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Der Groß-Vater

Annette Weimer


Wo war er nur? Wir suchten ihn überall. Eines Tages war er verschwunden. Normalerweise lief er nie weit, aber an diesem Tag war er weg. Als er am Abend auch noch nicht wieder gekommen war, verständigten wir die Feuerwehr und die Polizei. Er lebte in der Vergangenheit und aus dieser Zeit wusste er noch alles. Er erzählte Dinge von früher, als ob sie gerade erst geschehen waren und so vermuteten wir, dass er in seinen Geburtsort 30 km weiter gelaufen war. Sie fanden ihn nicht. Er konnte überall sein und wir machten uns große Sorgen, denn er hatte einfach alles vergessen und er erkannte niemanden mehr. Ich lag abends in meinem Bett und erinnerte mich daran wie alles begonnen hatte.
Ich beobachtete ihn. Er nahm ein gewöhnliches Gummi, das man normalerweise benutze um Verpackungen zusammenzuhalten, spannte es, zielte damit auf mich und ich hätte im Traum nicht daran gedacht, dass er es tun würde aber er tat es. Das Gummi flog mit einem Surren durch die Luft und klatschte mir direkt aufs Auge. Das ging so schnell, dass ich gar nicht reagieren konnte. Ein höllischer Schmerz war das und im ersten Moment war ich mir sicher, dass mein Auge sehr verletzt sein musste. Er saß da und grinste. Meine Großmutter, die durch meinen Schrei alarmiert worden war, kam herbeigelaufen und schrie ihn an was er getan hatte aber er fragte nur: "Wieso, was soll ich denn gemacht haben? Ich habe doch gar nichts getan, ich glaube du spinnst!" Ich war ein Kind von 8 Jahren aber das war das erste Mal, dass ich kapierte, dass mein Großvater nicht mehr richtig im Kopf war und ich hatte vierzehn Tage lang ein blaues Auge.
Wir Kinder hatten uns einen Spaß daraus gemacht, wenn er vor dem Fernseher saß und sich die Sendungen anschaute und wir einfach die Programme vom Krimi zum Sandmännchen wechselten. Normalerweise wurden wir für so ein Verhalten von den Erwachsenen ausgeschimpft, aber er saß da, lächelte und schaute hin, als ob nichts geschehen wäre. Er stellte nichts in Frage. Wir waren ja einiges gewohnt und vor allem hatte er es auf Bananen abgesehen. Diese versteckte er überall als ob er sie sparen müsste für schlechte Zeiten. Wir fanden sie in seinen Jacken, unter der Matratze, unter seinem Kopfkissen und sogar unter seinem Hut, den er auf dem Kopf trug, versteckte er sie. Meist waren sie schon ganz schwarz. Wenn wir ihn drauf ansprachen, lachte er nur und verstand gar nicht was wir meinten.
Begonnen hatte es damit, dass er die Firmenautos meines Onkels, der die Firma übernommen hatte, stahl. Die Autos standen vor dem Haus und die Schlüssel steckten eigentlich immer, da sie am laufenden Band benutzt wurden und die Fahrer sich auch immer abwechselten. Zudem lebten wir ja auf dem Land und so hatten wir in den Siebzigern noch keine Angst, dass man die Wagen stehlen würde. Alleine der Großvater machte uns Sorgen. Plötzlich war ein Auto weg und der Opa gleich mit. Irgendwann kam er angelaufen und wenn er gefragt wurde, wo denn der Wagen wäre, da behauptete er, dass er das doch nicht wüsste, er hätte das Auto doch nicht gehabt und wir würden ja spinnen. Die Autos standen dann irgendwo im Ort und der Opa hatte die Schlüssel in seiner Jackentasche. Er wurde richtig frech und aggressiv, wenn wir ihm "unterstellten", dass er etwas angestellt hatte. Ganz schlimm wurde es, als er einen Autounfall verursachte. Er wurde von der Polizei aufgefordert, dass er seinen Führerschein holen sollte. Also krabbelte er in das Auto und suchte danach im Handschuhfach. Das Problem war jedoch, dass er sich im Auto des Unfallgegners befand. Er war total durcheinander und vergaß alles. Heute würde man sagen, der Mann hat Alzheimer aber damals kannte den Begriff niemand und bei uns sagten sie: "der ist verkalkt".
Anfangs erzählte er immer öfter Geschichten aus seiner Jugend und Dinge, die sich in seiner Gefangenschaft in Frankreich zugetragen hatte. Er hatte eine bewegte Kindheit, eine turbulente und erschreckende Jugend und er hätte selbst Bücher schreiben können.
Mein Großvater war ein großer und toller Mann gewesen. Er war ein Typ wie der Schauspieler Armin Müller Stahl und er hatte diese unbeschreiblich schönen blauen Augen. Auf seinem Arm trug er ein großes Tattoo, das Bild einer Brieftaube. Er hatte eine Baufirma und dort waren viele Menschen beschäftigt. Er hatte Verantwortung und das Leben drehte sich um ihn, sein Geschäft und seine Familie. Er war dominant und die Leute tanzten nach seiner Pfeife. Zu uns Kindern war er gütig und mir war er ein Vater, da ich einen Großteil meiner Kindheit bei meinen Großeltern lebte. Der Verfall seines Gehirns verlief sehr langsam und war für mich damals unverständlich. Er war immer da und wurde ganz langsam von der Hauptfigur in der Familie zur Randfigur, die mit ihren Aktionen sehr oft lächerlich wirkte.
Am dritten Tag nach seinem Verschwinden lief er am Haus vorbei als wäre er ein Fremder. Meine Tante sah ihn nur durch Zufall und rief über ihn. Er hatte wohl im Wald gesessen unter einem Baum, so vermuteten wir. Es war Herbst und er war total durchnässt, war eiskalt, krank und hatte Tannennadeln und Zapfen in der Jackentasche. Wo er wirklich gewesen war konnte er uns nicht sagen, er hatte es vergessen.
Er starb in den achtziger Jahren im Alter von 74 Jahren und tatsächlich war es damals so, dass es für die Familie fast eine Erlösung war, denn selbst ein Kleinkind wäre einfacher zu hüten gewesen als er. In meiner Erinnerung ist er jedoch der große Mann mit den breiten Schultern, mit den wunderschönen blauen Augen und dem gütigen Blick, mein Vater.



Eingereicht am 28. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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