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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

... und alles war anders

Annette Weimer


Er wachte auf und seine Frau lag genau neben ihm. Sie schlief tief und musste gerade etwas Schönes träumen, denn sie kräuselte entzückt ihre Lippen. Zärtlich sah er sie an. Im gleichen Augenblick musste er an s i e denken. Wieso, dachte er, wieso denke ich gerade jetzt an s i e? Ist es wegen des Liedes, das ich gestern Abend wieder unerwartet hörte? Unser Lied? Wieso kam sie ihm immer in den seltsamsten Momenten in den Kopf. Es war schon einige Jahre her, doch für ihn war s i e so lebendig, als wäre es gestern gewesen. Er liebte doch die Frau neben sich und dennoch konnte er die andere, die ihm einmal so viel bedeutet hatte, nicht vergessen und würde es auch nie können. Er erinnerte sich zurück, wie alles begonnen hatte und als wäre es gestern gewesen, so waren i h r e Gesten, der einmalige Duft ihrer Haut, das Lachen, die Freiheit und der Schmerz, den er fühlte wieder da. Wie hatte er sie doch geliebt und dabei hatte alles so harmlos angefangen.
Er saß immer hinter ihr und anfangs war sie ihm gar nicht aufgefallen. Sie war eigentlich eher der Durchschnittstyp, nicht besonders schön und noch nicht einmal sein Typ ... eigentlich. Doch sie lachte oft und gerne und ihr Lachen steckte alle an. Sie hörte ihm zu und interessierte sich für seine Belange. Sie roch immer so gut, wenn sie neben ihm stand und ihre unbedachten Berührungen waren elektrisierend. Das ging monatelang so. Eigentlich war er ja in einer Beziehung und wollte sich verloben, doch je länger er S i e um sich hatte, desto weniger mochte er an seine Freundin denken. Abends saß er am Computer und irgendwann war sie online. Sie hatte so viel auf dem Herzen und auch er konnte endlich darüber reden, was er noch nie jemanden erzählt hatte. Sie hörte ihm zu, verstand ihn und verurteilte ihn nicht. Sie bewunderte ihn sogar für das was er war und tat. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er sich so angenommen wie er war. Er musste nicht den großen Mann spielen und zeigen was er konnte, auch wenn er das gerne tat. Er hatte einfach oft das Gefühl, dass sie hinter seine Fassade und direkt in sein Herz sehen konnte. Sie erriet die Gedanken und sagte sie ihm direkt ins Gesicht.
Er durfte sie nicht lieben aufgrund der Familienbande, in der sie sich befand. Er war ja eigentlich frei und es war ein Leichtes gewesen seine damalige Freundin zu verlassen, auch wenn er dafür lange Zeit gebraucht hatte. Die Angst vor dem alleine sein hatte ihn zurückgehalten. Doch S i e war da und fing ihn auf. Er liebte sie und er spürte auch, dass er ihr nicht gleichgültig war. Eines Abends saß er am PC und redete mit ihr. Da stellte sie ihm Frage: "Nicht wahr, du bist in mich verliebt?" Oh Gott, dachte er, kann und darf ich ihr meine Gefühle offenbaren? Was wird geschehen und vielleicht will sie mich dann nicht mehr sehen. Doch es war Zeit ihr zu zeigen was er fühlte. Ja, ich bin sehr in dich verliebt, gab er als Antwort. Seine Hände zitterten und er war aufgeregt. Würde sie über ihn lachen? Sie war schließlich über 10 Jahre älter und doch sie sah weder so aus, noch fühlte er diesen Unterschied und sie offenbar auch nicht. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart sehr wohl und er wurde ernst genommen. Sie war nicht so kindisch wie die Hühner, die er sonst kannte, und für ihn war sie wunderschön, was er ihr nicht oft genug sagen konnte.
Dann kam das erste Treffen und hatte all seine Erwartungen übertroffen. Klar, sie war eine erwachsene Frau und er hatte nicht gedacht, dass sie mit ihm Händchen halten würde und tun würde als wäre sie ein verlegener Teenie, aber das? Sie war überwältigend, ein Vulkan und ein Traum, der mit jedem Treffen weiter und intensiver weitergeführt wurde. Es ging immer tiefer und er verlor sein Herz nicht in kleinen Stücken sondern in großen Teilen. Sie führten diese Beziehung über ein Jahr und jeder Abschied tat ihm weh. Eine Entscheidung musste getroffen werden und seine stand für ihn fest. Er wollte sie ganz, unter und mit allen Umständen. Es dauerte lange und sie entschied sich hin und her und am Ende zerriss sie die Familienbande und wollte mit ihm sein Leben teilen. Er war mehr als glücklich, aber er sah die Gefahr nicht und konnte auch nicht ihren Schmerz wahrnehmen. War er denn so blind gewesen? Hatte er nicht gesehen, dass die Familienbande viel stärker waren als ihre Liebe zu ihm? Ja, ok, sie hatte geweint und jedes Mal wenn sie von ihrer Familie kam sah er, wie unglücklich sie war. Er wollte ihr alles geben und alles tun, damit sie glücklich werden würde, damit sie und er endlich das Glück bekamen, was ihnen zustand und sie sich hart erkämpft hatten.
Sein Leben war jetzt fast perfekt und dann überraschte sie ihn von heute auf morgen: "Ich gehe zurück, versuche mich nicht zu halten und versuche mich zu verstehen." Sie weinte und sie sah so traurig aus, doch was sie ihm sagte zerriss sein Herz. Spürte sie nicht, dass er alles gegeben hatte? War das alles nichts wert? Hatte sie ihm nicht gesagt, dass sie ihn lieben würde? Er hatte ihr so geholfen, ihr so viele Dinge versprochen und all das war ihr nichts wert? Sie streckte die Hände nach ihm aus und nahm ihn in den Arm, doch er stieß sie unsanft von sich, nahm seine Sachen und ging. Wenn sie ihn nicht mehr wollte, dann würde auch er sie verlassen. Verlassen, so fühlte er sich. Betrogen, einsam, ein Fass ohne Boden, ein Artist ohne Netz. Er hatte sich so sicher gefühlt und dann diese nie mehr enden wollende Leere und diese Schmerzen die schon körperlich waren? Selbst jetzt nach all der Zeit konnte er es noch fühlen.
Es folgten noch einige Treffen, denn auch jetzt konnten sie sich nicht voneinander lösen. Böse und dann sehnsuchtsvolle Briefe. Tränen die nicht enden wollten und irgendwann reichte es ihm. Sie sollte spüren was Schmerzen sind und fügte sie ihr zu. Sie hatte doch diese verdammte Entscheidung getroffen und war gegangen! Er war sich noch immer ihrer Gefühle sicher auch wenn sie anders handelte als sie fühlte. Nun war er es der betrog, der sich gut fühlen wollte und der sie verstieß. Er behandelte sie schlecht und wollte sich wieder glücklich fühlen, doch diese guten Gefühle traten nicht ein und wenn nur kurz.
Er lernte seine zukünftige Frau kennen und sein Herz fand wieder Ruhe und auch der Schmerz ließ nach. Die Zeit hatte für ihn gearbeitet. Er hatte es verdient wieder glücklich zu sein, doch seine Gedanken flogen immer wieder zur i h r zurück. Ja, er hatte sie wirklich geliebt und ein Teil seines Herzens würde für immer bei ihr sein und er war sich sicher, dass es auch für immer umgekehrt so sein würde, doch die Umstände waren einfach zu unglücklich gewesen, für sie beide. Sie hatten sich gegenseitig sehr wehgetan und sich verziehen, denn dazu war diese Liebe zu wertvoll gewesen. Er wusste, dass egal wohin er auch gehen würde, ihrer beider Liebe bei ihm sein würde, für immer.
In diesem Augenblick erwachte seine Frau neben ihm und er streichelte ihr zärtlich über das Gesicht. Sie lächelte ihn an und war sich sicher, dass er das Richtige getan hatte und es für alle so das Beste war, doch ahnte er auch, dass seine Gedanken schon bald wieder bei i h r sein würden ...



Eingereicht am 23. Dezember 2004.
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