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Der Mann aus Senegal

Von Heidi Görgen


Eine ganz einmalige Faszination fesselte meine Blicke. Er saß auf dem Boden und zupfte kaum hörbar an den Saiten jenes mysteriösen Instrumentes. Für mich als leidenschaftliche Pianistin und Gitarristin galt es natürlich zu klären, warum es so viele Saiten hatte, was es ist und wie es funktioniert. Es bestand ohne Zweifel ein System - oder vielleicht doch nicht - denn die gespannten Kunststoffwäscheleinen waren nicht nur verschieden stark, sondern auch verschieden bunt.
Ich konnte es nicht wie die anderen am Bahnhof mit einem Schulterzucken abtun, und in meiner Unbekümmertheit glaubte ich, irgendwie müsse dieser Mensch im Besitz einer geheimen Weisheit sein, der meine Desillusion und Orientierungslosigkeit bezüglich dieses Instrumentes vertreiben könne.
Natürlich gab es eine solche Weisheit.
Ich wollte keinen Guru oder Kung-Fu-Meister oder geistigen Führer. Ich wollte nicht Zaubern lernen oder die Kunst des Bogenschießens, ich wollte nicht lernen, wie man meditiert, seine Chakras ins Gleichgewicht bringt oder sich an frühere Inkarnationen erinnert. Ich war hinter etwas ganz anderem her, aber ich konnte es weder im Branchenverzeichnis noch sonstwo finden.
Viel zu neugierig oder vielleicht besser wissbegierig, als dass ich nicht auf ihn zuging, um das Geheimnis zu lüften. Es ging ihm wie mir; er sehnte sich danach, jemanden mit einer geheimen Weisheit und einem Wissen, das über sein eigenes hinausreichte, zu treffen. In Wirklichkeit gibt es ein solches Geheimwissen natürlich gar nicht; keiner weiß etwas, das man nicht auch in den Regalen einer öffentlichen Bücherei finden kann. Aber das war mir in diesem Moment nicht klar. Ist es nicht die Andersartigkeit, die einen fesselt, Aufmerksamkeit erweckt und zur Neugierde verführt.
Mutig ging ich auf ihn zu, setzte mich neben ihn auf den Boden und lauschte den Klängen, die bei dem unumgänglichen Bahnhofsgewirr kaum zu hören waren. Da stürzte es auch schon aus mir heraus: Was ist das für ein Instrument hörte ich mich fragen und dieser freundliche Afrikaner erklärte mir, es sei eine Cora. Ich weiß nicht, was mich mehr faszinierte, seine bunte Wollmütze, seine darunter hervorschauenden Rastalocken oder sein Lächeln, was erstaunlich weiße Zähne zum Vorschein brachte oder diese Cora, die wohl ohne Sinn und System zu spielen ist und trotzdem toll klingt.
Dieser Afrikaner, der aus dem Senegal stammt, heißt Tatü und erzählte mir alles über seine Cora, nachdem er es sich im Zug neben mir bequem gemacht hatte. Um die Intoleranz des deutschen Volkes nicht zu strapazieren, spielte er mir nur ganz leise senegalesische Weisheiten vor und erzählte, dass es dieses Instrument nur im Senegal gibt und auch nur ganz wenige Senegalesen spielen können, denn eigentlich ist der Senegal das Land der Trommeln.




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Eingereicht am 17. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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