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Annika - Ein neues Leben

Von Sabine Vogl-Kasamas


Heute, an einem Sommertag, vor nicht einmal zwei Stunden war es passiert.
Auf dem Rücken im Gras liegend, blickte Annika in den Himmel und beobachtete die wandernden Wolkenwände, die das kitschige Blau zeitweise verdeckten. Es roch nach Wiese. Es roch nach Freiheit.
Das Beobachten dieses Naturschauspiels beruhigte sie. Warum war es so weit gekommen? 27 Jahre jung. Kometenhafter Aufstieg. Bilderbuchleben.
Lange wollte sie es nicht wahrhaben. Der berufliche Erfolg überdeckte vieles. Das Bild ihrer Hochzeit vor 8 Monaten tauchte vor ihr auf und Wehmut machte sich breit. Sie war so glücklich gewesen!
Und heute? Sie fühlte sich müde. Erschöpft. Ausgelaugt. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit waren in den letzten Wochen zu ihren engen Begleitern geworden. Ihr Blick schweifte in die Ferne. Eine Gewitterwand schlich sich am Horizont heran. Ein lautloses Blitzen. Die Bienen schienen es zu spüren.
Offen und unternehmungslustig hatte sie das Leben immer von der heiteren Seite genommen. Viel Gutes war ihr zugeflogen. Manchmal wurde es zur Selbstverständlichkeit.
Kein Fest lief ohne sie. Ständig waren sie unterwegs gewesen. Zeit für philosophische Gespräche über das Leben, über ihre Beziehung, die hatte keiner von ihnen.
"Durch den Schmerz hindurchgehen", das hatte sie irgendwo gelesen. Ja, gelesen, denn erlebt hatte sie einen solchen Schmerz in ihrem bisherigen Leben noch nie. "Dass ausgerechnet mir so etwas passieren musste", dachte sie beschämt. War es das, was so weh tat? Obwohl sie Haus und Bett teilten, fühlte sie sich schon lange verlassen. Sie schrie lautlos durch körperliche Beschwerden. Ignoranz und Unverständnis waren seine Antwort. Sie waren Fremde geworden.
Viel zu lange wollte sie es nicht wahrhaben. Am schlimmsten war der Moment, in dem sie nichts mehr fühlte. Ihre Liebe war gestorben. Doch der Schmerz blieb. Und mit ihm die bohrende Frage: Was habe ich falsch gemacht?
Heute. In zehn Minuten war alles vorbei gewesen. Ein wichtiger Teil ihres Lebens. Ihr großer Wunsch nach Familie. Ihr Traum von der ewigen Liebe. Scheidung.
Das Gewitter schien es doch eiliger zu haben. Ein leiser Donner. Sich mit ihren Gefühlen auseinander zu setzen, war ihr fremd, ein unheimliches Gefühl. Doch die Stille tat ihr gut.
Annika erkannte in diesem Moment, dass sie an der Oberflächlichkeit ihrer Beziehung zerbrochen war.
"... warten, bis meine Seele mich eingeholt hat...", eine Geschichte von Paolo Coelho kam ihr in den Sinn. Genau das war immer zu kurz gekommen. Sie war zu schnell gegangen. Ein Vorsatz festigte sich. Sie spürte, wie ihre Energie und Stärke langsam wieder zurückkehrte. Auf leisen Sohlen, vorsichtig, verschreckt. Aber mit einer Erkenntnis. Die Gewitterwolken entluden sich wenige Kilometer entfernt. Es hatte etwas Reinigendes an sich. Das neue Leben konnte kommen!




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Eingereicht am 17. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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