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Die Mail

Nicole Laue


Ich starrte aus dem Fenster, der Himmel war hellblau und wolkenlos, die Sonne knallte wieder mal auf den Planet, dass man sich in nasse Badetücher hätte einwickeln können und diese wie im Schnelltrocknergang sofort danach in den Schrank legen konnte. Ich schaute auf den Asphalt, er glänzte wie frisch geteert und die Kinder liefen diesmal nicht barfuß über die Straße zum Kiosk. Die Hitze war unerträglich. Und Tanja auch, sie lag quer auf dem Sofa und hielt mir eine ewig lange Moralpredigt. Dabei fing doch alles so harmlos an, ich hatte doch nur mal im Web gechatet und dann diesen netten Mann kennen gelernt. Er fand doch meinen Nicknamen so bezaubernd, na ja, war er eigentlich auch, ich wollte halt nicht wie die anderen einen dämlichen Namen haben, so was wie Tussi2 oder Flirtgirl110, nein, das war nicht meine Natur. Ich war verträumt und romantisch, und ich wollte ein "Kind der Sterne" sein. Scheinbar war das zu romantisch, denn ein männlicher Chatter namens Husky hatte mich sofort in ein Gespräch verwickelt, ich fand ihn richtig nett und so tauschten wir unsere E-Mail Adressen aus. Wir schrieben uns einige Tage lang Mails, über das Leben, über uns, über die Vergangenheit und über unsere Träume. Und dann kam diese entscheidende Mail: "...ich komme zu Dir"......
Prima, dachte ich, wird schon schief gehen, fressen wird er mich bestimmt nicht, der Herr Rechtsanwalt, na ja, und dann kam dieser Tag und wir trafen uns in einem Lokal in der Innenstadt. Der Laden war leer und ich wusste sofort, wer es war, irgendwie Intuition. Ich setzte mich zu ihm und ließ mein Herz rasen, er sah besser aus, als ich dachte. Am liebsten hätte ich in mein Bierglas gebissen, seine Augen leuchteten mir schon entgegen. Sie waren dunkelbraun und hatten einen geheimnisvollen Schimmer. Seine Haare dunkelbraun, mit leicht ergrauten Strähnen. Seine Haut war ebenso leicht gebräunt und sein Lächeln war einfach nur charmant. Ich schmolz dahin, was für ein Mann.
Das Wochenende verbrachten wir jeden Tag zusammen, er hatte sich ein Zimmer im Hotel genommen, und fuhr nachts mit dem Taxi rüber. Er hatte nicht mal den Versuch gestartet, mir näher zu kommen, er akzeptierte meine Distanz und meine Angst. Ich war hin und weg. So hatte ich mir einen Mann vorgestellt. Es war, als wäre ein Stern vom Himmel gefallen.
Als das Wochenende vorbei war, musste ich die ganze Woche lange arbeiten, die Herbstkollektion war noch lange nicht reif. Jeden Tag schickte Tom (alias Husky) mir Mails auf mein Handy, es versüßte mir den Tag und ich freute mich auf jeden Abend, an dem wir stundenlang telefonierten. Tom lebte in Südfrankreich, er sprach sehr gut Deutsch, da sein Vater aus Hamburg kam und er verstand es, mit seinem französischen Akzent meinen Herzschlag zu verhundertfachen. Die Wochenenden darauf verbrachte er bei mir, wir kamen uns nahe, sehr nahe und so passierte, was passieren musste.
Er nahm mich zärtlich in den Arm, küsste mich leidenschaftlich und fordernd, langsam zog er mir das Kleid aus und berührte meinen Körper. Ich zuckte, ich war mehr als nervös, doch ich wollte ihn, ich wollte ihn so sehr. Als wir gemeinsam den Himmel erreichten, war es, als wäre die Zeit für einen Moment still gestanden.
Es war Samstagabend, wir lagen auf dem Sofa, als eine Mail eintraf. Ich stutzte, es gab keinen Absender. Ich öffnete den Anhang. Das war wieder typisch für mich. Mein Antivirus System blinkte sofort auf: SIE HABEN EINEN WORMS AUF DER FESTPLATTE. Ich wurde schrecklich nervös, mir fielen all die guten Ratschläge anderer Chatter ein, öffne nie den Anhang von unbekannt, könntest ja einen Virus bekommen. Prima, hatte ich ja mal wieder fein gemacht. Tom schaute seelenruhig zu, während ich aufgedreht und stotternd herum hampelte, ich hatte richtig Panik, mein Computer wäre jetzt kaputt. Tom blieb seltsam ruhig, und meinte, es wäre nicht schlimm, es könnte doch nichts passieren, ich solle das einfach ignorieren, es stürze ja nichts ab.
Montags brachte ich den Rechner sofort in einen Computerladen. Dort erklärte man mir, dass wirklich ein Wurm-Virus auf meiner Platte sei, es wäre halb so schlimm, da wäre nur jemand neugierig auf meine Daten. Der Wurm durchstöberte lediglich meine privaten Mails, da sonst nichts auf der Festplatte vorhanden war. Ich war baff, ich hatte mir all die Technik eben erst neu angeschafft und eigentlich auch nur Daten von Tom abgespeichert, und einige wenige, von anderen aus dem Chat. Wer hätte denn etwas von mir erfahren wollen, was sich lohnte?
Auf dem Weg nach Hause überlegte ich, wer alles meine Mailadresse hatte. Nicht gerade viele. Ich hakte das Problem ab und holte Tage später den Rechner repariert zurück.
Der Wurm war gelöscht. Dafür klingelte jetzt mein Telefon seit diesem Tage ohne Unterbrechung, doch niemand meldete sich. Ich bekam Angst, irgendetwas stimmte nicht, das konnte doch kein Zufall sein. Irgendjemand überprüfte mich. Ich rief Tom an und berichtete ihm aufgeregt die Neuigkeiten, Tom sagte einfach nur, ich solle das ignorieren. Es wäre schon nichts Schlimmes. Dann fragte er mich, ob ich ihn vom Flughafen abholen könnte, er würde in der Nacht landen.
Als ich tags darauf in seinen Armen lag, fühlte ich mich sicher und geborgen, ich hatte das Gefühl, dass nichts auf der Welt mich von diesem Mann trennen könnte. Gegen Abend klingelte das Telefon. Stefan, ein alter Studienfreund rief an und fragte nach, was so abgeht. Tom war danach wahnsinnig interessiert, wer das war und was er so machte. Ich war erstaunt, sonst kamen von Männern nur Eifersuchtszenen, diesmal nicht. Klasse, dachte ich, wunderbar, Tom, Du hast noch einen Pluspunk bei mir.
Tom war anders, als alle anderen Männer, die ich bisher kannte. Er hatte kein Problem, Freunde von mir kennen zu lernen, er interessierte sich für jedermann und las mir jeden Wunsch von den Augen ab. Bis der Tag kam, an dem er mich aus Frankreich anrief, ich war gerade im Job und war ziemlich hektisch. Tom teilte mir mit, dass er in der darauf folgenden Woche für immer Frankreich verlassen würde um in meiner Nähe zu sein. Er würde vorerst nur das Wichtigste mitnehmen, und dann könne uns nichts mehr trennen. Ich schaute auf den Hörer, das war nicht ganz, das, was ich erwartete, aber gut so.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Auto in die Stadt, ich hatte einen wichtigen Termin mit meinem Agenten. Ich kurvte wie eine Verrückte mehrmals mal um den Block und parkte anschließend doch im Halteverbot. Ich stolperte in das Restaurant und setzte mich zu ihm an den Tisch. "Mann", dachte ich, "eigentlich ist der auch nicht von schlechten Eltern." Sofort erschien Toms Gesicht vor mir, ziemlich tadelnd, ich versuchte sachlich zu bleiben und den Gedanken ganz weit fort zu schieben. Ich schaute durch den Raum, an der Wand hingen überall Bilder von spanischen Toreros. Es roch nach Fleisch vom Grill, mein Magen machte sich bemerkbar und ich studierte die Speisekarte. Steven Bright, so hieß mein Agent, konnte sich nicht genau entscheiden, ich hatte damit keine Probleme, ich aß meistens eh das Gleiche. Als ich mich mal kurz umdrehte, blitzte es hell auf. Ich starrte mitten in die Linse einer riesigen Kamera. Ich sprang vom Stuhl, ein Mann rannte mit seiner Kamera unter dem Arm an mir vorbei und stürmte aus dem Lokal.
Ich starrte ihm hinterher und schrie hysterisch: " Was war das?" Steven Bright grinste mich über beide Wangen an: "Bei einer so schönen Frau, da muss man sich nicht wundern." Ich setzte mich wieder hin. Ich war schockiert, man hätte doch wenigstens fragen können, schließlich lebte ich doch nicht in den Staaten. Der Kellner servierte das Essen und ich kaute vor mich hin. Zwischen Gedanken an den Mann, Toms Einzug in meiner Wohnung und dem wichtigsten Geschäftsgespräch der Welt beschloss ich Urlaub machen zu müssen. Es wurde Zeit auszuspannen. Ich war genervt, mein Computer wurde belagert, mein Telefon klingelte andauernd, niemand war dran, ich wurde von einem fremden Mann einfach fotografiert, der wie von der Tarantel gestochen davon jagt ... und mein Agent, der mich mit seinem Lächeln bezauberte, berichtete mir eben nebenbei, dass er schwul wäre und ob nicht seinen Freund mal gerne kennen lernen möchte. Und er hoffte, ich wäre nicht zu schockiert, dass er mir so ehrlich gegenüber getreten war.
DAS WAR NICHT MEIN TAG.
Als ich zuhause ankam, war Tom bereits eingetroffen, er begrüßte mich stürmisch. Ich ließ mich in seinen Armen fallen, er drückte mich fest an sich und flüsterte mir ins Ohr: "Ab jetzt kann mich nichts mehr von dir trennen. Wir sind eins für immer, ich lieb dich mein Engel."
Etwas erstaunt über diese Worte und doch zufrieden küsste ich ihn und beschloss ein ausgiebiges Bad zu nehmen.
Ich lehnte meinen Kopf zurück, Tom saß auf dem Badewannenrand und hörte mir zu. Ich erzählte ihm von dem Termin mit dem Agenten, von dem plötzlichen Auftauchen des fremden Mannes ... und Tom? Tom lachte nur, für ihn war alles so einfach, er fand das gar nicht besonders schlimm. Für einen Augenblick stutzte ich. Wieso machte er sich über nichts Gedanken? Weder über den Computer, weder über die Anrufe, noch über einen wildfremden Mann, der Fotos von mir schoss und hektisch aus dem Lokal stürmt. Ich fand das alles sehr merkwürdig. Tom dagegen wich diesem Thema aus und versuchte mich abzulenken.
Ich drehte das Wasser ab, betrachtete ihn für einen Augenblick und fragte ihn dann, warum er eigentlich noch frei hätte und wo er jetzt arbeiten würde. Und irgendwie fiel mir plötzlich auf, dass ich kaum etwas über ihn wusste. Er tauchte auf, übers Internet, er kam immer wieder zu mir, er erzählte von Liebe, verließ seine Heimat und das wars. Mir schoss die Frage durch den Kopf, warum gerade ich? Wieso gerade mich? Was ist los hier? Plötzlich sah ich ihn mit ganz anderen Augen. Warum tat er alles ab, wenn ich mit ihm sprach, warum nur ging er nicht auf meine Ängste ein. Was hatte er zu verbergen? Zu verbergen? Diese Frage stand auf einmal im Raum, warum wusste ich nicht. Es war dieses Gefühl in meinem Bauch ... was war los mit ihm, wer war er?
Die Nacht schlief ich schlecht. Am nächsten Morgen rief ich Tanja an und quatschte ihr die Ohren voll. Sie hörte geduldig zu, dann bat sie mich abends vorbei zu kommen, sie hätte wenig Zeit. Wie gesagt, so getan. Es war acht, als ich bei ihr eintraf.
Sie riß die Türe auf: "Setz dich jetzt besser hin, ich habe meinen Vater gebeten, mal so zu forschen, ob es etwas gibt über Tom, und jetzt halt dich fest ... er ist in Frankreich nicht als Anwalt eingetragen. Er hat dich belogen." Ich schielte nach links, dann nach rechts, ich glaubte zu ersticken, mein Herz raste wie ein Intercity, ich starrte Tanja hilflos an. Wir setzten uns erst mal und dann berichtete Tanja mir, dass es in Frankreich einen ehemaligen Anwalt mit Namen Tom Richelieu gab, dieser jedoch aus einer Anstalt geflohen war. Er war über ein Jahr in stationärem Aufenthalt wegen eines Borderline-Syndroms. Er litt wohl immer wieder unter unkontrollierbaren Seelenzuständen und hatte seine Freundinnen bedroht und sogar angegriffen. Vor zwei Jahren musste er versucht haben seine dritte Frau zu töten, weil sie in einer Eisdiele von einem Mann angesprochen wurde.
Meine Hände zitterten, ich hatte das Gefühl verrückt zu werden. Tanja nahm mich in den Arm, versuchte mich zu beruhigen, ich hatte mich immer geärgert, dass sie so altklug daher redete, ihr Vater war bei der Interpol beschäftigt und hatte sie zur Vorsicht erzogen. Sie konnte einen damit wahnsinnig machen. Es war das erste Mal, dass ich froh war, dass es ihren Vater gab. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen, Der Wurm auf meinem Computer, die Anrufe ob ich zu Hause war, die am Wochenende nicht passierten ... kein Wunder, da war Tom ja da! Der Fotograf, ein Detektiv? Ich versuchte zu schlucken, mein Hals war trocken, ich bekam keine Luft mehr.
Tanja brachte mir ein Glas Wasser. Sie schaute mich an: "Hör zu, es tut mir so Leid für dich, gerade jetzt, wo du so glücklich warst, aber du hast selbst gespürt, dass etwas nicht stimmt. Ich musste meinem Vater die Adresse von dir geben. Du brauchst keine Angst haben, sie holen ihn dort ab." Ich fing an zu weinen, unaufhörlich liefen mir die Tränen hinunter. Man hatte mich vor dem Internet gewarnt. Ich wollte nicht hören, aber er war so verdammt nett, so anders, ich hätte im Leben nicht gedacht, dass er ein Borderline Patient war und in die Psychiatrie gehört. Man hatte ihm auch nichts angemerkt. Und da lag wohl das Problem, dass er erst dann wahnsinnig wurde, wenn das Gefühl und die Angst vor Verlust in ihm hochkamen.
Mein Körper zuckte, meine Muskeln machten, was sie wollten. Auf der einen Seite war ich froh, dass ich mit einem blauen Auge davon gekommen war, auf der anderen tat es so weh, dass ich glaubte mein Herz zersprang, ich liebte ihn und dann doch nicht ... meine Gefühle fuhren Achterbahn.
Das Klingeln riss mich aus den Gedanken, Tanja öffnete die Tür, erst als sie schrie, drehte ich mich um. Sie versuchte mit aller Kraft die Türe zu zuhalten, sie presste ihren Körper gegen das Holz, doch er war stärker, da stand Tom mitten im Raum. Er starrte mich an, ich stand auf, ging auf ihn zu, versuchte ihn zitternd zu beruhigen, doch er schrie: "Du Miststück, hier sind die Fotos, du warst mit diesem Kerl aus, und jetzt hast du auch noch ein Verhältnis mit deiner Freundin, ich hätte mir denken können, dass du nicht besser bist, als all die anderen." Er stand wie ein Wahnsinniger vor mir, seine Augen starr auf mich gerichtet, ich fühlte den Herzschlag in meiner Brust bis zum Hals schlagen, mir liefen die Tränen an den Wangen hinunter. Er ging auf mich zu, griff nach der Wasserflasche auf der Kommode, schlug an der Kante den Hals ab und hielt sie in meine Richtung. Tanja reagierte blitzartig und griff nach dem Regenschirm der neben ihr im Ständer stand. Sie holte mit aller Kraft aus und schlug zu, es gab einen dumpfen Knall und Tom fiel zu Boden. Ich schrie hysterisch, dann griff ich nach dem Telefon. Ich versuchte zu wählen, doch ich zitterte zu sehr. Tanja rief beim Notruf an und kaum fünf Minuten später trafen Beamte ein, die Tom abführten. Ich hockte in der Ecke des Sofas und war mit den Nerven fertig. Tanja hatte einen Notarzt bestellt, der mich mit Valium versorgte, so schlief ich irgendwann ein.
Am nächsten Morgen fühlte ich mich, als wäre ich von einem Laster überrollt worden, Tanja stellte mir einen Kaffee hin. Ich schaute durch den Raum, dachte an die letzten Wochen, daran, wie verträumt alles anfing, daran, wie sehr ich mich in einem Menschen getäuscht hatte, daran wie verletzt ich war, daran, wie gefährlich das Internet sein konnte. Ich stand auf, schaute auf die Uhr, zwölf Uhr mittags, ich schlenderte durch den Raum, starrte aus dem Fenster, der Himmel war hellblau und wolkenlos, die Sonne knallte wieder mal auf den Planet ...



Eingereicht am 30. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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