissen. Erstens, wie schalte ich die Schubumkehr ein. Zweitens: bei welcher Geschwindigkeit am Boden reagiert die Bremse des Fahrwerks auf die Pedale des Seitenruders und drittens, wo ist der Not-Aus-Schalter"?
Die Pause im Kopfhörer deutet darauf hin, daß in Alicante in der Anflugkontrolle diskutiert wurde.
"Hier Alicante Anflugkontrolle. sehen sie die kleinen Hebel an den Schubhebeln? Zur Schubumkehr Schubhebel auf Leerlauf, dann klappen sie die kleinen Hebel nach vorne und schieben dann die Schubhebel nach vorne. Zum Beenden die Schubhebel auf Leerlauf und die kleinen nach hinten. Die Umschaltgeschwindigkeit für die Scheibenbremsen ist 60 Meilen pro Stunde. Der Not-Aus-Schalter ist in der Mitte der Konsolen über ihrem Kopf. Sie müssen die Abdeckung wegklappen, dann den Schalter umlegen"
Jakob war erleichtert. Sie hatten akzeptiert, dass er hier der Boss an Board war. Er kannte seine Möglichkeiten am besten.
"Danke Alicante Anflug" sagte er in's Mikrophon.
Auf dem GPS-Schirm kam Alivcante in Sicht. Er sah, daß nur ein ILS in Betrieb war und zwar das von der Landseite her. Das ILS war durch einen langen dünnen grünen Pfeil auf dem Schirm dargestellt. Er hatte im Simulator diesen Pfeil immer zum Anflug benutzt. Konnte er ihm doch mit seiner Hilfe einigermaßen genau ablesen, ob der Landeanflug stimmte. Jakob sah auf dem Schirm, daß ihr Kurs sie etwas links am Flughafen vorbei führte. Der Pfeil für den Anflug zeigte von rechts auf den Flughafen. Er mußte etwas nach rechts abdrehen. Er schätzte den Winkel und rasterte 139 Grad am Autopiloten. Brav legte dieser die Maschine nach rechts auf die Seite. Sie waren noch 6000 Fuß hoch und immer noch 240 Meilen pro Stunde schnell. Er mußte langsamer werden. An den Schaltern für die Geschwindigkeit am Autopiloten stellte er 200 ein. Kurz darauf wurden die Triebwerke leiser und die Geschwindigkeitsanzeige ging nach unten. Um die Bremswirkung zu erhöhen fuhr er bei 230 die Vorflügel auf 20 und bei 200 auf 25 Grad. Dann betätigte er den Fahrwerkhebel.
Mit dem Rumpeln, der das Ausfahren des Fahrwerkes anzeigte begannen urplötzlich die Turbolenzen. Zum schütteln und bocken der Maschine kam das übliche umherhüpfen der Geschwindigkeitsanzeiger und des Varios. Jakob kannte das, es war genau wie im Simulator. Dann sanken sie in die Wolken. Jakob hatte gar nicht Zeit gehabt, aus dem Fenster zu sehen. Er flog noch nach Instrumenten. Das milchige dunkelgraue Weiß draußen war irgendwie unheimlich.
Zu Michel sagte er:
"Geben sie durch, dass es etwas ungemütlich werden kann. Die Passagiere sollen in 4 Minuten die Notlandestellung einnehmen. Bereiten sie die Passagiere darauf vor." Sie nickte und drückte den Knopf für die Durchsage. Jakob hatte jetzt andere Sorgen. Er stellte am Autopiloten 180 Meilen pro Stunde ein und fuhr die Landeklappen voll aus. Er war so konzentriert, daß er gar nicht bemerkte, daß er Michèle an den Hebel gar nicht benötigte. Die Triebwerke heulten auf, der Autopilot erhöhte den Schub, da das Fahrwerk und die voll aus gefahrenen Klappen stark bremsten.
Das wichtigste Instrument war nun der GPS-Schirm. Er mußte nur den grünen Pfeil und ihre Flugrichtung im Geist verlängern, dann würde er den Kreuzungspunkt erkennen können und kurz bevor sie ihn erreichten nach links auf die Verlängerung des grünen Pfeils einschwenken. Das mußte er aber manuell tun, also mußte er den Autopiloten abschalten. Noch war es nicht soweit.
Vorerst brachen sie durch die Wolken. Urplötzlich begann es zu regen. Und wie es regnete. Jakob blickte durch die Windschutzscheibe. Die Regentropfen kamen wie waagrechte Striche auf ihn zu und explodierten als kleine, runde Wasserkreise auf den Scheiben. Ein leises Prasseln übertönte die Triebwerksgeräusche. Unter dem Flugzeug war es dunkel. Nur ein paar Lichter hie und da. Jakob schaute angestrengt nach links aus dem Fenster. Statt den Lauflichtern einer Landebahn sah er nur die heranrasenden Striche und eine Grau-schwarze Wand.
In der Anflugkontrolle beobachtet viele Augen auf dem Radarschirm Kurs und Höhe von SN 237.
"Es ist unglaublich, aber er kommt rein wie ein Profi. Die Sinkrate stimmt ebenso wie der Kurs".
Es war der Flugkapitän, der diese anerkennenden Worte sprach.
"Würde mich nicht wundern, wenn er gleich nach links abdreht um auf Landekurs zu kommen. Da, was hab ich gesagt, exakt auf die Sekunde"
Jakob hatte, kurz bevor die Maschine die gedachte verlängerte Linie des ILS Anflugpfeiles erreicht hatte, den Autopiloten ausgeschaltet. Das war ein sehr spannender Moment gewesen. Zu Hause an seinem Simulator hatte er einen Joy-Stick, einen kleinen Steuerknüppel und kannte die Reaktion der simulierten Flugzeuge darauf sehr genau. Hier aber hielt er ein echtes, großes Steuerhorn in Händen. Er wusste nicht, wie das reagieren würde.
Sie flogen jetzt mit etwa 180 Meilen pro Stunde, die Höhe war noch etwa 2800 Fuß. Die Maschine schaukelte und bockte wie wild. 180 war nicht viel. Er mußte sehr vorsichtig sein. Würde er zu langsam, würde die Strömung an den Tragflächen abreißen. So nahe am Boden war das absolut tödlich.
Jakob hatte das Steuerhorn fest in beiden Händen und beobachtete angestrengt den GPS-Schirm. Aber auch Geschwindigkeit, Höhe und das Vario hatte er im Auge. Die Anzeigen von vier Instrumente gleichzeitig im Kopf zu verarbeiten und die physikalischen Reaktionen des Flugzeugs davon abzuleiten, das war das schwierigste gewesen, was er hatte lernen müssen um ein so großes Flugzeug, wenn auch nur im Simulator, zu fliegen.
Kurz vor der gedachten Linie legte er die Maschine sacht auf die linke Seite. Sie reagierte wie die virtuellen Jumbos im Simulator: Träge und langsam, wie ein nasser Schwamm.
Sie schossen über die Linie hinaus. Zu weit hinaus. Er mußte das Flugzeug sehr stak nach links in die Kurve legen um wieder zurück auf die gedachte Linie zu kommen. Gebannt beobachtete er den GPS-Schirm. Ein Blick auf die anderen Instrument. Mist. Beim Kurvenflug teilen sich die Kräfte, die ein Flugzeug in der Luft halten auf die Kurvenkraft und die Kraft gegen die Schwerkraft auf. Dadurch wurde letztere kleiner und das Flugzeug nahm die Nase nach unten. Sofort erhöhte sich die Geschwindigkeit. Jakob zog sanft am Knüppel und sah gebannt auf das Vario. Dessen Zeiger war irgendwo nach unten verschwunden.
"Na komm schon, komm schon" dachte Jakob.
Und endlich, die Nadel des Varios kam langsam von unten wieder in das Sichtfenster des Instruments zurück. Sie hatten an Höhe verloren, bis zur Landebahn war es noch weit und sie waren zu schnell. Er zog noch mal am Knüppel. Das Vario ging weiter nach oben, sie stiegen jetzt wieder und die Geschwindigkeit ging zurück. Ein Blick auf den GPS-Schirm. Wieder Mist. Während er mit Höhe und Geschwindigkeit gekämpfte hatte, hatte das Flugzeug weiter seine Kurve gezogen. Zu weit. Jetzt waren sie auf der anderen Seite der gedachten Linie.
Der Kurs von SN237 wurde auch in der Anflugkontrolle verfolgt.
"Das sieht eher nach den Flugmanövern eines Anfängers aus, so wie der hier kurvt" meinte der Mann von der Anflugkontrolle.
"Ich glaube eher, nein ich hoffe, daß das eine Folge des abgeschalteten Autopiloten ist. Er muss die Maschine erst in's Gefühl bekommen" sagte der Flugkapitän.
Er sollte Recht behalten. Der Kurs der Maschine stabilisierte sich und zeigte nun ziemlich genau auf die Landebahn.
Jakob hatte die Maschine nun im Griff. Dabei kam ihm ein Umstand zu Gute. Zu Hause in seinem Simulator hatte er kein Pedal für das Seitenruder. Das Seitenruder befindet sich an der großen Heckflosse eines Flugzeugs. Zuhause war er nur mit dem Steuerknüppel geflogen. Das Seitenruder wurde vom Simulator automatisch bedient. Er hatte vergeblich versucht, ein Cockpit mit Pedalen für das Seitenruder zu bekommen. Na ja, so richtig auch wieder nicht. Er hatte dies mehr als willkommene Erschwernis angesehen. Er sollte dann, wenn er ein Seitenruder mal haben sollte, das Flugzeug leichter beherrschen. So war es auch. Mit das wichtigste Ruder eines Segelfliegers ist das Seitenruder. Jakob konnte bestens damit umgehen. Es war daher für ihn überraschend leicht, das riesige Verkehrsflugzeug auf Landekurs zu bekommen und zusätzlich die richtige Sinkrate und Geschwindigkeit zu halten
Trotzdem hatte er Sorgen. Er konnte die Landebahn nicht ausmachen. Die Sicht mußte unter zehn Meilen sein. Halt, da blinkte etwas. Genau voraus. Noch einen Moment warten. Da, jetzt konnte er es sehen. Es war die Landebahn. Er konnte jetzt endlich den Gleitwinkel zur Landebahn abschätzen. Er stimmte. Er flog jetzt rein nach Sicht. In der Dunkelheit konnte er den Horizont, der ihm sagte, wie die Maschine in der Luft lag, nur schemenhaft erahnen. Aber das genügte ihm. Außerdem hatte er ja den künstlichen Horizont.
"SN237, kommen sie nicht ein bisschen zu tief"?
Die Stimme im Kopfhörer zeigte ihm, daß es noch eine Welt außerhalb des Cockpits gab.
"Ich komme absichtlich so flach, dann ist das abfangen und aufsetzten leichter. Sagen sie den Anwohnern, es tut mir leid wegen dem Krach"
Keine Antwort vom Boden. Nun sah er auch das Lauflicht der Landebahn und diese kam jetzt schnell näher. Sie waren jetzt vielleicht noch 5 Meilen vom Aufsetzpunkt entfernt. Es genügte nicht, nur auf die Landebahn genau zuzufliegen. man mußte auch genau in der Verlängerung der Mittellinie ankommen. Dazu hatte Jakob im Simulator gelernt, diese Mittellinie zum Flugzeug hin in Gedanken zu verlängern. Es war ihm bereits Routine geworden, dabei abzuschätzen, ob das Flugzeug rechts oder links davon war oder genau drauf und die entsprechenden Korrekturen einzuleiten. Aber es gab eine seltsamen Effekt. Erst kurz vor dem Aufsetzen wurde plötzlich innerhalb einer Sekunde klar, wie genau man die Landebahn und in welchem Winkel wirklich treffen würde. Und da ging dann alles bereits rasend schnell. Bei 180 Meilen pro Stunde kommt dann die Landebahn beängstigend schnell auf einen zu. Die Maschine war etwas zu weit links. Mit Hilfe des Seitenruders fand es Jakob wieder überraschend einfach, dies zu korrigieren.
Und dann geschah es.
Die Maschine war bereits mit bloßem Auge zu sehen. Der Flugkapitän war inzwischen in den Tower hoch gegangen. Er konnte von da die Feuerwehren und die Rettungsfahrzeuge mit ihren blinken Lichtern sehen, die inzwischen in Position gegangen waren. Er suchte am schwarzen Himmel, aus dem schwer der Regen fiel, die Maschine. Dann sah er SN237. Er konnte das Flugzeug zwar nicht direkt sehen, dazu war das Dunkel zu undurchdringlich. Er konnte aber an den blinkenden Lichtern sehen, dass die Maschine gemessen am stürmischen und regnerischem Wetter relativ ruhig herein kam. Es gab ein paar kleine Korrekturen, aber das war bei dem Wetter normal. Die Tatsache, daß die Flugkorrekturen klein waren, beruhigten den Flugkapitän. Denn bei einem Anfänger schaukeln sich diese im Landeanflug meist immer weiter auf, bis die Maschine irgendwo abstürzt.
Plötzlich, als die Maschine etwa nur noch 1000 Fuß hoch war, wurde diese wie von einer Riesenfaust gepackt und kräftig nach links zur Flugrichtung geschoben. Bei dieser Entfernung zur Landebahn war dies eine Katastrophe. Dieser Versatz war kaum zu kompensieren. Nicht in der verbleibenden Zeit. Hier gab es nur eines: Durchstarten. Herr Lenden hatte wohl nicht an die Möglichkeit von böigem Seitenwind am Boden gedacht. Der Magen des Flugkapitäns krampfte sich zusammen. Nachdem alles so gut ausgesehen hatte, wurde es kritisch. Er machte sich Vorwürfe, nicht mehr eingegriffen zu haben.
Jakob wurde von dem Versatz zwar überrascht aber nicht erschreckt. Aha, Seitenwind dachte er. Na dann starten wir eben durch und versuchen es noch einmal unter Einbeziehung des Seitenwindes. Sprit genug haben wir ja. Er wollte schon zum Schubhebel greifen, als ihn doch der Schreck traf. Sie wurden vom Wind genau auf das Flughafengebäude mit dem Tower zu geschoben. Und sie waren verdammt niedrig. Bis die Turbinen Schub aufbauen würden und bis das Flugzeug dann Fahrt aufnehmen würde, würden sie gefährlich nahe dem Tower sein. Und er konnte vorher nicht einfach am Knüppel ziehen, um Höhe zu gewinnen. Ohne Schub würden sie immer langsamer werden. Und sie waren sowieso nicht mehr schnell.
Er mußte eine Entscheidung treffen. Wie damals bei einem Segelflug. Er war mit einem Hochleistungssegler an den Start gegangen. Es war ein Windenstart. Das bedeutet, der Segler wurde von einer Seilwinde, die von einem Flieger-Kameraden bedient wurde, hoch gezogen. Und dieser Kollege war eine "Lehrling" gewesen. Er war gerade dabei, das "Windenfahren" zu lernen. Dazu saß er mit einem Lehrer auf der Schleppmaschine.
Der Segler war angerollt wie immer und er hatte abgehoben. Aber dann, als er etwa gerade 10 Meter hoch war, ging der Kollege, warum auch immer, vom Gas der Winde. Dadurch war der Zug am Seil weg und dieses klinkte automatisch aus. In diesem Moment gab der Kollege erschreckt wieder Gas. Der Fallschirm, der vorne im Seil ist und der dazu dient, daß man das Seilende unter Kontrolle halten kann, blähte sich, befreit von der Last des Flugzeugs, auf. Genau vor dem Cockpit des Segelflugzeugs. Jakob sah nichts mehr. Das Flugzeug berührte bereits mit der Nase den Schirm. Würde der Kollege wieder vom Gas gehen, würde sich der Schirm um dass Cockpit wickeln und er käme nie wieder davon frei. Mit dem Schirm vor der Nase landen konnte er auch nicht. Jakob musste eine Entscheidung treffen. Er entschloss er sich zu einem "Slip". Ein Slip ist keine Kurve, sondern ein seitliches weggleiten. Aber in 10 Meter Höhe extrem gefährlich. Doch er schaffte es. Er erreichte die Parallel-Landebahn und landete dort sicher.
Als er nach dem Zwischenfall, froh und stolz über das geglückte, schwierige Manöver, zum Startwagen an der Startbahn kam, überschüttete ihn sogleich sein ehemaliger Fluglehrer mit Vorwürfen. Er habe unverantwortlich gehandelt, wurde Jakob vorgeworfen, er hätte in den Schirm hinein landen müssen. Ein Slip in dieser geringen Höhe sei Wahnsinn. Jakob hatte sich fürchterlich geärgert. Anstatt froh zu sein, daß alles geklappt hatte und er eine super Landung hingelegt hatte, gab's Vorwürfe.
Hier würde es später auch Vorwürfe geben. Dessen war sich Jakob sicher. Er entschloß sich nämlich, nicht durch zu starten, sondern das unmögliche zu wagen und aus dieser Position zu landen.
Er zog die Maschine scharf nach rechts. Die Landebahn kam nun rasend schnell näher. Sie waren sehr niedrig. Er konnte die Tragflächenenden nicht sehen. Er wollte es wahrscheinlich auch gar nicht. Denn wenn eine Tragfläche den Boden berühren würde, war es sowieso aus. Es war schwer die Sinkrate aufrecht zu halten. Etwa 1 Meile vor der Landebahn war er wieder zurück auf der Anfluglinie. Nur war er jetzt in einer starken Rechtskurve und der Wind schob sie immer noch stark nach links. Der Flieger hing gefährlich in der Luft. Aber Jakob war mit den 250 Tonnen Metall und Treibstoff jetzt verschmolzen. Er war eins mit dem Jumbo so wie er sonst nur mit seinem Segelflieger eins wurde. Er flog nicht das Flugzeug, er war das Flugzeug. Er fühlte jede Regung der Maschine und jeden Druck von Aussen und konnte ihr Verhalten genau abschätzen. Er wartete genau den richtigen Moment ab bis er rechts von der Landebahn war, dann legte er die Maschine leicht auf die linke Seite. Das Flugzeug wurde vom Seitenwind sofort wieder in Richtung Landebahn zurück gedrückt. Kurz vor dem rechten Rand der Landebahn nahm er die Maschine wieder gerade, ließ aber die rechte Tragfläche leicht hängen um sich vom Seitenwind kontrolliert in die Mitte der Landebahn schieben zu lassen Der Anfang der Landebahn war schon unter ihnen durch und der Asphalt kam nun bedrohlich und schnell nahe. Als die Maschine knapp über der Bahn war, nahm Jakob die Flächen gerade, nahm das Gas ganz weg und fing die Maschine ab in dem er sachte am Knüppel zog.
"Ja ist denn der verrückt geworden. Was macht der da"?
Die Stimme des Flugkapitän überschlug sich.
Die Maschine war im Licht der vielen Scheinwerfen des Flughafens nun gut zu erkennen. Und es sah absolut spektakulär aus, wie die riesige Maschine so knapp über dem Boden eine scharfe Rechkurve machte.
Da alle Menschen im Tower mit den Fliegen zu tun hatten, wussten auch alle, dass ein langer Landeanflug die beste Garantie für eine gute Landung ist. Es ist sehr schwer, die Mitte der Landebahn zu treffen. Größere Flugkorrekturen kurz vor dem Aufsetzen sollte man tunlichst vermeiden. Bei solchem Wetter mit einer 180 Meilen schnellen Passagiermaschine in 300 Fuß Höhe Manöver zu fliegen um auf die Landebahn zurück zu gelangen um dann auch noch zu landen war nach einhelliger Meinung der Anwesenden purer Irrsinn. Das musste schief gehen. Die fachkundigen Beobachter des Geschehens waren wie gelähmt und warteten auf den Crash.
Jakob merkte, wie der Seitenwind die Maschine weiter nach links schob, aber da hörte er ein leises Grollen, das ihm anzeigte, daß das Hauptfahrwerk aufgesetzt hatte. Das Bugrad war noch hoch in der Luft. Die Maschine setzte so sanft auf, dass man es kaum spürte. Fast zärtlich übernahm nach und nach das Fahrwerk das gewaltige Gewicht der Maschine, nach dem die Tragflächen es nicht mehr tragen wollten. Einzig allein die Unebenheiten und vielen Flickstellen im Asphalt der Landebahn teilten Schläge gegen die Hochdruckreifen des Fahrwerks aus und sorgten für das übliche rumpeln. Langsam drückte er nach um die Nase nach unten zu bekommen und das Bugrad auf der Landebahn aufzusetzen. Er mußte das ganz sachte machen. Würde er die Steuersäule zu hart nach vorn drücken, würde die Nase zu schnell nach unten gehen und das Bugfahrwerk unter Umständen so hart auf die Piste knallen, daß es brach. Aber das Bugrad setzte genauso butterweich auf. Die weißen Striche der Landebahn-Mittelinie rasten etwas rechts von seinem Sitz unter ihm durch. Genau wie es sein sollte. Jetzt musst er bremsen. Er legte die kleinen Hebel für die Schubumkehr an der Schubkontrolle nach vorne und gab langsam vollen Gegenschub. Gleichzeitig fuhr er die Störklappen voll aus. Das übliche Rauschen und dröhnen eines Flugzeuges in der Bremsphase erklang und er wurde leicht nach vorne in die Gurte gedrückt. Jakob sah auf den Geschwindigkeitsmesser. Sie waren noch 140 Meilen die Stunde schnell. Die Maschine lag wie ein Brett, sie schlingerte oder rutschte kein bisschen. Er blickt durch die Scheibe nach vorne. Das Ende der Landebahn war noch weit weg. Von da gab es keine Probleme. Da ertönte das Klatschen der Passagiere nach vorne zu Jakob. Sie machten ihrer Erleichterung Luft. Er würde das hoffentlich auch bald tun können. Aber sie standen noch nicht. Ein bisschen war noch zu tun. Jakob wurde mit einem mal unheimlich ruhig auch wenn schon die Vorfreude über das geglückte Wahnsinnsmanöver erste Vorboten des Adrenalin auf den Weg brachte Sein Blick ging wieder zum Geschwindigkeitsmesser. Noch 70 Meilen pro Stunde, noch 60, noch 50. Jakob nahm den Schub raus und legte die kleinen Hebel für die Schubumkehr wieder in Normalstellung. Die Störklappen ließ er ausgefahren. Nun konnte er normal bremsen, Sachte schob er die beiden Pedale des Seitenruders nach vorn. Dadurch wurden die normalen Scheibenbremsen in den Fahrwerken aktiv. Er hatte keine Ahnung, wie wirksam diese waren. Aber die Maschine war nicht mehr sehr schnell. Einmal drückte er die Pedale etwas zu fest, die Bremsen kreischten, blockierten aber nicht. Schließlich kam die Maschine mit einem Wippen zum stehen. Das Prasseln der schweren Regentropfen auf den Scheiben war auf einmal überlaut. Jakob überlegte. Den Notaus-Schalter brauchte er nicht. Das war eine perfekte Landung gewesen. Was er brauchte, war die Parkbremse.
Er drückte den Knopf des Sprechfunks.
"SN237 an Anflugkontrolle. Die Feuerwehren brauchen wir nicht. Das war eine normale, butterweiche Landung. Wir stehen genau auf der Mitte der Landebahn Was wir brauchen ist ein Notarzt für den Kopiloten und ein Pilot, der diese Maschine an's Gate bringen kann. Am besten, ihr kommt mit einer Motor-Gangway, so daß der Arzt und ein Pilot schnellstens an Board gehen können.
Sie mussten im Tower genau den Status wissen, damit sie die Hilfskräfte wieder zurückschicken konnten. Jakob hatte schon eine ähnliche Situation erlebt. Bei einem Start mit dem Segelflieger war in 90 Meter Höhe das Schleppseil gerissen. Für eine Platzrunde zum Landen war die Höhe zu niedrig und der Wind zu schlecht gewesen. Da hatte er ein Maisfeld erspäht, aus dem in der Mitte ein Streifen herausgemäht worden war. Gerade breit genug, um mit einem Segler darin zu landen. Die Landung war perfekt gewesen. Er war ausgestiegen, um das Flugzeug auf Schäden zu untersuchen und hatte ganz vergessen, dem Tower Bescheid zu sagen. Dieser hatte ihn aber nur in einem Maisfeld verschwinden sehen. Und eine Landung in einem Getreidefeld gab immer Bruch. Den abgemähten Streifen konnten sie nicht sehen. Und so war damals die ganze Rettungsmaschinerie angerast gekommen.
Plötzlich machte sich ein altes Problem bei Jakob wieder bemerkbar. Er hatte immer mal gemerkt, daß er ein Stechen in der linken Brust bekam, wenn er großen Streß hatte. Und hier hatte er sehr großen Streß gehabt. So war es wohl auch in Ordnung, daß er jetzt sehr große Schmerzen in der linken Brust hatte. Aber das war früher immer wieder vergangen. Das würde auch heute vergehen.
Der Sturm rüttelte an der gewaltigen Maschine, die sich leicht bewegte. Jakob merkte, dass er noch immer mit beiden Füßen die Pedale des Seitenruder nach vorne drückte.
"Ach ja, noch was" sprach er in's Mikrophon, "wo ist die Parkbremse, mir tun schon die Beine weh."
SN237, die Parkbremse ist der Hebel in der Mitte unter dem Schubhebel. Einfach nach unten rasten, Gratulation zu der Landung"
Die Menschen im Tower waren immer noch vollkommen perplex. Das konnte doch nicht sein. Da stand die Maschine, anscheinend unbeschädigt. Und sie hatten eine seltsame Situation. Wenn ein Laie ein großes Flugzeug landen mußte, hatte es bisher immer Bruch gegeben. Mal schwer, mal nicht so schwer. Hier hatte ein Passagier zum ersten mal eine Passagiermaschine ohne Crash gelandet und da stand sie nun auf der Landebahn. Landen hatte er sie dürfen bzw müssen. Von der Landebahn rollen durfte er sie aber nicht.
"So etwas habe ich noch nicht gesehen. Das glaubt einem kein Mensch"
Der Pilot im Tower war nach wie vor fassungslos
"Herr Lenden, wir schicken den Arzt und den Piloten. Öffnen sie auf unser Zeichen die Tür vorne links, Mann das war Wahnsinn, nein das war großartig, das war .., das war ach verdammt noch mal".
Die Stimme brach mit einem Schluchzen ab.
"O.K", mehr konnte Jakob nicht sagen. Die Anspannung entlud sich. Das Adrenalin kam nun. Und wie es kam. Eine Hitzewelle raste durch seinen Körper.
Er blickte Michèle an:
Gehen sie nach hinten und veranlassen sie alles nötige"
Sie blickte ihn ehrfürchtig und bewundernd an und stand auf.
"Äh Michel", "Jakobs Stimme klang gepreßt. "wir brauchen keine Notrutschen. Die Leute können am Gate aussteigen. Sagen sie das der Chefstewardess"
Michel nickte und verließ das Cockpit.
Dann erklang die Durchsage, Jakob konnte sie im Cockpit hören:
"Meine Damen und Herren, wir bitten sie noch, einen Moment sitzen zu bleiben und sich wieder anzuschnallen. Wir haben unsere Parkposition noch nicht erreicht. Da dies eine Notlandung war, brauchen wir erst eine Freigabe zum Rollen. Wir bitten Sie um etwas Geduld"
In jedem Flugzeug bei jeder Landung gibt es grundsätzlich Menschen, die die Anweisung, bis zum Erreichen der Parkposition sitzen zu bleiben, missachten und aufstehen um in den Gepäckfächern zu kramen, während die Maschine noch zum Gate rollt. Diesmal war es nicht anders. Obwohl die Maschine noch auf der Landebahn stand, hatten sich bereits etliche Passagiere erhoben und öffneten die Gepäckfächer. Für die Passagiere war es eine Landung gewesen, die sich für die Meisten kaum von bereits erlebten Windlandungen unterschied.
Ein Raunen und rascheln ging durch die Kabine als die Frühaufsteher ihr Gepäck wieder verstauten und sich setzten. Die Chefstewardess wartete, bis sie sah, daß ihre Kolleginnen alles unter Kontrolle hatten. Dann ging sie in's Cockpit. Sie wollte Jakob ihre Bewunderung für diese Landung aussprechen. Als sie in's Cockpit kam, saß Jakob zusammengesunken auf seinem Sitz. Der größter Wunsch war für ihn, den Flugbegeisterten immer gewesen, einmal eine große Passagiermaschine zu steuern. Heute war sein Traum in Erfüllung gegangen. Leider hatte sein Herz nicht mitgespielt. Die Beschwerden, die er immer bei Streß verspürt hatte und die immer wieder vergangen waren, waren durch eine leichte Venenverengung am Herzen verursacht worden. Der Stress der letzten Minuten war zu viel gewesen. Die Vene hatte sich durch den sich aufbauenden Blutdruck zu sehr gedehnt und war geplatzt. Jakob war tot.



Eingereicht am 10. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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