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Sie nannten es Liebe ...

Von Elke Link


Wie ein eingeschüchtertes Reh senkte Esmeralda ihren Blick.
Die Aufforderung: "Kinder haben am Tisch ihren Mund zu halten", hatte sie schon zu oft gehört. Man sah es ihrem Gesicht an, dass sie wütend war.
Auf dem Tisch stand ein noch halbvoller Teller mit Frikadellen.
Alle anderen waren satt, doch Esmeralda hätte zu gerne noch eine Frikadelle gegessen. Eine einzige - war doch wirklich nicht zuviel.
Verkrampft klammerten sich ihre Finger ineinander, um nicht ihrer Gier nachzugeben, sich einfach, ohne Aufforderung, eine zu nehmen.
Sie wartete darauf, dass man sie fragen würde, ob sie noch Hunger hätte.
Keiner fragte.
Wie auf Abruf - schnellte ihr Blick nach oben, als sie Mutters Worte hörte: "Eß doch Junge, es ist noch genug da".
"Nein, ich kann nicht mehr. Schau mir doch nicht immerzu auf meinen Teller. Ich nehme mir schon, aber es geht wirklich nichts mehr rein."
"Dann stell ich dir die Frikadellen in den Kühlschrank, vielleicht hast du ja noch heute Abend oder in der Nacht Hunger."
Esmeralda ärgerte sich über sich selbst, weil sie ihrer Hoffnung wieder mal Raum gelassen hatte, wieder einmal wurde sie enttäuscht.
Aber - sie war ja anscheinend nicht so wichtig, wie ihr großer Bruder.
Selbst fragen, traute sie sich nicht. Zu große Angst hatte sie davor, eine Absage zu erhalten. Und wenn es nur ein verständnisloser Blick gewesen wäre, den es auszuhalten galt.
Ihr Bruder, Fredo, war Mamas Liebling.
Schon als er ein Baby war, drehte sich alles um ihn.
Er hatte, irgendwann beginnend, einen Universal-Anspruch auf Mutter erhoben.
Man erzählte sich, dass Mutter früher nicht mal ins Kino gehen konnte, weil Fredo dann urplötzlich Fieber bekam, und wahrscheinlich gestorben wäre, wenn Mutter nicht fluchtartig das Kino verlassen hätte. Man ließ eine Schrift über die Leinwand laufen, mit der Aufforderung an sie, nach Hause zu kommen.
Das Kind sei schwer erkrankt. Zu Hause angekommen, sank das Fieber zusehends.
Fredo lachte wieder.
Abends schlief er als Baby niemals ein, ohne zwischen den Eltern liegen zu dürfen und Mamas Nachthemd anzufassen und festzuhalten.
Mittlerweile war Fredo erwachsen und wohnte mit seiner zweiten Frau mietfrei im Nebenhaus. Dass Fredo wieder da sein konnte, war nur Vaters Tod zu verdanken.
Bis zur Beerdigung musste er sich im Exil aufhalten.
Vater wollte ihn nicht mehr sehen.
Früher herrschte ein ständiger Streit zwischen dem realistisch denkenden Vater, der über den Misserfolgen seiner erzieherischen Maßnahmen resignierte und der in den Sohn vernarrten Mutter.
Der arme Mann zweifelte jahrzehntelang an der Liebe seiner Frau, die ihm, wenn er die offensichtliche Affenliebe nicht mehr aushielt, und er seinem Herzen freien Lauf ließ, wieder mal mit Liebesentzug drohte.
Fredo war der Schönste.
Fredo war der Netteste.
Fredo war der Intelligenteste.
Alle Mädchen und Frauen waren hinter Fredo her.
Und Mutter war so stolz.
Nur, dass sie sich mittlerweile kaum noch aus dem Haus traute, weil sie in ständiger Angst lebte, dass Fredo wieder Dummheiten machen würde, wollte sie niemandem erzählen.
Fredo lebte auf großem Fuße.
Fredo lud ein ganzes Lokal ein, mit ihm zu feiern, ohne einen Pfennig im Portemonnaie.
Fredo heiratete und kaufte die komplette Wohnungseinrichtung auf Mutters Kosten, ohne sie vorher zu fragen.
Fredo wechselte seine Arbeitsstellen, wie andere Ihre Hemden.
Fredo betrog seinen Arbeitgeber und Mutter verhandelte um Gnade.
Fredo sollte von der Polizei verhaftet werden, weil er Schulden nicht beglich.
"Mutter du musst mir helfen, sie nehmen mich mit".
Und Mutter half.
Und Fredo lachte wieder.
Eines Tages hatte Mutter kein Geld mehr, und Fredo wurde immer uncharmanter und erzwang sogar ihre Notgroschen.
Um weiterhin den Sonnyboy spielen zu können, lieh er sich - wo immer es ging - Geld, welches er, von vorneherein, nie vorhatte, zurückzugeben.
Seine Opfer waren Freunde, Verwandte und Bekannte. Er zog den Namen, den er trug, in den Dreck.
Esmeralda war inzwischen erwachsen, hatte Mann und Kinder.
Wie froh wäre sie gewesen, hätte Mutter je den Wunsch geäußert, sie zu besuchen. Doch dies war nicht möglich, da war ja Fredo.
Esmeralda entging nicht, dass Mutter immer schmaler wurde.
Wenn Esmeralda Mutter besuchte, wurde Mutter ständig von Fredos Frau belagert. Kein einziges Wort konnten Mutter und Tochter wechseln, ohne beobachtet zu werden. Nur Mutters ruhelose Augen verrieten, dass sie nicht so glücklich war, wie sie es hätte sein können.
Der Kühlschrank war leer.
Nur ein, zwei billige Sektflaschen standen ständig im Getränkefach.
Und Beruhigungstabletten lagen auf der Fensterbank.
Zum Frisör wollte Mutter nicht mehr gehen, es gab ja Fredos Frau, die früher einmal Friseuse war. Und irgendwie kam dann eine Frisur zustande.
"Kleider werden keine mehr gekauft", war Fredos Meinung.
"Da sind ja noch genug von früher da."
Und ausgehen, wie früher, sich mit Freundinnen treffen oder in Urlaub fahren, brauchte sie ja auch nicht mehr. Denn zuhause war ja Fredo und Fredos Frau.
Und man hatte ja den Sekt.
Wenige Male versuchte Mutter, sich Esmeralda anzuvertrauen.
Tränen ließen kaum ein Gespräch zu.
Esmeralda wollte helfen, sah einen Weg...
Doch, von jetzt auf gleich, verschloss Mutter sich wieder. Sie konnte Fredo nicht verraten und alleine lassen.
Das Telefon klingelte einige Male, bis Esmeralda es hörte und die Treppen hinunter gelaufen war.
"Wer konnte dies sein, zu so später Stunde?"
Es war mittlerweile 0.30 Uhr.
Es war Fredos Frau, die Esmeralda mitteilte, dass man Mutter mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht habe. Mutter gehe es sehr schlecht.
Kristin musste benachrichtigt werden.
Kristin, Esmeraldas älteste Schwester, lebte mit ihren beiden Kindern allein in der nahe gelegenen Großstadt.
Kristin war 3 Jahre älter als Fredo und von der Mutter, seit sie denken konnte, darauf "abgerichtet", dafür zu sorgen, dass dem kleinen Bruder nur ja nichts passierte.
Kristin vergötterte lange Jahre, genau wie Mutter, den Bruder, bis sie merkte, dass er es nicht verdiente.
Dass er diese ganze Liebe mit Füßen trat und lachte.
Das Zuschlagen von Kristins Autotüre ließ Esmeraldas Herz schneller schlagen.
Würde dies jetzt wohl die letzte Fahrt zu Mutter sein?
Kämen sie wohl spätnachts mit der schrecklichen Nachricht heim, die Mutter sei gestorben?
Der Monitor, der die Herzfrequenzen aufzeichnete, war angeschaltet, Infusionen führten in ihren Arm und Schläuche guckten aus ihrem Mund.
Ihre Augen waren weit aufgerissen und ein kaum erkennbares Strahlen zeigte an, dass sie bei Bewusstsein war und sie erkannte.
Esmeralda und Kristin durften sich neben Mutter setzen und ihre Hand halten.
So lange, bis der Arzt sie nach draußen bat.
"Sie können jetzt nach Hause fahren. Ihrer Mutter hat es gut getan, dass sie da waren. Wir werden sie jetzt schlafen lassen und hoffen, dass sie die Nacht übersteht. Es wird hoffentlich alles gut werden. Wir können ja morgen früh telefonieren".
Die beiden atmeten tief durch, "Lieber Gott, helf", war ihrer beider Gedanke.
Die nächsten Tage und Wochen im Krankenhaus halfen der Mutter, die Krankheit zu überwinden, so dass sie wieder nach Hause entlassen wurde.
Aber die darauf folgende Zeit verlief wieder "wie gehabt". Es änderte sich nichts. Mutter vergaß wieder, dass Esmeralda und Kristin damals im Krankenhaus waren und ihre Hand gehalten hatten.
So war es eigentlich vorauszusehen, dass sich dieser Vorfall wiederholte.
Immer und immer wieder.
Und immer und immer wieder eilten Esmeralda und Kristin ins Krankenhaus, um Mutters Hand zu halten.
Sie wurden schon ungeduldig vom Krankenhaus-Personal erwartet, weil man die "heilenden Hände", die Hände, die Sicherheit, Ehrlichkeit und Liebe versprachen, kannte und dringend brauchte.
Mutters Zustand verbesserte sich dadurch zusehends.
Trotzdem war Mutter erleichtert, wenn Fredos Frau sie abholte.
Endlich zurück zu Fredo.
Wieso eigentlich ?
Weil sie ihn liebte und sich auf ihn freute? Oder:
Weil sie sich um ihn sorgte und ihm helfen wollte? Oder:
Weil sie sich für dieses "sinkende Schiff" verantwortlich machte und mit ihm untergehen wollte?
Dann stellte Fredos Frau wieder die Flasche billigen Sekt auf den Tisch.
Sie waren wieder zusammen.
Die Abstände zwischen den einzelnen Krankenhausaufenthalten wurden immer kürzer. Alle Ärzte und Schwestern sorgten sich in besonderem Maße um sie und wussten sich keinen Rat.
"Ich muss mit Ihnen sprechen. Es geht um Ihre Mutter. Sie müssen sie hier rausholen," war eines Tages die Bitte des Arztes.
"Mir ist aufgefallen, dass Ihre Mutter abends, wenn auf der Station Nachtruhe herrscht, von Ihrem Bruder besucht wird. Und mir ist ferner aufgefallen, dass danach alle Heilerfolge zunichte sind."
Esmeralda glaubte sich in einem Traum.
Das konnte nicht wahr sein - oder doch?
Kam er wirklich abends - um Mutter zu besuchen und war es wohl das gewünschte Ergebnis, dass Mutter sich so aufregte?
Esmeralda erinnerte sich an Mutters oftmals hin und her hetzende entsetzte Augen, wenn sich die Krankenzimmertüre öffnete. Sie hatte wohl panische Angst vor unerwünschtem Besuch. Wortlose Hilfeschreie.
"Ich würde Ihnen empfehlen, Ihre Mutter in ein anderes Krankenhaus zu verlegen. Ein Krankenhaus, von welchem Ihr Bruder nichts weiß.
Wir haben hier nicht die Befugnis, Ihrem Bruder den Besuch der Mutter zu verweigern. Dazu haben wir kein Recht."
"Kristin ist Chefsekretärin im Maria-Hospital. Kristin wird einen Weg finden. Sie muss mit ihrem Arzt sprechen. Natürlich - das ist der beste Weg", war Esmeraldas Sofort-Gedanke.
Natürlich arrangierte Kristin alles.
Sie sprach mit Ihrem Chef, der seinen Kollegen zu Rate zog und so wurde die Verlegung geplant.
Es durfte nichts verraten werden.
Weder Fredo, noch Fredos Frau und noch viel weniger Mutter durften etwas davon erfahren. Fredo hätte Mittel und Wege gefunden, um die Sache zu vereiteln.
Mutter durfte es auch nicht erfahren, es hätte sie zu sehr aufgeregt. Um des "lieben Friedens willen" hätte sie sicher darum gefleht, das ganze Vorhaben wieder aufzugeben.
Also musste ganz behutsam vorgegangen werden.
Es war eine geheime Mission. Der große Notarzt-Krankenwagen stand bereit.
Mutter erhielt eine Beruhigungsspritze, der Monitor, der schon seit Wochen ununterbrochen an Mutter angeschlossen war, wurde für die Dauer des Krankentransportes abgeschaltet.
Jetzt konnte man nur hoffen, dass Mutters Herz nicht versagte.
Es war eine beängstigende Fahrt. Die Sirene blieb ausgeschaltet, um Aufregung zu vermeiden. Still und gespenstisch fuhr der Wagen in gleichmäßigem Tempo des Weges. Man ahnte, dass alle anderen Autos, die den Weg kreuzten, ihm Platz machten. Jede Straßenunebenheit machte Esmeralda Angst, und sie befürchtete, dass Mutters Zustand sich verschlechterte.
Esmeralda betete und betete und ließ Mutters Gesicht nicht aus den Augen.
Im Maria-Hospital angekommen, standen Schwestern und Ärzte bereit, um die Kranke, deren Leben am seidenen Faden hing, zu übernehmen.
Ein Herzspezialist stand bereit, der Mutter sofort "beschlagnahmte".
Nach einigem Warten konnte dieser den beiden Schwestern kaum Hoffnung machen. Das Herz sei so groß wie bei einem Hochleistungssportler.
"Ungeheurer psychischer Stress könnte die Ursache der Krankheit sein.".
Es dauerte diesmal Wochen, bis man erste Heilungserfolge verzeichnen konnte. Ganz kleine Schrittchen in "Richtung Leben".
Tag für Tag, riefen Esmeralda oder Kristin frühmorgens voller Sorge im Krankenhaus an, um nachzufragen, wie die Nacht war,.
Irgendwann kam endlich der Tag, an dem sie aufatmen konnten.
Es war kaum auszudenken, aber Mutter hatte Chancen, wieder gesund zu werden.
Mutter würde wieder gesund werden.
Sie feierten, die beiden - tüchtig.
Endlich - als fiele ein schwerer Stein vom Herzen - ihre Mutter würde wieder gesund werden. Es konnte mal ein Glas Wein getrunken werden, ohne Angst davor zu haben, hernach wieder ins Krankenhaus gerufen zu werden und dann nicht funktionieren zu können. Es war ein Fest, dieser Abend.
Trotz allen Frohsinns stand die Frage im Raum: Wie sollte es weitergehen?
Kein einziges Mal in den vergangenen Wochen fragte Mutter nach Fredo.
Als wenn es ihn überhaupt nicht gäbe.
Es tat ihr gut - ohne Fredo.
ABER: alles würde wieder so werden, wie früher.
Wenn Mutter nach Hause käme, wäre Fredo wieder da. Fredo würde sie wieder ausnützen, quälen, erschrecken, enttäuschen.
"Fredo muss weg", war die übereinstimmende Entscheidung von den beiden Schwestern.
"Morgen früh werden wir zu ihm fahren, und ihn auffordern, die Stadt zu verlassen, irgendwohin zu ziehen, weit weg", war ihrer beider Gedanke.
"Wenn er denn Mutter nur ein bisschen lieb hätte, müsste er wohl damit einverstanden sein."
Erstmals konnten Esmeralda und Kristin in dieser Nacht ruhig schlafen.
Es wurde ja alles gut!
Am nächsten Morgen schien die Sonne viel versprechend durchs Fenster und beschwingt sprang Esmeralda aus dem Bett.
Das obligatorische Telefongespräch mit der Krankenhausabteilung verlief erwartungsgemäß: Mutter ging es gut.
Kristin hupte kurz - und Esmeralda lief schon die Treppenstufen nach unten.
Ein kurzes übereinstimmendes "Hallo" ging dieser Fahrt voraus, diese Fahrt, mit einem Ergebnis, welches sie nicht erwartet hätten.
Die Fahrt führte zu Fredo.
Es würde ein schweres Gespräch werden, welches sie führen mussten.
Aber sie waren von einem positiven Ergebnis überzeugt. Es musste gelingen.
Kristin drückte auf den Klingelknopf und Fredos Frau öffnete die Tür, ohne die beiden reinzulassen. "Wir müssen mit Fredo reden, es geht um Mutti".
"Fredo ist nicht zu Hause, Fredo ist in die Stadt gefahren, ins ... Maria-Hospital, Eure Mutter besuchen".
Den beiden Schwestern stockte der Atem.
"Nur das nicht", war Esmeralda Gedanke und schon lief sie die Treppen zu Kristins Auto hinunter.
"Komm, Kristin, komm, wir müssen hin".
Fredos Frau lachte.
Es war eine entsetzliche Fahrt mit einer schrecklichen Vorahnung, die keiner der beiden aussprechen wollte.
Endlich endete diese Fahrt, erinnern konnte sich später keine mehr daran, viel zu sehr waren ihre Gedanken mit Horror-Vorstellungen beschäftigt.
Der Fahrstuhl war zu langsam, der Gedanke, die Treppe zu benutzen, schien verlockender. So schnell wie möglich, wollten die beiden oben sein.
Die Flügel-Türe zur Herz-Abteilung schwang auf.
Leise Kirchenmusik drang aus dem Schwesternzimmer. Es war Sonntag.
Eine Ruhe herrschte hier, der von dem rasenden Atem der beiden Schwestern, gestört wurde.
Die Türe zu Mutters Zimmer stand offen...
Mutter lag da, mit zusammengefalteten Händen.
Eine Stoffbinde hatte man ihr um das Gesicht gebunden, um den herunterfallenden Mund für die Ewigkeit zu verschließen.
Esmeralda und Kristin standen wortlos da, bis eine Schwester kam und sie in die Arme nahm.
"Hat sie Ihr Bruder benachrichtigt? Er war soeben hier."




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Eingereicht am 18. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.