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Ein Erlebnis am See

Wolfgang Scholmanns


Langsam wich die Dunkelheit, der Kraft der Sonne. Lichte Nebel hüllten ihn ein, meinen See, an dem ich so gerne sitze und die Ruhe genieße. Hier ist es so schön, so entspannend. Mal nichts hören vom Alltäglichen, einfach freien Geist erleben - genießen - einfach gegenwärtig sein. Als die Sonne höher stieg, wich der Nebel nach und nach, ihrer gewaltigen Macht. Jetzt zeigte er sich in seiner ganzen Schönheit, dieser kleine zauberhafte See, der den Stress des Alltags schnell in Vergessenheit geraten lässt. Der an den Ufern auftauchende Schilfgürtel schien mit kleinen Perlen geschmückt zu sein. Glitzernd präsentierte er sich dem neuen Tag, der im Strahlenlauf der Sonne seine wunderschöne Natur entfaltete. Milder Wind streichelte die Oberfläche des Gewässers und ließ kleine Wellen entstehen, die wie es schien, den Weg zum Ufer suchten. Mein Blick fiel auf eine Entenfamilie, die gemütlich an dem breiten Schilfgürtel entlang schwamm. Farbenfroh leuchtete ihr samtig erscheinendes Gefieder. In der Mitte des Sees sprangen einige Forellen hoch aus dem Wasser um den neuen Tag zu begrüßen. Während meiner Beobachtungen wurde ich plötzlich durch ein Rascheln im Schilf in meiner Ruhe gestört. Unweit von mir hatten zwei Angler sich niedergelassen. Bewaffnet mit einer gewaltigen Angelausrüstung, wollten sie den friedlichen Fischen, dieses Gewässers den Weg ans Tageslicht zeigen. Sie stellten ihre Stühle auf, holten Angeln, Kescher und Angelrutenhalter aus dem Futteral und begannen dann damit, die Angelhaken mit Ködern zu bestücken. Der Ältere von ihnen zog einen Wurm auf seinen Haken, um so dachte ich, damit den Forellen zu Leibe zu rücken. Der Andere bestückte seinen Haken mit einem Stück aus dem Inneren eines Weißbrotes, welches die Karpfen besonders gerne mögen. Dann wurden die Köder mittels der langen Angelruten ins Wasser befördert. Nach getaner Arbeit nahmen die beiden Herren auf ihren Stühlen platz. Jetzt hieß es warten, ob irgendwann ein Fisch anbeißt, der diesem Leckerbissen nicht widerstehen kann.
Neugierig geworden, näherte sich die Entenfamilie den beiden Posen, die im Licht der Sonne funkelten. Posen sind aus schwimmendem Material angefertigt und dienen den Anglern dazu, den Biss eines Fisches anzuzeigen. Sie sind auf der Angelschnur befestigt und bewegen sich, wenn unten am Haken ein Fisch zupft. Dies sei nur eine Erklärung, für diejenigen, die mit der Bezeichnung - Pose - nichts anfangen können. Nun zurück zu der kleinen Entenfamilie, die mittlerweile die Posen erreicht hatte und sie neugierig umkreiste. Plötzlich fiel mir auf, dass die Angelschnur mit dem mit Brot bestückten Haken sich beim Einwerfen derart verheddert hatte, dass der Köder gar nicht absinken konnte, sondern an der Wasseroberfläche schwamm. Das bemerkten auch die Enten. Angezogen von dem auf dem Wasser liegenden Köder wollte sich Mutter Ente diesen Leckerbissen nicht entgehen lassen, schnappte danach und schluckte ihn gierig hinunter. Ich wunderte mich, dass die Angler von diesem Geschehnis, nichts mitbekommen hatten. Ein Blick auf sie, verriet mir dann auch warum. Sie dösten in der Sonne vor sich hin, ohne ihre Posen zu beobachten. Als aber dann die Entenmutter unter bestimmt großen Schmerzen aufflatterte und mit riesigem Geschnatter versuchte, sich von dem festsitzenden Angelhaken zu befreien, sprangen sie auf. Jetzt war guter Rat teuer. Damit hatten sie natürlich nicht gerechnet. Der Angler, dem die Angel gehörte, an deren Haken die Ente verzweifelte Befreiungsversuche unternahm, schrie: "Das gibt's doch nicht, wie konnte das nur passieren?" Der ältere versuchte ihn zu beruhigen, nahm dann ein Messer und schnitt die Angelschnur an der die Ente hing einfach durch. "Ich habe schon des Öfteren gehört, dass dem einen oder anderen Angler ein solches Missgeschick passiert ist. Man soll dann einfach die Angelschnur kappen, alles andere würden die Enten dann schon selbst regeln." Währenddessen, hatte Mutter Ente mit ihre Jungen, dass Weite gesucht. Ich dachte so bei mir: "Hoffentlich hat der Angler Recht mit dem, was er von seinen Angelfreunden gehört hat, und die Ente kann sich dieses Angelhakens entledigen." Voller Mitleid mit dieser armen Entenmutter machte ich mich nach diesem traurigen Erlebnis auf den Heimweg. Als ich drei Tage später mal wieder die Ruhe an meinem kleinen See genießen wollte, erinnerte ich mich schnell wieder an die Entenfamilie. Mein Blick ging suchend hin und her. Dann entdeckte ich sie. In einer Entfernung von etwa zehn Metern schwammen sie fröhlich schnatternd an ihrem heimischen Schilfgürtel umher. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Sollte der alte Angler mit dem was er von seinen Angelfreunden gehört hatte, Recht gehabt haben?



Eingereicht am 31. Dezember 2004.
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