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Die Legende vom umsichtigen Autofahrer

Von Detlef Thiele


Ein schöner Tag, kein Regen und Sonnenschein. Die 4 Kilometer lange Alleenstraße von Schwante nach Groß Ziethen ist kurvig, hat keine Mittellinie, ist aber breit genug, so dass sich zwei Lkw begegnen können ohne einen Unfall zu verursachen. Hier ist die zulässige Höchstgeschwindigkeit durch Verbotsschilder auf 80 Stundenkilometer begrenzt, die man auch als Ortsunkundiger unter optimalen Bedingungen größtenteils problemlos fahren kann.
Ich fahre gerade nach Groß Ziethen; bin gleich zu Hause. Drei Kilometer vor dem Ort fährt vor mir ein Peugeot neuerer Bauart mit Oberhavelländer Kennzeichen. Er fährt Tempo 60 und ziemlich weit auf der Straßenmitte solange kein Begegnungsverkehr stattfindet. Ich habe die Zeit, also warum risikoreich überholen, außerdem bin ich ja sowieso gleich zuhause, also mal sehen was der vor mir so weiter treibt.
Begegnet ihm ein Auto reduziert er die Fahrgeschwindigkeit weiter und fährt so weit als möglich an den unbefestigten rechten Straßenrand, auch reduziert er vor jeder Kurve merklich die Geschwindigkeit - zeitweise bis auf Tempo 40.
Es sind zwar 80 Stundenkilometer erlaubt aber bei dieser Fahrsituation könnte mir bei so einem hohen Tempo etwas passieren, also lieber langsam fahren und sicher ankommen mag er denken.
Noch ca. 1 Kilometer bis zum Ort, ein Lkw im Begegnungsverkehr.
Mein Peugeotfahrer reduziert das Tempo auf Null, hält am Straßenrand zwischen zwei Bäumen und lässt den Lkw passieren.
Natürlich könnte er noch fahren, aber so kann ihm auf keinen Fall etwas passieren - sicher ankommen zählt.
Noch eine Kurve, die Ortseinfahrt vor Augen, das Tempo noch einmal reduzieren, am Ortsschild vorbei, die Straße gerade aber immer noch schmal, jedoch keine Bäume mehr, ich bin hinter ihm mit Tempo 30. Wir passieren das gut sichtbare Tempo 30 Schild am Ortseingang. Der Abstand zwischen seinem und meinem Fahrzeug vergrößert sich immer schneller; er fährt schon lange keine 30 Stundenkilometer mehr, eher 50 bis 60.
Warum hier 30 fahren? Ihm kann auf so einer Straße nichts passieren - ankommen zählt.
Und doch...
...In einem der Häuser wohnt meine anderthalbjährige Tochter, alt genug um der Mutter zu entwischen, noch lange nicht verständig genug um die Gefahren des Straßenverkehrs einzuschätzen. Wenn sie es schafft in einem unbeobachteten Augenblick auf die Straße zu huschen, hat jeder Autofahrer bei Tempo 30, ja auch noch Tempo 40 die Chance rechtzeitig zu reagieren. Bei Tempo 50 bis 60 würde ihr auf jeden Fall etwas passieren
Ach ja...
... 200 Meter weiter, eine scharfe Rechtskurve, die Bremslichter des Peugeot glühen auf, Schritttempo ist angesagt. Zwar sind noch immer 30 Stundenkilometer erlaubt, aber die fährt er nicht, vielleicht könnte ihm ja etwas passieren.
Zuhause angekommen hat dieser Autofahrer bestimmt ein gutes Gewissen. Wer so umsichtig fährt darf das ja auch haben.




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Eingereicht am 16. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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