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Tagebuch der Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg Juli 1944

Natacha Labrousse


Ich stand in der Menge, so, als ob ich auch nur eine Schaulustige wäre.
Ich ließ mich schubsen und anrempeln, damit ich nicht auffiele. Aber in Wahrheit fühlte ich mich so, als ob ich alleine auf einem Podest stehen würde und dabei von einem Pulk von Menschen ausgelacht und bespuckt werden würde. Stattdessen verschmolz ich mit der Masse und wartete auf die Hinrichtung meines Mannes.
Jemand trat mir auf den Fuß, doch ich spürte keinen Schmerz. Ich sah nur in ein erschrockenes und schuldbewusstes Gesicht, dessen Mund Laute formte, die mich aber nicht erreichten, mich nicht erreichen wollten.
Denn Rücksichtslosigkeit wäre mir lieber gewesen, ich hätte die Menschen, die dem Mord an meinem Mann beiwohnen wollten, als herzlose Tiere verdammen können, hätte ihnen jegliche Menschlichkeit absprechen können, hätte eine Erklärung dafür gefunden, warum er sterben musste.
So jedoch, mit dem erschrockenen Gesicht vor meinen Augen, spürte ich nur Verzweiflung und Resignation in mir aussteigen.
Sie fühlten mit, nur nicht mit der richtigen Person zur dringendsten Zeit.
Ich schluckte, tapfer, wie ich fand, meine Tränen hinunter und genoss fast das Brennen in meinen Augen, das mich wissen ließ, dass ich noch nicht ohnmächtig war. Dann begann es, mich zu quälen, weil es sagte, dass ich nicht jede Sekunde aus meinem Alptraum erwachen würde. Ich war gefangen im Sog der Verzweiflung und auf einmal fühlte ich mich so einsam, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Die Leute sprachen miteinander und hinterließen mit ihrem Geplapper nur ein wirres Summen in meinem Kopf.
Ein Mann aus der Menge blickte sich suchend um und unsere Blicke trafen sich für einen Moment. Er sah verwirrt und beschämt aus, als er meinen Gesichtsausdruck bemerkte. Schnell sah er sich weiter um und verließ unseren gemeinsamen Moment.
Später, als die Gefangenen, unter ihnen mein Mann, auf die Bühne geführt wurden und ein Offizier in Uniform schreckliche Dinge ausrief, die die Hinzurichtenden diffamieren sollten, erinnere ich mich daran, dass sich der Mann, mit dem ich einen gemeinsamen Moment gehabt hatte, noch mal nach mir umgesehen hat. Und diesmal hatte ihn mein Gesichtsausdruck zu Tode erschreckt. Scham hatte sich in seiner Körperhaltung breit gemacht und Betroffenheit bepaart mit Mitleid sprachen jetzt aus seinem Blick.
"Nein!", hatte er sich sagen hören. Mit Sicherheit.



Eingereicht am 04. November 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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