www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de

Die Cappucino-Frage oder Wie man alles verliert

Natacha Labrousse


"Ich bin ein Cappucino-Trinker. Am liebsten in einer großen bauchigen Tasse mit lustiger Bemalung, die mich vom Alltag ablenkt - so lange, wie ich brauche, um meinen Cappucino zu trinken. Ich rühre gerne in meiner Tasse und gehe meinen Gedanken nach, lasse mich treiben, vergesse die quälenden Dinge um mich herum, von denen es Tausende gibt. Ein Durchschnittsmensch eben, ein Genießer vielleicht.
Nun stellt sich mir folgende Frage: Warum wird der Klang des Löffels in der Tasse, wenn ich mit ihm auf den Boden klopfe, kontinuierlich heller?
Diese Frage beschäftigt mich, macht mich unruhig, denn niemand kann sie mir beantworten. Mir ist aufgefallen, dass sich dieses Phänomen verstärkt, wenn ich erst den Cappucino umrühre und dann, während er sich noch in der Tasse dreht, auf den Boden klopfe. Aber das sind banale Gedanken, denen ich nicht nachhängen sollte. Ein kurioses Detail, das, sobald es entschlüsselt ist, in den Fundus von Dingen in meinem Hirn wandert, den ich zum Smalltalk nutze oder in der Kneipe, um Anekdoten zu erzählen.
Die Kneipe gehört auch zu meinen Leidenschaften, nur bleibt es dort, anders als beim Cappucino, nicht bei einer Tasse. Auch die Dinge, die mir auffallen, sind weniger kurios, wenn ich saufen gehe. Dort pflege ich eher mein Ego, denn Säufer sind schnell und leicht zu beeindrucken.
Eigentlich bin ich täglich im "Visum", meiner Kneipe. Der Besitzer, Gerd, hatte sie so genannt, weil nicht jeder rein darf. Ich schaffe es immer ohne Visum hinein. Hinaus meistens nur mit Gerds Hilfe. Der ruft mir dann ein Taxi und ich finde mich ein paar Minuten später in meiner Wohnung wieder. Ich werfe mich in mein Bett und schlafe meinen Rausch aus, um morgens auf die Arbeit gehen zu können. Manchmal schaffe ich das aber nicht, denn wenn die Abende besonders lustig waren, lege ich nicht viel Wert auf Verantwortungsbewusstsein. Also melde ich mich krank und schlafe den ganzen Tag. Nachmittags schaue ich im Café vorbei, treffe Freunde und trinke meinen Cappucino. Dann kann ich es nicht lassen, den anderen von meinem Löffel-Problem zu erzählen, während die nur abwinken und anscheinend schon genervt sind, denn ich spreche jedes Mal davon. Wir verabreden uns für das Visum um acht. Mittlerweile hört sich der Vorschlag, ein Bier trinken zu gehen, auch wieder vernünftig und nicht mehr Ekel erregend an. Also saufe ich, fange mit einem Bier an, bestelle noch eins und noch eins. Dann kommt der Wunsch, etwas Außergewöhnliches zu trinken. Ein Blick in die Karte und sie schlägt mir heute eindeutig einen White Russian vor. Danach ein Cocktail, weil er bunt ist und dann ein Bier, weil ich von dem pappigen Cocktail Durst bekommen habe. Nach dem Bier entscheide ich mich für einen Whiskey. Die Gespräche in der Runde sind sehr anregend und ich verrate ein oder zwei Geheimnisse über mein Gefühlsleben, nämlich, dass ich Claudia unglaublich sexy finde (ich zwinkere ihr zu) und dass ich mich nach Liebe sehne (ich zwinkere ihr noch mal zu). Darauf stoßen wir beide mit einem Glas Sekt an. Gerd stellt uns die obligatorische Runde Tequila hin und wir trinken auf Gerd, den edlen Spender. Beim letzten Bier habe ich Claudia im Arm und beschließe, sie so schnell nicht mehr los zu lassen. Ich will mit ihr ins Bett. Kurz überlege ich, ob meine Wohnung aufgeräumt ist und stelle beruhigt fest, dass ich mich nicht blamieren werde, wenn sie mit mir hoch kommt. Ich leere das Glas auf einen Zug und verkünde, dass ich nichts mehr trinken will. Die anderen rufen empört auf, aber ich bleibe standhaft, denn schließlich will ich später auch standhaft sein. Außerdem will ich, dass Claudia mit mir im Arm das Visum verlässt und nicht Gerd.
Ich werfe ihr einen Blick zu, sie erwidert ihn und die Sache mit dem Sex scheint zu meinen Gunsten auszugehen. Ich winke Gerd her, er soll die Rechnung bringen - auch die von Claudia. Das übernehme ich. Sie fühlt sich geschmeichelt und bewegt ihren Körper geschmeidig an meinem.
Ein sehr eindeutiges Signal, wie ich finde. Zusammen gehen wir nach draußen und fahren mit dem Taxi zu mir. Wir trinken noch ein Glas Wein, denn Wein macht sexy. Danach haben wir Sex. Sie nimmt die Pille, ein Kondom habe ich vergessen, also denke ich: no risk, no fun.
Am nächsten Morgen ist sie schon weg, ich habe einen Kater und melde ich mich für den Rest der Woche krank, denn heute ist sie vielleicht wieder im Visum und ich glaube, dass sie gut gewesen ist. Also kann ich den Tag zum Ausschlafen nutzen.
Abends ist Claudia nicht im Visum, aber das ist nicht so schlimm, denn Gerd hat seine Cousine aus Berlin zu Besuch und die ist auch nicht übel.
Betrunken schleppe ich sie ab und wir landen in meiner Wohnung, wo ich ihr endlich ans Höschen darf.
Am nächsten Morgen ist sie noch da. Wir reden und sie geht ein paar Stunden später. Ich schaue in meinen Briefkasten und da ist ein Brief von meiner Arbeit. Ich mache ihn auf und lese dort, dass ich gekündigt bin - fristlos. Nach der dritten Abmahnung war damit zu rechnen. Ich frage mich nur, wer mich diesmal im Visum gesehen und gepetzt hat. Die Nachricht zieht mich runter, also gehe ich ins Visum, um mit Gerd zu plaudern, der zu einem Freund geworden ist. Ich bestelle einen Whiskey und ein Bier und bin bald schon betrunken. Dabei ist es erst Nachmittag.
Und so weiter und so fort."
"Das war doch schon ganz gut, Herr Öster. Und sie sagten, sie wüssten nicht wie sie anfangen sollten!"
"Na ja, es fällt nicht leicht, aber vielleicht bekomme ich so das Problem in den Griff. Wissen Sie, es ist schon die zweite Arbeitsstelle, die ich eigentlich nur wegen der Trinkerei verloren habe. Jetzt habe ich nur noch meinen Cappucino, aber der macht mich wahnsinnig, denn das Rätsel lässt sich nicht lösen. Wenn ich die Antwort darauf wüsste, dann könnte ich viel entspannter sein, Frau Doktor. Kennen Sie sie?"
"Nein, Herr Öster, ich kenne sie nicht", sagte die Ärztin und wusste, dass dieser Mann ein hoffnungsloser Fall war.



Eingereicht am 06. Dezember 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.

»»» Kurzgeschichten Alltag «««
»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««
»»» HOME PAGE «««