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Eine einzige Liebe

Ulrike Schilling


Der Feuerdrachen hat sein Lustgrab verlassen. Heiße Nächte voller gefesselter Tugend haben ihn müde gemacht. Der Argwohn ruft im unerfüllten Herzen. Im Sturm erobert, die glänzende Zirkonia. Der Blick ist nicht erschöpft vom Schauen über holdes, im Dunst erstehendes Wunderland. Kein Lächeln in den Mundwinkeln - gelöst, verklärt, wie nach zuteil gewordenem Liebesglück. Kein Zitronenhain in wildgefegter Landschaft. Fruchtbare Pracht verdörrt wie später, ausgeblichener Weizen. Der Mann wirft die Puppe fort, die Schmetterlinge fliehen. Sein Gehrock flattert im gnadenlosen Wind. Er ist ein dem leidenschaftlichen Spiel Entkommener, der Göttin Aurora entfleucht, noch vor der Morgendämmerung. Sorgsam schleicht sich die Liebe aus dem efeuumrankten Dachfenster. Kein kundiger Blick erspäht ihr Leuchten.
Rubinrot ist ihre diamantenbesetzte Liebestracht. An diesem jungen Tag trägt sie es um seiner zu gedenken. Wolken ziehen in die frühe Stimmung, erinnern sie an den matten Glanz seiner schiefergrauen Augen. Manchmal sieht sie ihren sonst so intensiven Ausdruck nur verschwommen, wenn sie - wie berufen - über das sich wälzende Meer blickt. Der gelbe Ball am Horizont rückt näher. Warm werden die kostbaren Steine auf ihrer Haut, die so lange gewöhnt an seine behutsame Berührung war. Dann wünscht sie sich, der Sonnenstrahl zu sein, der ihn vergnügt stimmt, wie in ihren glückseligen Tagen. Und er sie umarmte mit seinem ganzen Wesen, als wäre er für immer da. Dort, wo ihr brennendes Sehnen ihn innig zu empfangen vermag. Der Wind frischt auf. Sie glaubt, seinen rätselhaften Plauderton zu hören, der so eindringliche Neckereien nur für sie barg. Sie vermisst das Vertrauenswürdige in seinem Abenteurerblick.
Sie sattelt ihr Pferd Annabelle. Sie glaubt, wenn sie nur schnell genug reitet, holt sie ihn ein. Entkräftet entgleitet sie dem Sattel, fällt in den feuchten Sand, verharrt kauernd wie ein schutzsuchendes Kind. Eine Welle erreicht sie, leckt am Ausschnitt ihres Kleides. Einen Moment lang denkt sie, er sei es. Dann vermischen sich ihre Tränen mit dem Meer der ewigen Wahrheit.



Eingereicht am 28. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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