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Tausend Tropfen tanzen an die Zugscheibe

Von Heidi Görgen


Es war an einem dieser brüllend heißen Sommertage, an dem man keine Menschenseele draußen sah. Alle hatten sich in ihre Wohnungen und Häuser vor der Hitze zurückgezogen. Endlich kam der Schaffner mit einem großen Topf voll eisgekühltem Tee mit Zitrone und Zucker. Dank der tollen Kühlanlage in diesen modernen ICE-Zügen ist es heutzutage ja kein Problem mehr.
Dann zog blitzschnell die gelbschwarze Wolkenwand von Osten her auf. Und mit ihr knallten die Blitze über den Horizont und gewaltige Donnerschläge begleiteten sie. Dann kam der Regen. Wie aus Riesenwannen schüttete, ja kübelte es schräg und hart vom Himmel herunter. Mit heftiger Wucht prasselte der Regen gegen die Zugscheiben. Dennoch erkannte ich, wie die Felder dampften, an denen ich mit atemberaubendem Tempo vorbeirauschte, als das Gewitter weggezogen war. Mein äußerst attraktives Gegenüber ließ seine Augen genüsslich über die Sturzbäche und die großen Pfützen sausen und wir beide waren wohl glücklich, im Trockenen zu sitzen. Sicher und komfortabel, kaum merkbar erreichten wir den nächsten Bahnhof und hatten unseren Spaß, als wir all die vom Gewitter überraschten Fahrgäste sahen. Da kräuselte sich manch eine frisch gemachte Dauerwelle. Man konnte am Bahnhof sehen, wo die Gleisarbeiter und Pflasterer geschludert hatten, in den Unebenheiten und Kuhlen hatten sich die Pfützen gesammelt.
Vom Fenster aus, warm und trocken in meinem Abteil juchhe, hatte ich die tausend Tropfen an die Zugscheibe tanzen sehen und tanzte in Gedanken nun meinen eigenen Boogie mit Gummistiefeln in den schillernden Pfützen des Bahnhofsgeländes.
Die Güterzüge und ICE's auf diesem Bahnhof ließen jetzt ihre Benzin- und Ölflecken davonschwimmen in schillernden, schimmernden und schwach duftenden schlierenden Lachen. Im Kanal verschwand dann alles, der Bahnhof schien bald wieder sauber gefegt.
Die Fenster wurden in allen Abteilen nun geöffnet und die Fahrgäste im Zug genossen die herrliche Abkühlung nach der schweren Hitze dieses Augusttages.
Später zog manch Duft von Würstchenbuden durch den Zug und noch später wurden die Fenster wieder sorgsam geschlossen, damit kein Geräusch mehr in das Abteil gelangte.
Ich saß bereits wieder in meinem gemütlichen Sitz und hörte schon noch das ein oder andere halb erstickte Bahnhofsgeschrei von den Gleisen. Langsam trat wieder Ruhe ins Abteil und irgendwann fand mein attraktives Gegenüber den Mut, mich anzusprechen. Womit sich nicht allzu viel änderte, außer dass aus dieser Begegnung eine wundervolle Beziehung wurde.




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Eingereicht am 13. Oktober 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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