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Mein größter Wunsch

John Valentine


Heute komme ich in meine neue Klasse. Ich zähle 24 Leute, mit mir einschließlich.
Mich beachtet niemand, einige gucken mich überrascht an, wenden dann ihren Blick wieder ab. Zum ersten Mal höre ich die Schulglocke schellen. Irgendwie bin ich nervös, ich weiß nicht wer mich nun erwartet. Auf dem großen Stundenplan, der an der rechten Wand hängt, steht Mathe angeschrieben. Ich habe in Mathe immer Probleme, ich habe bereits bei den Grundrechenarten Schwierigkeiten. Ein Lehrer mit kurzen braunen Haaren betritt den Raum. "Guten Morgen", ruft er in die Klasse und schließt die Tür. Einige erwidern seinen Gruß, die anderen scheren sich nicht darum. "Ach du bist der neue Schüler, mein Name ist Sauer, und wie heißt du?", fragt er mich. Ich bin verunsichert, verrate nur meinen Vornamen. "Alles klar, Oliver, mach am besten einfach mal mit und gucke wie du mit dem Stoff zurechtkommst." Na, wenn mein Mathelehrer das sagt. Ich schaue mich im Raum um, bin immer noch nervös. Der Unterricht verläuft unruhig, es gibt wenige Minuten, an denen totale Stille im Raum herrscht. "Wo kommst du her?", fragt mich ein Mädchen hinter mir. Ich schaue sie an. "Wir sind von Hamburg hierher gezogen, Geschäftlich, wegen meinen Eltern, ich…" "Ja, ja, brauchst mir nicht deine ganze Lebensgeschichte zu erzählen", sagt sie plötzlich pampig. Ich drehe mich um, halte es besser, nichts mehr zu sagen. Warum ist sie so abweisend zu mir, sie kennt mich doch noch gar nicht. In der Pause möchte ich das Fenster ein bisschen öffnen, die Luft im Raum ist schon lange verbraucht. "Mach das Fenster zu, Arschloch!", schreit es plötzlich von der hintersten Reihe. Ich mache es trotzdem auf. "Ich habe gesagt du sollst es zu lassen, bist du schwerhörig?", sagt der lange Blonde erneut. "Die Luft ist zum Kotzen, ich lasse es jetzt auf!" Meine Betonung ist selbstbewusst. "Dir werde ich die Suppe schon noch versalzen, denkst weil du neu bist kannst dir alles erlauben, warte nur du Sack!" Ich setze mich an meinen Platz. Was soll ich sagen, es ist so oder so sinnlos mit solchen Leuten zu reden. Wenige Sekunden später rennt er vor und patscht das Fenster zu. Na ja, was soll's. Ich denke an meinen alten Kumpel aus Hamburg. Wie es ihm wohl geht? Wir haben ja telefonischen Kontakt, ich vermisse ihn. Der gesamte Tag ist mies, ich verhalte mich still, halte es für das Beste, die anderen auf mich zukommen zu lassen. Doch in den folgenden Wochen passiert gerade das Gegenteil. Ich werde ignoriert, man lacht mich aus wenn ich einmal etwas Falsches sage. Vielleicht sollte ich einmal mit meinem Lehrer über meine Situation sprechen. "Da muss jeder durch, wir können da nichts machen für dich, tut mir Leid", heißt es. Zu Hause habe ich ebenfalls keine Unterstützung, meine Eltern arbeiten den ganzen Tag, eine Mutter und einen Vater, die beide karrieregeil sind, und zwar so, dass wir bereits zum 6. Mal umgezogen sind. Die Tage werden schwerer. Ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren, immer ist irgendein Gemunkel über mich. Als ob ich ein Prominenter wäre der live und direkt im Klassenzimmer sitzt. Wie soll das nur weiter gehen, ich lasse ja sogar schon bei mir abschreiben. Einmal wollte ich etwas dagegen sagen, da hieß es, wenn ich das tun würde, würde es mir noch schlechter ergehen. Ich ließ es also, meinen Mund aufzumachen. Ich will zurück nach Hamburg. Zu meinen alten Freunden, zu meinem besten Kumpel. Was er wohl macht, am besten ich rufe ihn mal an. Er habe nicht soviel Zeit, meint er als ich das versuche, er würde mich dann mal zurück rufen. In Ordnung, trotzdem schön seine Stimme mal wieder gehört zu haben in meiner Krisenzeit baut mich das zumindest ein bisschen auf. Ich habe keinen Ansprechpartner mehr, ich weiß nicht was ich tun soll. "Olive, gib mal ein Blatt", fordert mich einer auf. Ich versuche kalt zu antworten, dass ich keine Lust habe das Sozialamt spielen zu müssen. Offenbar ein Fehler, er kommt auf mich zu und möchte mich nur wegen einem Blatt zum Schreiben verprügeln. "Gib das Blatt; ich weiß, dass du immer welche hast, oder ich werde dir die Fresse polieren!" Ich stehe auf und schubse ihn mit voller Wucht gegen die Wand. Der Kampf beginnt, mein Herz schlägt wie verrückt, denn ich habe noch nie jemanden schlagen müssen. Der Angreifer versucht mich zu packen, ich weiche aus und hebe den Stuhl über meinen Kopf. Natürlich werfe ich ihn nicht, es soll nur der Optik dienen, er soll mich für unberechenbar halten. Doch ich hätte mich lieber überwinden sollen den Stuhl tatsächlich auf ihn zu werfen, er gibt mir den Beweis für seine Brutalität und rammt mit einem in Stuhlbein in den Magen. Wenige Sekunden später muss ich erbrechen. Ich habe den Kampf verloren, es ist aus. Als ich nach meiner Genesung wieder in die Schule komme und sich die Sache wieder beruhigt hat, lachen mich alle nur noch aus. Es gibt nichts mehr, was ich richtig machen kann. Ich will zurück nach Hamburg. Erneut versuche ich mit meinen Eltern zu reden. Kein Erfolg, erneut versuche ich vernünftig mit meinen Klassenkameraden umzugehen, ebenfalls kein Erfolg, alle hassen mich. Meine Zensuren werden ständig schlechter, das ständige Mobben macht mich kaputt. Als ich kurz vor den Weihnachtsferien zu Hause aus dem Fenster gucke, sehe ich ein, dass es keinen Sinn mehr hat, ich muss alleine aus dem Schlamassel gelangen. Ich weiß auch was ich tue. Ich werde morgen früh nach Hamburg zu meinem alten Freund fahren. Er ist mein bester Kumpel, mit ihm kann ich über alles reden, und wenn er erfährt was los ist, kann ich auch bei ihm übernachten. In der Nacht schlafe ich sehr spät ein. Meine Gedanken sind positiv, voller Optimismus, dass ich wieder von Neuem beginnen kann. Ich gehe zum Bahnhof und gucke auf die Anzeigetafel. Noch 2 Stunden bis der Nächste Zug nach Hamburg abfährt. Ich hole solang mein verdientes Zeitungsgeld, davon habe ich genug um mir eine Karte kaufen zu können. Vielleicht auch noch etwas zu trinken und zu essen, die Fahrt dauert ja immerhin wenige Stunden. Ich gehe den Bahnsteig hin und her, warte bis der Zug eintrifft und steige anschließend ein. Das Wetter ist trüb, nebelig und leichter Sprühregen. Ich hoffe, in Hamburg ist es schöner. Ja, es wird garantiert schöner, keine Frage. Mit einem Lächeln in meinem Gesicht fährt der Zug los. In Hamburg ist das Wetter leider schlechter, es schneit sogar. Mein Kumpel ist nicht weit vom Bahnhof entfernt, etwa 200 Meter muss ich laufen, seine Familie hat eine Tolle Wohnung. Ich gehe über die Stadtbahnbrücke. Meine Blicke gehen hoch zu Fenster. Noch alles gleich wie ich es in Erinnerung habe. Ich klingele bei Rotenbach. Ich habe kein Licht erkennen können, es ist wahrscheinlich nur niemand in der Küche. Erneut betätige ich den Klingelknopf. Ich warte 10 Minuten, 20, schließlich habe ich die Hoffnung aufgegeben. Ich bin am Ende, ich weiß nicht mehr wohin. Mein Leben hat für mich keinen Sinn mehr. Ich bin allein in meiner alten Heimat, es wahr mein größter Wunsch wieder hier zu sein, doch jetzt habe ich überhaupt keinen Lebenssinn mehr. Alle hassen mich, niemand hat für mich Zeit, ich bin in meiner Stadt, doch diese Stadt entzog sich mir. Sie möchte mich nicht mehr, genauso wie meine Eltern und alle in meiner Schule. Ich möchte zurück zum Bahnhof gehen. Aber was würde es bringen wenn ich zurück fahre? Es würde denselben Ärger geben wie zuvor, ich halte das nicht mehr aus, ich will nicht mehr! Weinend erblicke ich den Stadtbahnabgrund über den ich vorhin gelaufen bin. Ich werde springen, das ist das Einfachste. Ich werde auch ohne Stadtbahn tot sein, 15 Meter überlebt keiner. Ich heule erneut, doch niemand hört mich. Um diese Zeit passieren auch keine Leute mehr die Brücke, was soll man schon nachts auf einen Bahnhof. Nur Leute wie ich, Leute die keinen Sinn mehr im Leben finden, begeben sich hierher. Mein größter Wunsch, mein Wunsch zu sterben, mich zu befreien aus den Fesseln der Menschheit. Ich steige über das Geländer. Ein Schritt und alles ist vorbei. Ich denke an einen Sommer, es war im Freibad und ich bin mit meinen alten Freunden vom 10 Meter Turm gesprungen. Mit dem Kopf voraus. Meine Fantasie ist nun stak genug. Ich springe, springe in die Freiheit, ins reine Wasser …



Eingereicht am 10. November 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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