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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kindheitserinnerungen

Monika Starzengruber


Man zählte den Monat Mai. Es regnete und das schon seit Tagen. Ich saß am Fensterbrett, in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung und drückte meine eben erst fünf Jahre alt gewordene Stupsnase an die kalte Fensterscheibe.
"Monika, musst du immer am Fensterbrett sitzen", tadelte meine Mutter.
Mich beschäftigte nur Eines: "Wann hört´s denn endlich auf zu regnen?"
Ich langweilte mich schrecklich, sämtliche Spielsachen änderten nichts daran. Es drängte mich hinaus, immer mehr, und ich sehnte mich nach der Sonne. Natürlich entging es mir nicht, als der Himmel sich lichtete und der Regen endlich nachließ. Ungeduldig lief ich vor die Haustür, sah nach oben und betrachtete argwöhnisch die Wolken. Da und dort lugte schon ein kleines Stückchen Blau durch, während vereinzelt noch ein paar Regentropfen fielen. Aber schließlich versiegten auch die. Ich juchzte und war nicht mehr zu halten. Barfuß und kurzärmelig, wie ich war, lief ich vor das Haus, trat begeistert in die Pfützen, die schlammig wurden wie meine Füße und freute mich des Lebens. Ich fühlte mich frei und abenteuerlustig, war froh, der stinklangweiligen Wohnung endlich entronnen zu sein.
Der graue Himmel wich mehr und mehr den Schäfchenwolken. Die Sonne fand endlich Platz auf die Erde und auf mich durch zu strahlen. Ich fühlte ihre Wärme und betrachtete den Tag als gerettet. Aber da, die Sonne verschwand plötzlich wieder, schon spürte ich die nächsten Tropfen auf meiner Haut. Skeptisch blickte ich mit gekrauster Nase nach oben und verwünschte die dunkle Wolke ober mir, die mich scheinbar zwingen wollte, wieder in die Wohnung zurückzukehren. Fieberhaft überlegte ich, wie ich das verhindern konnte und da kam mir die rettende Idee.
Ich kannte ein Lied, ursprünglich gesungen von der kleinen Cornelia im Radio, das half bestimmt.
Mitten im Regen stehend begann ich zuversichtlich zu singen, während ich den Himmel beschwörend weiter beobachtete.
"Lieber Gott, lass die Sonne wieder scheinen, für Papa, für Mama und für mich …"
Nach der ersten Strophe spürte ich, wie der Regen nachließ. Es hilft, frohlockte ich und begann selig die zweite Strophe. Was machte es schon aus, wenn ich den Text nicht vollständig wusste, ein Lalala würde der liebe Gott sicher auch verstehen.
Bereits nach der zweiten Strophe sagte mir die graue Wolke ober mir ade und ließ die Sonne durch. Ich war überglücklich und vergaß nicht, mich bei Gott zu bedanken, denn, dass er mir geholfen hatte, davon war ich überzeugt.
Aber herrje, nach ein paar Minuten schob sich abermals eine Wolke vor die Sonne und da und dort fielen die nächsten Tropfen. Enttäuscht begann ich zu zweifeln: Ob mich Gott doch nicht gehört hat? Plötzlich wusste ich warum. Die Welt war groß, ich musste einfach lauter singen und länger. So fing ich nochmals an: "Lieber Gott, lass die Sonne wieder scheinen, für die Muh, für die Me und für mich…" Dabei betonte ich das "Muh" und "Me" besonders. Der liebe Gott musste ja wissen, auch die Tiere liebten die Sonne.
Das schien er nach einer Weile auch einzusehen, indem er der Sonne half, sich endgültig durch zu setzen. Doch aus Angst, er könnte es sich wieder anders überlegen, hörte ich nicht auf zu singen. Gott sollte ruhig merken, wie ernst es mir mit meiner Bitte war.
Erst als sich auch die Schäfchenwolken langsam verzogen und das Blau am Himmel überwog, fand ich, war es genug. Nun war ich sicher, Gott hatte mich gehört und blieb bei seinem Entschluss.
Aufatmend schickte ich ein: "Danke, lieber Gott", empor. Aber das schien mir Anbetracht der Dinge nun doch zu dürftig. Gott hatte sich diesmal wirklich angestrengt, so erwartete er das von mir sicher auch. Spontan versprach ich: "Nächsten Sonntag komme ich dich besuchen." Bekräftigend ritzte ich mit einem Ast einen Kirchenturm in den schon etwas angetrockneten Schlamm der Pfütze.
"Und wenn du morgen und übermorgen auch schönes Wetter machst, werde ich immer brav sein", versprach ich gönnerhaft weiter. Aber das erschien mir im nächsten Moment doch zu gewagt, und ich berichtigte schnell: "Fast immer, wenigstens", und hoffte, Gott würde sich damit zufrieden geben.
Später bog mein Sandkastengefährte Rudi um die Ecke. Er strahlte: "Nun ist es doch noch schön geworden", rief er mir zu.
"Hab ich gemacht", verkündete ich stolz und verschwieg diskret, mit wem.
Rudi zeigte mir den Vogel. "Du spinnst ja, das kann keiner."
"Doch, ich schon. Aber ich sage dir nicht wie, das ist mein Geheimnis."



Eingereicht am 08. Januar 2005.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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