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Leben in der Stadt, Teil 1 Ash

Natacha Labrousse


Es ist unnötig, meine Stadt zu beschreiben. Sie bedarf keiner Beschreibung. Viel wichtiger ist mir, zu erzählen, was mir in dieser Stadt widerfuhr.
Ich habe kein Zuhause, lebe auf der Straße. Man würde mich als schüchtern, introvertiert aber nett bezeichnen. Ich bin unscheinbar, aber ich ziehe aggressive Menschen an. Sie wollen mir wehtun. Ich bin das klassische Opfer für alle diejenigen, die ihre Macht auskosten wollen. Bei mir geht das, denn ich lasse es zu, wehre mich nicht. Mich macht das wütend und ich glaube, es ist wichtig, dass ich diesen Charakterzug an mir ändere, aber vorerst bleibe ich geduckt, denn diese Stadt ist gefährlich und jedes Anzeichen von Selbstsicherheit lädt zu einem Duell ein, dem ich niemals gewachsen wäre. Lieber verliere ich auf herkömmliche Weise: ohne Rückgrat winselnd am Boden liegend.
Nun zu meiner Geschichte: Ich streifte durch die Nacht, sog die verpestete Luft ein und untersuchte jedes Mal dann, wenn ich unter einer Straßenlaterne durchlief meine Wunde an der Hand, die immer übler auszusehen begann. Die Ränder waren schon ganz schwarz und der Zeigefinger war unbeweglich und taub. Außerdem roch sie ekelhaft und der Eiter quoll aus der Mitte des länglichen Schnittes immer dann, wenn ich meinen Mittelfinger bewegte. Ich habe mal vor fünf Jahren ein Buch gelesen, das ich ganz in Ordnung fand. Es handelte von der berühmten Verbrecherbande Dillinger in Amerika während der Weltwirtschaftskrise der Dreißiger. Ein Bandenmitglied, Jake hieß er, wurde auf einer wilden Verfolgungsjagd angeschossen und starb dann langsam und qualvoll während der Flucht an den Folgen der Verletzung. Der Autor beschreibt, wie sich die Ränder an der Wunde schwarz verfärbten und sie zu stinken begann. Er nannte das Wundbrand.
An dieses Buch erinnerte ich mich, als ich durch die Straßen spazierte und es machte mir Sorgen, verdammt große Sorgen, so zu sterben wie Jake von der Dillingerbande.
"Kleiner, was machst du da?" Es war nur ein Flüstern gewesen. Ich drehte mich hastig um. Ich war gerade aus einem Lichtkegel getreten und stand in der Finsternis, konnte also niemanden erkennen.
"Leck mich!", sagte ich verschüchtert und es klang eher wie eine Frage als eine ernst gemeinte Aufforderung. Ich ging schnell weiter. Ich wollte keinen Ärger haben, schon gar nicht, wenn ich mir vorstellte noch so eine Wunde abzubekommen, nur weil ich eine dicke Lippe riskiert hatte.
"Junge!" Diesmal war es ein lauteres Flüstern gewesen, falls es so etwas überhaupt gibt. Ich bekam Angst. Ich war mir sicher, dass ich, falls ich auf die Stimme reagierte, mein Geld abgeben musste und zusammengeschlagen werden würde. Das wäre dann das zweite Mal in dieser Woche und langsam hatte ich es satt, immer Schmerzen zu haben oder mit dem eisernen Blutgeschmack im Mund aufzuwachen. Also zog ich meinen Rotz hoch und spuckte auf die Straße, damit ich meine Verachtung zeigen konnte und auch um beim Wegrennen besser Luft zu bekommen.
Vier Straßen weiter musste ich meiner pfeifenden Lunge zugestehen, dass sie nicht mehr konnte. Taumelnd setzte ich meinen Weg fort und hoffte, dass niemand denken würde, ich sei betrunken und somit ein leichtes Opfer, denn ein zweites Mal weglaufen war nicht drin. Stehen bleiben wollte ich nicht, deswegen ignorierte ich den Schwindel und die weichen Knie, lief weiter und achtete auf meine Wunde, die jetzt wie ein Krater aufklaffte und den Blick auf weißes Fleisch und irgendeinen gelben Schleim freigab.
"Du kannst nicht wegrennen." Die Stimme hatte mich eingeholt. Sie klang belustigt, aber, und das irritierte mich, nicht aggressiv.
"Was willst du von mir?" Ich wunderte mich nicht einmal, dass er mich eingeholt hatte, denn ich bin kein guter Sprinter.
"Ich will dich. Einfach nur dich."
"Hör mal", ich verdrehte die Augen, "ich bin kein Stricher. Da musst du schon zum Bahnhof gehen. So was mach ich nicht mehr."
Ich klang wenig überzeugend und der letzte Satz war weniger dazu bestimmt, seine Anfrage abzulehnen, als mehr, um mir selbst die Hurerei zu verbieten. Hätte er mir aber genug Geld geboten, jetzt gleich, ich hätte ja gesagt.
"Daran habe ich kein Interesse, Junge." Er trat ins Licht. An ihm war nichts falsch, musste ich feststellen. Er war gut gekleidet und hatte blonde Haare, die er zu einem Steven-Segal-Pferdeschwanz hintergebunden hatte.
"Ich will dich etwas fragen." Er nutzte meine Verdutzung aus und sprach einfach weiter: "Bist du ein Cowboy?"
Ich machte ein Doppelkinn und zog die Augenbrauen zusammen. Was war das für eine komische Frage? Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, also schüttelte ich nur den Kopf. Vielleicht wollte der, dass ich seinen Schwanz auf subtilere Art lutschte. Ich schwor mir innerlich, dass ich mich nicht bücken würde. Meinen Arsch würde er nicht bekommen. Auf keinen Fall!
"Schade." Er zuckte mit den Achseln und lächelte mich an. "Warum bist du weggelaufen?"
"Du kommst wohl nicht von hier?" Sein Lächeln hatte mich mutig gemacht.
"Ist das so offensichtlich?"
"Ja." Mehr fiel mir nicht ein.
"Ein Umstand, den ich ändern muss, nicht wahr? Ich hörte, die Stadt sei gefährlich. Ein zu kleiner Käfig für viel zu viele Ratten. Ja, so wurde es mir beschrieben." Er sprach verträumt, als hätte er Pilze gegessen, was auch sein ständiges Lächeln erklären würde. Deswegen sagte ich: "Ich verkaufe keine Drogen. Würd sie selber nehmen, wenn ich welche hätt. Nur, dass du weißt, dass ich kein Dealer bin." Denn vielleicht war das hier ein ganz schlechter Bulle auf der Suche nach den kleinen Fischen, die ihn zu den großen Fischen bringen würden. Aber nein, nicht mit mir!
"Daran habe ich auch kein Interesse. Kleiner Fisch? Nennst du dich so?"
Konnte er Gedanken lesen, oder war das nur Zufall? Was war das für ein seltsamer Mensch? Ich bekam wieder Angst, spürte, wie mein Herz schneller zu schlagen begann.
"Sei nicht beunruhigt, Junge, ich habe nicht vor, dir weh zu tun."
Ich glaubte ihm. Ich merkte es, doch irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Er schien nicht von hier zu sein.
Er machte ein paar Schritte auf mich zu. Ich wich nicht zurück. Das lag aber nicht daran, dass ich mich ihm mutig stellen wollte, vielmehr wollte ich, dass er mir näher kam. Ich wollte, dass er mir tief in die Augen blickte, ich sehnte mich regelrecht danach. Er hatte eine fremdartige, magische Aura und einen betörenden Duft an sich. Er roch nach etwas, das meinen Magen knurren ließ, mich hungrig, regelrecht gierig machte. Kurz musste ich an Jean-Baptiste Grenouille denken, der von Menschen aufgefressen wurde, weil er so gut gerochen hatte. Jetzt konnte ich mir vorstellen, wie es gewesen sein musste auf dieser Lichtung im Wald, ähnlich dieser Lichtung im Großstadtdschungel. Ich konnte verstehen, warum jemand einen anderen Menschen mit Haut und Haar verschlingen wollte. Wie hatte ich ihn nur mit Drogen oder Prostitution in Verbindung bringen können? Er wirkte, so wie er jetzt vor mir stand, wie ein staunendes Kind, das wohlbehütet großgezogen worden war.
"Kein Cowboy, aber ein Junge. Nicht, was ich suche, aber doch etwas, das ich mitnehmen kann."
Ich konnte nichts darauf antworten. Es war zu verrückt, ergab einfach keinen Sinn. Sollte er sagen, was er wollte, ich würde nur zuhören und seine Nähe genießen. Und plötzlich durchfuhr mich der Gedanke, dass er bald gehen würde, mich alleine lassen würde, hier in meiner Stadt, mich ohne seine Anwesenheit zurücklassen würde, obwohl mich diese doch so beruhigte. Ich musste schwer schlucken.
"Sorge dich nicht. Ab jetzt bis du ein Teil von mir, nicht mehr allein, Junge aus der Stadt." Er legte seinen Kopf schief wie ein Wellensittich.
Dabei lächelte er sein Lächeln. Es erfreute mein Herz und Erleichterung stieg in mir auf, wie nach einem bösen Alptraum, aus dem man endlich erwacht. Dieses Lächeln, es war so wundervoll, eine Wohltat für die Seele und jetzt fiel mir auf, weshalb: es das Lächeln einer Mutter. Ohne nachzudenken brach es aus mir heraus: "Lass mich mit dir gehen. Ich werde dein Diener sein! Ich kann nicht ohne dich leben. Ich, ich ..." Ich stockte. Was faselte ich da? Doch trotzdem schien es einen Sinn zu ergeben, es warf mich nicht aus der Bahn, denn was ich sagte, meinte ich ernst.
"Ich weiß, dass du das willst, Stadtjunge, aber ich kann dich nicht mitnehmen. Doch ich gebe dir jetzt etwas, indem ich dir das andere nehme."
Ich wollte protestieren, doch schon fühlte ich seine zarte Umarmung, die so überwältigend war, dass ich augenblicklich in seinen Armen versank und mich ihm hingab, wie noch nie jemandem zuvor.
Als ich erwachte, im Licht der Straßenlaterne, spürte ich eine Erektion. Ich fühlte mich ausgeschlafen und voller Tatendrang. Doch gleichzeitig troff Trauer wie Honig auf meine gute Stimmung und verklebte sie zu einem Brei aus Verwirrung. Automatisch warf ich einen Blick auf meine Wunde, die mein Gemüt so quälte und musste feststellen, dass sie weg war! Fort gegangen mit ihm. Und sofort wusste ich, dass ich nie wieder Schmerzen empfinden, krank oder traurig sein würde, außer der Trauer, die die Sehnsucht nach ihm darstellte.
Das war meine Geschichte. Natürlich, und das hat sich schnell herausgestellt, habe ich bald wieder Schmerzen gehabt und Trauer und Enttäuschung gefühlt, aber in diesem Moment war ich wirklich davon überzeugt gewesen, die menschliche Leidensfähigkeit abgelegt zu haben.
Ich dachte, er hatte all das von mir genommen.
Trotzdem gibt mir dieses Erlebnis Grund, so zu bleiben, wie ich bin, denn hätte ich mich anders als unterwürfig und ängstlich verhalten, hätte ihn also angegriffen (wobei ich bezweifle, dass dies jemand vermag), hätte ich nie diese wundervolle Erfahrung gehabt, diese Offenbarung erlebt.
Immer, wenn ich an ihn denke, kommt mir der Name "Großstadtjesus" für ihn in den Sinn. Ich glaube, dies war ein Jesus, wie er noch vielen erscheinen wird. Etwas, das ich jedoch nicht verstehen werde, ist die Frage, ob ich ein Cowboy sei. Ich zerbreche täglich meinen Kopf darüber und ich komme doch nicht zu einer Lösung.
Ich für meinen Teil kann nur darauf hoffen, ihn wieder zu treffen. Bis dahin muss ich alles daran setzen, in dieser Stadt am Leben zu bleiben.
Es wird schwer werden. Aber das ist die einzige Bedingung für mich, finde ich.



Eingereicht am 04. November 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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