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Der letzte Gedanke

Von Adrian Betten


"Jedes Mal, wenn ich abdrücke, zucke ich innerlich zusammen. Mit jedem Menschen, den ich töte, ist es mir, als ob ich auch ein Stück von mir auslösche. Unwiderruflich. Jedes Projektil, das seinen Weg durch einen Körper sucht, brennt sich in meine Seele ein und hinterlässt ein Loch aus Unwissenheit. Warum bereitet mir dies so ein Unbehagen? Wenn ich den Abzug betätige und den Rückstoß der Waffe spüre, scheint sich in mir etwas zu regen.
Aber warum, wenn du die Wahrheit sagst? Verzeih mir mein Zweifeln, aber warum fühlt es sich dann so falsch an, wenn ich weiter töte? Haben es etwa alle verdient zu sterben? Wie ist dies möglich, wenn in ihnen der Keim alles Guten steckt. Aber du musst es schließlich wissen, du hast ihn gesät.
Aber warum sollen alle diese dafür büßen, was so wenige tun? Ich weiß, viele haben es verdient, aber bei weitem nicht alle. Es gibt genügend Menschen da draußen, die den Weg der Wenigen für den falschen Weg halten. Den einzig wahren Weg zu befolgen ist ihr Ziel.
Aber wie sollen sie ihn beschreiten, wenn man sie nicht lässt? Schon oft hast du dich umentschieden, hast dich von Gefühlen und Versprechungen der Menschen leiten lassen.
Aber jetzt soll es endgültig sein. Kein Mitleid, es ließe dich nur zögern. Keine Reue, kein Zweifel, sie würden dich nur stören, vielleicht sogar zerstören. Darum hast du mich geschickt.
Aber mit welcher Begründung lässt du mich sie töten? Das Gute steckt in ihnen allen, wenn auch tief verborgen. Warum also soll ich diese nicht am Leben lassen? Meine Vorgänger konnten dich von ihrer Sache überzeugen. Hast du mich deshalb geschickt, weil ich sie nicht kenne, weil ich nicht erkenne, was in ihnen versteckt liegt, was mich zögern ließe?
Aber ich verstehe deine Sorgen. Viele sind unentschlossen, haben den rechten Pfad verlassen. Das Chaos in ihnen darf sich nicht ausbreiten. Aber ist dieser Weg denn nötig? Ist dies der einzige Weg, der dir eingefallen ist? Dann ist es aber an dir zuzugeben, dass den Menschen Fehler erlaubt sein müssten, wenn selbst du eine Entscheidung triffst, die sogar mich zweifeln lässt.
Aber nun gut, es ist nur ein Gedanke, der mich störte. Denn du allein kennst die Wahrheit, kennst die Zukunft. Wer bin ich, dass ich deine Entscheidung in Zweifel stellen darf. Wenn ich dich nicht umstimmen kann, so werde ich gehorchen und das vollenden, was meine Brüder nicht schafften.
Denn du bist das Alpha und das Omega.", sprach der letzte aller Engel und fuhr herab zur Erde ...




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Eingereicht am 17. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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