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Leben in der Stadt, Teil 2 Marlon

Natacha Labrousse


- Das Erwachen -
So alt wie das Licht. So alt wie die Ewigkeit. Ich habe so lange geschlafen.
Ich erwache im Zentrum des Lärms, der mir in den Ohren schreit.
Menschliche Stimmen hallen wieder von Wänden, die ich nicht sehen kann.
Es ist ein einziges Wehklagen, das mich umgibt. Ich halte das nicht aus, kann es nicht ertragen. Aber mein Geist, mein Körper (wo ist er?) verbieten mir, in Ohnmacht zu fallen, verbieten mir, mich dem zu entziehen, dem ich mich stellen muss. Ein Drang, der sich nicht unterdrücken lässt. Ich beginne, Ordnung in meine Gedanken zu bringen und alles wird klar. Ich bin berufen. Ich bin wieder da!
- Der Körper -
Ich habe meinen Körper gefunden. Ich spüre das Leben, das ihn durchfließt. Endlich atme ich, endlich bin ich warm, endlich darf ich fühlen. Meine Mission muss beginnen.
- Die Mission -
Ich trete hinaus in die Wahrnehmung. Meine Gefühle überschlagen sich.
Ich sehe wieder, habe die Luft in meinen Lungen, die ich während meines Schlafes nicht schmecken konnte. Geträumt habe ich davon, aber gelebt habe ich in meinen Träumen nur für die Mission. Ich muss Ihn finden. Er, der das Schicksal trägt. Ich habe Fragen, die Er mir beantworten muss.
Er lebt in der Stadt. Immer wieder habe ich die hohen Häuser gesehen, den Schmutz, den Ekel. Dort muss ich hin, wenn ich Ihn sehen will.
- Der Schlaf -
Ich musste lange schlafen. Eine Ewigkeit. Doch habe ich nicht freiwillig geschlafen. In dem Moment, in dem ich die bleierne Müdigkeit über mich hereinbrechen fühlte, wusste ich, dass jemand (nur wer?) diese Entscheidung für mich getroffen hatte. Aber es war gut so. Ansonsten hätte ich nicht überlebt. Ich war geschützt. Wohlbehütet. Der Schlaf gibt mir Recht, denn er sagt, dass mein Vorhaben wichtig ist. Es muss erfüllt werden. Ich bin kräftig. Jetzt habe ich Hunger.
- Das Mahl -
Ich esse. Oh, eine Wohltat. Ich schlucke und das Brot streichelt meinen Gaumen. Ich kichere und beiße in mein Leben. Ich trinke und schwelge in der Lust, die man nur empfinden kann, wenn man ausgehungert und durstig ist und endlich stillen darf, wonach man verlangt.
- Der Aufbruch -
Ich muss gehen. Ich kann nicht hier bleiben. Ich konzentriere mich und weiß, wohin ich muss. Ich gehe in Richtung Osten. Wie lange ich unterwegs sein werde, kann ich nicht abschätzen. Ich hoffe, es wird schnell gehen. Die Zeit drängt.
- Die Stadt -
Alles, was ich weiß, ist, dass Er hier ist. Ich spüre Ihn, aber ich weiß nicht, wie Er aussieht. Ob Er mich auch spürt? Ich gehe durch die düsteren Straßen. Menschen leben hier! Das ist unglaublich. Es ist so schmutzig, dass es mir so scheint, als seien die Häusermauern speckig, schmierig. Auf keinen Fall will ich mit diesem Dreck in Berührung kommen. Es ekelt mich an. Aber ich unterdrücke meine Gefühle, versuche mich zu konzentrieren.
Damals hatte Selma mir erzählt, das Leben in der Stadt sei gefährlich, die Menschen lebten hier wie Ratten im Käfig. Und gehen wolle keiner.
Sie liebten es, eng aufeinander zu kleben und sich gegenseitig zu hassen. Oh, meine Selma, wo bist du? Sie ist so klug, so erhaben. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Ich muss mich nur an ihre Worte erinnern, das muss genügen.
Ich kenne mich nicht aus. Die Stadt ist das Chaos, dem ich immer zu entfliehen versuchte. Angst ist nur ein kleines Wort, aber sie kann einen packen wie ein Monster, das dich zerfetzen will. Und ich habe Angst, jetzt in diesem Moment. Sie benebelt meine Sinne, deshalb versuche ich, mich zusammenzureißen und setze meinen Weg fort. Ich lausche auf die fremdartigen Geräusche, höre Menschen schreien, sie haben Schmerzen. Manche, die an mir vorüber gehen riechen säuerlich, fast verwest. Das ist der Alkohol. Und ich erkenne, dass keine wirklich ernstzunehmende Gefahr von dieser Gegend ausgeht.
Ich fange mich. Die Angst ist überwunden. Ich lausche erneut und da höre ich eine dünne Stimme. Sie erregt mein Mitleid und mein Interesse. Sie sagt, sie habe Sorgen. Sie sagt, sie wolle nicht sterben, wie ein Ake oder Shake, aber ich kann es nicht genau verstehen. Sie sagt etwas, das in den "Dreißigern" passiert ist, aber ich weiß nicht, was das bedeuten soll. Also flüstere ich in die Stille und frage, was er macht.
Er sagt etwas zu mir, aber ich verstehe nicht, dann läuft er weg. Ich kann seine Furcht riechen. Ich folge der Spur, dann sehe ich ihn vor mir, und was ich sehe ist kein Mensch. Vor mir steht ein verletzter Hund, der nicht getreten werden will. Ich spüre jedoch, dass er wichtig ist, dass er mir helfen kann, dass er meine Hilfe zuerst benötigen wird, dass Selma sagte, es müsse ein Hund sein, der ... und es entfällt mir. Ich kann mich nicht daran erinnern, was sie gesagt hatte.
Und jetzt, da er vor mir steht und wir eine absurde Unterhaltung über kleine Fische (was bedeutet das?) führen, kommt mir in den Sinn, dass der Hund der Cowboy ist. Dass der Cowboy weiß, wo Er ist und dass er mich führen kann. Aber zuerst müsse ich ihm etwas nehmen, damit ich ihm geben könne, was er braucht: Hilfe. Also umschließe ich dieses arme Geschöpf und nehme ihm die Ake-Sorge, die er immer wieder murmelnd in seinen Gedanken wiederholt.
Dann lasse ich ihn zurück. Vorerst kann er mir nicht mehr behilflich sein. Das spüre ich. Aber mein Stadtjunge ist ab jetzt mit mir verbunden.
Geliebte Selma. Ich habe den ersten Schritt getan.



Eingereicht am 06. November 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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