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Stille Begleitung

Anatufila


So weit ich mich zurück erinnere, und das ist sehr weit, war er immer bei mir. Auf jedem Weg trippelten seine Pfoten neben mir. Manchmal begann er zu rennen, zog mich japsend hinter sich her, dann wiederum war es an mir, ihn unter Aufbietung aller Kraft mitzuschleifen bis ins Ziel.
Andere sahen und hörten ihn nicht. Für mich aber war er so selbstverständlich vorhanden, dass ich ihre Unkenntnis kaum registrierte.
Ich wusste nicht, dass Menschen sich frei, ohne dieses Wesen an ihrer Seite, bewegen können. Es irritierte mich, wenn sie mit Leichtigkeit schafften, was mir eine große Anstrengung war. Nur wenn sie mich kritisierten, tadelten, mich lächerlich machten, fühlte ich mich verlassen. Dann meinten sie nicht mich. Sie setzten ein anderes Kind an meiner Statt. Das versuchten sie. Ich blieb beharrlich und machte dem fremden Kind keinen Platz.
Wir waren, sind noch immer, so eng verbunden, wie Herz, Atem und Blut mit dem Wesen des Menschen, wie der Zwilling, der Sternbild im Himmel und Mensch auf Erden ist, wie Bruder Esel und Ich. Präziser: Ich lebe durch Herz, Atem und Blut, wie auch er durch dasselbe Herz, denselben Atem und dasselbe Blut existiert. Wir nutzen unseren Leib mit verschiedenen Zielen. Und doch kann keiner die Oberhand gewinnen. Ich bin es, die atmet, ich lasse das Blut pulsieren, durch, für mich schlägt unser Herz. Er nutzt es, um darin zu sterben. Gebe ich auf, kommen wir beide darin um.
Heute verstehe ich, dass andere nicht diese sechs bis acht Gendefekte haben.
Sie haben den stillen Begleiter nicht. Sie wissen nicht, was es heißt, täglich aufzubauen, was er eingerissen hat. Dafür leben sie in zerstörten Welten, sie hungern, sie bekriegen sich. Manche schaffen sich sogar künstliche Feinde und künstliche Probleme. Ich kann ihnen nicht mehr böse sein. Sie haben es nicht geschafft, mich zu verdrängen. Das verdanke ich ihm. Durch ihn habe ich gelernt, um mich, um mein Leben, zu kämpfen.



Eingereicht am 12. November 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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